Über viele Jahre (es dürften 10 Jahre gewesen sein) war das Leica Tronovid 10x32 BA mein bevorzugtes Fernglas, das einerseits außerordentlich kompakt und mit ca. 670 g auch recht leicht war und andererseits nicht nur gut zu handhaben, robust und waserdicht war, sondern eine hervorragende Schärfe, sehr guten Kontrast und ein für mich als Brillenträger (bei meiner Gesichtsanatomie und meiner Brillenform) sehr gutes Einblickverhalten bot.
Dann habe ich zu einem Ultravid 10x42 und 12x50 gewechselt. Aber das Ultravid 10x42 war zwar wunderbar hell, für seine höhere Lichtstärke sehr leicht und durchaus immer noch kompakt, aber ich war ein wenig von der von mir als merkliche Randunschärfe empfundenen Bildfeldwölbung enttäuscht (aufgrund meiner alterbedingt schon geringeren Akkomodationsfähigkeit kann mein Auge den aufgrund der Bildfeldwölbung in einer anderen Entfernung abgebildeten Bildrand nicht scharf sehen). Wer noch jüngere Augen mit guter Akkomodationsfähigkeit hat, wird damit keine oder zumindest geringere Probleme haben und müßte von diesem Ultravid 10x42 eigentlich sehr angetan sein. Das Ultravid 12x50 wiederum hatte zwar auch erkennbare und von mir als Randunschärfe wahrgenommene Bildfeldwölbung, aber nicht so störend, zumal der scheinbare Sehwinkel mit ca. 68° wirklich riesig und ein leicht unscharfer Rand dann nicht mehr kritisch ist. Aber ich habe mich auch von diesem Fernglas wieder getrennt, weil es mir zum Mitnehmen einfach zu schwer war (ich bin bandscheibengeschädigt und schleppe außer einem Fernglas auch noch eine Fotoausrüstung mit mir herum, und die Gewichte addieren sich!).
Nachdem ich dann Gelegehiet hatte, die Nikon-Ferngläser 8x32 HG und 10x32 HG selbst zu testen, war ich von diesen so begeistert, daß ich mich trotz des relativ zum Trinovid 10x32 etwas höheren Gewichts (ca. 715 g) für diese beiden Ferngläser entschied. Beide haben ein etwas kleineres Sehfeld als die entsprechenden Trinovids und Ultravids, aber der Unterschied ist nicht gravierend. Für mich war die aufgrund sehr guter Bildfeldebnung deutlich bessere Randschärfe der entscheidende Punkt. Das Nikon 10x32 HG ist darin besonders gut (Sehfeld ca. 114 m auf 1000 m gegenüber 120 m beim Trinovid und Umtravid 10x32). Beim Nikon 8x32 HG ist die Randschärfe eine Spur geringer, aber für einen, der nicht mehr gut akkomodieren kann, immer noch deutlich besser als beim Leica Trinovid oder Ultravid 8x32.
Anläßlich der letzten „photokina” in Köln hatte ich Gelegenheit, das Zeiss 10x42 FL (nicht das 10x32 FL) auszuprobieren, leider aber nicht im Vergleich mit anderen Ferngläsern. Ich hatte hinsichtlich Einblickverhalten, Helligkeit und Mittenschärfe einen sehr guten Eindruck, stellte aber auch hier – ähnlich wie beim Trinovid und Ultravid – nicht ganz zufriedenstellende Randschärfe fest, die ebenfalls auf eine (von mir durch Akkomodation nicht auszugleichende) Bildfeldwölbung zurückzuführen ist. Somit kam auch das Zeiss FL für mich nicht in Frage. Ansonsten meine ich, daß Leica Ultravid und Zeiss FL wohl auf ziemlich gleichem Niveau liegen, in manchem Einzelkriterium das eine, in anderen das andere Glas eine Spur besser und daher je nach individuellen Vorlieben so oder so einzustufen. Welches der beiden also „besser” ist, muß jeder selbst für sich enstcheiden. Aber da die Unterschiede nur minimal sind, wäre auch eine „falsche” Entscheidung kein Beinbruch. Wer wie ich nur noch eine reduzierte Akkomodationsbreite hat (also alle ab ca. 50-55 Jahre), sollte auch das etwas schwerere Nikon HG mit geringfügig kleinerem Sehfeld in Erwägung ziehen. Wem dann Randschärfe wichtiger ist als ca. 100 g Mehrgewicht und wenige Meter kleineres Sehfeld, der sollte Nikon wählen, im umgekehrten Falle Leica oder Zeiss.
Was nun die andere Frage zur Bildhelligkeit und zum Objektivdurchmesser betrifft, so hängt die Antwort doch sehr davon ab, bis zu welcher Dämmerungshelligkeit man beobachten will. Mir hat die Objektivgröße 32 mm eigentlich immer ausgereicht; nur bei Astroeinsatz merkte ich eine deutliche Verbesserung bei 42 mm und erst recht bei 50 mm. Beim Einsatz in der Naturbeobachtung (inkl. Vogelbeobachtung) war mir immer 32 mm am liebsten, weil ich hier den idealen Kompromiß aus Handlichkeit und geringem Gewicht einerseits und Detailerkennbarkeit andererseits sehe. Außerdem habe ich bei den 32er-Ferngläsern immer ein deutlich größeres Sehfeld als bei den 42ern gleichen Fabrikats (gilt für Leica, Nikon, Swarovski und Zeiss gleichermaßen). Ich empfinde die 32er bei Tageshelligkeit auch durchwegs als eine Spur schärfer als die entsprechenden 42er. Das beruht teils auf dem geringeren Öffnungsverhältnis bei den kleineren Objektiven, das eine bessere Korrektion der Abbildungsfehler ermöglicht, aber teils auch darauf, daß man bei diesen Modellen die Augenpupille zwangsläufig besser zur Austrittspupille zentriert (man merkt es besser, wenn der Abstand der Okularachsen nicht mit dem der Augenachsen übereinstimmt und korrigiert nach, während man bei größerer Austrittspupille oft unbemerkt „exzentrisch” und damit zwangsläufig mit Asymmetriefehlern betrachtet, welche die Bildschärfe etwas herabsetzen und auch Farbsäume fördern.
Wenn ich mal die Pupillengrößen bei den Ferngläsern 10x32 und 10x42 vergleiche, ergibt sich folgendes: Das „durchschnittliche” Auge vergrößert die Augenpupille auf 3,2 mm etwa bei einer Leuchtdichte von 60 cd/mˆ2. Erst bei geringerer Helligkeit wird die Augenpupille größer und somit die größere Austrittspupille des 10x42-Fernglases nutzbar (in vollem Umfang erst unterhalb ca. 18 cd/mˆ2). Die Grenzhelligkeit von 60 cd/mˆ2 liegt ungefähr dann vor, wenn ein auf die Filmempfindlichkeit ISO 100/21° eingestellter Belichtungsmesser einen Lichtwert (EV = exposure value) von 9 anzeigt, was z.B. bei Blende 2,8 einer Belichtungszeit von 1/60 s entspricht. Die Helligkeit 18 cd/mˆ2 entspricht analog dazu einem Lichtwert knapp über 7 oder einer Belichtungszeit knapp über 1/15 s bei Blende 2,8 und ISO 100/21°. Wer eine Kamera mit Belichtungsmesser oder besser noch einen separaten Belichtungsmesser besitzt, kann mal unter seinen individuellen Beobachtungsbedingungen (bitte am Ort des Motivs, nicht des Beobachters!) messen, was der Belichtungsmesser anzeigt. Gibt er in der relevanten Dämmerung für ISO 100/21° und Blende 2,8 eine deutlich längere Zeit als 1/60 s an, dann wäre ein Fernglas 10x42 von Vorteil, andernfalls reicht ein 10x32 und zeigt unter diesen Bedingungen die gleiche Bildhelligkeit.
Alles andere ist eine Frage individueller Gewichtung. Was mir noch als kompakt und idealer Kompromiß aus Gewicht und Leistung erscheint, mag ein anderer nicht so sehen. Jeder muß das für sich selbst durch Ausprobieren herausfinden. Empfehlungen anderer können nur einen groben Richtwert angeben. Und der ist im Falle Leica Ultravid gegen Zeiss FL wegen der tatsächlich nur minimalen Unterschiede nicht sehr aussagekräftig. Mit anderen Worten: 1. Wer das Leica Ultravid kauft, kann damit glücklich werden, weil er damit ein exzellentes Fernglas besitzt, das wirklich fast perfekte Beobachtung ermöglicht. 2. Wer das Zeiss FL kauft, kann damit ebenfalls glücklich werden, weil … (weiter wie oben). 3. Wer das Nikon HG kauft, kann auch damit glücklich werden, weil … (dito).
Wer aber eines dieser drei Modelle kauft und, statt damit schöne Beobachtungen anzustellen, fortlaufend in Selbstzweifeln herauszufinden versucht, ob er (oder sie) nicht doch das nur zweit- oder drittbeste Fernglas gekauft hat, ist selber schuld, wenn er (oder sie) darüber unglücklich wird.
Das war leider keine ganz eindeutige Stellungsnahme, wie vielleicht erwartet, aber ein guter Rat.
Zum Schluß noch kurz zu der nicht direkt an mich gerichteten Frage, was denn die Formeln und die sich daraus ergebenden Dezimalzahlen bedeuten: Es handelt sich bei den mit „mag” bezeichneten Zahlen um die scheinbare Helligkeit (Fachausdruck „Magnitude”) der gerade noch mit bloßem Auge (in der Formel „mag.auge” genannt) bzw. durchs Fernglas erkennbaren schwächsten Sterne. Wenn man also bei einem bestimmten dunklen oder auch lichtverschmutzten Himmel Sterne bis zu einer gewissen Magnitude mit bloßem Auge erkennt, dann erkennt man gemäß der angegebenen Näherungsformel mit einem 32er-Fernglas unter identischen Sichtbedingungen Sterne mit einer um 3,3 größeren Magnitude und mit einem 42er-Fernglas mit einer um 3,9 größeren Magnitude. Die Formel ist aber nur eine Näherungsformel, weil z.B. die Transmission des Fernglases, seine Abbildungsschärfe und auch die Vergrößerung darin unberücksichtigt bleiben (bei stärkerer Vergrößerung wird den Himmelshintergrund dunkler, so daß auch noch etwas schwächere Sterne erkennbar werden). Sie ist aber zumindest zur groben Abschätzung bzw. beim Vergleich von Ferngläsern gleicher Vergrößerung und ähnlicher Transission und Abbildungsgüte durchaus brauchbar. Allerdings sollte der Formelteil „2,5 · log ((D/d)ˆ2)” vereinfacht werden zu „5 · log (D/d)”, also durch Herausnehmen der Hochzahl 2 als Faktor vor den Logarithmus.
Zu ergänzen ist für Nicht-Hobbyastronomen noch, daß eine größere Magnitude nicht größere, sondern geringere Helligkeit bedeutet. Das beruht auf einer etwas unglücklich gewählten historischen Definition der Magnitude, die später trotzdem beibehalten wurde: Die Helligkeit des Sterns Wega im Sternbild Leier wurde als Magnitude 0 definiert, und dann hat man eine mathematische Formel zur weiteren Berechnung aufgestellt, die ein Strahlungsleistungsverhältnis von 1:100 in 5 Stufen einer geometrischen Folge teilt und in etwa den Größenklassen der „alten Griechen” entsprach, welche für die mit bloßem Auge bei sehr dunklem Himmel sichtbaren Sterne 6 Größenklassen umfaßte. Man muß es halt nur wissen, daß eine größere Magnitude geringerer und nicht größerer Helligkeit entspricht, dann spielt es keine Rolle, daß die Festlegung ehemals hinsichtlich des Vorzeichens unglücklich war.
Walter E. Schön