Wirrwarr der Bezeichnungen
Ja, da haben Sie mich mit der Aussage „Der Verkäufer erzählte mir, dass das an der einzigartigen neuen Vergütung HighLux HLS der Ultravid Serie liegen würde” auf die falsche Fährte gesetzt, so daß ich prompt auch von der Vergütung HighLux HLS schrieb. Ich meinte natürlich schon die spezielle neue Vergütung von Leica, die bei den Duovid- und Ultravid-Ferngläsern in Verbindung mit einer ebenfalls neuen dielektrischen Verspiegelung einer Fläche des Dachkantprismas benutzt wird, um die Transmission dieser Ferngläser gegenüber denen der (bereits sehr guten) Trinovids noch etwas zu steigern. Aber Leica nennt die Vergütung HDC und nicht HighLux HSL, sondern versteht unter dem „System” HLS die weiteren transmissionssteigernden und streulichtvermindernden Maßnahmen, die zusätzlich zur aufwendigen Mehrschichtvergütung HDC vorgenommen wurden. Was ich oben zur Leica-Vergütung schrieb, gilt also für HDC und nicht für HLS.
Die Vergütung wird übrigens nicht nur auf den an Luft grenzenden Linsenflächen, sondern auch auf der Eintritts- und der Austrittsfläche des Umkehrprismensystems benutzt, denn auch dort würden ohne Vergütung die Reflexionsverluste jeweils ca. 4,5% betragen, und es würde dann nicht nur das Bild ein wenig dunkler, sondern das unerwünschte reflektierte Licht könnte (nach einer oder mehrfacher weiterer Reflexion an Linsen und Fassungsteilen) doch wieder in Strahlengang gelangen und als Streulicht den Kontrast mindern. Also auch Prismen werden vergütet.
Beim Schmidt-Pechan-Dachkantprisma, wie es bei den Trinovids, Ultravids und Duovids verwendet wird (und auch bei den meisten Dachkantferngläsern anderer Hersteller) muß eine Fläche - übrigens nicht die Dachflächen - verspiegelt werden, weil dort die Einfallswinkel zu klein für Totalreflexion sind. Das Licht würde dort also gebrochen das Prisma verlassen, statt gespiegelt zu werden und seinen Weg innerhalb des Prismas fortzusetzen. Die meisten Hersteller benutzen zu dieser Verspiegelung Aluminium. Einige wenige, z.B. Nikon und Fuji, bei ihren Top-Dachkantmodellen aber Silber, das um einige Prozent besser reflektiert und übers sichtbare Spektrum hinweg im Mittel auf einen Reflexionsgrad von ca. 98% kommt. Noch mehr ist nur noch mit dielektrischer Verspiegelung möglich. Das ist eine Vielfachbeschichtung von abwechselnd hoch- und niedrigbrechenden dünnen Schichten aus bestimmten Metalloxiden oder -fluoriden, die ähnlich wie bei der Mehrschichtvergütung in hoher Präzision und in beinahe unvorstellbar geringer (gleichmäßigen!) Dicke im Vakuum aufgedampft werden. Der Aufdampfprozeß entspricht genau dem, wie er zum Vergüten benutzt wird, nur daß andere Materialien in anderer Folge und Schichtdicke und zumeist in noch erheblich größerer Zahl benutzt werden (Leica gibt 42 Schichten an). Die anderen Brechungsindizes, Reihenfolgen und Schichtdicken erzeugen statt der beim Vergüten nötigen „konstruktiven Interferenz” (= Addition bei der Überlagerung der Wellen, also mehr Licht durch die Grenzfläche) eine „destruktive Interferenz” (= gegenseitige Auslöschung der Wellen, also weniger bis kein Licht durch die Grenzflächen, sondern fast alles wird reflektiert). Leica gibt an, damit einen Reflexionsgrad von über 99,5% zu erreichen, womit der Unterschied zur Totalreflexion (100%) so gut wie keine praktisch relevante Rolle mehr spielt.
Der Phasenkorrekturbelag ist etwas ganz anderes und NICHT so etwas wie eine spezielle Vergütung der Prismen. Er wird auf den Dachflächen aufgebracht, die beiden exakt im 90°-Winkel gegeneinander geneigten Flächen beiderseits der Dachkante, von der die Dachkantprismen(ferngläser) den Namen haben. An diesen Flächen tritt auch ohne Phasenbelag Totalreflexion ein. Es ist also keine Verspiegelung nötig. An diesen Flächen tritt (wegen der Totalreflexion) auch kein Licht aus dem Prisma aus. Es ist somit dort auch keine Vergütung nötig. Aber das Problem ist, daß dort eine sog. Pupillenteilung auftritt: Etwa eine Hälfte des Strahlenbündelquerschnitts, die einen Bildpunkt nahe der längs der opt. Achse auf die Bildebene projizierten Dachkante erzeugt, wird erst an der linken Dachfläche und anschließend an der rechten reflektiert, die andere Hälfte des Querschnitts umgekehrt erst an der rechten und dann an der linken. Danach kommen beide Querschnittshälften wieder zusammen und sollten einander perfekt überlagern, wenn der Dachflächenwinkel von 90° exakt genug, also in der Größenordnung von Winkelsekunden (!) hergestellt war. Aber weil bei der Totalreflexion eine Teilpolarisation stattfindet, die bei beiden Querschnittshälften verschieden ist, kommt es nun nach der Überlagerung zu störenden Interferenzeffekten, welche die Punktförmigkeit der Punktbildes verschlechtert. Der (meines Wissens bei Zeiss erfundene) Phasenbelag hat deshalb die Aufgabe, die Polarisationseffekte bei der Totalreflexion so zu verändern, daß die anschließende Bildverschlechterung nach der Überlagerung nicht mehr auftritt. Da sich die Hersteller über weitere Einzelheiten zum Phasenbelag ausschweigen, düften wohl bei den verschiedenen Herstellern durchaus qualitative Unterschiede bestehen, was ich aber nicht beweisen kann.
Leica definiert das HLS als ein System, das sowohl streulichtmindernde mechanische Maßnahmen (also interne Blenden an optimalem Ort und optimaler Größe, Verwendung hochabsorbierender Schwärzung auf Tubusinnenflächen und anderen den Strahlengang kontaktierenden Teilen) als auch die hocheffektive dielektrische Verspiegelung der nicht totalreflektierenden Prismenfläche umfaßt.
Nun haben Sie im ersten Beitrag aber noch eine Frage gestellt, nämlich: „... würde mich interessieren ob jemand schon mal die Trinovid BN Serie mit der Ultravid BR Serie am Himmel verglichen hat".
Dazu auch noch eine kurze Stellungnahme. In der optischen Konstruktion unterscheiden sich die großen Ultravids (also ab 32 mm Öffnungsdurchmesser) in keiner Weise von den entsprechenden Trinovids, wenn man vom Ultravid 10x42 absieht, das als einziges ein neu gerechnetes Okular mit vergrößertem AP-Längsabstand erhalten hat. Man kann also davon ausgehen, daß die Schärfe der Ultravids sich von der der Trinovids so gut wie nicht unterscheidet. Es kann lediglich mit einer minimal (mit dem Auge eigentlich nicht mehr feststellbaren) größeren Helligkeit und mit einem (in kritischen Fällen durchaus wahrnehmbaren) höheren Kontrast und geringerer Streulicht- und Reflexanfälligkeit der Ultravids gerechnet werden. Das würde z.B. die Mondbeobachtung verbessern, wo die Überfülle an Licht oft Geisterbilder erzeugt und den Kontrast feiner Details verschlechtert. Wem die Ultravids zu teuer sind, hat aber in den Trinovids eine ansonsten optisch so gut wie ebenbürtige Alternative, die doch um einiges erschwinglicher ist.
Walter E. Schön