Liebe Assessoren und Oberstudienräte der gepflegten astronomischen Schulbildung,
heute Nachmittag konnte ich meine erste "UE" (so nennen sie in der Schul-Bubble heute einen Block Nachmittagsunterricht) hinter mich und sechs Viertklässler bringen. Mit Erfolg, glaube ich.
Den Kids hat es gefallen, ich musste nur einem mit Rauswurf drohen - dem Enkel der mit mir befreundeten Schulleiterin, die mir das aber vorher gesteckt hatte, dass der Bursche ein wenig widerborstig sei. Außerdem war einer nur
körperlich anwesend und weiterer war nur da, weil ihn sein Vater dazu angemeldet hatte. Der wäre auf dem Bolzplatz besser aufgehoben gewesen. Und sein Vater hätte kommen sollen.
Aber: die restlichen drei Jungs hatten richtig Bock, und das hat total Spaß gemacht, mit denen durchs All zu düsen!
Ich habe nun bis zum Sommer zwei Gruppen à sechs Schüler der vierten Klasse, alles Jungs, für je vier Doppelstunden . Aufgrund der begrenzten Zeit habe ich meinen "Lehrplan" folgendermaßen strukturiert:
Einführung: Das All als Aquarium, mit allem, was so darin rumschwimmt und wo "nichts" dazwischen ist: Sterne, Planeten, Monde, Sternhaufen, Nebel, Galaxien. Alles nur kurz angerissen, damit die wenigstens die GANZ GROBEN Unterschiede kennen (Ein Mond ist kalt und leuchtet nicht von selbst).
Dann die Objekte, die ich am Nachthimmel selbst aktiv mit den Jungs beobachten kann, der Helligkeit nach: Mond, Planeten, Sterne und Doppelsterne, Sternbilder, Sternhaufen, Nebel und Galxien. Nebenbei noch Meteore/-oriten, Asteroiden (prompt kam heute die Frage: "Warum ist Pluto kein Planet
mehr (!)?") erklärt. Außerdem Grundbegriffe wie Vakuum, Gravitation, Entfernungen, aber alles sehr simpel und wissenschaftlich eher weich. Aber es geht mir darum, Begeisterung zu wecken und keinen Astrophysikvorlesung zu halten.
Von der Sonnenbeobachtung lasse ich, wie gesagt, komplett die Finger weg, weil mir das zu gefährlich ist. Der kleine "Widerporst" wäre genau der Typ, der natürlich ausprobieren müsste, wie die Sonne im Refraktor mit 40-facher Vergrößerung aussieht ... waaayyy toooo dangerous. Aber es gibt dennoch genug zu erkunden.
- 1. Doppelstunde heute: Das All als Aquarium und allem, was darin herumschwimmt, Gravitation (das haben die echt gecheckt!), Mond (Größe, Entstehung, Geschichte der Erforschung), Beobachtungstipps für demnächst am Fernrohr (Vollmond ist Mi$t, Terminator, lange Schatten, Goldener Henkel, ...).
Aber Theorie ist nicht alles: Die Erde war heute Nachmittag ein alter lederner Medizinball, der Mond eine Orange und die Jungs haben den (halbwegs) korrekten Abstand in diesem Modell mit einem Zollstock im Klassenzimmer selbst umgesezt (7,30 Meter). Und wir haben Glasmurmeln in eine mit Mehl gefüllte Tuperdose fallen lassen, um den Einschlag von Meteroriten und die damit verbundene Entstehung von Mondkratern zu simulieren.
Ziemlich retro, oder?
Ich weiß, es ist wissenschaftlich sicher nicht alles völlig korrekt ... trotzdem:
No electronics, please! Keine youtube-Filmchen, keine Handy-Bilder ... ich hatte meinen Rückl (erste Auflage) dabei und die Jungs waren begeistert. SO geht
für mich Astronomie für Kinder!
Und wenn es ans Beobachten geht, dann garantiert ohne Go-To-Kokolores. Die jungs sind heiß und wollen Dinge erleben - und nicht nur konsumieren; das machen sie den ganzen Tag.
Bevor ich jetzt wieder Prügel kriege:
********** DISCLAIMER: Die hier wiedergegebenen Ansichten und Meinungen entsprechen der rein persönlichen Auffassung des Autors und erheben weder Anspruch auf Vollständigkeit, noch auf Allgemeingültigkeit! ************
- 2. Doppelstunde (geplant): Sterne und ihr grundsätzlicher Aufbau (unter der strengen Berücksichtigung des Russel-Hertzsprung-Diagramms

) und ihre Entstehung, Sternbilder, Sternhaufen und Galaxien.
- 3. Doppelstunde (geplant): Sonnensystem und Planeten mit Aufbau der verschiedenen kleinen und großen aus Stein und Gas, Entfernungen, elliptische Umlaufbahnen, Planetoiden.
- 4. Doppelstunde (geplant): Nebel (im weitesten Sinne), was für Fernrohre gibt es und wie funktionieren sie (- es gibt in diesem Fall genau zwei: Refraktor und Reflektor. Alles andere wäre in dieser Konstellation Mumpitz, weil zeitlich nicht darzustellen und einfach too much).
Und dann geht es an die Instrumente!
Ich habe ein paar alte Skyviews VS-50 besorgt (jahaaaa, die
ganz aus Plastik mit
nur 50 mm Öffnung - pfui-bähbäh!!). So haben immer zwei der Kadetten ein Instrument, auf das sie zusammen aufpassen müssen und gemeinsam dafür verantwortlich sind.
Lest nochmal ein paar der Beiträge weiter oben:
Nagler-Okulare, 10-Zoll Dobson, ASIAIR, leistungsstarke Teleskope für kleines Geld, Astrofotografie ... echt jetzt?
Sehen werden die selbst mit den Plastikgurken genug für den Anfang. Das sind Unwissende! Zum Beispiel das erste Mal den Mond mit 40-facher Vergrößerung. Das Gefühl dieses ersten Anblicks haben die meisten altgedienten Apo-Driver unter uns doch schon längst vergessen ... Außerdem ist die Optik der Teile ganz gut und statt den ganz grottigen Plastik-Okularen und unterirdisch schlechten Zenitprismen habe ich einige halbwegs anständige aus Metall und aus japanischer Fertigung in meinem Fundus. Kein großes Astro-Kino, aber für den Anfang passabel; und darum geht es.
Und außerdem
mache ich das jetzt alles
tatsächlich - und stehe nicht nur am Spielfeldrand. ;-)
So - und jetzt könnt Ihr wieder draufhauen.
Schöne Grüße,
Ursus studiosus
P. S. Für den Fall, dass jemand Interesse an einem ählichen Projekt haben sollte, kann er mich gerne anschreiben und ich schicke ihm mein selbst erstelltes und illustriertes Curriculum (für die Grundschule in diesem Fall. Eventuell schreibe ich noch eines für älteren Schüler). Tally ho!