Re: 10mm Okular für Russentonne MC MTO-11CA 10/100
Hallo GuckindieLuft (Vorname bisher unbekannt) und herzlich Willkommen im Forum,
ich will mich mal einschalten, da ich befürchte, daß so manche wichtige Grundlage und Basalbedingung noch nicht recht klar sind.
Zunächst zum Gerät: der genannte Mak-Cass. mit 10 cm Öffnung und f/10 ist sicher eine schöne Fotooptik und auch gut visuell einsetzbar, wenn man die systembedingten Grenzen bedenkt. Mit seiner für visuelle Hochvergrößerung als erheblich einzustufenden (der Kompaktheit wegen bauartbedingten) zentralen Abschattung durch den Sekundärspiegel ist die Vergrößerungsleistung relativ zu anderen optischen Designs (Refraktor/Newton...) begrenzter.
Typische geeignete Designs für visuelle Hochvergrößerung - wie zur Planetenbeobachtung nötig - haben keine oder geringe Obstruktion bzw. vergleichsweise größere Öffnungen.
Insofern ist das Gerät explizit für Planetenbeobachtung im Vergleich zu anderen Bauarten nicht besonders empfehlenswert. Meines Erachtens fängt nachhaltig reizvolle Planetenbeobachtung ab 150x an, das ist wohl etwa der Wert, bei dem die Russentonne aufhört.
Mit f/10 sind die Ansprüche an das Okular gering, bereits einfachere Designs - wie alle genannten - werden eine ordentliche Abbildung ermöglichen. Sehr aufwendige und kostspieligere Designs bieten natürlich schon Verbesserung, allerdings an diesem Gerät eher marginal im Vergleich zu den Kosten, will sagen: ein f/4-Newton verlangt geradezu aufwendige Designs, ein f/10-Gerät hingegen längst nicht (Abbildung auf Achse und im Feld). Um einen Vergleich aus dem Automobilbau zu bringen: mit den allerbesten Reifen und Felgen fährt ein alter, gebrauchter russischer Kleinstwagen
schon besser, es wird aber kein Mittelklasse-Limousinen-Gefühl aufkommen. Der Gesamt-Output und dessen Qualität ist eben von jedem Glied in der bildaufbauenden Kette abhängig. Insoweit "begrenzen" die Eckwerte der Primäroptik (Mak-C.100-f/10) die Gesamtleistung.
Derzeitige Jupiterbeobachtung ist schon sehr schwierig wegen seines tiefen Standes (Luftunruhe hoch durch relative Bodennähe der Lichtstrahlen und langem Weg in der Atmosphäre; atmosphärische Refraktion). Das ist völlig geräteunabhängig und kann falsche Schlüsse bezüglich des Okulars bedingen. Um dieses einzuschätzen, am besten bei gutem Seeing im Zenit mit ausgekühltem Rohr und vollständiger Dunkelanpassung des Auges offene Haufen, Milchstraßenfelder betrachten. Wenn hier die Abbildung der Sterne in Ordnung ist, ist auch das Okular ok.
Jorrits Aussage einige Beiträge zuvor in diesem Thread, daß bei weniger weitwinkligem 10-mm Okular das Bild heller werde, ist irrig. Die Größe der Feldblende und die interne Optik des Okulars bedingen das Feld und die Weitwinkligkeit. Das Bild jedes 10er Okulars ist im Prinzip gleich hell. Einzig Absorptionseigenschaften und Reflexionsbedingungen des Okulars können zu Lichtverlust führen. Dies ist aber als für dieses Gerät und dessen sinnvoller Okularausstattung eher als marginal und akademisch zu bezeichnen. Natürlich werden sehr edle und hochpreisige Okulare in der Regel etwas weniger Licht schlucken und häufig weitwinkliger sein, das wäre aber wie oben schon erwähnt, nur ein Glied der Kette der Bilderzeugung extrem überproportional zu stärken. Vielleicht sollte man bei dem Budget gar eine andere planetenfähigere Primäroptik anschaffen... Ein weiterer gut mögliches Probeobjekt wäre noch der Mond, der leider im Sommer aber auch recht tief steht. Ist halt nicht so die Planetensaison im Moment...
Knüpfe Kontakte zu Sternfreunden in der Nähe und leihe Dir mal ein Okular von diesen aus und vergleiche. Umgekehrt kannst Du Dein 10er ja mal in deren Geräte verwenden. Überhaupt kannst Du dann unter dem nächtlichen Sternenzelt mal mit denen alles besprechen - unersetzlich hilfreich!
Von der "Optik-Entspannung" der Russentonne habe ich schon gelesen, da ich ein derartiges Gerät aber nicht selbst habe: vielleicht mal die Suchfunktion hier verwenden.
Zur Einschätzung der Kollimation des gesamten Aufbaus (Optik intern, Auszug, Zenitspiegel) mit richtig Hochvergrößerung sterntestfähig (also durchaus 5mm-Oku) horizontfern bzw. min. Polaris einstellen und bei ausgekühltem Gerät die Abbildung im Fokus und besonders leicht intra/extrafokal ansehen. Der Sterntest ist hier sehr empfindlich, aber auch leider nicht einfach durchzuführen (Anspruch an Luftruhe hoch) und für Ein/Aufsteiger schwierig zu interpretieren. Vermutlich können Dir hier auch Kollegen vor Ort am besten helfen.
Ich würde mir für das Gerät ein allflächig multivergütetes 32er Super-Plössl holen (max. Feld, Geringvergrößerung) und vielleicht ein Zoom (z. B. 24-8), welches von 16-8 mm ein ganz akzeptables Feld (größer als Plössls) bei stufenloser Vergrößerbarkeit liefert. Es sei denn, ein ergänzendes Teleskop anzuschaffen sei angedacht, dann würde ich wohl die Okularbestückung damit mitbedenken.
Die Russentonne ist meines Erachtens eine schöne Fotooptik und visuell als Spektiv (Erdbeobachtung, V 25-50x, mehr gibt die Luftruhe kaum her) gut verwendbar. Als einziges visuell astronomisch genutztes Gerät hat es m. E. nur den Vorteil der Kompaktheit. Richtig Widefield geht nicht wegen f/10 und nur 1,25"-OAZ, nachhaltig freudvolle Hochvergrößerung (z. B. Mond, Planeten, planetarische Nebel, Kugelsternhaufen) auch eigentlich nicht durch die relativ geringe Öffnung, Obstruktion und gleichzeitig noch mehrfachem designbedingtem Lichtverlust (reltiv viele optisch wirksame Flächen, relativ dann viele Oberflächenfehler und Verluste, die sich alle multiplizieren). Gleiches gilt für die entsprechenden Austrittspupillengrößen: Über 4 mm kommt man eigentlich gar nicht (eher 3,2) und bei 0,7 ist V eher knapp. So bleibt der mittlere Vergrößerungsbereich, mit dem allerdings schon so einige Objekte gehen. Vielleicht wäre ein 15er Okular etwas. Jedenfalls muß man sich der Fähigkeiten (und Grenzen!) des Geräts bewußt sein, um nicht von überhöhten Erwartungen enttäuscht zu werden. Ein Allrounder ist das Gerät ganz sicher nicht.
Eine kurze Stellungnahme noch zu Jorrits irriger (mindestens unvollständiger) Aussage, für DS bräuchte es geringe Brennweiten und große Öffnungen. Wenn mit DS eher flächige Objekte (Nebel, Galaxien) gemeint sind, so braucht es angepaßtes Feld und angepaßte Austrittspupillengröße. Dies sind die gerätespezifischen Determinanten. (Die Umgebungsdeterminanten sind für Flächenquellen vor allem der Ausgangskontrast am Himmel, also möglichst dunkler Himmel und in Grenzen die Luftunruhe.) Auch kleine Öffnungen, wenn sie auf geeignete Objekte gerichtet sind und ideale AP liefern, leisten Erstaunliches. Ebenso können bei großer Öffnung auch lange Brennweiten mit ideal angepaßten Okularbrennweiten sehr schöne DS-Beobachtungen erlauben. Visuell ist für Flächenhelligkeitsquellen ein 8"-f/6 besser als ein 8"-f/4 (weniger Obstruktion) bei gleicher AP (=längere Brennweite besser!). An Riesenobjekten (Andromedagalaxie) ist wohl ein unobstruiertes Bino mit exakt max. AP (Auge, Lichtverschmutzung möglichst gering) ideal.
Vielleicht habe ich in dem ein oder anderen Punkt helfen können, weiterhin schönen Einstieg ins Hobby,
klare Himmel und Top-Bedingungen wünscht
Matthias.
PS: Hab meinen Text nochmal gelesen und möchte noch etwas zum letzten Abschnitt ergänzen:
- die Öffnung entscheidet im DS-Bereich über die "Reichweite" des Geräts, je größer die Öffnung, umso schwächere Punktquellen (Sterne, Haufenaußenbereiche, Knötchen in Galaxien, PNs) können wahrgenommen werden. Wenn der Himmel dunkel genug ist, so steigt auch die Detailfülle flächiger Objekte mit der Öffnung. Bei Hochvergrößerung ist ebenfalls die Auflösung höher, die Momente noch leicht bewegter Luft werden aber hochaufgelöster abgebildet. (Die seltenen) Augenblicke von stehender Luft bieten dann gewaltigen Detailreichtum.
- das Öffnungsverhältnis und die Okularbrennweite ergeben die AP und damit bei hinreichendem Kontrast eines Flächenobjekts im Himmelshintergrund (Lichtverschmutzung!) den Faktor über prinzipielle Sichtbarkeit. Natürlich muß dann auch a) überhaupt hinreichender Lichtstrom pro Flächenteil ankommen, daß eine Sinnesreizung erfolgt (Gesamtsysteme mit geringen Gesamtverlusten, zl B. mit wenigen optischen Flächen sind besser) und b) eine hinreichende Winkelauflösung vorhanden sein (Abbildungsmaßstab).
So reicht eine allzukleine Öffnung auch bei edelster Ausführung eventuell nicht für ein gewisses schwaches, winkelkleines Flächenobjekt. Andererseits kann an allzu lichtverschmutztem Himmel auch ein Riesenspiegel keine Wunder vollbringen. Und schließlich können noch sehr große Objekte unter Umständen nur deshalb nicht (vollständig und gleichzeitig) wahrgenommen werden, weil sich schlicht wegen zu kleinem Felde der Umgebungshimmel nicht daneben im Okulargesichtsfeld befindet. Da kann man sich nur mit "abfahren" des Himmels notdürftig behelfen. Für schwache Flächenquellen braucht es also 1. dunklen Himmel, 2. große AP und 3. hinreichende Auflösung respektive Öffnung.
Ich denke, die Zusammenhänge sind jetzt noch klarer.