Reparatur eines 70mm 90° Fernglases

Eisenmeteorit

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Hallo,

ein defektes, fast identisches Fernglas wie aus diesem Beitrag, konnte ich von Gottfried günstig erwerben und nach einer Woche ist es nun fast fertig.

Das Glas hatte einen Sturzschaden erlitten, beim dem der serienmäßige Fernglashalter -aus Gusseisen!!- nach einer stärkere Belastung gebrochen ist und von einem Stativ auf den Boden fiel. Eine Taukappe wurde dadurch leicht verbogen, ein Prismengehäuse beschädigt und der Drehkranz des gegenüber liegenden Prismengehäuses an einer Stelle inkl. Schraube herausgerissen und geknickt. Es waren also schon größere Kräfte am Werk, zumal dieses 16x70 BT über 4 kg wiegt.
Trotz des Guss-Halters, für den ich ein nicht so sprödes Material verwendet hätte, muss ich diesem Fernglas eine außergewöhliche hohe Robustheit und eine sehr gute Verarbeitungsqualität zuschreiben. Neben kleineren Sachen kann ich eigentlich nur noch die fehlende Innenschwärzung als gravierenden Kritikpunkt nennen. Die "Innereien" des Glases blieben unbeschädigt und bis auf die Taukappe passten alle Formteile einwandfrei zusammen.
Hier einige Fotos zu dem Patienten:

(Ich teile den Beitrag in mehrere Teile auf und berichte später darüber, wie man mit einfachsten Mitteln so ein Fernglas justiert bekommt.)

CS Frank

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Hallo Frank
Wenn Du da reingekommen bist wuerde ich gern wissen welche Prismen da verbaut sind.
Also zb 90 grad amici plus rhombus. Oder irgend eine andere Kombination?
Gruss
Felix
 
Hallo Felix,
als 90°-Umlenkung dient ein Pentaprisma, darüber ist ein Porro II-System verbaut.

Überrascht war ich vom 70mm Objektiv. Es ist, ähnlich dem Zeiss Jena Nobilem 8x50 B Super, ein Achromat mit großem Luftspalt. Ich schätze diesen auf ca. 20mm. Aus diesem Grund hält sich wohl der Farbfehler bei diesem Glas in Grenzen, denn ich war auch von dem "farbarmen" Bild überrascht.
Da die inneren Glasflächen noch sauber waren brauchte ich das Objektiv nicht zerlegen. Lediglich die Streulichthülse, die gleichzeitig als Klemmung der inneren Linse dient, habe ich für die Schwärzung abgeschraubt.

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Ebenfalls geschwärzt habe ich die im Strahlengang liegenden Begrenzungsflächen; die O-Ringe der unteren Prismengehäuse - wie auch alle anderen Dichtungsringe - mit einem hochtemperaturbeständigen Schmiermittel eingestrichen und die Pr.gehäuse von der Objektivseite her mit dem Fernglaskörper verschraubt.
Bevor die Schrauben angezogen werden, sollten die Auflageflächen der beiden Pr.gegäuse parallel zueinander liegen. Hier reicht es aus, das Ferngas umzudrehen und die Auflageflächen auf eine ebene Fläche zu legen. Durch leichtes Andrücken richten sich die Flächen zueinander aus.

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Als nächstes wurde jeder Drehkranz mit dem Halter der 90°-Pentaprismen verschraubt (vom Pentaprisma habe ich leider kein Foto gemacht) und die Einheit dann an das untere Pr.Gehäuse geschraubt. Den verbogenen Drehkranz konnte ich gut richten und die ausgerissenen M2 mm Schraube durch eine mit 2,5 mm ersetzen.

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morgen schreibe ich was zur Justage .....

CS Frank
 
Im nächsten Schritt wurden die oberen Schalen auf die drehbare Messingscheibe geschraubt, die Prismenstühle eingesetzt und die Stift-Justierschrauben ziemlich weit ausgeschraubt. Die Gegenschrauben bleiben locker angezogen.

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Für die Kollimation habe ich erst einmal den Mittelpunkt beider Objektivlinsen und deren Abstand zueinander bestimmt. Dazu das Fernglas mit der Objektivseite auf ein Blatt Papier gestellt und die Objektivkreise auf das Papier übertragen. Bei diesem Glas sind es genau 120 mm.
Auf dem Papier eine Waagerechte, und in 120 mm Abstand zueinander, zwei Senkrechten gezeichnet.
Das Fernglas grob vor dem Papier ausgerichtet und einfach von oben auf die Prismen geschaut.
Nun durch Verstellen der beiden Prismenstühle, die waagerechte Linie beider Seiten in eine Ebene gebracht und dabei abwechselnd von oben senkrecht in jedes Prisma geblickt, um auch die senkrechten Linien mittig im Prismen-Gesichtsfeld zu zentrieren.
(Ist ungefähr der gleiche Vorgang, wie den FS/HS eines Newtons durch den Auszug zu zentrieren. Also so einblicken, dass alle umliegenden Gehäuseteile sich in gleichem Abstand zum sichtbaren Gesichtsfeld befinden.)
Die Fotos zeigen ganz gut was ich meine ...


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Vorsichtig die Justier-Gegenschrauben angezogen und immer wieder die Position der Linien überprüft bzw. korrigiert. Die Schrauben mit Sicherungslack fixiert und die Abdeckung inkl. Okularaufnahme lose angeschraubt.
Die Feinjustage erfolgt am Stern, wobei bei guter Vorjustage nur noch minimale Verschiebungen der Abdeckung notwendig sind. Der Stern muss auf jeden Fall in der Waagerechten auf einer Höhe liegen, kleinere seitliche Abweichungen gleicht das Gehirn willig aus.
Die Schrauben der Abdeckung dann ebenfalls unter "Sternkontrolle" mehrmals leicht andrehen, bis sie fest angezogen sind.
Fertig!

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.....
 
.....
ein Schritt hatte ich vergessen. Natürlich vorher das Objektiv einschrauben.
Da kein Endanschlag für das Objektivgewinde vorhanden ist, die Einschraubtiefe in den Okularen kontrollieren und bei geeigneter Stellung des Helical-Fokussierers die Position dann belassen.
Auf dem Foto sieht man einen weiteren O-Ring. Unter dem Fernglas befinden sich in jedem Tubus zwei Schrauben mit Gummidichtung. Hier fülle ich später trockene Luft ein.
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Und so sieht es jetzt aus:
Mit kleinen Lackarbeiten und beklebten Taukappen wirkt es wieder wie (fast) neu. Alle inneren Wandungen sind auch geschwärzt.
Den gebrochenen Arm wollte ich nicht durch ein Guss-Ersatzteil ersetzen. Ich habe über zwei M6 VA-Schrauben mit Abdeckhülsen eine Prismenschiene angebracht. Für die seitliche Stabilität dienen zwei weitere VA-Stiftschrauben.

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Das war's ...

Viele Grüße
Frank
 
Servus Frank,

bin beeindruckt, wie du das hinbekommst. Machst du das beruflich? Freue mich auf einen Beobachtungsbericht.

CS
Gottfried
 
Hallo Gottfried,

mich treibt nur das Interesse am Aufbau des jeweiligen Gerätes und die An- und Entspannung während der Wartung, ....

.... und die Gesichter der Baumarktangestellten ...
Bei einer meiner letzten Bastellösungen für einen Filteradapter, habe ich mich mehr für die Deckel der Farbsprühdosen interessiert als für die Dose selbst.

Bei Deinem Fernglas bin ich mit der angedötschten Taukappe in der Holzabteilung herumgelaufen und habe die Hülse auf jedes evtl. passende Kantholz und Brett gesetzt, um damit die Beule von innen herauspressen zu können.
Zwei Zaunlatten für zusammen 5 Euro waren absolut geeignet. Die konnte ich nebeneinander in die Taukappe drücken und die Delle herausdrücken.
Und wieder kam, diesmal aus der Richtung des Holzzuschnitts, .... "Kann ich Ihnen helfen?"

CS Frank

Man sieht oben noch den schwarzen Abrieb von der Innenseite der Taukappe.
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