Erste Beobachtungsnacht in den Alpen

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Delyon

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Beobachtungszeitraum: &./7. Juni, ca. 22-3 Uhr
Beobachtungsort: Annaberg bei Mariazell (Niederösterreich)
Verwendetes Teleskop: Skywatcher 80/600 ED auf AZ4
Verwendete Okulare und Filter: 32mm Erfle, Explore Scientific 14mm/6,7mm/4,7mm, Astronomik UHC-Filter 2"

Als am Freitag mal wieder Wetter und Terminkalender passten, beschloss ich, nicht zu meinem Stammbeobachtungsplatz im Weinviertel zu fahren, sondern etwas Neues auszuprobieren und endlich mal die lange Anfahrt mit dem Bus auf mich zu nehmen, um im Hochgebirge zu beobachten. Als Ziel hatte ich mir das kleine Dorf Annaberg bei Mariazell auserkoren: In einer der dunkelsten Gegenden Mitteleuropas gelegen (Blau auf der Lichtverschmutzungskarte) und mit 976 Metern im Ortskern schon ordentlich hoch, ganz ohne teure Bergbahn und mühelos ohne Auto erreichbar. Vom Ort aus wanderte ich mit der Ausrüstung noch ein Stück den Berg hinauf, bis ich eine schöne Wiese mit freier Sicht fand, dürfte also auf einer Seehöhe von etwa 1000-1050m gewesen sein.

In der Dämmerung startete ich mit etwas Mondbeobachtung, Deep Sky würde ja eh erst gehen, wenn der reichliche Halbmond gegen 1 Uhr nachts untergehen würde. Erstmals nutzte ich dabei das ES 4,7mm zur Mondbeobachtung, und noch bei 127x bildet der ED komplett farbfehlerfrei ohne jeden Blausaum ab, mit Ultraweitwinkelokularen macht die entspannte Mondbeobachtung da schon viel Laune, auch wenn das Seeing nicht so berauschend war. Ein Blick auf den Jupiter gab nicht viel her: Schon recht tief am Horizont und beim erwähnten durchwachsenen Seeing war auf der schon deutlich geschrumpften Planetenkugel außer den beiden Hauptwolkenbändern nicht viel zu sehen, auch den etwas später beobachteten Saturn habe ich schon besser gesehen, trotzdem vertreibe ich mir mit dem Ringplaneten etwas Zeit, ehe es richtig dunkel wird.

Aufziehende Schleierwolken machten in Kombination mit dem hellen Mondlicht erst einmal alles andere unmöglich, aber kurz nach Mitternacht begannen sich die Wolken aufzulösen und wurde der Himmel immer besser, auch wenn die Nacht ziemlich feucht war und sich jetzt schon im Gras und auf dem Teleskop etwas Tau bildete. Als der Mond dann endlich unterging, bot sich ein trotz feuchter Luft grandioser, stockfinsterer Himmel, wie ich ihn noch nie gesehen habe: Die zusätzlichen Höhenmeter bedeuten gegenüber meinem schon guten Weinviertler Flachlandstandort doch nochmal eine ganz andere Dimension der Himmelsqualität. Eine einfach unbeschreibliche Sternenzahl, eine leuchtend helle, reich strukturierte, sich von Horizont zu Horizont ziehende Milchstraße, M13 mühelos mit bloßem Auge sichtbar, der Lagunennebel ist mit bloßem Auge fast schon ein grelles Objekt, Grenzgröße dürfte etwa 7 mag gewesen sein. Im Flachland und an Mittelgebirgsstandorten habe ich inzwischen schon einiges an gutem Himmel gesehen, aber das hier verschlug mir einfach die Sprache - die Kombination aus extrem niedriger Lichtverschmutzung und über einem Kilometer Höhe bringt es einfach.

Ich bin erst einmal eine ganze Weile nicht aus dem Milchstraßenbewundern mit bloßem Auge herausgekommen, und als ich mich dann ans Teleskop setzte, wurde nichts aus dem Vorsatz, bisher ungesichtete schwache Funzeln aufzusuchen - mich packt die Neugier, wie bekannte Standardobjekte unter solchem Wahnsinnshimmel aussehen. Zuerst geht es zum Nordamerikanebel, der im 32mm Erfle ganz deutlich seine charakteristische Form zeigt und mit UHC-Filter erst recht prächtig wird. Bei dem Himmel kann ich mich, um doch etwas Neues zu sehen, ja auch mal am Cirrusnebel versuchen, und siehe da: Der hellere Teil NGC 6995 ist schon ohne Filter sofort als schwacher Lichtschleier sichtbar, mit UHC-Filter wird er sehr deutlich, zeigt Helligkeitsabstufungen und etwas Struktur, sieht aus, wie ich es nur von Zeichnungen mit viel größeren Teleskopen kenne. Wie ein im Wind flatterndes Kleid aus Licht sieht der Nebel aus, ein wunderschöner Anblick, gehört zum Schönsten, was ich jemals im Okular hatte. Der schwächere Teil NGC 6960 zeigt sich mit UHC-Filter als schwaches Lichtband beiderseits von 52 Cygni, offenbart aber keine Struktur und reicht bei Weitem nicht an die Schönheit von NGC 6995 heran.

Weiter zum Hantelnebel M27, der ohne Filter schon ansatzweise die Ohren zeigt und bei dem ich mich mit UHC-Filter wieder frage, ob ich da eigentlich wirklich mit acht ZENTIMETERN statt mit acht ZOLL Öffnung beobachte. Der Nebel ist sehr hell, und die Ohren heben sich ganz deutlich und klar begrenzt ab, der hellere Teil des Nebels sieht wie eine Axtklinge auf einem grauen Medaillon aus. Der Ringnebel M57 zeigt sich als schöner Kringel, dann kommen die Kugelsternhaufen dran. M13 ist überwältigend, zerfällt bei 89x im 6,7mm ES in haufenweise Einzelsterne am Rand und lässt sich noch gewinnbringend bis 127x vergrößern, wo das Bild zwar schon recht dunkel ist, aber noch mehr Einzelsterne sichtbar werden - und wieder die Frage: Hat da wer heimlich doppelt oder dreimal so große Linsen eingesetzt? Nach einem Blick auf M92 geht es zu M15 im Pegasus, bei dem ich erstmals Einzelsterne sehe (Bisher nur mit grieseligem Rand). Die Kugelsternhaufen M56 und M71 zeigen sich hell, aber lassen sich nicht auflösen. M22 im Schützen dagegen ist eine Pracht: Trotz des tiefen Standes jede Menge Einzelsterne, fast schöner als M13. Als letzter Kugelsternhaufen kommt M28 dran, der sich aber nur als Wattebausch ohne Struktur zeigt. Aber wenn ich schon einmal im Schützen bin, stehen Nebel an!

Los geht es mit dem Lagunennebel M8, mit UHC-Filter eine Wucht. Der Nebel ist sehr hell und deutlich, der hellste Teil sieht aus wie das Gesicht eines grotesken Ungeheuers, aus dem als Augen zwei helle Sterne hervorblitzen, wobei der Nebel einen besonderen Reiz durch den in ihn eingebetteten Sternhaufen erhält. Der Trifidnebel M20 ist hell und deutlich, zeigt seine charakteristische rundliche Form, ist aber nicht so reizvoll wie der Lagunennebel. Nachdem ich mir bei 18x im Erfle etwas Richfieldvergnügen mit der Sternwolke M24 gegönnt habe, geht es hoch zum Omeganebel M17, der sich sehr hell und detailreich zeigt und mich an einen von schwächeren Nebelwölkchen umgebenen Hammerhai aus Licht erinnert.

Nach so vielen Sternhaufen und Nebeln dürfen auch die Galaxien nicht zu kurz kommen, ehe die kurze Juninacht in Dämmerung übergeht. Mich packt der Ehrgeiz: Sollte es unter so phantastischen Bedingungen mit dem kleinen Rohr vielleicht möglich sein, die Spiralstruktur von M51 zu knacken? Hoffnungsvoll nehme ich das Galaxienpaar M51/NGC5195 ins Visier, das sich auch kräftig heller und konturierter zeigt, als ich es bisher gesehen habe, aber die Spiralstruktur sehe ich nicht wirklich, weder bei 43x noch bei 89x (Bei 127x wurde es entschieden zu dunkel). Aber mir scheint, dass nicht sehr viel fehlte - die Galaxien sahen im Okular ziemlich präzise so aus wie auf Binoviewers Grafik vom 150/750er Newton (http://www.binoviewer.at/beobachtungspraxis/teleskopvergleich_deepsky.htm). Danach gab es einen Blick auf M81/82, wobei M81 einen größeren und deutlicheren Halo zeigt, als ich es gewöhnt bin. M94, M63 und M108 zeigen dagegen nicht wirklich mehr, als ich es von gutem Flachlandhimmel kenne. M101 ist bei 18x sofort deutlich und ausgedehnt sichtbar, zeigt aber keine Spiralstruktur.

Leider neigte sich hier das kurze Zeitfenster wirklicher Dunkelheit schon dem Ende zu, der Horizont begann merklich aufzuhellen, und so warf ich noch einen Blick auf die trotz des niedrigen Standes schon ganz nette Andromedagalaxie mit Begleitgalaxien, auf h&chi, M52 und noch einige offene Sternhaufen, ehe es zu hell wurde, ich zusammenräumte und abwartete, bis ich das Erwachen der Natur und den Gipfel des Ötscher im Morgenlicht genießen konnte, bis es schließlich vorbei an Fuchs, Dachs und Reh in den Ort hinunterging und ich mit dem Postbus nach Wien zurückfuhr.

Wenn ich in dieser Nacht eines gelernt habe, dann: Höhe ist mindestens genauso wichtig wie Dunkelheit, und die Kombination aus sehr dunkler Gegend und großer Höhe unschlagbar - da wird ein 80mm-Refraktörchen zur Deep Sky-Kanone, und das alles in einer Nacht mit ziemlich hoher Luftfeuchtigkeit. Das wird wohl mein neuer Stammbeobachtungsplatz, und ich freue mich schon darauf, das nächste mal den 120mm-FH mitzunehmen, mit dem dürften hier Nebel und Galaxien eine Pracht werden.

CS,
Fabian
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
Hallo Fabian,

ein toller Bericht, der in der Tat Lust auf mehr macht :-)

Viel Spaß in den Bergen
Ralf
 
Hallo Fabian,

herzlichen Glückwunsch zum gelungenen Ausflug! Netter Bericht dazu. Das eine oder andere Bildchen von Deinem Platz bzw. Ausflug würde das Ganze noch schön untermalen...

CS

Norman
 
Hallo,

mit einem eigenen Foto kann ich leider nicht dienen, allerdings habe ich diese Aufnahme gefunden, die ganz in der Nähe meiner Beobachtung weisse geschossen wurde und einen guten Eindruck der Gegend gibt:

www.wanderdoerfer.at/wp-content/blogs.dir/1/files/annaberg-pairs/hintergrundbild-bluetenmeer-annaberg.jpg
 
Hallo Fabian,
ein wirklich sehr schöner Bericht!
Von UHC-Filtern lese ich ja schon des öfteren und an einigen Objekten scheint dieser seine Wirkung wirklich gut auszuspielen.. :)

Deine Objektbeschreibungen waren sehr schön und das Bild, wo ja anscheinend dein Beobachtungsplatz nicht weit entfernt war, lässt einen den guten Himmel nur erahnen ;)

LG und Cs

Lukas
 
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