Glücklicher Anfänger Teil V

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Ursus corpulentus

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Liebe Sterndeuter,

hoffentlich gehe ich niemandem auf den Geist, aber der Abend war zu perfekt, um ihn sausen zu lassen. Und da sich das hier zu so etwas wie meinem persönlichen Beobachtungstagebuch entwickelt, seid Ihr halt mit im Boot. Mitgelesen, mitgelitten ...

In aller Kürze die äußeren Umstände: Minusgrade, keine einzige Wolke am Himmel, der Mond ziemlich groß und zielich hell, so gut wie keine Sterne sichtbar aber dafür haben sich da oben ein paar Planeten rumgetrieben. Das Seeing war übrigens VD ("verdammt gut" auf der Ursus'schen Anfängerskala*).
Alles in Allem Zeit für den Dicken Japaner, meinen Vixen 102M.
Das Ding ist schwer und sperrig, korrektes Einnorden war nicht möglich weil ein Haus zwischen mir und dem Himmelsnordpol stand, also habe ich das Rohr grob ausgerichtet und einfach angefangen zu beobachten. Die übliche Gefühlsduselei erspare ich Euch jetzt, aber es war richtig toll. Die pure Freude! (- ich frage mich langsam, wann das mal aufhört und endlich langweilig wird. Man gewöhnt sich doch an alles irgendwann, oder?)

Nach erneutem Probieren bin ich auch mit diesem Instrument wieder bei einer Vergößerung von rund 100 rausgekommen (eine 2-fach Barlowlinse und ein 17er Okular - beides altes Vixen-Material, sehr geschmeidig), sie schien mir am besten geeignet. Und dann ist etwas Seltsames passiert. Nach einer ganzen Weile - insgesamt war ich gut fast drei Stunden draußen - konnte ich immer mehr sehen. Sowohl von Mars (die Flecken wurden immer deutlicher), wie auch vom Mond (ich bleibe dabei: ich mag keine Filter; sie haben mir jedes Mal den Fokus verhunzt und ich weiß nicht, warum), als auch vom Jupiter, dessen Streifen mit der Zeit immer mehr und deutlicher wurden - subjektiv.
Ich bin sicher, dass es nicht am sich verändernden Seeing lag, weil sich das nicht verändert hat. Aber irgendwie wurde es immer besser, bei gleichbleibender Vergrößerung wohlbemerkt.
Ob man selbst Himmelsobjekte mit der Zeit einfach besser "kennenlernen" kann? Ich kenne das aus meinem Beruf: Es gibt Bäume (also Baumarten), die erkennt man schon von Weitem auf den ersten Blick aus dem Augenwinkel, ohne darüber nachzudenekn; wie einen Freund, der einem von Weitem auf der Straße entgegenkommt und den man schon identifizieren kann, lange bevor man sein Gesicht erkennt. Gibt es so etwas auch in der visuellen Astronomie?

Lustig beim Blick auf Jupiter war der kleine schwarze Punkt über den Streifen. "Booahh, Mist, was soll das denn?!" dachte ich, und fing an, das Okular zu drehen, um festzustellen, woran es lag. Da tat sich aber nichts. Kleiner schwarzer Dreck statt Großer Roter Fleck ... kurz bevor ich anfangen wollte, an der Optik rumzuputzen, hatte ich dann die Eingebeung, vorsichtshalber doch mal kurz einen Blick ins Stellarium zu werfen (meine visuelle Online-Bibel) - nur um festzustellen, dass der Fleck dort auch vorhanden war.
Na super ... ich spare mir, und erspare Euch die Erklärung. Wird gebucht unter Anfängerfehler ... wieder was dazugelernt. Aber - hey! - ich hätte nicht gedacht, so etwas überhaupt zu sehen.

Dafür ist das Meeting der Anonymen Teleskopiker heute Abend ausgefallen. Ich konnte aus bekannten Gründen nicht, F (Hannover) betrinkt sich wahrscheinlich stattdessen, weil der Himmel komplett zu ist (seit Wochen), H (Stuttgart) ist vermutlich auf einer betrieblichen Weihnachtsfeier und S wollte nicht alleine kommen.
Das Treffen soll im Rahmen einer kleinen Nikolausfeier nachgeholt werden, habe ich mir sagen lassen.

Herzliche Grüße an alle kalten Füße heute Abend. Ich bin gespannt, was für Bilder morgen hochgeladen werden.
Ursus



*Das ist die Stufe 2. Sie liegt zwischen der 1. (DS: "Diakonissen-Sporttag!") und der 3. (uKoW: "ungesalzene Kartoffelsuppe ohne Würstchen ..."). Wie ich darauf komme? Eben habe ich im Wiki nachgesehen, wie das Seeing offiziell beschrieben ist und habe sofort aufgegeben - hoffnungslos für mich, zu viele Formeln. Ich bin Förster und kein Astrophysiker. Aber Diakonissen und Kartoffelsuppe werden die meisten kennen.
 
Hallo Ursus,

Ja, mit Übung sieht mensch mehr am Himmel, genau wie im Wald. Allerdings hat so eine deutliche Verbesserung im Laufe von drei Stunden wohl eher damit zu tun gehabt, dass der Himmel sich verbessert hat. Wenn nicht Seeing, vielleicht die Transparenz. Ausserdem haben sich die Positionen der Planeten am Himmel deutlich verändert über drei Stunden, Mars ist höher gestiegen, das macht sehr viel aus.

Die Sache mit der Fokusverschiebung durch Filter ist so: Die Fokuslage wird durch das Glas nach "aussen", d.h. zum Auge hin verschoben. Und zwar um ca. ein Drittel der Dicke des Glases. Bei Astronomik ist die Dicke 1,1mm, bei Baader 2mm, bei den älteren Lumicons eher 3mm. Wenn Du also einen Filter von Baader verwendest, musst Du den Okularauszug um etwa 0,7mm nach aussen bewegen und schon ist der Fokus wieder da. Bei Filterwechsel musst Du darum leicht nachfokussieren, es macht was aus - und lohnt sich!

Ich habe auf der Freunde der Nacht Website eine neue Rubrik eingerichtet, in der ich über Filterexperimente an Planeten, vornehmlich mit kleiner Öffnung, sporadisch berichten will. Erste Berichte zu Saturn und Jupiter sind dort zu finden. Vielleicht mag meine etwas exotische Filterwahl Dein Interesse wecken. Ich verwende nämlich gerne neben hochmoderne Filtertypen die Oldtimer, so wie Du! Es würde mich schmerzen, wenn ein so begeisterter Beobachter wie Du die wundersame Filterwelt von vornherein ablehnen würde.

Du erwähnst nicht, welchen Filter Du probiert hast. Es kommen Dutzende in Frage, immerhin!

CS, Christopher
 
hoffentlich gehe ich niemandem auf den Geist, aber der Abend war zu perfekt, um ihn sausen zu lassen.
Im Gegenteil, endlich etwas frischer Visueller Wind im Wald der Fotografen

Nach einer ganzen Weile - insgesamt war ich gut fast drei Stunden draußen - konnte ich immer mehr sehen. Sowohl von Mars (die Flecken wurden immer deutlicher)
mit Übung sieht mensch mehr am Himmel, genau wie im Wald. Allerdings hat so eine deutliche Verbesserung im Laufe von drei Stunden wohl eher damit zu tun gehabt, dass der Himmel sich verbessert hat. Wenn nicht Seeing, vielleicht die Transparenz. Ausserdem haben sich die Positionen der Planeten am Himmel deutlich verändert über drei Stunden, Mars ist höher gestiegen, das macht sehr viel aus.
Wenn Planeten höher stehe klaut auch die Atmosphärische Dispersion weniger Deteils weg. Das ist ein nicht zu unterschätzender Effekt, vor allem über 3h Höhengewinn sieht man das sehr deutlich.
Ansonsten, Ja, Sehen kann man trainieren, man lernt das Gehirn quasi an, welche mini feinheiten es doch bitte nicht als nebensächlich herausfiltern soll um die Verarbeitung der Wahrnehmung zu entlasten. Das ist aber ein Prozess über einige Beobachtungen hinweg.
Ansonsten kenne ich auch noch den Effekt, dass ich immer erstmal einen Moment lang durchschauen muss, bis sich mir die ganzen Details offenbaren, die das Teleskop auflöst. Vor allem bei Jupiter und bei der Sonne. Das ist aber ein Effekt von 1-2 Minuten.

wie auch vom Mond (ich bleibe dabei: ich mag keine Filter; sie haben mir jedes Mal den Fokus verhunzt und ich weiß nicht, warum)
entweder das, oder:
Du erwähnst nicht, welchen Filter Du probiert hast.
Viele Farbfilter und Polfilter sind NICHT feinoptisch planparallel poliert, sondern Flammglas. Da kann man Glück haben und sieht nix davon, oder man bekommt auf Teufel komm raus keinen ordentlichen Scharfepunkt mehr, sondern nur noch einen schwammigen Bereich innerhalb dem es nicht besser wird.

schwarzer Dreck statt Großer Roter Fleck ...
Sonnenfinsternis auf Jupiter auf frischer Tat ertappt, Nice

LG
Olli
 
Liebe Sternenbrüder und Oldie-Versteher,

habt vielen Dank für Eure Unterstützung, das klingt alles total vernünftig!

Ja, klar - die Kameraden sind ja deutlich gestiegen in der Zeit. Und irgenwann war Mars sogar über der Baumkrone vor meinem Haus, woraufhin die Sicht ziemlich schnell deutlich besser wurde (- kleiner Scherz am Rande). Nein, Blödsinn - das wird es gewesen sein. Aber was dennoch eine Rolle spielt, glaube ich, ist, dass man runterkommt, ruhig wird, sich hinter dem Okular entspannt und - buchstäblich loslässt ... irgendwie.

Chris, ich werde mich mal gezielt mit den Filtern auseinandersetzen, die ich habe - das heißt einzöllig und aus den 1980er von Vixen. Vielleicht gibst Du mir mal eine grobe Richtung vor, wie: rot/blau/grün (or whatever) für Mars/Saturn/Jupiter - or whatever ...

Und Olli, zum Thema "Fotografieren": ich persönlich möchte erleben, nicht dokumentieren. Und wenn, dann so, dass die Eindrücke - Bilder, ja vielleicht sogar Gefühle - im Kopf (und vielleicht sogar im Herzen) des Betrachters erscheinen. Ein bisschen philosophisch für ein Forum, zugegebenermaßen, aber an dieser Stelle sicher nicht total off.
Ich war mehrfach in Japan zum Lachsfischen (long story) und die Jungs haben nicht verstanden, warum ich meine Fänge nie fotografiere - für einen Japaner ist das nichts weniger als UNDENKBAR. Ich habe die Bilder im Kopf und trage die Freude darüber im Herzen; bis heute. Und beim Sterne gucken ist es irgendwie genauso.

Rein technisch betrachtet überlege ich mir manchmal, aus welchem Grund ich ständig in irgendwelche briefmarkengroßen Handy-Bildschirme starren soll. Und wie viele Teras auf irgendwelchen Servern rumliegen. Elektronischer Plastikmüll, der den Ozean eines jeden Speichers verschmutzt. Die Leute haben das Geschichten Erzählen vergessen und wundern sich, warum alles immer noch schneller und greller wird.

ABER - Bitte nicht mißverstehen! Ich will um Himmels Willen niemandem seinen Spaß und seine Freude am Fotografieren kleinreden, nein. Aber es ist einfach nicht meins. Und deswegen quatsche ich so viel.
Ich habe nicht einmal ein Mobiltelefon (und lebe trotzdem).

Doch jetzt schweife ich definitv ab!

Gute Nacht, Ihr stellaren Eulen!
Ursus
 
Ein bisschen philosophisch für ein Forum, zugegebenermaßen, aber an dieser Stelle sicher nicht total off. Ich war mehrfach in Japan zum Lachsfischen (long story) und die Jungs haben nicht verstanden, warum ich meine Fänge nie fotografiere - für einen Japaner ist das nichts weniger als UNDENKBAR. Ich habe die Bilder im Kopf und trage die Freude darüber im Herzen; bis heute. Und beim Sterne gucken ist es irgendwie genauso.
...
Ich habe nicht einmal ein Mobiltelefon (und lebe trotzdem).
Lieber Ursus, Du sprichst mir aus der Seele mit der Erinnerung im Herzen statt Festhalten im Digiarchiv. Die Wahrheit ist auch, dass das Gesehene verblasst. Aber ich erneuere die Eindrücke laufend, sie verschieben sich, und sind damit in eine Lebenspraxis eingebunden. Ursus, das ist überhaupt nicht off-topic sondern, so finde ich, eine ganz zentrale Diskussion in einem visuellen Beobachtungsforum.
(Und endlich noch einer, der kein Mobiltelefon hat! Ich habe auch keins und null Bock darauf. Aber das ist tatsächlich off-topic.)

Zu den Filtern: Die Farbfilter, die Du hast, sind etwas für engagierte Planetenbeobachter mit speziellen Vorhaben. Sie dienen jeweils der Hervorhebung bestimmter Merkmale auf der Planetenoberfläche. Da sie das Bild teilweise sehr abdunkeln, und ausserdem farblich verfremden, sind die allgemeinen Verluste im Bild gross - die Gewinne sehr speziell und nur vorhanden, wenn der Himmel etc. mitspielt.

Deshalb würde ich Dir für den Einstieg bei Planeten eher Filter empfehlen, die eine mildere und allgemein kontrastanhebende Wirkung haben.

Du verwendest kleine Öffnungen und damit kleine Austrittspupillen (AP). AP in mm ist die Öffnung des Teleskops in mm geteilt durch die Vergrößerung. Das ist noch ein wichtiger Grund, möglichst mild zu filtern damit das Bild nicht zu sehr abdunkelt.

Konkret:

# Der Zeiss T* UV Filter hat eine überraschend positive, milde Wirkung gerade bei kleinen Austrittspupillen. Gibt es nicht in 1,25-Zoll. Aber wenn Du einen 2-Zoll-Auszug hast, kannst Du den Filter von 46mm auf 48mm adaptieren und vor den Zenitspiegel anbringen. Ich lege das hier dar.

Die folgenden drei Filtertypen von Baader haben sich vielfach als allgemein kontrasterhöhend erwiesen:
# Baader Neodymium: leicht blaulastig
# Baader Fringe Killer: leicht gelblastig, ein helleres Bild als die anderen beiden
# Baader Contrast Booster: leicht grünlastig, ein dunkleres Bild als die anderen beiden. Mein Favorit weil er das Blaue weitgehend wegnimmt, was das Seeing beruhigt, und ich das Grünliche am Okular schnell vergesse (im Gegensatz zum Bläulichen des Neodymium)

Mit diesen Vieren hast Du Filter ohne Farbverschiebung (Zeiss UV) und mit zarten Verschiebungen ins Blaue (Neodymium), Grüne (Contrast Booster) und Gelbe (Fringe Killer) - und bist lange beschäftigt, bist Du ihre jeweiligen Eigenschaften voll ausgekostet hast!

Beste Grüße, Christopher
PS: Ich hänge die Transmissionskurven der vier Filter hier an. Sie erklären die Wirkungen. Z.B. ist zu sehen, dass der Contrast Booster Einiges vom Gelben wegnimmt und Vieles vom Blauen. Daher die Farbverschiebung ins Grüne und die Bildberuhigung, da im Blauen das Seeing am Meisten zuschlägt. Aber nicht zu sehr daran aufhängen - entscheidend ist der visueller Eindruck am Okular, und der ist von komplexen Faktoren bedingt!
 

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Hallo Christopher,

vielen Dank für die Hausaufgaben, ich werde mich auf jeden Fall mal einlesen und ausprobieren.
Mit dem Fringe-Filter arbeite ich bereits und diesen möchte ich schon jetzt nicht mehr missen, wenn ich beispielsweise den sehr hellen Mond ansehe.

Besten Dank & schönes Wochenende,
Ursus
 
Liebe User,

wir möchten Euch von Zeit zu Zeit nochmals daran erinnern, unter jedem Bild oder Screenshot eine Quellenangabe anzugeben. Sowohl die Moderation als auch der Betreiber muss aus Gründen der DSGVO nachvollziehen können, woher ein Bild oder Screenshot stammt. Und nicht alle sind erlaubt, lest dazu bitte auch immer wieder mal hier nach: Bilder - Welche Bilder darf ich wie in einem Beitrag veröffentlichen?

Wir möchten uns aber zugleich auch bei allen unseren Usern bedanken, die sich bislang wirklich großartig an diese Vorgaben gehalten haben und mithelfen, das Forum trotz und Dank DSGVO so sicher wie möglich zu betreiben.


Die Moderation
 
Lieber Christopher,

danke für dein Verständnis und den Nachtrag der Quellenangaben. Bei Baader-Filtern hat Baader - der auch diese Webseite und damit das Forum betreibt - wohl nichts dagegen, bei Zeiss gehen wir vorsichtig davon aus, dass bei dieser Filterkurve in der Regel kein unbeherrschbares Unbill droht.

Allerdings würde man genau genommen (und das tun wir schon überwiegend im Interesse aller) bei jedem Bild immer auch die Nutzungsbewilligung besitzen müssen - also auch bei diesen. Wenn die Moderation der Meinung ist, ein Bild oder eine Grafik mal nicht zu löschen, obwohl es unwahrscheinlich scheint, dass der Autor den Urheber bezüglich einer weiteren Verwendung gefragt hat, dann nur deshalb und in ganz speziellen Fällen, wo wir davon ausgehen, dass eine Bewilligung sehr wahrscheinlich erteilt werden würde. Trotzdem besteht hier letztlich ein Risiko, das jeder Autor auch zu verantworten hat, denn er ist für die von ihm geposteten Inhalte selbst verantwortlich.

Wo wir hinwollen, ist, die Kompetenz der Autoren und User zu festigen, dass immer Quellenangaben gemacht werden und auch die Erlaubnis, ein Bild verwenden zu dürfen, gegeben sein muss. Ohne Quelle können wir das auch nicht nachprüfen, deshalb der ganze Aufwand, der letztlich auch gesetzlich vorgegeben ist.

Für die Moderation

Volker
 
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