Andromeda hoch zwei

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paul01

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Andromeda hoch zwei oder wie lernte, unsere Nachbargalaxie neu zu entdecken.
Drei Beobachtungsberichte und zwei Mal Andromeda am selben Abend.




1. Beobachtungsbericht des Teleskoptreffens vom 28. August 2016 in Falera/GR Schweiz.

Hurra, mein erstes Teleskoptreffen und das mit Mid-fünfzig. Also direkt nach der Arbeit, die Instrumente zur Distanzverkürzung der astronomischen Weiten ins Fahrzeug geladen und mit Maximalgeschwindigkeit von 1.13 10-7 c und in t = 60 Minuten in das benachbarte Bündnerland gedüst.In Falera neben der Sternwarte Mirasteilas gab es eine Wiese, wo die Amateure ihre Vorzeigelieblinge aufstellen durften. Erlauchtes Publikum gesellte sich in im Laufe der Nacht hinzu: ein ukrainischer Aries Refraktor mit geschätzten 8 Zoll, einige schwarz gekleidete Ninjas und sonstige japanische Edelmänner.
Über allen aber trohnte der Hausherr: das 90 cm Nassmyth Cassegrain der Sternwarte.

Also mit meinem Zafira reingedrängt und die chinesische Offensive mit deutscher Ausführung in Stellung gebracht: 16 Zoll MF Dobson und einen Equinox Skywatcher 120/900 auf EQ6. Später in der Nacht verstaute ich dann den Equinox, weil im 16 er Dobson einfach alles prächtiger aussah.Den Equinox benutzte ich bei Dämmerung für den tiefstehenden Saturn, einfach Klasse, was der Refraktor leistet. Einer Familie mit zwei Kindern konnte ich so ihre erste Begegnung mit Saturn bescheren. Sieht aus wie ein Pfannkuchen, war einer der Kommentare.

Der Dobson war hingegen noch nicht richtig ausgekühlt und leider zog von den Bergen her ein stetiger Wind herab, der die Abbildungsleistung wesentlich schmälerte. Bei 200-fach, war Saturn zwar grösser, aber das Bild ebenso beschränkter. Trotzdem gab es immer wieder Momente, wo die Luft ruhiger wurde und sofort sprangen Details, wie die Ringteilung ins Auge. Ausserdem servierte der Dobson mehr Monde und kräftigere Farben der ringförmigen Wolkenstruktur. Und ganze 1288 Meter über Nordsee halfen auch mit.

Im Vergleich: Refraktor gegen Dobson, bei diesen Windverhältnissen irgendwie 1:1.

Der Equinox ist ein edles Gerät, überhaupt alle Refraktoren in dieser Klasse: schnell aufgebaut und abgekühlt und ein enormes Gesichtsfeld mit hervorragender Sternabbildung und einsamen Kontrast. Wenn dann noch ein finsterer und transparenter Alpenhimmel dazukommt, sind ästhetische Glücksmomente vorprogrammiert. In diesem Sinne sind solche Refraktoren wahre Glücksbringer.

Trotzdem, nur ein grosser Dobson zeigt eigentlich erst die wahre Natur der Objekte der astronomischen Begierde. Nach einer Weile als Besitzer von einem 16 Zoll Dobson standen drei Dinge fest: Warum habe ich nicht schon von Anfang mit so einem Instrument beobachtet und selbst unter einem schlechten Himmel lohnt sich ein grosse Öffnung und schliesslich -geht’s noch grösser?

Während die Instrumente auskühlten und der Himmel vor sich hin dämmerte, war es dann endlich Zeit, die Körpertemperatur, mit Hilfe eines wohltemperierten Bieres anzupassen.

Nachbar war ein Sternenfreund aus Ravensburg mit einem 8 Zoll Dobson auf EQ Plattform. Später zauberte er, zu meinem Entzücken, ein Vereinsgerät hervor: eine alte Schmidt Fotokanone, die dann den Rest des Abends beschäftigt war, die Photonen des dunklen E beim Adler einzusaugen. Schon ein kurzes Testbild zeigte ein Meer von Sternen mit dem besagten Nebel.Dann wurde es richtig dunkel und es herrschte emsiges Treiben: Okulare wechseln, aufheulende GoTo´s, Blättern in dicken Sternenkatalogen, akustische Emoticons.

Bei mir die Standardobjekte wie die kugelnden Sternenkonzentrationen M 13, mit kleiner Begleitgalaxie schön aufgelöst und seinen netten Nachbarn M 92 und der obligate Nibelungenring in der Leier.

Der französisch sprechende Kollege aus Basel mit seinem 12 Zoll f/4 Orion UK Dobson servierte reichlich Futter aus dem Schützenbuffet. Ich borgte ihm den ES Komakorrektor und er war sichtlich angetan und tatsächlich, bei f/4 zeigte sich der erhoffte Bügeleffekt des Gesichstfeldes. Wir testeten mein 9 mm ES 100° Grad gegen sein neues TS SWA 100° Ultra-Series 10 mm. Ergebnis: minimer Vorsprung für das ES.

Nach Mitternacht wurde es noch deutlich dunkler. Also mal Andromeda rein, wunderbar, deutlich zwei dunkle Staubbänder bzw. dunkle Schläuche erkennbar. Auch Pacman mit O3 Filter ging gut. Dann kam mein Ravensburger Freund und stellte mir den Katzaugennebel ein, den er gerade beim grossen Cassegrain gesehen hatte.

Leider zerzauste der Wind, sämtliche Objekte über 200-fach zu Matsch. Trotzdem, den Katzenaugennebel hatte ich mit meinem Dobson noch nie gesehen: Zentralstern einfach und easy und der Nebel im giftigsten Grün, so wie ich es im Chemieunterricht beim Abbrennen irgendeines Stoffes in Erinnerung hatte.

Die Transparenz des Himmels war plötzlich genial und die Schalen, trotz des Windes leicht erkennbar. Mein Sternenfreund aus Ravensburg meinte, dass die Abbildung im grossen Cassegrain nicht viel besser gewesen sei. Klar auch bei dieser Öffnung war jenseits von 200-fach Schluss.

Überhaupt stellte ich fest, dass mein 16 Zöller, im Vergleich mit anderen Teleskopen einen sehr guten Spiegel besitzt und unter diesem Paradehimmel konnte ich zumindest, trotz des fiesen Windes, die enorme die Lichtstärke der Öffnung zum ersten Mal voll auskosten.

Und mittendrin, wie bestellt zur Teleskopparty, ein kleiner Meteorit, mit hörbarem Geräusch und am Ende zerplatzte er wie ein Feuerwerkskörper über den südlichen Alpen.

So gegen ein Uhr zeigte sich der schon dunkel Himmel noch dunkler, als wolle er uns jetzt wahre Natur, seine dunkle Materie zeigen und der verbliebene Dunst verzog sich noch mehr. Ein weiterer Hinweis aus der Praxis für die Theorie, dass im Laufe der Nacht der Himmel immer besser wird.

Die M81 Gruppe beim Basler Kollegen sahen galaktisch aus und h und x im Aries Refraktor waren durch die hervorragende Sternenabbildung ein Genuss.

Also schnell zurück zu meinem Dobson, M 13 fast nur noch mit Sonnenbrille zu ertragen, Ringnebel wie mit einer CCD Live Kamera und in der glitzernden Milchstrasse, Veil Nebel und Zirren im Schwan mit O3 Filter, wie auf einem länger belichteten Schwarzweiss Foto.

Einziger Kommentar des Augsburgers : HAMMER!! und dem Basler wurde dieser Anblick zum Verhängnis mit den finanziellen Folgen in Form einer geplanten Anschaffung eines teuren Astronomik O3 Filters.

H und x mit dem Komakorrektor waren aber auch an meinem Dobson ein Delikatesse: zwei Haufen winziger Diamantensplitter, arrangiert in der schwarzen Unendlichkeit.Inzwischen hatte sich der Besucherandrang in der Sternwarte gelegt, also hinauf zum grossen Cassegrain. NGC 891 mit einem 50 mm Okular, Mirrachs Ghost und ein paar andere Evergreens gesehen.Die Zeit schritt voran und in Ermangelung eines Schlafplatzes musste ich mich bald auf den Heimweg machen.

Vor dem Abbau den obligaten Abschiedsblick hoch in die die Bündner Sternennacht. Auffälligstes Objekt war jetzt die Andromedagalaxie, grösser als der Vollmond und die Nebelstruktur leicht erkennbar mit dem freien Auge.

Also zum Abschluss noch einmal auf Andromeda geschwenkt: im 20 mm TS XWA gleissend hell, mit dem 9 mm ES bei 200-fach, sprachlos, der Galaxienkern eine fast körnige Struktur und die Staubbänder unterhalb des Nucleus, wie auf den Fotos mit grösserer Brennweite, mit leicht zerrissener Struktur.

Die frei gewordenen Endorphine sorgten dafür, dass das Bild auf meiner neuronalen Galaxie für immer gespeichert wurde. So nah war ich Andromeda noch nie.





2. Beobachtungsbericht, Mitte September

Tief gestapelt wieder runter auf 400 Höhenmeter, irgendwie keinen Bock auf das LED Licht der Television.

Also raus in die herrlich lauwarme Septembernacht. Als Standort für meinen kosmischen Spähposten wählte ich den Rheindamm. Zwar nicht ideal, da direkt über dem Fluss des Vaters Rheins, der entlang der Grenze zwischen Liechtenstein und der Schweiz fliesst.

Der Plan: einfach Genussspechteln, vor allem Entschleunigen.

Der Talhimmel, mit höchstens 4.5 Mag, je nach Himmelsregion, im Laufe der Nacht ein bisschen Mehr. Seeing allerdings etwas besser als auf den Bündner Bergen.

Ehrlicherweise gab es auch einen weiteren Grund: dabei das neu erworbene Morpheus 6.5 (ein Tipp vom französisch sprechenden Freund, der mir erzählte, dass die Okularreihe in den französischen Foren gelobt wird) und das neue TSXWA 5mm.

Diese Investition war schon lange geplant, um die Misere im Hochvergösserungsbereich zu beenden. Leider sind meine finanziellen Resourcen beschränkt, so dass ich höchstens einmal im Jahr bescheiden in mein Hobby investieren kann.
Hilfreich war dabei ein Geburtstag mit Spendenkasse, so geschehen am 20.08., wo es die Schnapszahl 55 zu feiern gab.

Visuell beobachten bedeutet für mich auch, irgendwie wieder Ruhe in die eigene Existenz zu bringen.

Vor ein paar Jahren habe ich ein bisschen Astrofotografie angefangen, mit Bescheidenem Erfolg allerdings. Dennoch 50 kg aufbauen, Laptops einrichten, Parameter einstellen, stundenlange EVB. Vor lauter Technik, vergisst man den Himmel - oder besser gesagt, in den Himmel zu schauen. Wahrscheinlich der klassische Anfängerfehler. Abhilfe würde entweder eine Sternwarte oder die Ausrüstung kleiner und transportabler machen. Trotz der widrigen Umstände, an der Astrofotografie werde ich dran bleiben.

Das kleine Zen, der Beobachtung zu zelebrieren, ist aber auch nicht leicht. Also zuerst Kartenstudium, dann im Sessel die gedankliche Blaupause der Sternenbildkonstellationen auf den Himmel projiziert. Nach Objektfindung im Teleskop, direktes und indirektes Sehen, verschiedene Vergrösserungen auf und ab und nochmal umgekehrt – nicht zu vergessen - am Gitterrohrdobson: richtige Atemtechnik und Körperhaltung. Dann Visualisieren, gedanklich zeichnen und das Objekt zum Gesamtbild zusammenfügen – und am Ende, die ideale Vergrösserung für das Objekt an dem jeweiligen Abend bestimmen.

Ich war neugierig, ob sich das Auge der Katze, hier unter den Bedingungen des Tales, blicken lässt. Nach zwei vergeblichen Lokalisierungsversuchen, tatsächlich, ein zartblasses grünes Nebelchen mit dem 20 mm.

Also hochvergrössern, tatsächlich mit dem Morpheus bei 276-fach geht was. Aber leider versinken die Strukturen in der der trüben Rheintalsuppe. Klar, kein Vergleich mit dem Bündnerland. Im Tal dazu noch die verwaschene, ausgebleichte Farbe und das trotz des besseren seeings, die Transparenz des Alpenhimmels fehlt hier einfach.

Das Morpheus entzückte mich auf der ganzen Linie, rattenscharf, Epylon Lyrae deutlich getrennt. Später dann das neue 5 mm auf M 13 gerichtet, 360-fach ist gar viel. Trotzdem eine überzeugende Abbildung.

Andromeda hier im Tal, leider nur ein Trauerspiel, ein echt neuronaler Dämpfer.





3. Beobachtungsbericht Anfang Oktober

Es ging wieder upstairs: Ein kurzer Höhenflug zum Stammplatz beim Steger Stausee auf 1300 Meter. Konditionen: Himmel ganz passabel, zwei Sommerjacken, da leichte Bise, später drehend auf milden Fön.

Das Katzenauge auf Anhieb gefunden, leider aufgrund des Windes, wieder nix mit Hochvergrössern.
Wenn ich, wie damals, bei der Windstille im März, die in die Sammlung dazu gewonnen Lieblinge Morpheus und das 5mm(Neo) gehabt hätte… da ging sogar das 2.5 mm TS bei Mond und Jupiter, immerhin 720-fach.

Erstaunlich, beim dritten Mal merkt sich sogar mein alterndes Gehirn die Position des Katzenauges am Himmel. Und so hat man seine innere Deep Sky Navigationsdatenbank immer dabei und kann sie bei jeder Himmelsbeobachtung neu programmieren.

Viele Sternenfreunde ziehen immer noch das geistige GoTo vor.

Stimmt es macht einfach happy, wenn man nach einem Schwenk und kurzen Blick durch den Sucher, sogar schwierige Objekte sofort im Visier hat. Diese Erfahrung, lässt sich durch nichts ersetzten und ist nicht vergleichbar mit der Roboternavigation. Vielleicht bin ich auch einfach etwas altmodisch.

Letzthin habe ich eine Anzeige im amerikanischen Forum cloudy night gelesen; da verkauft jemand seinen grossen Dobson. Als Grund für den Verkauf gab er an, er habe schon tausende Objekte und das mehrmals gesehen.

Ich stelle mir vor, wie viele Himmelbeobachter es geben muss, die wahrlich stellare Navigatoren sind und sogar schneller als jede GoTo Montierung die exotischsten Objekte mir einstellen würden.

Genug abgeschweift, also zurück zur neuronalen Programmierung zusammen mit dem Deep Sky Atlas: Blue Snowball, ja, wirklich blau, Stefans Quintett, M 15 und als Höhepunkt die Spiralgalaxie NGC 5907 im Drachen, die eine prototypische Kantenansicht bietet.
Andromeda hier wieder mit den schwarzen Streifen, aber weit entfernt vom eingebrannten Abbild der Starparty.

Letztlich ist unser Hobby, wie z.B. das Wandern oder Tauchen, von den Rahmenbedingungen abhängig.

Da sind einerseits die verschiedenen meteorologischen und geographischen Bedingungen.
Dann andererseits die diversen technischen Dispositionen: Refraktoren, Newtons und andere Exoten. Nicht zu vergessen die Okulare, Filter etc.

Und natürlich ist auch was los am Himmel: unterschiedliche Planetenpositionen, Mondspiele des Jupiters, Kometen, Supernovae und und…

Vielleicht nach ein bis zwei Jahren in der Atacama Wüste zusammen mit einem 28 Zoll Zerodur Ultralowriderdobson würde ich dann mein Teleskop auch verkaufen und mich wieder anderen Dingen widmen.

Zum Glück leben wir hier in Westeuropa: der Wettergott wir dafür sorgen, dass wir unser Hobby nicht so schnell aufgeben werden und dementsprechend die nächsten Jahrzehnte damit verbringen werden, die dicken Beobachtungskataloge durchzuarbeiten.

Gruss Paul





„Die Astronomie ist mir deswegen so wert, weil sie die einzige aller Wissenschaften ist, die auf allgemein anerkannten, unbestreibaren Basen ruht, mithin mit voller Sicherheit immer weiter durch die Unendlichkeit fortschreitet. Getrennt durch Länder und Meere teilen die Astronomen, diese geselligsten aller Einsiedler, sich ihre Elemente mit und können darauf wie auf Felsen fortbauen.“

Johann Wolfgang von Goehte



Mein Dobson: http://www.astrotreff.de/topic.asp?TOPIC_ID=190132

 
Hallo Paul,

habe Deinen Bericht mit großem Interesse gelesen. Dass man M31 so detailreich sehen kann ist ja traumhaft! Man muss doch in die Berge! Mein armer 16ner Dob ist hier unten in der Trübnis nicht richtig ausgelastet, als hätte man ein Sportpferd in Kettenhaltung, so kommt es mir nun vor....liest sich einfach phantastisch Dein Erlebnis.

Danke für´s Berichten und liebe Grüsse von Anette
 
Hallo Paul,

sehr schön geschrieben, Deine Berichte. Hat richtig Freude bereitet, sie zu lesen.

GrüßE,

Kai
 
Hallo Paul,

einen schönen Bericht hast du da verfasst. Bzgl. Andromeda habe ich sehr ähnliche Erfahrungen gemacht.
Unter sehr guten Bedingungen ist diese Galaxy, nach meinem Empfinden, spektakulär und wird viel zu wenig in Berichten gewürdigt. Unter perfekten Bedingungen könnte man sich sicher fast die Hälfte der Nacht nur mit diesem Objekt beschäftigen.

Unter meinen Verhältnissen ist M31 in klaren Nächten okay, das große Staubband grenzt sie schön ab und der Halo kommt ordentlich groß - mehr dann aber auch nicht.

Unter perfektem Landhimmel, wie zuletzt auf dem HTT dann auch sehr deutlich im 8" Newton, die leicht strukturierten Haupt-Staubbänder,die sich wie Schinen selbst im Randbereich klar erkennbar eindrehen, so dass der Sprialeindruck toll zur Geltung kommt.

Bei M31 ist nach meiner Erfahrung die Größe des Instruments nicht der entscheidene Teil für eine unvergessliche Beobachtung, die Himmelsqualität macht den entscheidenen Unterschied!

CS
Holger
 
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