Mit dem Kinderwagen ein paar Lichtjahre um die Ecke

Status
Es sind keine weiteren Antworten möglich.

Anette_Aslan

Aktives Mitglied
Liebe Astrogemeinde,
diese goldenen Oktobertage brachten uns im Wiener Becken zwar viel Inversionswetterlagen - sprich Hochnebel - wo es andernorts die Heurigen füllte bei strahlendstem Sonnenschein. Aber gestern und heute Nacht gab es klaren Himmel, allerdings nur maximal 4.0mg, ich konnte gerade mal Kochab und Markab erkennen am kleinen Wagen, die Milchstrasse im Zenit nur zu ahnen. Bevor ich mein Teleskop auswringen konnte habe ich von 18:30h bis 21h einen kleinen Spaziergang gewagt.
Genialerweise brachte mich meine Freundin dazu, mein ganzes Astrogeraffel in einem ollen Kinderwagen zu verstauen, damit ich nur einmal laufen muss, um alles aufzubauen und das klappte absolut prima, nur empfehlenswert! Wäre ich damit auf den Acker, hätte ich einen gewissen Status weg hier im Dorf, wie einstmals in den 60igern die beiden alten Fräuleins mit ihrem Pinscher, den sie im Kinderwagen spazieren fuhren, der mit Häubchen und Schuhchen unter der Decke lag und wegen der Flaschennahrung keine Zähne mehr im Maul hatte.
Ok, soweit kommts bei mir nicht, es bleibt bei meinen Telebabies. Heute durfte der 6 Zöller mit raus und mit dem habe ich zunächst einmal Jupiter und Saturn besucht. Bei 16 Grad und zunehmender Feuchte so um die 70% aufsteigend sah ich um 19h den Jupiter noch knapp über der Gartenhecke tief im Südwesten, seine Bänder konnte ich sogar noch durchs Baader Hyp 13mm und vor allem dem 8mm erkennen, ich war doch erstaunt. Dann rauf zu Saturn, die Kirchenglocken vom Dorfkirchlein nebenan schlugen 7 mal, eine uralte Erzählung viel mir ein, die sich mir ins Gemüt gebrannt hat:
So im 18 Jhd gab es mal einen Dorfpfarrer irgendwo in Brandenburg, der hatte ein selbstgebautes Teleskop und war bekannt dafür, dass er aus dem Fenster des Kirchturmes heraus die Sterndel beobachtete. Einmal lud er die Konfirmanden-KInder an einem Herbstabend zu sich in den Turm, um ihnen erstmals den Saturn zu zeigen. Die Kinder waren vom Anblick des Ringplaneten so verzaubert. Dazu schlug die Glocke auch sieben mal und es war so heimelig da oben in diesem zauberhaften Moment. So ging es mir heute Abend irgendwie, als ich den Saturn zum Glockenschlag sah und ich war ganz Kind bei dem Pfarrer in seinem Turm da oben.

Ob der Saturn durch dieses Teleskop auch so gut gesehen werden konnte wie durch meinen 6 Zöller weis ich nicht, jedenfalls wird berichtet, dass der Ring sichtbar war. Bei mir sogar die Cassini-Teilung hin und wieder, trotz Windstille, mal mehr mal weniger gut. Die Atmosphäre ist voller Staub, es hat seit drei Wochen nicht geregnet und die Erde ist knochentrocken überall. Am besten sah ich den Planeten durchs 13mm Baader Hyp bei 92facher Vergrösserung am 152/1200mm FH. Hier sah er wie gestanzt aus, durchs 8mm dann leider etwas mau und durchs 5er wie durch Celophanpapier.
Mit sichtbar werden von Polaris stellte ich den Polsucher ein und eichte an zwei Sternen, so kam ich meist mittig auf die gewünschten Objekte, so sie denn sichtbar waren. Ausser M31 ging an GX´en so gut wie gar nichts. Dafür aber den M13 noch gut gesehen, der schon im Westen absinkt und den M2 als auch M15 oder den M92. Diese geschlossenen Sternhaufen lassen sich durchs 26mm Pano wirklich noch am Rand auflösen, M13 sogar gut durchs 8mm, seine Sternenketten liessen sich schön erkennen, man braucht nicht immer grosse Röhren, so ein 6 Zöller ist nicht zu verachten. M27, M57 und M52 waren nicht sehr kontrastreich, kein Wunder bei der schlechten Transparenz, ich warte sehnlichst auf die Kaltfront nächste Woche!!!
Die Asterisme um Blinking Pin ist wunderschön, ich wollte sie fotografieren, doch ich habe die Verbeugung vorm Refraktor nicht mehr hinbekommen, das war mir zu riskant bei dieser aufziehenden Frische und langsam wirklich unangenehmen Feuchte, die sich leider triefend über die gesamte Ausrüstung niederschlug.
Den M13 habe ich noch schnell eingefangen, bevor er ganz in den Baumwipfel versank und Euch mitgebracht. Ist nur one Shot ohne alles mit 55s und ISO 800 durch Canon 1000d.
Was mir aber ins Herz sprang und eine helle Freude im wahrsten Sinne des Wortes war, ist doch immer die Vega, die benutzte ich, um die Kamera scharf zu stellen, zunächst durchs 13mm Baader, als ich sie anvisierte und im Oku hatte. Welch eine Strahlkraft, welch ein Flackern, eine Schwester des Sirius allemal, der in frühester Morgenstund hoch im Meridian den Winter ankündigt.
Ganz beseelt und taudurchtrieft brachte ich das Baby rein, einmal die Milchstrasse auf und ab sollte es gesättigt sein ....

LG von Anette
 

Anhänge

  • IMG_20191026_162334.jpg
    IMG_20191026_162334.jpg
    369,6 KB · Aufrufe: 410
  • IMG_9485.JPG
    IMG_9485.JPG
    327,3 KB · Aufrufe: 401
Hihi, der M13 sieht fast genauso aus wie mein hangekurbelter erster (und wahrscheinlich für lange Zeit letzter) Deep Sky Foto-Gehversuch.


Hier war ich vorgestern von ca 19-20 Uhr raus, ebenfalls sehr schlechte Transparenz. Selbst der eigentlich immer überzeugende M11 schaute nur traurig aus der Waschküche und eh ich mich versah zogen richtige Wolken auf. Aber nicht verzagen, immer gucken was geht, so machst du das schon richtig.

VG Klaus
 
Hallo Anneddsche,

das ist eine Typische Annette - cool und lustig - viel Erfolg und weiterhin Spaß mit dem Raketenwerfer!

CS
Jörg
 
Danke liebe Sterndelfreunde! Also der M13 hier auf dem Foto gibt tatsächlich den visuellen Eindruck wieder, den man durch einen 6" Refraktor bekommt. Irgendwie keine große Arbeit mit nur einem Klick Astroaufnahmen zu machen, aber mir gefällt, dass ich auf diese Weise festhalten kann, was ich wirklich gesehen und wahrgenommen habe. Wenn es nicht so brachial mühsam wäre, die Objekte dann immer auch durch dieses winzige Objektivfenster der Kamera zu finden und scharf zu stellen, vor allem wenn sie in höheren Deklinationen liegen, so ein LambadaTanz liegt mir ganz und gar nicht.
Na denn, die kalten Nächte kommen, freu mich schon auf den Zuckerguß!
Liebe Grüsse von Anette
 
Hallo Anette

Der Kinderwagen gefällt mir, gutes altes stück, Refraktor Wiege,
hast trotzdem beinahe 2 Hände voll gesehen.

Die Kämpferin der Dunkelheit ohne ängste trotz Halloween, da oben gilt es.

Manfred
 
Ach ja, erinnerst mich dran Manfred, die standen diesmal als halbverweste Leichen vor der Türe ... nein man wird immer abgebrühter, wenn mal ein echtes Alien hinter mir stehen sollte, schenk ich dem ein paar Drakulagebisse aus Gelatine, denn das haben die von mir bekommen, um wieder abzuziehen. no grusel von Anette
 
Status
Es sind keine weiteren Antworten möglich.
Zurück
Oben