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Diskussionsforen Raa Nui auf Rapa Nui, Bericht von der SoFi am 8.4.
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Georg_Dittie Offline
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#229297 - 21/04/2005 03:20 Raa Nui auf Rapa Nui, Bericht von der SoFi am 8.4.


Ra'a Nui, allerseits !

(Das sagen die Rapanui auf der Osterinsel mitten im Suedpazifik, wenn sie sich begruessen) Ich sitze gerade in einem kleinen Internetcafe inmitten der Megametropole Lima (Peru) und bin grade gestern von Bord der MV Discovery gegangen. Weil in Lima halt alle Tastaturen spanisch sind, gibts halt keine Umlaute ;-)

Die Discovery ist ein ziemlich kleines Kreuzfahrtschiff mit gerade mal 600 Passagieren, 170 Meter Laenge und 9 Decks, dass von Tahiti am 3.4. aufgebrochen ist, um ueber Moorea (gleich bei Tahiti), die legendenumwobene Pitcaininsel (Stichwort Meuterei auf der Bounty, jetzt ein abgekippter Kleinvulkan im endlosen Ozean) die Zentralline am 8. 4. zu erreichen.

Der Beobachtungsort lag dabei etwa 80 Seemeilen (= 1,852 km) nordoestlich des Oeno-Atoll, dass wir aber nicht sehen bekommen haben.

Von da aus gings dann zuer Osterinsel, das von den Einheuimischen Rapa Nui genannt wird, genauso wie die Leute, aber auseinander geschrieben. Na ja und nu' sind wir halt an der suedamerikanischen Pazifikkueste gelandet, wo die Reise gestern in Lima geendet hat.

Die Sonnenfinsternis vom 8. 4. ist dabei etwa besonderes gewesen, naemlich eine hybride. Sowas beginnt als ringfoermige Finsternis, weil der Kernschatten des Mondes halt am Anfang noch zuweit vom Erdboden (hier besser der Wasseroberflaeche) entfernt ist. Nun laeuft der Schattenkegel ueber die Erde und die ist bekanntermaszen eine Kugel. Also kommt die Oberflaeche dem Mond ein Erdradius naeher. Was in diesem Fall ausreicht, die Finsterniss total werden zu lassen. Sowas passiert ziemlich selten, das naechste Mal ist das im Jahr 2013 der Fall.

Nochetwas besonderes ist an dieser Finsternis gewesen: An keiner, wirklich keiner Stelle hat die Finsterniss waehrend des totalen Abschnitts Land beruehrt. Also blieb die einzige Chance, so etwas von einem Schiffsdeck zu erleben. Flugzeug ging auch nicht, die Sonne stand zur Totalitaet gute 65 Grad hoch und Flugzeuge haben nun mal keine Fenster im Dach.

[Bemerkung On]
Schiffe bieten dazu auch eindeutig mehr Bewegungsfreiheit und das entschieden bessere Buffet an ;-)
[Bemerkung Off]

Also vom Schiff aus beobachten, hiess die Devise.

Das ist aber garnicht so einfach. Erstmal schaukelt so ein Schiff, zumal so ein kleines wie unseres. Zwar haben die Kreuzfahrtschiffe alle Stabilisatoren, aber die verringern nur das Rollen von Rechts nach links und umgekehrt, aber nicht das Auf und Ab von Bug und Heck. Ich musste beim Training fuer diese Finsternis noch einen Tag vor dem ereignis meine Plaene aendern und die Brennweiten der Objektive stark verkuerzen, damit mir die Finsternis nicht aus dem Bildfeld flutscht. Dadurch ist die Finsternis auf meinen Videos natuelich etwas klein geraten ...

Dann ist der Ozean ziemlich gross. Noe, der ist so ziemlich unwahrscheinlich gross. Der pazifisch Ozean ist so unglaublich riesig, dass er so in etwa die Haelfte der Erdoberflaeche einimmt. Und Tahiti liegt ziemlich genau in der Mitte dieses Ozeans. Das bedeutet lange Anreisen. Von D nach Tahiti ist man gut 21 Stunden in der Luft, und von Lima aus wieder gute 19 davon. Und das Schiff hat 12 Tage Volldampf voraus von Papeete bis Callao (der Hafen von Lima) gebraucht.

Und dann gibts da noch eine kleine Inkompatibilitaet zwischen der Backpacker-Mentalitat des durchschnittlichen Eclipse-Chasers und dem Traumschiff-Schikimicki, den die typischen Kreuzfahrer erwarten. Das macht Kreuzfahrten enorm teuer, zumal diese soeben mal ein gutes Viertel der Erdumfangs zurueckgelegt hat. Ou man, meine Kreditkarte zeigt eindeutig Abriebspuren.

Dafuer bekommt man dann aber was einmaliges geboten: wann bitte bekommt man mal die Pitcairn-Insel zu sehen ? Die konnten wir zwar wegen scherer See nur umfahren, weil das Anlgenen mit kleinen Booten lebensgefaehrlich geworden ware, aber dafuer kamen einige verwegene Bewohner (Die 8. und 9. Generation der Nachkommen der Meuterer der Insel aufs Schiff, zwei sogar, um mitgenommen zu werden. Eine der neuen Passagiere hoert auf den Namen Betty Christian und ist die UrurDingsdaEnkelin von Flatcher Christian, dem Ober-Meuterer.

Nun ist Pitcain ein winziger Vulkanrest, der gerade ins Meer kippt, so in etwa wie eine Kleinalm in den Alpen, die gerade ringsum in kilometertiefes Wasser getunkt wird. diese Leute leben seit ueber 200 Jahren auf einem Steilhang, es gibt so gut wie keine ebenen Flaechen.

Wesentlich interessanter ist da Rapa Nui, einer der einsamsten Inseln, isoliert wie ein winziger Kontinent. Das besondere an dieser Insel ist, dass sie seit mindestens 1600 Jahren bewohnt wird und dass sich zu Zeiten unseres Mittelalters dort die kleinste (117 qkm) eigenstaendige Hochkultur der Welt entwickelt hat. Die dann tragischerweise einer Oekokatastrophe (durch einen Klimawandel und durch massive Ueberbevoelkerung) und zu allem Ueberfluss der Entdeckung durch die Europaeer zum Opfer gefallen ist.

Na ja, und dann jetzt die peruanische Kueste mit all ihren Naturwundern und alten Kulturen ...

Das schoene an Sonnenfinsternissen ist ja, dass sie sich keinen Deut drum scheren, wo sie stattfinden, und man deshalb mal alle Gegenden der Welt besucht, wenn man ihnen hinterher reist. Jetzt aber zur Sonnenfinsterniss !

Diese Finsterniss ist eine hybride, also muss sie waehrend der totalen Phase sehr kurz sein. Vorhergeplant waren 31 Sekunden, aufgrund einer Kursaenderung des Schiffes zum Erreichen einer Zone mit etwas besserem Wetter bekamen wir sogar eine extra Sekunde geschenkt, theoretisch. Denn ein paar boese tiefe Mondtaeler verkuerzten die totale Phase auf 25 Sekunden, wobei sie sich aber mit ganz phantastischen Baillys Beeds bedankten. (hier scheint die noch nicht ganz bedeckte Photosphaere der Sonne noch am rauhen Mondrand vorbei, aber nur an einzelnen Punkten, die Sonne aehnelt fuer eine Handvoll Sekunden einem funkelnden Brilliantring.)

Wenn der Mond die Sonne nur gerade eben bedeckt, dann haben wir zwar eine total kurze Finsterniss, aber dafuer die interessanteste, die man sich denken kann, denn ringsum den tiefschwazen Neumond zeigen sich nicht nur die Protuberanzen in grellem Pink (und keineswegs in H-alpha-Rot) sondern die ganze Zeit der duenne, ebenfalls grellpinke Rand der Chromosphaere ! Und gleich dadrum die allerinnerste Korona mit den Ansaetzen der Streamer, voll von Knoten, koronalen Loechern, Boegen. Astrophysikalisch unglaublich interessant und das mit blossem Auge.

Und so unglaublich kurz.

Ich selbst hatte gerade mal Zeit, mich so zu konzentrieren, dass ich mir die Form der Korona und die Lage der Protuberanzen einpraegen konnte, dafuer lauft diese Finsterniss nun vor meinem Gedaechtnisauge wie ein Kurzfilm ab:

Drei markante, kurze Streamer nach links oben, zwei laengere nach rechts unten. Auf 12 Uhr ein helle grosse Protuberanz, von 4 bis 8 Uhr 6 oder 7 kleinere wie eine Perlenkette um den Neumond.

Nur im Augenwinkel stand die Venus praktisch in obererer Konjunktion rechts unterhalb der verfinsterten Sonne .

Dazu natuerlich die Lightshow von Brilliantringeffekt, der sich besonders beim Austritt beim 3. Kontakt in zwei fast gleiche Brillianten zerlegte.

Fuer Leute, die noch nie eine totale Sonnenfinsternis gesehen haben: Das geht nicht schlagartig, sonder so schnell, dass man gut mitkommt, aber es bewegt sich schon ziemlich rasch. Es ist alles andere als eine unmerkliche Entwickling wie bei einer totalen Mondfinsternis.

Und nicht vergessen: Vor und vor allem auch nach einer totalen Finsternis gibt es eine partielle Finsternis. Genau fuer diesen wenig aufregenden Teil (immerhin dauern beide Teile ca. 70 Minuten an) gibts die SoFi-Brillen. Die Totalitaet ist natuerlich so dunkel, dass man sie ohne Probleme so betrachten kann, sie ist in etwa so hell wie der Vollmond.

Na, wenigstens die letzten zwei Minuten vor und die ersten danach sind noch ganz sehenswert, denn dann ist die Sonnensichel noch hauchduenn. Und dann hat man die Chance, an den Sichelspitzen schon einige isolierte Lichtpunkte durch die Mondtaeler dort zu beobachten.

Und nochwas: Wann darf man die Brille absetzen ? Na, wenn die Sichel anfaengt, sehr kurz zu werden, man kann ja weggucken, wenns dann noch zu grell sein sollte. Aber birtte alle paar Sekunden wieder hinzwinkern, damit man nichts verpasst.

Weil ich dieses Mal meine Kameras alleine habe laufen lassen, konnte ich zum ersten Mal eine totale Sonnenfinsternis ganz und gar rein visuell beobachten, zu 100% eben. Und prompt habe ich eine Entdeckung fuer mich gemacht: weil ich eben nicht durch einen Kamerasucher auf das Abnehmen der Filter gewartet habe, habe ich erstmals mitbekommen, was in den 30 Sekunden vor dem 2. Kontakt (Dem Beginn der totalen Phase) und den nach dem dritten Kontakt (Dem Ende der Totalitaet) passiert: dass naemlich die Korona schon sehr frueh sichtbar wird, eigentlich sogar bis zur Blendgrenze des Auges.

Noch ein paar Worte zum Drumrum: Das Wetter war nicht so toll, wir sind einem Tiefdruckgebiet gerade davongefahren und nur dank der exzellenten Zusammenarbeit von Kapitaen Erik Bjurstaedt und Rick Fienberg von Sky and Telescope noch unter einigermassen klaren Himmel geraten, nur ein ekliges Cirrusfeld stand zwischen der Sonne und uns. Aber dafuer haben die Cirren ein wunderbares Halo um die Verfinsterte Sonne geworfen. Unglaublich, nur zur Totalitaet verschwand es voellig, schon beim Brilliantringeffekt war es da.

Wegen der Kuerze der Finsternis ist die Schattenzone sehr klein gewesen, nur ca. 22 km (13 Seemeilen) gross. Deshalb haben wir alle eigentlich keinen heranpreschenden bzw. abziehenden Mondschatten gesehen, dazu wurde es auch lange nicht so dunkel wie bei langen totalen Finsternissen mit ihrem Schatten in 200km-Groesse. Und die beruehmten fliegenden Schatten gabs auch nicht, wohl wegen der Cirrusschicht. Obwohl so ein Kreuzfahrtschiff schon genug weisse Flaechen bietet.

Zum Schluss konnte man wieder Verhaltensstudien anstellen, diesmal nicht an Tieren (ausser ein paar verwegenen Fregatvoegeln treibt sich nichts auf dem offenen Ozean weit ab jeglichen Landes rum ...), sondern an den normalen Kreuzfahrttypen: kaum war die totale Phase vorbei, fingen schon einige wieder an, ihr einprogrammiertes Fitnessprogramm auf dem Sonnendeck abzuspulen und haben total nicht mitbekommen, dass da noch eine wenn auch partielle Phase einer Sonnenfinsternis ablief. Voellig konsterniert starrten diese Typen auf unsere Stative und haben und fast von Bord gestubst. Oh je, ich glaube, ich bin kein Kreuzfahrttyp (zumal ich Krawattenzwang intim hasse.) ...

Soweit erstmal der Bericht ueber den visuellen Teil. Zurueck in D seh ich mal zu, auch die Videos diverser kameras auszuwerten und dann den fotografischen Teil im Forum "Astrofotografie" folgen zu lassen.

Bis denne, Georg@Lima


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blue_scape Offline
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Beiträge: 7999
Ort: bei Bonn
#229298 - 21/04/2005 09:52 Totale Sonnenfinsternis im Pazifik [Re: Georg_Dittie]


Hallo Georg,

ein sehr schöner Bericht von der Sonnenfinsternis. Noch dazu vor einem historischen Hintergrund. Hast du dir auch gleich ein Autogramm besorgt? Mir bleibt da nur die Solar Eclipse Gallery auf spaceweather.com.

Was man nicht alles für eine halbe Minute Totalität auf sich nimmt. Mit der Korona etc. war am 11. August 1999 bei mir ja nix. Was mach' ich da nur. Und bis zum 03. September 2081 wollte ich eigentlich nicht warten.

Deine wievielte SoFi-Jagd war das denn? Bei denen du also Deutschland verlassen musstest.

Ich freue mich schon auf deine Bilder.

Gruß - Nico
_________________________
clear skies,
Nico

Mein Blog: Zauber der Sterne

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binoviewer Offline
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Registriert: 14/08/2002
Beiträge: 5639
Ort: Wien
#229299 - 21/04/2005 12:50 Re: Totale Sonnenfinsternis im Pazifik [Re: blue_scape]


Hallo Georg,

danke für diesen sehr schönen Bericht. Habe ihn mit großem Genuß gelesen!

Bino-Tom
_________________________

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