Hallo Robert,
die Aussage, ein Dachkantglas würde stärker vergrößern als ein Porroglas gleicher Daten (z.B. 10x50) ist einerseits falsch, wenn man die Vergrößerung daran mißt, unter welchem Sehwinkel „beta” man einen entfernten Gegenstand durchs Fernglas sieht, der ohne Fernglas unter dem Sehwinkel „alpha” erscheint. Insofern hat Gabriel mit seinem Kommentar „Unsinn” eine richtige Antwort gegeben.
Aber andererseits ist die Behauptung des Händlers auch nicht völlig absurd, denn tatsächlich tritt ein Effekt auf, der subjektiv diesen Eindruck etwas stärkerer Vergrößerung beim Dachkantfernglas hervorruft. Ich bin nämlich selbst erst vor etwa zwei Monaten auf diesen Effekt gestoßen, als ich mein neues Leica Ultravid 10x42 BR mit meinem Nikon 12x50 SE CF verglich: Mir kam es beim Wechseln zwischen diesen beiden Ferngläsern tatsächlich so vor, als würden beide nahezu gleich stark vergrößern, obwohl doch das Nikon-Glas um 20% stärker vergrößern sollte. Zwar war das Gesichtsfeld des Ultravids 10x42 BR nicht nur wegen der geringeren Nominalvergrößerung, sondern auch wegen der weitwinkligeren Okulare deutlich größer (110 m gegenüber 87 m auf 1000 m), was mich auch – wie Thomas in seiner obigen Antwort – im ersten Moment vermuten ließ, daß es damit zu tun haben könnte. Aber weil hier die vergrößerungssteigernde Wirkung (wie Thomas richtig vermutet) eigentlich das Glas mit dem kleineren Gesichtsfeld begünstigen müßte, mir jedoch die Vergrößerung des Glases mit dem größeren Gesichtsfeld stärker vorkam, habe ich diese Vermutung gleich wieder verworfen und weiter darüber nachgedacht, was wohl die wirkliche Ursache sein könnte. Und ich glaube, mit folgender Überlegung die richtige Erklärung für diesen Effekt gefunden zu haben:
Beim Porrofernglas wird die Stereobasis durch den größeren Objektivabstand vergrößert, was im Nahbereich (nicht jedoch bei unendlicher Entfernung) zu einer stärkeren Konvergenz der Augenachsen führt. Da das Gehirn die abzuschätzende Entfernung eines Gegenstandes nicht aus der Akkomodation, sondern aus dem „Schielwinkel” (= der Konverenz) der Augenachsen ermittelt, meint es, den durchs Fernglas gesehenen Gegenstand bei einem Porrofernglas in kürzerem Abstand zu sehen, aber natürlich bei gleichem Vergrößerungsfaktor der Ferngläser unter demselben Bildwinkel wie bei einem entsprechenden Dachkantfernglas. Und genau dieser Effekt erzeugt den subjektiven Eindruck, man würde den Gegenstand durchs Porrofernglas kleiner sehen! In der Stereofotografie wird dieser von einer vergrößerten Stereobasis hervorgerufene Verkleinerungseffekt als „Liliputismus” bezeichnet.
Vielleicht ist zum besseren Verständnis dieses Zusammenhangs noch folgende Erklärung hilfreich: Wenn ich einen Gegenstand z.B. in einem Dachkantfernglas unter dem Winkel 10° scheinbar in einer Entfernung von 10 m scharf sehe, meine ich, ihn im nominell gleich stark vergrößernden Porrofernglas mit beispielsweise doppet so großer Stereobasis (= Objektivabstand) in nur 5 m Entfernung, aber natürlich ebenfalls unter dem Winkel 10° zu sehen. So stellt sich die Vorstellung ein, im ersten Falle einen 10 m entfernten 1,75 m großen Gegenstand und im zweiten Falle einen 5 m entfernten nur 0,875 m großen Gegenstand zu sehen. Es ist also in beiden Fällen der Sehwinkel derselbe, nämlich 10°, und ich sehe bei gleicher Fernglasqualität auch gleich viele Details in gleich guter Schärfe, aber habe unwillkürlich den Eindruck, im Dachkantglas einen größeren Gegenstand (in entsprechend größerer Entfernung) zu sehen. Es handelt sich also um genau denselben Effekt, der den Eindruck hervorruft, der Vollmond in Horizontnähe habe einen größeren Durchmesser als in Zenithöhe, weil man aufgrund der Annahme einer flachen Himmelsschale anstelle einer exakten Halbkugel sich den Mond in Horizontnähe in größerer Entfernung vorstellt (sog. „Mondtäuschung”). Ein weiter entferntes Objekt kann man aber nur dann unter dem gleichen Sehwinkel sehen wie ein näher liegendes, wenn es tatsächlich größer ist. Also halten wir den Mond für größer, wenn er tief am Himmel steht.
Im Dachkantglas haben wir analog dazu aufgrund des kleineren „Schielwinkel” den Eindruck, einen Gegenstand in weiterer Entfernung als mit dem Porroglas unter demselben Sehwinkel zu sehen, also täuscht uns auch das vor, es handele sich bei dem im Dachkantglas betrachteten Gegenstand um einen größeren als bei dem, den wir im Porroglas sehen. Man könnte auch sagen, das Dachkantglas zeigt uns den Mond so, als stünde er nahe im Horizont, das Porroglas dagegen so, als stünde er nahe dem Zenit. Aber das hat, wie gesagt, keine Auswirkung auf Detailerkennbarkeit oder Schärfe!
Ich habe inzwischen ein Leica-Dachkantglas Ultravid 12x50 BR, und so konnte ich später auch dieses mit dem Nikon-Porroglas 12x50 SE CF vergleichen, wobei nun beide Gläser exakt dieselben Daten 12x50 aufwiesen und besser vergleichbar waren. Und auch hier hatte ich beim Wechseln zwischen den beiden Ferngläsern wieder den subjektiven Eindruck, das Leica-Dachkantglas würde bei endlichen Entfernungen (im Nahbereich) ein wenig stärker vergrößern. Um ganz sicher zu sein, daß ich erneut dem oben beschriebenen Effekt unterworfen war, habe ich durch beide Ferngläser Aufnahmen mit meiner Digitalkamera gemacht. Die Auswertung der Fotos ergab erwartungsgemäß exakt dieselbe Vergrößerung, weil ja die (einäugige) Digitalkamera auf die Täuschung durch die unterschiedliche Konvergenz der beiden Augenachsen nicht hereinfällt.
Wenn man das weiß, darf man dem Händler nicht mehr „Lüge” oder „Unsinn” vorwerfen, sondern muß ihm zubilligen, daß er diesen subjektiven Effekt gemeint haben dürfte (auch wenn ihm selbst nicht klar gewesen sein dürfte, aus welchem Grund sich diese Täuschung ergibt).
Zum Schluß muß ich noch der Vollständigkeit halber anmerken, daß die obigen Überlegungen nur für Porrogläser gilt, deren Objektivachsenabstand größer ist als ihr Okularachsenabstand. Es gibt ja auch kompakte Porrogläser, deren Objektivachsen einen kleineren Abstand haben als ihre Okularachsen. In diesem Falle müßte mit der verkleinerten Stereobasis nicht nur ein Verlust an räumlicher Wirkung, sondern auch der subjektive Eindruck einer stärkeren Vergrößerung (sogar noch stärker als bei Dachkantgläsern) einhergehen. Leider beitze ich kein derartiges Porroglas, aber vielleicht kann einer der Leser dieses Betrags diesen Effekt bestätigen.
MfG Walter E. Schön