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Diskussionsforen Gekittete Linsen lösem | Selbstbau, Reparatur
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xerox_now Offline
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#240071 - 09/06/2005 23:27 Gekittete Linsen lösem


Hallo,
mit schrecken habe ich bei einem meiner Okulare Luftblasen zwischen den Linsen entdeckt. Entweder sie waren vorher nicht da, oder sie sind später entstanden. Schade.... ;(
Gibt es eine Möglichkeit die Linsen wieder zu trennen und wieder zu verkitten? Ich weiss es gab mal vor langer Zeit von Spindler&Hoyer optischen Kitt im Angebot.
Ach, es handelt sich um ein Antares der W70 Serie mit 25mm.

Freu mich auf Eure Tips....

Den Muschelbruch am Rand konnte ich mit farblosen Öl fast wegbekommen. Kapillarwirkung sei Dank...

Martin

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mohlitz Offline
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Registriert: 26/08/2002
Beiträge: 753
Ort: Grevenbroich
#240072 - 10/06/2005 00:55 Re: Gekittete Linsen lösem [Re: xerox_now]


Schicke mir mal eine Mail, damit ich Dir direkt und
mit Anhängen antworten kann

Ich habe vor einiger Zeit einen entsprechenden Artikel
in Interstellarum veröffentlich.

"Alte Linsen neu verkitten" oder so...

Ich schicke ihn Dir gerne mit Bildern zu. (3MB)

Kanadabalsam kannst Du dann gratis dazu bekommen.


Beste Grüße
Dirk

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mohlitz Offline
Händler

Registriert: 26/08/2002
Beiträge: 753
Ort: Grevenbroich
#240073 - 10/06/2005 01:03 Re: Gekittete Linsen lösem [Re: xerox_now]


Für alle Neugierigen hier ohne Bilder:


Verkitten von Linsen



Nicht viel ist ärgerlicher als ein Objektiv oder Okular, dessen Verkittung beschädigt ist. Die Kittschicht zwischen den Linsen, welche normalerweise zusätzliche Reflektionen an den Flächen vermeiden soll, kann durch Eindringen von Reinigungsflüssigkeit, Hitzeeinwirkung aber auch durch einen Sturz zerstört werden. Viele antike Ferngläser und Teleskope haben meist alterungsbedingt defekte Verkittungen. Wirklich teure Objektive sollten selbstverständlich durch eine Fachwerkstatt instandgesetzt werden. Doch was ist mit dem Kaufhausteleskop, welches seit Jahren unbenutzt im Keller steht, Opas altem Fernglas oder dem Okular, das die erste Sonnenprojektion nicht überstanden hat?

Mit wenig Aufwand und ein paar Tipps wird aus Schrott wieder ein hervorragendes, optisches Instrument entstehen, denn Verkitten ist nun wirklich keine „Geheimwissenschaft“. Alles was man braucht ist ein wenig Geschick und etwas Kanadabalsam aus der Apotheke. (oder z.B. von Kremer-Pigmente) Weiche Lappen, Aceton und Einweghandschuhe sind ebenfalls schnell besorgt, wenn nicht sogar vorhanden.

Doch was ist Kanadabalsam überhaupt? Kanadabalsam ist das Harz der Hemlocktanne und wird in Nordamerika geerntet. Dazu werden die „Harzbeulen“ der Tanne angestochen und das Harz kann in Sammelbehälter laufen, die täglich geleert werden. Kanadabalsam ist dickflüssig, leicht gelblich und sehr klebrig. Es wird zur Wundheilung und gegen Erkältungen eingesetzt. Eine Eigenschaft hebt es aber hervor. Kanadabalsam hat einen Brechungsindex von 1,5151. Was ist so besonders daran? Kronglas hat einen Brechungsindex von 1,5153!!! (Flintglas 1,6085, Wasser 1,0) Somit hat das Harz der Hemlocktanne das gleiche optische Verhalten wie das Glas einer Linse. Deshalb wurde es schon 1839 von Chevalier in Mikroskopobjektiven verwendet, um Reflektionen zu unterbinden. Bis heute ist es (neben Kunstharzen) der ideale Werkstoff dafür. Und eben dieses Material kann ohne besondere Vorkenntnisse auch vom Amateur zur Reparatur eingesetzt werden. Wie das geht, zeige ich anhand eines antiken Fernglases, welches in fürchterlichem Zustand ist.



Die defekte, schon auskristallisierte Kittschicht macht eine Benutzung unmöglich und eine Linse weist einen großen Sprung auf.


Direkt, nachdem die Linse ausgebaut ist, markiert man sich mit einem Pfeil über beide Linsen die Einbaurichtung und die Lage der Linsen zueinander. So kann die Linse nachher wieder richtig eingebaut werden. Auf vielen, alten Linsen wird man fast immer solche Markierungen finden. In dieser Lage sind sie optimal zueinander ausgerichtet. Sie wurden mit Bleistift angebracht, da dieser vom Aceton nicht angelöst wird.



Um die Linsen auseinanderzubekommen, ist es meist nötig, den alten Kitt aufzuweichen. Dafür nimmt man Aceton (Achtung! Gesundheitsschädlich beim Einatmen). Die Linse wird in einen dicht schließenden Behälter auf eine weiche Unterlage gelegt und mit Aceton übergossen. Nun muss sie manchmal mehrere Tage einweichen. Durch kräftiges Drehen und seitliches Verschieben können die einzelnen Teile dann voneinander gelöst werden. Ältere Vergütungen können durch Aceton möglicherweise angegriffen werden. Bisher ist mir so etwas jedoch nicht passiert.




Sollten sich die Teile trotzdem nicht bewegen, kann man die Linse auch vorsichtig erwärmen (50-80 C°). So löst sich der Kitt in jedem Fall. (Es sei den, es ist UV-härtendes Kunstharz, dann muss sowieso eine Fachwerkstatt ran) Nun werden die Einzelteile sorgfältigst gereinigt (ebenfalls mit Aceton). Es sollte sich wirklich kein Stäubchen mehr auf den Flächen befinden. Selbst die abgesplitterten Teile einer Linse lassen sich wieder einsetzen.


Sie werden mit wenig Kanadabalsam eingesetzt und festgedrückt. Der genaue Sitz ergibt sich meist erst, wenn die zweite Linse dazukommt. Dazu gibt man wenig Kanadabalsam auf die untere Linse und drückt die obere Linse mit kreisenden Bewegungen leicht an.





Dabei kann man genau beobachten, wie sich der kleine Tropfen Balsam immer mehr zwischen den Linsen verteilt. Dabei entstehen kleine Luftbläschen, die durch die kreisenden Bewegungen und immer stärkeren Druck verschwinden. Der überschüssige Kitt tritt an der Kante aus. Gegen Ende sollte der Druck noch weiter verstärkt werden, um eine möglichst dünne Schicht zu erzeugen.

Ehrlich gesagt ist das eine ziemliche Sauerei und am Besten ohne Handschuhe zu bewerkstelligen, da man sonst vor lauter Kleberei die Handschuhe dauernd wechseln müsste. Die Hände kann man einfach zwischendurch mal mit Aceton abwischen. Keine Angst, wenn die Linse dabei von außen immer mehr verschmiert. Das bekommt man nachher auch mit Aceton wieder weg. Ganz wichtig ist es, die Markierungen auf den Linsen wieder passend zueinander zu drehen.



Ist die neue Verkittung blasenfrei und passgenau, braucht der Kitt mehrere Tage, um aushärten zu können. Dazu wird die Linse auf eine waagerechte Unterlage gelegt. Obwohl die Verbindung sehr fest scheint, neigt der obere Teil dazu, sich langsam und stetig immer mehr nach unten zu verschieben und abzurutschen. Deswegen muss die Linse fixiert werden. Ich nehme dazu immer drei alte Fernglasprismen, die ich um 120° versetzt um die Linse positioniere.




Nach mindestens drei Tagen wird die Linse von überschüssigem Kitt befreit und mit Aceton gereinigt. Sollte sie sich noch verschieben, gönnt man ihr weitere drei Tage Ruhe. Nun kann man sein Werk in Augenschein nehmen. Im Vergleich zu der zweiten, noch unbehandelten Linse des Fernglases kann man deutlich den Erfolg der Arbeit sehen. Nun wird die Linse, entsprechend der Markierung, wieder eingebaut. Mich hat es beim ersten Mal sehr erstaunt, wie problemlos diese alte Technik ist und welche hervorragenden Ergebnisse sie bringt. Mit einfachen Mitteln selbst „hoffnungslose“ Fälle (da Verkitten ja bis gerade eben noch eine „unmögliche“ Sache war) wieder zum Leben zu erwecken, ist schon eine tolle Sache.


Beste Grüße
Dirk

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Thomas_Payer Offline
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#240074 - 11/06/2005 21:29 Re: Gekittete Linsen lösem [Re: mohlitz]


da fällt mir ne kleine Geschichte ein - ich brauchte mal Kanadabalsom und wegen der medizinischen Bedeutung hatte ich es versucht, das Zeug in der Apotheke zu beschaffen - die sagten mir dann, das wäre im Reformhaus zu bekommen, also bin ich da hingefahren und die wollten mir dann klarmachen, ich könnte Tigerbalm nehmen, das wäre das gleiche...

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