Weihnachtsansprache!
Hallo Leute, ich bin richtig beeindruckt, mit welcher Energie Ihr ueber Aldi etc. Glaeser diskutieren koennt. Waere schoen, wenn die Konstrukteure denselben Einsatz beim Bau dieser Fernglaeser zeigen wuerden

Habt Ihr gerade schlechtes Wetter in Deutschland?
Vielleicht kann meine jetzt folgende Geschichte einige von Euch ruhiger schlafen lassen:
Ich hatte vor nicht allzu langer Zeit eine Diskussion mit einem chinesischen Fernglashersteller ueber die Qualitaet seiner Produkte. Als Erstes stellte ich fest, dass die Chinesen selbst genauso viel von den Billigfernglaesern halten wie die meisten von uns auch: Naemlich so gut wie gar nichts. Also fragte ich weiter, warum man nicht gleich bessere Fernglaeser produziert. Die Antwort war simpel und einleuchtend zugleich: Es sind gerade diese Billigteile, die das Geld ranschaffen. In einer grossen Fabrik lassen sie sich unglaublich billig produzieren. Die Arbeiter sind meistens junge Leute, die vom Land in die Stadt kommen, um Arbeit zu finden. In den Jobboersen vor Ort nehmen sie irgendetwas, sei es auf dem Bau oder in solch einer Fabrik. Dann werden sie 'angelernt': Man zeigt ihnen zweimal, wie z.B. die Prismen zusammengeklebt werden, und laesst sie dann an ihre Arbeitstische. Gearbeitet wird im Akkord, Fehler werden vom Gehalt abgezogen. Dies sind keine schoenen Arbeitsbedingungen, allerdings auch keine auf dem Niveau Kinderarbeit, und auch nicht mehr oder weniger Ausbeutung als in anderen Industriezweigen im Reich der Mitte. Uebrigens: Die Leute machen trotzdem freiwillig mit, weil sie immer noch mehr Geld verdienen, als sie es zu Hause auf dem Lande jemals koennten, wo man auch jeden Tag von morgens bis abends auf dem Feld schuftet, ohne Urlaub oder Sozialversicherung. Das Material ist allerdings unterste Schublade: Die Linsen kommen aus den lokalen Glashuetten und werden im Schnellverfahren maschinell gefertigt, haben jede Menge Spannungen und sind nie richtig auspoliert. Qualitaetskontrolle gibt es nicht. Dafuer kosten sie ein paar Cent das Stueck, das ist schon beeindruckend. Die fertig zusammengeklebten Fernglaeser der ganz unteren Preisklasse werden auch nicht geprueft, man guckt noch nicht einmal kurz durch, ob ueberhaupt Licht durch das Instrument kommt (und nicht etwa ein Prisma vergessen wurde

. Das sind dann die Ebay Teile (80x8000), die windige Haendler aus Osteuropa in China einkaufen und dann auf unseren Maerkten unterbringen wollen. Diejenigen mit Firmennamen (Meade, Bresser etc) sind schon die etwas besseren. Hier gibt es eine Endkontrolle. Boese Zungen behaupten, dass das, was durch diese Kontrolle durchfaellt, hinterher bei Aldi/Lidl landet, aber dafuer gibt es keinen Beleg und ich sage daher ausdruecklich, dass es sich um nicht mehr als ein Geruecht handelt und meiner Meinung nach auch nicht stimmt. Denn: Wer es billiger haben will, bei dem spart der Hersteller halt mit der Kontrolle, kein Problem, und daher sind 3 der 4 Fernglaeser auf dem Grabbeltisch dann auch nicht ausreichend justiert.
Der entscheidende Punkt ist jedoch: Diese Billigteile spuelen viel Geld in die Kassen der Hersteller. Infolge dessen sind sie in der Lage, in bessere Ausruestung und gelernte Mitarbeiter zu investieren. Inzwischen sind viele Fabriken mit CNC Maschinen ausgeruestet, so dass man Praezisionsteile fuer hoeherwertige Fernglaeser produzieren kann. Die in diesem Forum wohlbekannten 7x50 und 10x50 Fujinon Kopien sind bereits ein Resultat dieser Entwicklung. Inzwischen sitzen dort die ersten echten optischen Ingenieure an ihren Computern, und weitere werden angeworben. Diese Entwicklung Richtung hochwertige Optik wird im Prinzip durch den Billigsektor erst moeglich: Ohne das Geld, das mit den Billigteilen verdient wurde, waeren diese Investitionen gar nicht denkbar. Was in den kommenden Jahren passieren wird, liegt auf der Hand: Ein wesentlicher Teil der Massenfertigung wird langsam in billigere Laender auswandern, nach Vietnam oder Indien beispielsweise. Ueberleben werden diejenigen chinesischen Hersteller, die bis dahin den Sprung in die hoehere Qualitaetskategorie geschafft haben, genauso, wie in den 60er Jahren die Billighersteller aus Japan verschwanden und den Qualitaetsfirmen Platz machten. Allerdings: mit Qualitaetsfernglaesern allein kann eine Firma scheinbar nicht auf Dauer ueberleben, dazu sind die Stueckzahlen wohl zu gering.
Mit anderen Worten: Man sollte nicht streiten ueber Billig vs. Qualitaet, dieser scheinbare Gegensatz existiert gar nicht, weil alles in einem System zusammenhaengt. Wenn keiner die Billigteile kaufen wuerde, dann haetten die Firmen nicht das Geld, um sich den Qualitaetssektor zu erarbeiten. Wer also ein hochwertiges Fernglas aus China kauft, der wurde gewissermassen von anderen Leuten subventioniert, die ihr Geld in Billigfernglaeser investiert haben. Und wer sich zunaechst ein billiges Fernglas kauft, der investiert paradoxerweise auch ein wenig in zukuenftige Qualitaetsfernglaeser!
Es gibt also eigentlich gar keinen Anlass fuer diese Grundsatzdiskussion. Jedes Produkt und jeder Kaeufer spielt seine Rolle in diesem Organismus, und niemand ist moralisch in einer ueberlegenen Position. Es muss nur jeder fuer sich selbst entscheiden, welchen Qualitaetsanspruch er hat. Die Erfahrung zeigt, dass dieser im Laufe der Jahre steigt, und das merkt er dann schon selbst, wenn er ploetzlich erkennt, dass die 'perfekte Sternabbildung' im 30 Euro Fernglas sogar noch viel perfekter werden kann
In diesem Sinne beende ich meine Weihnachtsansprache und wuensche allerseits ein frohes Fest!
Holger