#68167 - 23/08/2003 17:42 Der alte Bauer und der Mars


Bericht vom Toskana-Urlaub mit Celescope (FH 150/1200) östlich von Florenz in den Bergen bei Pelago-Ferano:

wir waren in einer absolut einsamen kleinen Ferienanlage, umgebautes altes Landhaus mit nur 4 Appartements, wunderschöner Pool mit frischem Quellwasser, 7 km zum nächsten Dorf (ich wusste gar nicht, daß es in Europa noch so einsame Gegenden gibt), außer uns nur noch 2 französische Familien und der alte Bauer, dem das Landgut gehört, mit seiner Familie.

Leider war der Himmel der täglichen Hitze entsprechend nachts relativ dunstig, meist waren z.B. nur die beiden hinteren Kastensterne vom kleinen Wagen mit bloßem Auge zu sehen, von der Leier selbst mit Brille nichts zu erkennen, einmal konnte ich früh um 4.30 h erstmals für diese Saison den Saturn wieder beobachten, noch sehr tief stehend, und einmal den Mars bis 300-fach vergrössern, zwar scharf, aber außer Poleiskappe kaum Einzelheiten zu erkennen, Haupterkenntnis dabei: der Unterschied zwischen einem schönen 10-Zoll-Dobson ("Helena von Droja", von deren nächtlichen Beobachtungsergebnissen ich verwöhnt bin) und einem 6"-FH-Refraktor ("Celescope") ist doch sehr gravierend. So konnte ich Nachts wenigstens meist gut schlafen, dafür tagsüber die Familie, den Pool und die Ausflüge nach Florenz, Pisa und Sienna ausgeschlafen genießen.

Trotzdem hat es sich gelohnt Celescope mitzunehmen, weil ich dem alten, nur italienisch sprechenden Bauern, damit zum Freund gewonnen habe: am 2. Abend, 10. August, gegen 22.00 Uhr, hab ich ihn mit Händen und Füssen gefragt, wann in der Nacht die Lichter der Aussenanlage abgeschaltet werden, weil ich mit meinem Teleskope Sterne schauen möchte. Er hat mich verstanden ("astronomico") und alle Lichter im gesamten Landhauskomplex sofort abgeschaltet und ist mit seiner Taschenlampe nicht mehr von meiner Seite gewichen, bis ich Celescope auf der EQ5 aufgebaut hatte, hat dazu die französischen Feriengäste verständigt und so saßen sie alle erwartungsvoll rund um mein Celescope und beleuchteten mich mit diversen Taschenlampen.
Nur: was zeigt man bei einem so schlechten Seeing noch dazu kurz vor Vollmond den erwartungsvollen Gästen, ich bin ganz schön ins Schwitzen gekommen, von der Leier mit M57 nichts zu sehen, M13 nur ein kleiner undeutlicher matschiger Fleck, so hab ich erst mal die Andromedagalaxie vorgeführt, danach Albireo, und der hat sie dann alle orange-blau begeistert, die Franzosen ("ohlala-ohlala-ohlalah") und vor allem immer wieder den italienischen Bauern ("megagallacito"), der sich immer wieder von neuem hinten in die Warteschlange angestellt hat.
Dann kam der Mond über die Bäume, zwar fast Vollmond, aber am Rand waren zum Glück noch ein paar Krater mit Schattenwurf vorzuführen, so daß die Warteschlage, insbesondere natürlich "Romeo", der alte Bauer, nacheinander den Mond in Vergrösserung von 30 bis 200 fach beobachten konnten.
Und gegen 23.50 h tauchte auch noch der Mars über den Bäumen auf, war zwar nur bis 150-fache Vergrösserung gut zu sehen, nur mit weisser Polkappe als Scheibchen, aber damit hatte ich Romeo als Freund gewonnen, alle anderen, meine Familie und die Franzosen, waren längst im Bett, als Romeo, der alte Bauer, immer noch neben mir und Celescope stand und den Mars mit den unterschiedlichsten Okularen und Vergrösserungen beobachten wollte. Erst ein "finito" und "buona notte" von mir, ermöglichte mir dann gegen 1.00 h das Celescope wieder abzubauen.

Den Rest des Urlaubs verwöhnte uns Romeo dafür mit einem besonders strahlenden Lächeln, bestem Rotwein und wiederholten "astra", "astronomico"- und " Mars "-Ausrufen.

Wieder zu Hause und in Vorfreude auf Neumondnächte mit Helena von Droja (AOM-Dobson) und schönen Grüßen


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StephanPsy vom Eridanus im ALBiREO