2. Frühling oder: Telementor, Venus und ein Luxusproblem

Ursus corpulentus

Aktives Mitglied
Liebe Glasaugen,

Monatelang schaffte ich es einfach nicht, meine Sternwarte mal auszufegen und ein Teleksop reinzustellen.
Und vor drei Tagen war es dann doch soweit; zweiter (Astro-)Frühling!

Auf die Idee kam ich, als ich eher zufällig die Venus am hellen frühabendlichen Südwesten stehen sah. Noch unscheinbar, doch deutlich genug, um meinen Geist (in dem sich seit einigen Monaten ALLES um's Freediving dreht) an die Astronomie zu erinnern.
Da war doch mal was ...
Und dann ging das Kopfkino los:

Sterwarte schmutzig; aufräumen, saubermachen!
Von außen sieht sie aus wie S..; was soll's - viel zu heiß zum Abwaschen ... screw it - Teleskop rein und los geht's!
Ende der Durchsage ...

Aufgebaut habe ich den Telementor, um wieder reinzufinden. Allerdings war es trotzdem spannend, da ich die alten einzölligen Schweizer SPECTROS-Okulare ausprobieren wollte (wahrscheinlich zum wiederholten Mal; aber das habe ich zwischenzeitlich vergessen).
Denn mittlerweile hat sich für den Urs eine hübsche Sammlung dieser Okulare ergeben. Es gibt (vermute ich) drei Serien mit unterschiedlicher Beschriftung. Die zweite Serie habe ich komplett und nutze sie außerordentlich gerne neben den üblichen "Rennpferden" von PENTAX und TAKAHASHI im gleichen Kaliber. Wobei sie diesen nicht viel nachstehen. Faktisch kommen die schweizer Scherben (hauptsächlich Kellner, nur die beiden kürzesten sind Plössls und die Weitwinkel Erfles) in der einen oder anderen Brennweite sogar an die Japaner ran, was Abbildung und Schärfe angeht. Sie sind jedoch grundsätzlicher "wärmer" als vor allem die TAKs.

Die Venus also. Sie ist so verdammt hell, dass es für mich fast keinen Sinn macht, sie überhaupt zu beobachten. Das Ding ist ein sehr heller Lichtpunkt neben der Sonne, dazu noch ziemlich dynamisch, was die Beobachtungsbedingungen angeht; Aber sonst? big deal ...
Doch dann vermachte mir ein lieber Astro-Freund einen gVWF (grünen Venus-Wunderfilter). Dem Aussehen nach ist er von Baader, doch er ist außen zusätzlich mit Wellenlängen-Hieroglyphen beschriftet. Mit Tip-Ex, glaube ich. Die genaue Herkunft ist, zumindest mir, unbekannt. (Klar, es ist ja auch ein Wunderfilter. Und was für einer!).

Die Fassung ist hochwertig, das Gewinde einwandfrei, keine Bastelei. Und das Bild ist über jeden Zweifel erhaben - wobei ich alles bin, aber kein Filterspezialist. Sagen kann ich dennoch, dass das Bild des Planeten so angenehm reduziert ist, dass die Phase absolut problemlos und wunderbar scharf bis in die "Ecken" des Terminators sauber abbildet. Mit keinem anderen Filter habe ich die Venus bisher so präzise beobachten können.
Das schönste Bild ergab sich für mich mit dem K10 mm bei 84-facher Vergrößerung.

Doch hat es die Venus immer eilig. Und so hieß es jetzt, auf die Sterne zu warten.
Zumindest war es nicht kalt.

Der zwischenzeitliche Sonnenuntergang war wie aus einem großformatigen Bildband für Steppenlandschaften*.
Das Unglaublichste daran war seine Symmetrie.
Ich habe, glaube ich, noch niemals einen solchen, in alle Richtungen absolut und völlig gleichmäßigen Sonnenuntergang erlebt. Es war surreal.
Vom dunklen Horizont, über irgendwelche braun- und allerletzte grüngetönte, feine Streifen unter einem mandarinenfarbien Gelborange, changierend in verschiedene schwimmingpoolfarbene Türkistöne, ging das Firmament langsam über in ein hauchzartes, reines Hellblau, das völlig unaufgeregt zu einem dunklen, samtigen Bleigrau im Zenit verschmolz.

Der helle WAHNSINN!

Und genau das war das Problem: Es war noch ziemlich hell.
Und zwar so hell, dass der alte Ursus keine Sternbilder ausmachen konnte (ja, ich weiß, hört auf zu lachen!). Okay, hinter dem Ökonomiegebäude des Nachbarn ging gerade der Vollmond auf, was keine Hilfe war. Und außerdem hatte ich eh alles vergessen seit letztem Sommer.

Da fiel mir das "Gucki" von VIXEN wieder ein (SG 2.1 x 42), das ich viel zu selten in der Hand habe. Es hatte mir früher geholfen, mich (angesichts der Schei§-Kombination von Fernbrille/Lesebrille und meiner Unfähigkeit, mir Sternbilder zu merken) am Himmel zurechtzufinden.
Nur war es noch ein bisschen hell und deswegen habe ich wieder was gelernt - Nämlich wie der Eindruck bei diesen Teilen entsteht, dass sich der Nachthimmel über dem Beobachter fast plastisch wölbt. Ich konnte mir den Effekt bisher nicht erklären.
Bis ich den abendlichen Horzizont damit beobachtete. Das Bild des Nachbarbaumes, der sich gegen den Orangenhimmel abzeichnet, ist verstörend. Nur ein enger Kreis in meinem Sichtfeld ist scharf. Der dicke Ring darum (mindestens zwei Drittel des Feldes) verschwindet unter der starken Krümmung und zunehmend verzerrt im visuellen Orkus des Betrachters. (So muss mein Schulkamerad in der Grundschule ca. 1973 die Welt gesehen haben - winzige Schweineäuglein im Zentrum von Cola-Flaschen-Böden, gefasst in einem breiten silbernen Kassengestell. (Und die Schwarzes-Loch-Szenen in "Interstellar" sind garantiert ebenfalls dadurch entstanden. Der Regisseur muss auch so ein Ding haben).

Bei schnellen Newtons gefürchtet; am Gucki echt funky!
Aber das Teil funktioniert tadellos, wenn es dunkel genug ist. So geht der Komplette Korpus des "Wagen" ins Sichtfeld, was die Orientierung für Anfänger und ältere Herrschaften erheblich erleichtert.

Gefunden habe ich trotzdem nichts.
Uns so bin ich einfach mit dem 40-er original-Okular von ZEISS ein wenig spazieren gegangen. Es war schön, sich am Himmel einfach mal treiben zu lassen. Über die erhofften Sternhaufen bin ich leider nicht gestolpert (obwohl ich gewettet hätte, jeweils in der richtigen Ecke unterwegs zu sein), wohl aber über den einen oder anderen Doppelstern. Und das waren wirklich tolle Eindrücke (K15, 56-fach). Ein Paar war klein/blau neben mittelgroß/hellgelb - Albireo war's nicht. Eine Beschreibung von zweifelhaften Wert, doch der Anblick hat mich wirklich erfreut, selbst wenn ich nicht weiß, was zum Henker ich eigentlich gesehen habe.

Nach einigen Dopelsternen, einer drehbaren Sternkarte aus Pappe und einer Sternschnuppe (bei der ich mir gewünscht habe, den verdammten Sternhaufen doch noch zu finden), landete ich schlussendlich bei M5.
Wichtig war mir der, weil ich seinen Anblick einigermaßen gut kenne und ihn regelmäßig dazu nutze, Okulare gegeneinander auszuprobieren. Denn ich wollte ein Luxusproblem lösen. Der Zufall (und ein alter Astro-Freund) hatte dazu geführt, dass ich ein 15er Weitwinkel von SPECTROS an Land ziehen konnte. Und da die zwei 15er aus der ersten und der zweiten Serie bereits vorhanden waren, konnte ich alle drei direkt hintereinander testen und vergleichen; um zu sehen, wer am besten Abschneidet.
Ein Luxusproblem eben.

In aller Kürze: alle drei sind, im Rahmen ihrer technischen Möglichkeiten, Spitzenokulare.
Das Bild war dennoch erwartungsgemäß dunkel (63 mm Apertur) und nicht viel mehr als ein bleierner Wattebausch, jedoch erfreulich differenziert am Rand; aber duster. Es brauchte jeweils einen Moment und die komplette Adaption an die Dunkelheit, um damit "arbeiten" zu können. Die Okulare der ersten beiden Serien schenken sich überhaupt nichts, ich schätze, sie sind absolut baugleich. Die wirklich beeindruckende Überraschung in dem Trio war jedoch das Weitwinkel. Seine Öffnung ist erheblich größer, was den Einblick zum Genuß macht, angesichts seines nur einzölligen Korpus'. Und das Sichtfeld von 60 ° ist, verglichen mit den anderen beiden, schlicht phänomenal. Der Nebelfleck schien (!) deutlich heller, und er stand plötzlich inmitten seiner zwei oder drei hellsten Nachbarsterne, was für einen viel plastischeren Eindruck sorgte.
Das war ein Unterschied wie Tag und Nacht - bei gleicher Brennweite.

Subsummiert: wer am hochwertigen Altglas zeichnet, sollte nach einem einzölligen 15er Weitwinkelokular (60° Erfle) von SPECTROS suchen!

Doch dafür - zum Zeichnen - war ich dann doch zu müde (zu faul, eher) und so packte ich zusammen.
War trotzdem wieder mal ein netter Abend!

Schöne Grüße,
Urs


*Ich muss gestehen, dass der "Dübel", den ich mir an diesem Abend seit langer Zeit wieder einmal gegönnt habe, zu den Farbeindrücken zumindest beigetragen hat :oops:
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo Urs,

vielen Dank für Deinen Beobachtungsbericht!
Wieder einmal etwas erfrischendes - hab' viel gelacht.
Weiter so!

Liebe Grüße
Egbert
 
Liebe Glasaugen,

War trotzdem wieder mal ein netter Abend!

*Ich muss gestehen, dass der "Dübel", den ich mir an diesem Abend seit langer Zeit wieder einmal gegönnt habe, zu den Farbeindrücken zumindest beigetragen hat :oops:
... Hallo Urs
So soll es sein !
Ich hoffe es wird nnoch einige geben, ... auch für alle anderen die Astronomie mögen und betreiben.
Gruss sendet
Marco
 
Hallo Urs,

auch von mir danke für diesen erfrischenden Bericht. Als Schenker des besagten Wunderfilters kann ich hierzu Aufklärung leisten. Es handelt sich um ein Baader Solar Kontinuum mit 10nm Halbwertsbreite und 540nm Zentralwellenlänge. D.h. ein grüner Linienfilter. Super für die Venus. Weitere Ausführungen zu Eigenschaften und Nutzung dieses Filters mache ich hier:

Aus irgendeinem Grund war die Fassung nicht bedruckt. Die Hieroglyphen - dies wird die Altertumsforscher interessieren - brachte ich mittels eines weißen Eddingstifts des Typs "Glass, Metal, Plastic" 0,8mm an.

Diese seltsam-wunderbaren Sonnenuntergängen war auch hier, weiter nördlich im Rheintal - wir sind ja beide Talbewohner, nur einige hundert km am selben Strang entfernt - die letzten Tage zu bestaunen. Freilich war mein Gedanke dabei: "Igitt, Smog". Da hilft das Dübeln doch sehr. Mir fehlt die innere Freiheit, mich beim Beobachten zuzudübeln. Ich will immer besonders wach dabei sein. Wobei ich auch heute noch gerne daran zurückdenke, wie ich eine zeitlang - es war einfach nötig - mich mit Rotwein abends nach der Arbeit zudröhnte und dann in der Hängematte bewegungsunfähig und glücklich das Firmament bestaunte.

Beste Grüße, Christopher
 
Hallo Urs,
vielen Dank für den wunderschönen Bericht. Das Schmunzeln werde ich heute so schnell nicht aus dem Gesicht bekommen — danke auch dafür! :)
 
Lieber Urs, danke für Deinen wunderbar poetischen Bericht! Du hast mich jetzt aber neugierig gemacht mit dem "Gucki". Ich dachte immer - hä, was soll ich mit zweifacher Vergrößerung? Aber Du hast die Antwort gegeben: Durchgucken und genießen :D .
LG Wolfgang
 
Hallo, Urs,
danke für diesen tollen Bericht in gewohnter "Urs Manier". Die Beobachtung der Venus hat mich wirklich auf den Geschmack gebracht, weil ich das überhaupt
auf meiner Beobachtungsroutine hatte. Es ist schon Jahre lang her das ich die Venus in´s Visier genommen hatte, aber die tolle Jupiteropposition vom Jahresanfang
hat mich wieder näher zu den Planeten gebracht.
Der Westhorizont ist bei mir etwas eingeschränkt, aber bei der nächsten Morgensichtbarkeit werde ich mich der Sache mal widmen.

Und Dir Christopher : Danke für den Tipp mit dem mit dem Grünfilter-Venus. Da ich schon vom häufigen mitlesen gemerkt habe das Du ein Filterspezialist bist,
werde ich diesen Tipp gerne annehmen, und mir mal so einen Filter zulegen.
Und nebenbei bemerkt, eure Seite - Freunde der Nacht - ganz großen Respekt, ihr habt da tolle Informationen zusammengetragen.

P:S : Urs, konntest Du das Lichtenknecker Fadenkreuzokular schon mal sinnbringend einsetzen?.

Beste Grüße und klare Nächte (am besten ohne Mond)
Thomas
 
Moin Urs - toller Bericht! ...mit Bild vom scope und den Okus wäre der noch toller... wir wollen doch auch was SEHEN ;)
 
Zurück
Oben