RAL-Töne Zeiss 80/1200

#1
Hallo!

Dank Micha Dohrmann von der Archenhold-Sternwarte durfte ich heute Abend Farbfächer an alte Fernrohre im dortigen Archiv halten, die noch ihren originalen Lack haben.
Das Licht war ein Problem: Tageslicht war bereits knapp. Im Leuchtstofflampenlicht sahen die Farben anders aus als in LED-Leuchte oder Handy-Blitz. Aber ein Vergleich mit den Farbkarten schien mir genau genug möglich.
Das Gerät, ein originaler AS 80/1200 mit Montierung I im 'Kindersarg' hat einen Messing-Auszug und stammt wohl aus den 1950ern.

1. Tubus
Tubus_RAL1001.jpg

Der Tubus hat unstrittig RAL 1001 beige. Der Tubus ist glatt, darunter dicker Alkydspachtel und zuunterst auf dem Stahlblechtubus Bleimennige.

2. Montierung I
Schwarz lackierte Stahlteile, Klemmung des Schwalbenschwanz ist blank verchromt oder vernickelt; Klemmräder ('Steuerräder') ebenfalls blank galvanisiert und nicht lackiert.
Oberes Bild: Leuchstoff-Licht, unten: LED-Lampe. Das Foto unten gibt eher den Eindruck mit dem Auge wieder.

Montierung---ohne-RALwert.jpg
Montierung#2k.jpg

Für die Montierung ließ sich mit meiner Farbkarte RAL-K5 kein Farbwert finden. Im Bild ist die Karte RAL 1000 grünbeige.
Foto oben: Das Rechteck im Bild der Farbkarte ist durch Bildverarbeitung abgedunkelt, damit es der Farbe der Montierung halbwegs ähnlich ist. Dort habe ich einfach schwarz addiert, also RAL 1000 viel dunkler gemacht. Der Farbton von RAL 1000 stimmt etwa, aber die Farbe ist viel dunkler.
Im Foto erinnert es etwas an RAL 6011 Resedagrün, das klassische Grün der Maschinen. Auch RAL 6003 Olivgrün ist es nicht. Mit dem Auge wirkte es ganz anders.

Wer schleppt seine originale Montierung I mal in einen Baumarkt zum Farbmisch-Scanner..?

3. Holzkiste
Die Holzkiste hat schwarze Beschläge und einen Riss-Lack, über den schon mal woanders diskutiert wurde. Ich habe keine Ahnung, wie man eine solche Lackierung heute herstellen könnte.
Den Farbton zu finden war nur fast ganz leicht: Zwei Fotos mit unterschiedlichem Licht. RAL 8017 schokoladenbraun ist in beiden Fotos am dichtesten dran. Mit dem Auge waren wir uns einig: es liegt in der Mitte zwischen RAL 8017 und RAL 8016 mahagonibraun
Kiste_RAL-8017.jpg


Auch die Lack-Struktur ist zu sehen.

4. Ein anderer 80/1200, ohne Montierung, im Kasten. Etwas jünger - 1960er?? Besonderes Kennzeichen: OAZ ist lackiert.
Seine Tubusfarbe war eher RAL 1014 elfenbein.
80_1200_OAZ_neuer_k.jpg


5. Fazit
Farben waren bei Zeiss nicht in Stein gemeisselt. Sie änderten sich mit den Produktionsjahren und/oder wurden an Produkte und Produkt-Kombinationen adaptiert.
Z. B.... Planetarien aus Jena waren in den 1980 blau. Das Kleinplanetarium trug ein kräftigeres, dunkleres Blau, das Großplanetarium ein helleres, gelblicheres.
(Selbst die unterschiedlichen Teile eines Planetariumsprojektors hatten gerinfügig unterschiedliche Blautöne. Ein so 'buntes' Auto würde man dem Händler nicht abnehmen...)
Die Grautöne der Montierung Ib wurden im Laufe der langen Produktionszeit mehrfach angepasst.
Usw...

Die genau richtige Farbe für ein Instrument zu finden, dürfte nur für Museums-Restauratoren wirklich wichtig sein. Wenn der Original-Lack verloren ist, kann man sich annähern, viel mehr wohl nicht. Auch das noch: Normale RAL-Fächer sind nicht farbverbindlich...

Beste Grüße,
-wunni
 
Zuletzt bearbeitet:
#2
Hallo Wunni,

sehr schöner Beitrag! Das bestätigt die Vermutung, dass es verschiedene Farbtöne gab. Interessant ist das schon, da es eine Information zu den damaligen Verhältnissen in der Industrie ist.
Für sammlermäßige Restaurierungen reicht es natürlich aus, den Farbton ungefähr zu treffen, keine Frage. Ich bin der Meinung, man sollte diese Dinger möglichst wenig verändern. Wenn es notwendig ist, dann sollten die durchgeführten Arbeiten, und auch Probleme, auf die man bei den Arbeiten stößt, dokumentiert werden. Das sind technische Geräte, die so nie wieder gebaut werden, in denen viel Ingenieurleistung steckt, und die der Nachwelt erhalten werden sollten.

C.S. Frank
 
#3
Hallo Wunni,

interessante Ausführungen - ich hatte ja kürzlich auch grade erst eine Zeiss I Montierung restauriert. Leider war da von der original Lackierung nichts mehr zu sehen, da einer der Vorbesitzer sie in Hammerschlag-Grün lackiert hatte.

Selbst eine Nachfrage beim Zeiss-Archiv erbrachte kein Ergebnis bzgl. einer zumindest annähernd passenden RAL Farbe.
Letzendlich habe ich mich in meinem Fall für ein lichtgrau RAL 9002 entschieden.

Ob ich hier ein Bild der Montierung zeigen darf, muss ich mit dem Besitzer erst abklären.

MfG Michael
 
Zuletzt bearbeitet:
#5
Hallo Michael,
wie ich schon geschrieben habe, ist der Motor, den ich zu meiner Monti bekommen habe, auch grau. Am besten würde die Farbe zu Ral 9018 passen. Unter Beachtung der Forschungsergebnisse von Wunni dürfte es demnach nicht ausgeschlossen sein, dass es die I auch mit originalen Lackierungen in Grautönen gab.
Weißt Du noch, welchen Durchmesser die Gegengewichtsstange hat? Die bei meiner Montie ist wesentlich länger, und hat einen Durchmesser von 18mm.

C.S. Frank
 
#7
Hallo,

Frank:
Ich bin der Meinung, man sollte diese Dinger möglichst wenig verändern. Wenn es notwendig ist, dann sollten die durchgeführten Arbeiten, und auch Probleme, auf die man bei den Arbeiten stößt, dokumentiert werden.
Genau, so würde es jeder Restaurator eines Museums machen! (y)

Bei meiner 'I' hat die Gegengewichtsstange einen Durchmesser von 18mm und eine Länge von 170mm.
Das Gegengewicht hat 125mm Durchmesser und 115mm Länge. Beides ist zweifellos original.

Ich glaube mich zu erinnern, den Motor schon mal in Hammerschlag grau gesehen zu haben - vor -zig Jahren. War das original? Keine Ahnung...
Michael: 1980 habe ich meine 'I' und den Tubus (auch) in Lichtgrau lackiert. Die Montierung sieht gut damit aus, der Tubus nicht... Die von Dir restaurierte Montierung hat wohl mal draußen gestanden, allerdings ohne Schutzbau?! Gut, dass Du sie retten konntest.

Zeiss-Archiv: Ich hatte mal einen guten Bekannten bei Zeiss-Astro, inzwischen ist er längst in Rente. An ihn hatte ich vor gut 10 Jahren wegen eines Nachkriegs-Objektivs eine Frage. Er konnte mir nicht mehr helfen: Beim Umzug des Zeiss-Hauptwerks (jetzt eine Einkaufspassage :mad:) und durch massivste Verkleinerung des Werks wurde das Archiv anscheinend zu großen Teilen ins Altpapier getan. Aus Jena wird es kaum noch brauchbare Infos geben. :( Ein Jammer...
Bleibt noch das Optische Museum in Jena, vielleicht hat man dort Teile des Archivs? Müsste man mal rausbekommen.
Lese gerade, dass das Museum von der Abbe-Stiftung in eine eigene Stiftung überführt wurde. Ist das gut oder nicht gut für Zeiss-Fans...?

Beste Grüße,
-wunni
 
#8
Hallo Wunni,

Du hast so viel Zeiss "Insider"-Wissen, darf ich fragen, ob Du mal bei Zeiss gearbeitet hast ??:cool:

Was mir jetzt auf meinen eingestellten Fotos auffällt, ist, dass das Lichtgrau fast weiss wirkt ! In Realität ist es aber wirklich ein Grau-Ton.

LG Michael Aaron
 

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#9
Hallo Michael,

fragen darf man alles! ;)
Als alter Ost-Amateurastronom hatte man was? - Zeiss-Technik! Die konnte man ja auch damals gebraucht kaufen oder sich was von Oma schenken lassen. Obwohl ich kein Sammler bin, hat sich im Laufe von Jahrzehnten ein (kleines!) Zeiss-Biotop in meinem Keller entwickelt.

Erschwerend kommt hinzu, dass ich nicht unerhebliche Teile meines Berufslebens hauptberuflich an einem großen Planetariumsprojektor aus Jena geschraubt habe. Die CZJ-Mechaniker, mit denen ich zu tun hatte, waren echte Könner; von denen konnte man so einiges lernen. Ein Zeiss-Insider bin ich deshalb noch lange nicht; ich prahle hier mit fabelhaftem Halbwissen...:cool:

CS!
-wunni
 
#10
Hallo Wunni,
die Gegengewichtsstange bei meiner Montierung hat eine Länge von 455mm. Ich vermute mal, dass die Montie für den 150mm Cassegrain gedacht war. Auf den mir bekannten Abbildungen ist der Cassegrain auf der I immer mit Astrokamera auf der Gegengewichtsstange abgebildet, vielleicht gab es den aber auch ohne Astrokamera.
Die Umgestaltung des ehemaligen Hauptwerkes in Jena finde ich nun wieder gelungen. Die Gebäude des Hauptwerkes dürften den Anforderungen eines modernen Industriebetriebes nicht mehr entsprechen, da war es sicher vernünftig, nach anderen Verwendungsmöglichkeiten zu suchen.
Die Zeiss-Amateurgeräte, die in der DDR gebaut worden sind, waren wahrscheinlich nur im Biotop DDR möglich. Wenn man heute Geräte mit diesem Aufwand fertigen würde, wären diese sicher nicht mehr zu bezahlen. Die Geräte waren ja auch in der DDR teilweise schwer zu bekommen (wobei Berlin da sicher bevorzugt wurde :mad:). Auch waren die nicht billig. Das kleinste von Zeiss-Jena angebotene, komplette Fernrohr (Schulfernrohr 63/840 auf einfacher parallaktischer Montierung) kostete laut Preisliste vom 1.Januar 1967 genau 1349,05 DDR-Aluchips, das waren mehr als zwei monatliche Durchschnittsverdienste. Als dann gegen Ende der DDR die Löhne stiegen, wurde das Angebot knapp.

C.S. Frank
 
#11
Hallo Frank,
ie Gegengewichtsstange bei meiner Montierung hat eine Länge von 455mm.
Tja, nur dass sie mit 18mm Durchmesser dann schon durchbiegt und schwingt... Die Ib kam ja recht schnell, da war das Problem beseitigt.

Die Zeiss-Amateurgeräte, die in der DDR gebaut worden sind, waren wahrscheinlich nur im Biotop DDR möglich. Wenn man heute Geräte mit diesem Aufwand fertigen würde, wären diese sicher nicht mehr zu bezahlen.
Auch im Westen waren gute Geräte damals teuer. Gute Massenware-Teleskope aus China lagen noch in der Zukunft.
Natürlich hast Du recht: Zeiss produzierte damals viel zu aufwändig und zu teuer, auch wegen der geringen Stückzahlen.

Die Geräte waren ja auch in der DDR teilweise schwer zu bekommen (wobei Berlin da sicher bevorzugt wurde :mad:)
Das Berlin auch bei Astroartikeln bevorzugt wurde, ist so eine Behauptung. Es war Mangelwirtschaft. Wie viel es im Land gab hing davon ab, wie viel gerade exportiert werden konnte. Wenn ich zur Verwandschaft nach Sachsen fuhr, bekam ich dort Dinge zu kaufen, die ich in Berlin noch nie gesehen hatte...
Neu gekauft habe ich damals nur den Binokularen Ansatz (sponsored by Oma) und meine Montierung Ib. Es war die letzte, die man im Zeiss-Laden am Alexanderplatz frei kaufen konnte; danach nur noch auf Bestellung.
Den Rest habe ich gebraucht gekauft, um Geld zu sparen bzw. waren es Gelegenheiten: Okulare, Meniscas 150, Zenitprisma, Filter...

CS!
-wunni
 
#13
Hallo Wunni und Frank,

jetzt kann ich auch noch ein paar "technische Daten" der Zeiss I Montierung nennen, die ich restauriert habe.

- Duchmesser der Gegengewichtsstange 18 mm
- Länge der GG-Stange 170 mm
- Gewicht ca. 115 mm hoch und 110 mm Durchmesser, Gewicht = 7,3 kg

LG Michael
 

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#14
Hallo Michael,
danke, dass Du nachgemessen hast. Mein Gegengewicht sieht auch so aus wie Deins, mit gleichen Abmessungen. Das Gewicht dürfte auch stimmen (habe keine gute Waage im Kilobereich, etwa 7kg habe ich aber auch gewogen).

C.S. Frank
 

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