Testbericht; TS 20x90 + Binomount

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R_Andreas

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Hallo Leute,

seit ein paar Wochen steht dieses Riesenfernglas nebst Montierung in unserem Wohnzimmer und wartet aufs First Light, welches heute Abend endlich gewährt werden konnte. Die Gerätschaft habe ich von Teleskop Service testweise zur Verfügung gestellt bekommen mit der Vereinbarung, einen Testbericht anzufertigen.

Die technischen Daten des Equipments können den Homepages von TS oder auch bigbinoculars.com entnommen werden, ich will diese hier nicht wiederholen.

Ich gliedere den Test in vier Teile:

1. Mechanische Verarbeitung
2. Funktionalität (Handling, Haptik)
3. optische Leistung des Fernglases
4. Zusammenfassung

1. Mechanische Verarbeitung

Das Fernglas macht einen sauber verarbeiteten Eindruck. Die Gummierung ist recht griffig und erlaubt eine vernünftige Handhabung des Glases.

Der integrierte Stativadapter ist wirklich solide gebaut und mit käuflichen Stativhalterungen nicht zu vergleichen.
Link zur Grafik: http://www.beepworld.de/memberdateien/members40/andreaspw/totale.jpg

Die Mitteltriebfokussierung ist soweit in Ordnung, sie läuft nicht zu schwer und ist auch nicht zu leichtgängig. Gleiches gilt für den Dioptrienausgleich.

Die Gummiaugenmuscheln sind zum Umstülpen, was leidlich gut funktioniert. Drehaugenmuscheln würden den Komfort enorm verbessern. Die Fokussiereinheit macht mechanisch keinen so guten Eindruck. Wenn man am Mitteltrieb dreht kann man erkennen, dass sich die Okulare leicht verkippen.

Die Objektive sind dunkelgrün vergütet, laut Hersteller eine Breitbandmultivergütung. Ebenso die Okulare. Vergütungsfehler sind keine zu erkennen.
Link zur Grafik: http://www.beepworld.de/memberdateien/members40/andreaspw/front.jpg

Zur TS Binomount muss man als erstes festhalten, dass sie aufgrund der Parallelogramm Bauweise ungewöhnlich daher kommt. Mir hat das schwarze Finish sofort gefallen und auch das Stativ mit den zweifach ausziehbaren Beinen, die mit Drehgriffen festgestellt werden, passt gut dazu. Insgesamt macht das Stativ einen guten, sauber verarbeiteten Eindruck.
Link zur Grafik: http://http://www.beepworld.de/memberdateien/members40/andreaspw/fuss.jpg

2. Funktionalität (Handling/Haptik)

Am Fernglas gibts nicht viel auszusetzen; das Einblickverhalten ist ohne Brille exzellent, da die Gummiaugenmuscheln einen optimalen Augenabstand vorgeben. Mit Brille und eingeklappten Augenmuscheln gelingt es ebenfalls, das große Gesichtsfeld vollständig zu überblicken. Jedoch hat man hierbei ständig mit Blackout-Effekten zu kämpfen, was am nicht optimal einstellbaren Augenabstand liegt. Wie schon erwähnt, wären Drehaugenmuscheln besser.
Link zur Grafik: http://www.beepworld.de/memberdateien/members40/andreaspw/einblick.jpg

Das Teil ist sehr schwer, etwa vier KG, und der Schwerpunkt liegt weit vorne, etwa bei 3/4 der Gesamtlänge. Freihandbeobachtung geht natürlich nur noch blickweise.

Etwas mehr möchte ich zum Stativ sagen: Es hat ein nicht klemmbares Gelenk für die Azimutbewegung, welches keinerlei Probleme bereitet und gut funktioniert.
Viel mehr Probleme bereitet die Bewegung in Höhe. Wie man auf dem Bild erkennen kann, wird das Gelenk durch eine Flügelschraube geklemmt. Link zur Grafik: http://www.beepworld.de/memberdateien/members40/andreaspw/fixierungfernglasngelenk.jpg

Diese Schraube muss das ganze Gewicht des Fernglases tragen, was zur Folge hat, dass man sie "festknallen" muss, damit das Glas nicht von alleine in Bewegung gerät. Wenn dann eine Höhenbewegung durchführt werden soll, muss man schon Kraft aufwenden, um das Glas in Bewegung zu setzen. Eigentlich müsste hier nochmals ein kleines Gegengewicht platziert werden, um der Kippbewegung des Fernglases entgegen zu wirken. Man kann damit zwar ganz gut arbeiten, aber eine optimale Lösung ist es sicher nicht, besonders nicht in Zenitnähe, wo die "Kippkraft" am größten ist..

Die Parallelogrammbauweise ist genial, ich hatte zum ersten mal so eine Konstruktion in den Fingern. Man kann damit die Einblickhöhe optimal einstellen, ohne dass sich der Bildausschnitt bewegt. Leider ist das Gegengewicht unterdimensioniert, so dass sich das Parallelogramm selbsständig macht, wenn die Feststellschrauben an den vier Gelenken zu locker sind. Vielleicht könnte man optional ein schwereres Gegengewicht anbieten? Die Stabilität hat die Binomount auf alle Fälle, so dass auch größere Gläser montiert werden könnten.

Das Prinzip der Montierung ist so gut, dass man keine Sekunde einen 90° Einblick ins Fernglas herbeisehnt.

Hier noch ein Detail, Kurbel und Dosenlibelle:
Link zur Grafik: http://www.beepworld.de/memberdateien/members40/andreaspw/kurbel.jpg

Zum Schluss der Montierungsbeurteilung möchte ich noch etwas zur Eignung für große Menschen sagen. Auf nachfolgendem Bild wurde die Montierung auf maximale Höhe gebracht bei gleichzeitiger Zenitausrichtung des Fernglases, also der ungünstigste Fall. Man sieht, dass die Person auf dem Bild, welche ca. 1,93 groß ist, nicht an die Okulare heranlangt. Auch ein 2 Meter großer Mensch könnte noch bequem hindurchschauen. Einfach klasse!
Link zur Grafik: http://www.beepworld.de/memberdateien/members40/andreaspw/stand.jpg

3. optische Leistung des Fernglases

Endlich konnte ich das Glas heute am wirklichen Himmel ausprobieren. Meine ersten allgemeinen Eindrücke waren folgende:

- die Justierung ist sehr gut, die Bilder sind sofort deckungsgleich, das Auge muss nicht lange danach suchen.
- das große Gesichtsfeld wird ziemlich randscharf abgebildet, was mich sehr erstaunt hat. Selbst an äußersten Rand sind die Sterne zwar breiig, aber die Sternscheiben sind recht klein und symmetrisch. Bei allgemeinen Sterndurchmusterungen fällt die Randunschärfe, welche die letzten 20% des GF außen befällt, nicht auf.

Beobachtete Objekte

Bedingungen: Vorstadthimmel mit leichtem Dunst, etwa 5m.

Jupiter: alle vier Monde leicht zu erkennen, Hauptbänder mehr eingebildet als wirklich sichtbar, deutlicher Farbfehler macht sich störend bemerkbar.

Saturn: Ring leicht zu erkennen inkl. der beiden dunklen Lücken zwischen Planet und Ring. Farbfehler hier unauffälliger.

Fazit: Auch fürs Planetenspechteln kann man ein Fernglas benutzen! Die 20fache Vergrößerung zeigt schon einiges. Auch Mond und Sonne (Venusdurchgang) müssten geeignete Beobachtungsobjekte sein.

Orionnebel: Drei Trapezsterne deutlich getrennt, der Nebel selber mit recht breiten Schwingen und im Zentrum deutlich schuppig strukturiert. Sehr ästhetisches Bild, ich konnte mich kaum davon lösen.

M35 (OS): Sehr viele Sterne aufgelöst.
NGC 2175 u. 2129 (OS): Die beiden Haufen konnte ich nicht identifizieren, es waren so viele Sterne zu sehen dass ich nicht sicher war.
M1 (GN): direkt deutlich zu sehen, keine Strukturen.
Plejaden: Passen gut ins Gesichtsfeld, toller Anblick.
NGC 1647 (OS): Eine fein gesprenkelte Wolke mit vielen (ca. 30) schwachen Sternen, sehr schöne Auflösung.

Die Leo-Galaxien hab ich noch probiert, aber das ist meine ungünstige Himmelsrichtung (Stadtaufhellung Düsseldorf, Flutlichtanlage benachbarter Sportplatz, Flugsicherungsbefeuerung einer Brücke) und der Dunst bzw. die Wolken nahmen immer mehr zu. Keine Sichtung.

Abschließend noch zwei Bemerkungen:

Selten habe ich die Sternfarben so deutlich und kontrastiert gesehen, wie heute Abend. Ein Zeiss 15 x 60 Porroglas brachte mir vor längerer Zeit ein ähnliches Erlebnis.

Die Deep Sky Fähigkeit des Fernglases macht es zu einer echten Alternative zum vier- oder fünfzölligen Fernrohr. Das Navigieren ist viel einfacher durch das aufrechte und seitenrichtige Bild einerseits, und den großen Bildausschnitt andererseits, der die Karkoschka-Aufsuchkarten ziemlich genau trifft.

Wie bei allen Chinagläsern die ich bis jetzt in meinen Händen gehalten habe, war die Streulichtemflindlichkeit bei seitlich einfallendem, hellem Licht gegeben, wenn auch recht schwach. Auf jeden Fall besser, als beim 8,5x42 Minox asph. (die genaue Bezeichnugn fällt mir gerade nicht ein).

4. Zusammenfassung

A) Stativ

- gutes Konstruktionsprinzip (Parallelogramm)
- solide Verarbeitung, gutes Finisch
- Höhenverstellung nicht durchkonstruiert
- Gegengewicht ist nicht dem Fernglas angepasst => sollte aber so sein bei der Empfehlung, dass das Stativ fürs Fernglas geeignet ist!

b) Fernglas

- generell gute Verarbeitung
- äußerlich etwas wackeliges Fokussiersystem
- sehr gute optische Leistung was Schärfe, Randschärfe und Kontrast angeht
- an Jupiter starker Farbfehler
- mittlere Streulichempfindlichkeit
- Umstülpaugenmuscheln sind zweitbeste Lösung

Mein Fazit ist, dass ich die Kombination wohl behalten werde. Die mittlere Austrittspupille des Fernglases ist für meinen Himmel optimal. Bei den Preisen für die Chinagläser kommt man an einem Großfernglas kaum noch vorbei, wenn man mal durch eins geschaut hat.

Ach ja, fast hätte ich noch vergessen, was zur Transportabilität zu sagen: Das Stativ ist recht sperrig, wenn man faul ist und Gegengewicht + Stange nicht demontiert. Das Azimutgelenk lässt sich ja nicht festklemmen, deswegen hat man beim Tragen eine ziemlich wackelige Konstruktion in den Händen, die gerne mal einen Schwenk in Richtung Wand oder Decke ausführt. Dennoch kann man die Kombination rein gewichtsmäßig locker in einem Stück transportieren.

Viele Grüße
Andreas
 
Hallo Andreas,

einen wirklich schönen Bericht hast Du da geschrieben. Vielen Dank dafür! Habe selber das 20x80 von TS und kann bezüglich der mechanischen Verarbeitung des Glases Deinen Bericht nur unterschreiben.

Was die Optik anlangt, würde mich interessieren, ob das 20x90 auch eine Triplett-Konstruktion ist. Auf Wolfis Homepage steht nichts darüber, ich kann mir aber schwer vorstellen, daß zwei völlig identische Gläser unterschiedliche optische Konstruktionen aufweisen. Falls es kein Triplett ist, rate ich dringend, es mal mit dem 20x80 zu vergleichen. Die geringere Lichtstärke (AP 4,5 zu 4 mm) dürfte durch die Farbreinheit des 20x80 am Planeten wettgemacht werden.
carpe noctem
Matthias
 
Hallo Matthias,

Was die Optik anlangt, würde mich interessieren, ob das 20x90 auch eine Triplett-Konstruktion ist.

Mich auch!

Vielleicht kann sich einer der Chinawarenhändler dazu äußern?

Hast Du das Glas mal auf die Waage gelegt? Die 2,4 kg des 20x80 erscheinen mir im Vergleich zu 4,0 kg des 20x90 extrem leicht, zumal wohl eine Linse mehr im Objektiv steckt.

Viele Grüße
Andreas
 
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