Hallo Jadran,
das Prüfprotokoll ist halt ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist es eine Art Institution, die schlicht ein Bedürfnis befriedigt, nämlich das Bedürfnis nach Sicherheit bezüglich der Optikqualität, am besten aus (oft scheinbar) neutraler, 3. Hand. So wie das gehandhabt wird, ist es dann manchen Leuten nebensächlich, wie nachvollziehbar (oder auch geschönt) die Ergebnisse sind. Der Zweck wird erfüllt, der Kunde hat was in der Hand.
Auf der anderen Seite liefet natürlich ein einwandfreies Prüfprotokoll eine ganze Menge an Erkenntnis über das jeweilige Einzelexemplar einer Optik. Mag sein, dass mancher Experte anhand eines solchen Protokolls schon ersehen kann, ob eine Optik nochmal "nachgebessert" werden kann, z.B. beim Refraktor durch Neuzentrierung. Und natürlich weist ein gutes I-Gramm bei schlechter Abbildung auf z.B. ein Justageproblem hin.
Ich kann mich aber nicht der harten Aussage enthalten, dass ein unsauberes, ja geschöntes I-Gramm praktisch Wertlos ist. Wie bereits gesagt, vertraue ich dem Teleskop oder seinem Anbieter, brauche ich kein I-Gramm. Kann ich selber am Himmel erkennen, ob die Optik gut ist (Erfahrungssache), brauche ich kein I-Gramm. Das I-Gramm macht die Optik nicht besser, also ist das Geld dafür dann verschwendet.
Die Aussage hier, bei einem I-Gramm Koma abzuziehen, weil die Optik als komafrei auf der Achse bekannt ist, Asti abzuziehen, weil bei der Optik der Asti auskorrigiert werden kann, bedeutet, dass der Tester die Nutzlosigkeit des eigenen Tuns unterschrieben hat. Wer vertraut, dass das individuelle Exemplar diese Maken nicht hat, weil es perfekt im Sinne der geplanten Konstruktion geungen ist, braucht kein I-Gramm. Hart, aber fair.
Also werden viele Prüfprotokolle nur gemacht, weil der Kunde sich einlullen lassen will. Wenn ich nur mal grüble, wie sehr am Aufpreis hochwertiger Okulare geknausert wird, die nun sichtbar Mehrleistung bringen, dann komme ich auf den Gedanken, das manche Gedanken eben nur wenigen von uns kommen...
Clear Skies
Sven