Hallo Apollo,
eine sehr späte Antwort <img src="/phpapps/ubbthreads/images/icons/wink.gif" alt="" />
Dass man den "3D Atlas" nicht wirklich *braucht*, dürfte von vornherein klar sein. Also dauerte das bei mir eine ganze Weile, bis die Neugier so groß war, dass ich mich zum Kauf durchgerungen habe.
Der 3D-Atlas bietet mit seinem Planetariumsmodus eine sehr geschmeidige Himmelsdarstellung, die für eine erste Orientierung am Himmel ausreichen mag. Als Programm für praktische Beobachter ist dieser Modus aber mangels weitergehender Daten oder Funktionen nicht geeignet. Hat mich in mancher Hinsicht an das schöne Freeware-Programm Stellarium erinnert. Der Clou ist aber, dass man direkt aus dem Planetarium heraus sozusagen in einen anderen Modus fliegen kann, wenn man sich zu einem Stern oder Planeten begeben möchte.
Der Flug durch das Sonnensystem beeindruckt mit einer tollen und seidenweich animierten Grafik - meine ganze Familie saß begeistert vor dem 16:9 Notebook und ließ sich die Planeten zeigen. Man kann entweder ein Ziel auswählen "und das Programm fliegt hin" oder man versucht selbst sein Glück als interplanetarer Pilot. Dies ist allerdings gewöhnungsbedürftig: um Gas zu geben bzw. zu verzögern bewegt man die Maus vor und zurück, für Schwenks nach links oder rechts (Gierbewegung) schiebt man die Maus zur Seite und mit gedrückter rechter Maustaste steuert man die Nickbewegung. Dabei muss noch die linke Maustaste gedrückt werden. Wenn man sie loslässt, stoppt die Bewegung. Naja, man gewöhnt sich an alles...
Schade, dass eine Steuerung über die Tastatur nicht möglich ist - ich hätte das praktischer gefunden. Und auf einem Notebook ohne Maus ist die Steuerung praktisch nicht zu bewerkstelligen. Da bleibt dann die programmgesteuerte Bewegung.
Neben dem freien Flug (der nach einiger Übung richtig Spaß macht!!) gibt es auch die Möglichkeit, ein Objekt zu umkreisen. Damit kann man sich die Planeten und die Flotten ihrer Monde besonders gut ansehen.
Leider fällt auf, dass die Entwickler den Schattenwurf der Himmelskörper nicht berücksichtigt haben. So fehlt der Schatten des Saturnrings auf dem Planeten und der Planetenschatten auf dem Ring. Zur Simulation von Finsternissen (oder Jupitermond-Ereignissen) ist der 3D-Atlas damit leider nicht geeignet (was ich aus didaktischen Gründen sehr begrüßt hätte).
Neben der Bewegungssteuerung kann man die Darstellung als Animation mit (diskret) einstellbarem Zeitschritt laufen lassen, was sehr interessante Einsichten in das Bewegungsverhalten der Monde ermöglicht. Das Umkreisen eines Planeten verdeutlicht auch besonders schön, das es mehrere Gruppen von Monden der äußeren Planeten gibt, die mit verschiedenen Bahnneigungen umlaufen.
Das Rendering der Planeten ist allererste Sahne und auf einem entsprechenden Rechner macht es wirklich Spaß, so schwer- und zeitlos durchs Planetensystem zu flitzen.
Auch der Flug in die Sternenwelt bringt eine Menge interessanter Einsichten. Die Tiefe der Sternbilder (die sich sehr schnell zur Unkenntlichkeit auflösen, wenn man einige Lichtjahre darauf zufliegt) wird erfahrbar; ebenso kann man wenigstens ansatzweise den Verlauf einzelner Spiralarme erahnen, weil dort die Sternendichte höher ist.
Relativ enttäuschend fand ich den Flug um unsere Milchstraße herum: sie wird als flache Scheibe dargestellt und es ist nicht möglich, in die Sternwolken hineinzufliegen. Selbstverständlich existieren dafür nicht genügend Daten und 10^11 Sternpositionen kann kein PC mehr rendern. Mir hätte aber gefallen, wenn man wenigstens eine zufällig verteilte Sternpopulation spendiert hätte, deren Dichte den wahren Verhältnissen in etwa entspricht. Ich hatte nach einem schönen Artikel in interstellarum (über den Aufbau der Milchstraße) nämlich die Idee, dass man doch mit einer solchen Verteilung in der Lage sein sollte, sich quasi in unseren Spiralarm hineinzusetzen und dann zu sehen, wie sich die Milchstraße am Himmel darstellt. Die Sternwolken der Milchstraße an unserem Himmel ergeben sich ja gerade aus dem (tangentialen) Blick in die Spiralarme hinein. Schade, damit ist beim 3D-Atlas leider Fehlanzeige.
Sehr spannend fand ich aber die Möglichkeit, die großräumigen Strukturen des Kosmos zu erkunden: Galaxienhaufen und Superhaufen werden erkennbar, man kann endlich einmal "live" erleben, wie die lokale Gruppe aufgebaut ist und erlebt bei einem Flug in die richtige Richtung das Getümmel der Galaxien im Virgohaufen. Umkreist man die Milchstraße aus sehr großer Entfernung kann man erkennen, wie wenige Galaxien wir aufgrund der Extinktion in Richtung der Milchstraßenebene erkennen können. Viele Galaxien scheinen sich längs von Strahlen aufzureihen, die in Verlängerung zu unserer Milchstraße zeigen: ein Effekt der ungenauen Entfernungsbestimmung. Aber dennoch werden die Mauern und Voids im Universum anschaulich.
Mein Fazit: wer das Geld für den 3D-Atlas ausgibt, bekommt ein Programm, das viele interessante Simulationen ermöglicht, ohne dafür zwischen mehreren Programmen umschalten zu müssen. Die Steuerung des virtuellen Raumschiffs ist gewöhnungsbedürftig und ohne Maus nicht sinnvoll zu bewerkstelligen, jedoch hat man bald den Bogen raus und dann macht es viel Spaß, durch das Planetensystem, den interstellaren Raum oder in Richtung der Galaxienhaufen abzudüsen.
Leider fehlen im Sonnensystem die Schattenwürfe, was m.E. eine deutliche Einschränkung der Demonstrationsmöglichkeiten bedeutet.
Neben den verschiedenen virtuellen Raumflügen bringt die CD noch eine große Menge sehr gut ausgewählter Bilder mit. Ein Lexikon mit redaktionell gut aufbereitetem Inhalt und zwanzig Minuten Video über die ESO (mit interessanten Einblicken in die Baugeschichte des Paranal, die Arbeit der Astronomen und die Funktionsweise der optischen Interferometrie) zeichnen ein spannendes Bild heutiger Profiastronomie.
Wahrscheinlich kennen die meisten hier "Celestia", eine Software mit der man virtuelle Flüge durchs All unternehmen kann. Ich kenne Celestia nicht besonders gut, halte es aber für den direkten Konkurrenten des ESO-Programms. Celestia kostet nichts und kann mit zahlreichen Datenobjekten individuell erweitert werden (z.B. Raumfahrzeuge), was mit dem ESO-Programm so nicht möglich ist. Zur Simulation des Planetensystems ist Celestia eventuell besser, aber Deep Space (das Universum im Großen) und eine ordentliche Menge an Sternen in der Milchstraße habe ich in Celestia so noch nicht gesehen.
Als "Spielzeug" und zur Veranschaulichung mancher Sachverhalte bringt der 3D-Atlas guten Nutzen, zumal weiterführende Informationen aus dem Lexikon schnell aufgerufen sind. Als "Komplettpaket" daher durchaus empfehlenswert. Jedoch werden sparsame Sternfreunde in der Lage sein, sich einen passenden Freewarecocktail zusammenzustellen, der vieles abdeckt, was der 3D-Atlas so schön integriert.
Und: für praktische Beobachter exakt kein Mehrwert...
Gruß,
Tom