Nicht invers montieren, f > Schnittweite
Hallo Günther,
Deinen Empfehlungen stimme ich teilweise, aber nicht vollständig zu. Damit die falschen Ratschläge nicht zu Frust beim Selbstbau mit dem Episkop-Triplet führen, möchte ich daher folgende Korrekturen anbringen:
Zweitens musst Du beachten, dass diese Objektive invers montiert werden müssen. Sie sind dafür gerechnet, Objekte, die hinter ihnen liegen, vor sich abzubilden, während Astrooptik üblicherweise "andersherum" arbeitet. Die schmucklose Hinterseite des Epidiaskop-Objektivs muss beim Einsatz als Himmelsfernrohr folglich zum Himmel zeigen.
Das stimmt nicht. Worauf es ankommt, ist nicht die Lichtrichtung, sondern auf welcher Seite der Abbildungsmaßstab größer und auf welcher er kleiner als 1 ist bzw. auf welcher Seite des Objektivs der Strahlengang annähernd parallel und auf welcher er stark konisch ist. Beim Episkopobjektiv ist der Abstand zur Projektionswand der große und der zur Vorlage, welche projiziert werden soll, der kleine Abstand. Zwischen Objektiv und Wand ist also der Strahlengang fast parallel und zwischen Objektiv und Vorlage sehr konisch (in Lichtrichtung beim Projizieren gesehen divergent, in der Richtung gesehen, wie das Licht dann beim Einsatz als Teleskopobjektiv durchfällt, konvergent). Das Objektiv darf also nicht verkehrt herum (= mit der schmucklosen Hinterseite in Richtung Himmel) zeigen, sondern muß mit der Seite zum Himmel zeigen, die im Episkop zur Projektionsleinwand zeigt. Allerdings gab es auch viele Triplets, die symmetrisch aufgebaut sind, und bei diesen ist es diesbezüglich natürlich egal, wie herum sie verwendet werden, sofern die Öffnungsdurchmesser der ersten und letzten Linse gleich sind. Deshalb empfehle ich als einfaches Kriterium zur Entscheidung der Einbaurichtung den Vergleich der lichten Weite der ersten und letzten Linse: Die Seite mit dem größeren Durchmesser gehört nach vorn (Richtung Himmel).
Bei symmetrischem Aufbau der Linsen, aber dennoch unterschiedlichem Durchmesser (der kann z.B. rein mechanisch durch eine kleinere Öffnung der Fassung auf der Hinterseite zustandekommen) bringt die Ausrichtung nach meiner Empfehlung zumindest einen kleinen Gewinn an Öffnung.
Die Brennweite des Objektivs gilt von der Oberfläche der letzten Linse im Objektiv bis zum Brennpunkt. Wen Du den Strahlenkegel zur Konstruktion des Tubus zeichnest, musst Du das berücksichtigen.
Auch dieser Aussage muß ich widersprechen. Die bildseitige Hauptebene H', von der aus die Brennweite auf der Bildseite zu messen ist, befindet sich beim Triplet nicht am letzten Linsenscheitel, sondern dürfte knapp hinter der Zerstreuungslinse noch deutlich vor der letzten Linse liegen. Die Brennweite ist also länger als die Schnittweite (= Abstand des Brennpunktes vom letzten Linsenscheitel), oder umgekehrt gesagt, die Schnittweite ist wahrscheinlich ein paar Zentimeter größer als die Brennweite. Diese Aussage bezieht sich selbstverständlich auf die effektive, also die wirkliche und nicht auf die Nennbrennweite! Die Nennbrennweite ist immer ein auf runde Werte ab- oder aufgerundeter Zahlenwert, der bei Fotoobjektiven nach DIN, wenn ich jetzt nicht irre, bis zu 6% vom Effektivwert abweichen darf.
Verwende ein Plössl-Okular, das mit dem Objektiv eine Austrittspupille von 5 - 6 mm liefert. Höher zu vergrößern hat bei dem extremen Öffnungsverhältnis keinen Sinn.
Das kann gutgehen, könnte das Plössl aber auch ein bißchen überfordern. Bezüglich der Austrittspupille bzw. der resultierenden Vergrößerung stimme ich zu. Aber das hohe Öffnungsverhältnis 1:4,5 oder bei Daniel gar 1:3,6 könnte das Plössl eventuell in die Knie zwingen. Daher würde ich schon darauf achten, einen Okulartyp zu verwenden, der auch bei dieser Öffnung noch mitmacht – wobei in diesem Falle, anders als bei einem Newton dieser Öffnung, nicht die Koma das Problem ist, denn das Triplet sollte in dieser Hinsicht dem Parabolspiegel überlegen sein.
Zum Schluß noch ein Hinweis auf eine Besonderheit der Epidiaskopobjektive im Vergleich zu Teleskopobjektiven: Teleskopobjektive werden auf extreme Auflösung innerhalb eines sehr, sehr kleinen Bildwinkels getrimmt; der Bildwinkel kann bei einem Richfield-Refraktor zwar durchaus auch 5° oder noch etwas mehr betragen, aber der Normalfall ist doch eher ein Bildwinkel um und sogar unter 1°. Ein Episkopobjektiv jedoch soll mindestens eine DIN-A4-Seite, oft sogar eine DIN-A3-Seite bis zu den Ecken halbwegs gleichmäßg scharf an die Wand projizieren. Wenn wir mal von einen Vergrößerung von der Einfachheit halber z.B. 10fach ausgehen, ist dann im Projektionsstrahlengang die Gegenstandsweite die 1,1fache Brennweite (die Bildweite = Anstand zur Wand von der Größe der 11fachen Brennweite interessiert uns hier nicht). Wenn Daniels Episkopobjektiv mit 420 mm Brennweite eine volle DIN-A4-Seite mit einer Diagonalen von knapp 364 mm scharf abbilden kann, ergibt das aber einen genutzten Bildwinkel von 2 · arc tan (364/2 : (1,1 · 420)) = 43°. Man kann von einem Objektiv, das für einen so großen Winkel ausgelegt wurde, nicht erwarten, daß es in dem für z.B. ein 1,25"-Okukar mit mamimaler Fendblende von ca. 28 mm Ø erzeilten Bildwinkel von 2 · arc tan (28/2 : 420) = 3,82° eine Leistung bringt, die einem speziellen Teleskopobjektiv vergleichbar wäre.
Ich will Daniel jetzt nicht den Mut nehmen, sondern nur verhindern, daß seine Erwartungen zu hoch sind und er folglich eine große Enttäuschung nach mühevollem Bau seines Teleskops erlebt, wenn er in der Hoffung auf ein riesiges Erfolgserlebnis zum ersten Mal durch schaut.
MfG Walter E. Schön