Hallo,
über das Scheiner-Verfahren gibt es leider viele Mißverständnisse und Fehler, die sich durch immer wieder falsches Abschreiben des Verfahrens über mindestens die letzten
50 Jahre gehalten haben. Mir ist kein Buch oder Artikel nach dem 2. Weltkrieg bekannt, in dem das Scheiner-Verfahren richtig beschrieben ist!
Ich konnte mir vor vielen Jahren bei einem Aufenthalt am Observatorium Hoher List Scheiners Original-Publikation (Julius Scheiner - Die Photographie der Gestirne, Leipzig, 1897) kopieren, weil ich selbst vorher immer Probleme mit dem Verfahren hatte und teilweise mehrere Stunden brauchte, um eine für die Langzeit-Astrofotografie ausreichende Aufstellungsgenauigkeit von ca. 1 Bogenminute an meiner transportablen Alt-
Montierung zu erreichen.
Mit dem Verfahren ist lt. Scheiner eine Polaufstellungsgenauigkeit im 1 Bogenminute innerhalb von wenigen Minuten möglich (!), wenn man sich an seine Anleitung genau hält.
Das Verfahren ist
nicht iterativ, sondern kann mit einem einmaligen Justagevorgang beendet werden.
Hier in Kürze die wichtigsten Schritte:
-möglichst hohe Vergrößerung ( >=300fach), damit die Abweichungen auf dem Fadenkreuz so schnell wie möglich sichtbar werden
- für die Azimut-Justage einen Stern im Süden
im Zenit (!) nehmen, da sonst die Refraktion und die Achsdurchbiegung die Genauigkeit zu sehr beeinflußt.
- für die Justage der Polhöhe muß ein Stern mit 6h oder 18h Stundenwinkel gewählt werden, der -wiederum wegen der Refraktion-
polnah sein muß, also gerade
nicht im Osten oder Westen, da dort die Refraktion alle Genauigkeit zerstört. Solch einen stern sucht man genau links oder rechts neben Polaris in möglichst geringem Abstand.
- Aufgrund der schlechten mechanischen Ausführung der meisten
Montierungen ist eins der häufigsten Probleme, daß man beim Anziehen der Justierschrauben beide Achsen gleichzeitig verstellt. Dies kann man aber leicht überprüfen. Eine Abweichung des Sterns beim Scheiner-Verfahren ist ja nur auf dem Deklinations-Faden relevant. Die zu justierende Achse erzeugt beim Anziehen der Justierschrauben in der jeweiligen Stellung aber ein Verschieben des Sterns nur auf dem Rektaszensionsfaden.
D.h., daß z.B. beim Anziehen der Azimuth-Justierschraube der Stern sich im Fadenkreuzokular nur auf dem Rektaszensionsfaden nach links oder rechts bewegen darf. Sobald er auch nach oben oder unten wandert, hat man die Polhöhe mitverstellt und muß diese vorsichtig wieder so zurückdrehen, daß der Stern wieder zurück auf dem Rektaszensionsafaden ist.
- Am schlimmsten ist dann das endgültige "Kontern" der Justierschrauben. Hier muß man ganz behutsam vorgehen, da man locker die Justierung wieder um 10-30 Bogenminuten verstellen kann, weil sich durch Biege- und Torsionseffekte der Justagemechanik einiges verstellen kann. Man sollte dazu am besten das Auge am Okular lassen und die Konterschrauben wechselweise so anziehen, daß man den Kontrollstern immer wieder in die Fadenkreuzmitte zurückholt.
- Netter Nebeneffekt: Mit dem Scheiner-Verfahren "nordet" man die
Montierung automatisch auf den "refraktierten" Himmelspol ein, der eine bessere Nachführ-Genauigkeit ergibt, als die Justage auf den "wahren" Himmelspol
- Letzte Feinheit: Wenn jetzt noch die Rektaszensions-Nachführung ca. 1 Promille langsamer läuft als die theoretische Rotationsrate (1 Umdrehung pro Sterntag - 23h 56m), wird die Nachführung noch etwas präziser. Dies ist die sog. "King-Rate" nach Edward Skinner King, ebenfalls um die vorletzte Jahrhundertwende herausgefunden. Kommt wegen der Refraktion.
- Letzter Mythos: Die
Montierung kann vor dem Scheinern beliebig schief stehen. Eine genaue Nivellierung der Stativ-Auflageplatte o.ä. ist überflüssige Zeitverschwendung. Man muß nur darauf achten, daß der Justierbereich ausreicht, um die
Montierung tatsächlich auf den Himmelspol zu ziehen, und man nicht den Anschlag der Justierschrauben erreicht.
Wer sich für mehr Details interessiert, kann mich gerne anmailen, da ich mal einen bisher unveröffentlichten Artikel zum Scheiner-Verfahren geschrieben habe, um die Leute vor dem "Tot-Scheinern" zu bewahren.
Mit einem skalierten Fadenkreuzokular (Baader/Celstron Micro-Guide o.ä.)läßt sich das Scheiner-Verfahren in einem einzigen "Arbeitsgang" erledigen.
Das ist jetzt übrigens keine blanke Theorie, sondern ausprobierte Praxis. Bei uns dauert das Scheiners jetzt noch ungefähr 15 minuten für 1 Bogenminute Aufstellgenauigkeit.