(Alt-)Glaser gesucht!

Ursus corpulentus

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Liebe Altglassammler,

der Ursus war heute bei einem Freund in der Nachbarschaft, der von Beruf Fotograf ist.
Vor Kurzem hat dieser die Kuppel auf meinem Carport-Dach entdeckt und sprach mich darauf an, weil er sich für Astronomie interessiert (wer tut das nicht?).
Als ich ihm dann voller Begeisterung von allen möglichen Konstellationen, Montierungen, Okularen, Nebeln, Haufen (offene und kugelige, letztere nicht vom Hund), Brennweiten und Glassorten erzählte, meinte er, dass es gut sei, dass ich ausgerechnet heute zu ihm gekommen sei. Denn morgen sei Sperrmüll.

Aaah ja ...

Und bevor er "es" nun nach 30 Jahren auf denselbigen - eben den Sperrmüll - stelle, könne ich "es" gerne mitnehmen und etwas draus machen, wenn ich wollte. Woraufhin er ohne weiteren Kommentar in seine Asservatenkammer verschwand und mit einer lederbezogenen Kiste zurückkam.

P1330002.JPG

Er sagte, es handle sich um einen alten (analogen) Vergrößerungsapparat für Fotoabzüge. Diesen hatte er selbst von über drei Jahrzehnten vor dem Container gerettet, als das Fotostudio, in dem er seinerzeit nebenher jobbte, mit dem Tod des Inhabers ebenfalls das Zeitliche segnete - und die komplette Ausstattung auf den Müll wanderte. Ihm tat das riesige Objektiv leid, es war einfach zu schade zum Wegwerfen.
Und seitdem machte mein Kumpel zwei Dinge damit, mehr oder weniger regelmäßig, aber auf jeden Fall abwechselnd: er stolperte darüber und räumte es von einer Ecke in die nächste.

Und so kam ich heute an ein atemberaubend schönes (wie kann so etwas schön sein?) Voigtländer Universal-Heliar Objektiv mit 420 Millimeter Brennweite und bei f/4.5 einen Objektivdurchmesser von 93 Millimetern. Und die originale, mit violettem Samt ausgeschlagene Lederabdeckung ist auch noch da.
Ich fass' es nicht!

Und so nahm ich "es" mit nach Hause.

P1330004.JPG P1330005.JPG

Das Ding ist bockschwer, hat eine butterweich laufende Blende, kratzerfreie Gläser und riecht ganz stark nach Selbstbau.
Aber: ich habe keinen Plan, was ich damit machen soll ... rein von den optischen Dimensionen 93 - 420 - f/4.5 (das sind erregende Maße vergleichbar derer irgendwelcher Centerfolds) müsste da doch ein ziemliches bunt darstellendes "Rich-Field"-Gerät rauskommen, oder?!?

P1330008.JPG
Zum Größenvergleich flankieren zwei handelsübliche Okulare den Glasbrocken.

Ich habe keine Ahnung, ob es sich um einen Zweilinser, also Achromaten, handelt. Vielleicht ist es auch nur eine Linse. Könnte man da trotzdem was draus basteln?

Gerhard, Harald, Frank, Kay und all die anderen Glaser: WO SEID IHR?

Planlose Grüße sendet Euch allen, der
Ursus
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo!
Gerhard, Harald, Frank, Kay und all die anderen Glaser: WO SEID IHR?
Bin zwar nicht unbedingt angesprochen, aber das ist kein Vergrößerungsobjektiv, sondern das Objektiv von einer Plattenkamera. In gutem Zustand zwischen 2000 und 5000 Euro wert. Dieses hier sieht auf den Bildern ein bisschen pilzig aus, wenn Du Glück hast, ist es aber nur Staub. Es gilt wohl als eines der besten Portraitobjektive seiner Zeit und wurde wohl im Fotogeschäft/Fotostudio genau dafür verwendet.

Astronomisch meines Erachtens eher weniger geeignet, schliesslich dient es dazu, ein Objekt in kurzer Distanz auf eine große flache Fotoplatte gleichmäßig scharf abzubilden. Du kannst es aber einfach ausprobieren indem Du mit einem Okular einfach mal durchschaust - mit einem ausgestreckten Arm sollte das irgendwie gehen, 42cm sind ja keine so lange Brennweite.

Viele Grüße
Maximilian
 
das Heliar war als Portraitobjektiv konzipiert für Großformatkameras. Es sollte eine deutliche Unterkorrektur haben, was als Weichzeichnereffekt so gewollt war.
Preislich ist/war es erkennbar >1000€ angesiedelt. Ob man allerdings heutzutage noch Interessenten dafür findet? Auf jeden Fall pfleglich(!) behandeln und nicht für Astrofotografie einsetzen, bzw. irgendwie verbasteln...

viele Grüße - Ronald
 
Hallo!
Ob man allerdings heutzutage noch Interessenten dafür findet?
Beim eBay werden welche angeboten für ungefähr 1500 Euro, es scheint also einen Markt dafür zu geben. Vielleicht sollte Ursus es verkaufen und sich von dem Erlös ein schönes modernes astrofototaugliches Gerät anschaffen... und natürlich den edlen Spender zu einem wirklich guten Essen einladen!

Grüße
Maximilian
 
Hallo Bär,

eigentlich würde ich Ronald zustimmen, dass du das gute Stück nicht irgendwie verbasteln sollst.

Falls du es doch nicht lassen kannst, lass das Objektiv in seiner Fassung einschließlich dem Flansch, mit dem es auf die Kiste geschraubt ist.

Entsprechende Kisten Konstruktionen findest du bei Alexander Niklitschek - die Sternwarte für Jedermann. Leider ist das Buch damals kurz vor dem Krieg nur in einer Auflage erschienen und schwer zu bekommen. Ich könnte dir aber mit Repros helfen.

Viele Grüße Gerhard
 
Hallo Ursus, dann gebe ich auch mal meinen Senf dazu...
Das Universal-Heliar ist, soweit meine Recherche reicht, als modifiziertes Cooke-Triplet anzusehen. Die beiden Positivlinsen, die sich jeweils vor und hinter dem mittleren Zerstreuungsglied befinden, sind im Gegensatz zum originalen Cooke-Triplett als Dubletten ausgeführt (also aus jeweils 2 Linsen). Zusätzlich läßt sich die Position der Zerstreuungslinse zwischen den beiden Sammellinsen durch einen Hebel verstellen (Skala 0 - 5, vordere 2 Hebelchen am Objektivrand), dadurch wird eine Art Weichzeicher-Effekt erzielt, ohne aber die Zentralschärfe stark zu beeinflussen. Das wird gerne in der Portrait-Fotografie genutzt und erzeugt diesen 'duftigen', etwas nebulösen Eindruck beim Portrait (Zentralbild scharf, also meist der Kopf, ringsherum etwas unscharf / wattig / nebulös, wie im Morgennebel...). Die Stellung 0 am Hebel des Objektivs ist wohl die Ausgangsstellung, für die das Objektiv gerechnet ist und ist die Stellung maximaler Schärfe übers Aufnahmefeld, was wirklich groß ist...
Hier mal 2 Quellen:
Quelle 1 mit Linsenaufbau (ca. Mitte der Seite)
Quelle 2 mit historischem Abriss / Seite 10
Ich würde, wie Gerald vorgeschlagen hat, auch das Objektiv in seiner Fassung belassen und mal etwas mit Okularen, hauptsächlich in Stellung 0, experimentieren...das kann schon was werden. Und wenn es sich dann doch ausgespielt hat, kannst Du es an die Large-Format Freaks verhökern ;) Da werden einige feuchte Augen bekommen. Ansonsten die Kisten-Konstruktion angehen und Spass beim Basteln haben...der Weg ist schließlich das Ziel, oder BIG?

Viele Grüße Kay
 
Achso...und wenn das Heliar richtig Heimweh hat, stünde natürlich in Ostfalen, nahe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, ein Vitrinenplatz frei :D:D:D
Viele Grüße Kay
 
Hallo Ursus,
da kann man was draus bauen, aber mit der orginal Fassung.
Ich habe so was seber schon gemacht, nicht mit dem Heliar, sondern mit einem S-Tessar und einer Repro-Optik.
Bei CN gabs mal jemanden der damit Astrophotos gemacht hat.
Ich fand es nicht gut, nicht für Unendlich geeignet. Halos um die Sterne.
Das Problem mit den großen Objektive ist, wie schon erklärt, das sie Effekte in das Bild bringen. Entweder bewußt (Portrait) oder weil man es nicht besser konnte (konstruktiv oder fertigungstechnisch).
Sei gewahr, das Heliar wird einen "Touch" haben, den man gestalterisch einsetzen kann. Erwarte kein voll korregiertes Bild wie bei einem APO, in Geometrie und Farbe. Bei APS und Vollformat wird das Bild wohl noch einigermaßen eben sein.
Einen "Astrographen" bekommt man immer hin. Aber dann mit mind. einer Montierung ab EQ5.
Mein "Astrograph" aus einem Repro-Objektiv mit einem Plasmat Linsen aufbau, wiegt 3,6kg! Zeigt bei 24x36 schon Bildfeldkrümmung.
Hier mein Bauvorschlag: Optik F6/306mm:
P1080593.JPG

Ein Bild damit
Neowise

Gutes Gelingen und bitte zeigen!

Grüsse aus dem Norden!

Martin
 
Hallo Ursus,
ich habe im vergangenen Jahr meine ziemlich umfangreiche Analogsammlung dem deutschen Fotomuseum in Deidesheim gespendet. Das ist doch um die Ecke. Die freuen sich und du bekommst eine Freikarte.
CS Harald
 
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