Du meinst nicht Apo-Rodagon, sondern Apo-Ronar!
Hallo Volker,
da ich seit etwa 17 oder 18 Jahren die technische Dokumentation für Rodenstock (Prospekte, Kataloge, Datenblätter, Linsenschnitte etc.) mache, kenne ich diese Produkte sehr gut und kann Dir einiges dazu sagen.
1. Apo-Rodagon
Das Apo-Rodagon ist ein apochromatisch korrigiertes und wohl nach wie vor das weltweit beste Vergrößerungsobjektiv, das es in folgenden Versionen gibt:
2,8/45 mm (8linsig, bis 24x35 mm, empf. für 5x bis 30x, professionelle Spezialausführung, sehr teuer)
2,8/50 mm (6linsig, bis 24x36 mm, empf. für 2x bis 20x)
4,0/80 mm (7linsig, bis 6x7 cm, empf. für 2x bis 15x)
4,0/90 mm (7linsig, bis 6x7 cm, empf. für 2x bis 15x)
4,0/105 mm (7linsig, bis 6x9 cm, empf. für 2x bis 15x)
4,0/150 mm (7linsig, bis 9x12 cm / 4x5", empf. für 2x bis 15x, Auslaufmodell)
Diese Objektive zeichnen sich durch exzellentes Auflösungsvermögen und spezielle Korrektion aller Abbildungsfehler im genannten Maßstabsbereich aus, weshalb sie auch in Verbindung mit einer als „Modular-Focus” bezeichneten Fokussiereinrichtung (Schneckengang mit Geradführung und 24,5 mm Hub) und evt. Zwischenringen oder mit Balgengerät an Kleinbild-SLR-Kameras für Nah- und Makroaufnahmen verwendet werden. Sie sind üblichen Makroobjektiven meistens deutlich überlegen. Aufgrund ihrer Abbildungsqualität werden Sie auch für industrielle CCD-Stehbild- und Videokameras, für Meßvorrichtungen und zur Bilderkennung sowie in einigen Spezialscannern eingesetzt.
Es gibt dann ferner noch drei Apo-Rodagon-D-Objektive, die jedoch für Maßstäbe um 1:1 oder 1:2 (speziell zu professionellen Duplikatherstellung und für einige spezielle Scanner) entwickelt wurden und aufgrund ihrer empfohlenen Maßstabsbereiche für Astroeinsätze uninteressant sind.
Bei den von genannten Objektiven mit 600 mm bzw. 800 mm Brennweite handelt es sich jedoch nicht um Apo-Rodagone, sondern um Apo-Ronare.
2. Apo-Ronar
Das Apo-Ronar ist ein ebenfalls apochromatisch korrigiertes Aufnahmeobjektiv, das ursprünglich für reprografische Zwecke (u.a. Farbauszüge für den Vierfarbdruck) entwickelt wurde. Diese Anwendung stellt hinsichtlich Auflösung, Gleichmäßigkeit der Auflösung bis zu den Bildecken, Bildfeldebnung, Verzeichnungsfreiheit und des Farblängs- und in noch höherem Maße des Farbquerfehlers allerhöchste Ansprüche. Die Objektive waren ursprünglich für einen Maßstab von 1:1 optimiert, sind aber aufgrund ihrer Bauart (dünne Linsen, sehr große Krümmungsradien und symmetrischer Aufbau) sehr wenig maßstababhängig und darum bis zum Unendlichbereich sehr leistungsfähig. Die Modelle mit Brennweiten von 150 mm bis 485 mm waren 4linsig (es gab interessanterweise sowohl ein 480-mm-Modell, dessen tatsächliche Brennweite 467,3 mm war, als auch 485-mm-Modell mit effektiv 482,9 mm Brennweite und etwas größerem Bildfeld). Die Apo-Ronare von 600 mm bis 1800 mm Brennweite waren 6linsig. Die letztegenannten ab 600 mm Brennweite werden schon seit langer Zeit nicht mehr gefertigt, seit die Scannertechnoogie die fotografische Reprotechnik in der Druckvorstufe abgelöst hat. Dann fiel etwas später auch die Brennweite 485 mm weg.
Die Modelle mit Brennweiten von 150 mm bis 480 mm wurden außer in sog. Normalfassung (mit Irisblende, aber ohne Verschluß für Horizontal- und Vertikal-Reprokameras) auch in Copal-, Compur- und Prontor-Professional-Verschlüssen für Fachkameras (Studiokameras auf optischer Bank sowie Laufbodenkameras) angeboten, wobei in diesen Fällen durch minimale Änderung der Linsenabstände gegenüber den Reproversionen eine Optimierung auf den Fernbereich statt auf 1:1 vorgenommen wurde. Gegenüber anderen Objektiven für verstellbare Fachkameras, z.B. dem Grandagon oder Sironar, ist der Bildwinkel mit ca. 40° (variiert je nach Brennweite) relativ klein, so daß diese Objektive nur als „langbrennweitige Objektive” (entsprechend den Teleobjektiven von Kleinbild- und Mittelformatkameras) eingesetzt wurden und werden. Auch ihre Produktion ist jedoch inzwischen eingestellt worden (die Brennweite 480 mm gibt es schon lange nicht mehr, die kürzeren nur noch als Restbestände). Da sich die kleinen Stückzahlen wegen des „Aussterbens” der Reprotechnik und auch wegen des Trends zu Rollfilmformaten in der Großformatfotografie und neuerdings auch zur digitalen Fachfotografie nicht mehr lohnen.
Die beiden von Dir genannten Apo-Ronare (also nicht Apo-Rodagone) 9/600 mm und 9/800 mm sind aber nach wie vor außerordentlich hochwertige Objektive und sollten bei Aufnahmen mit möglichst großen Formaten benutzt werden, da ihre große Überlegenheit gegenüber Kleinbild- und Mittelformatobjektiven vergleichbarer Brennweiten in einem geradezu riesigen Bildwinkel liegt: z.B. zeichnet ein 600-mm-Kleinbild-Tele einen Bildwinkel von gerade mal 4,1° aus, ein Apo-Ronar 9/600 mm aber fast das 10fache, was eine fast 100fache Bildfläche liefert! Im Zentrum des Bildkreises erreicht es nicht ganz die Schärfe eines hochwertigen Kleinbild-600ers, und deshalb wäre es nicht sinnvoll, ein solches Objektiv für Aufnahmen im Kleinbildformat einzusetzen. Aber wenn man mit Planfilm von mindestens 9x12 cm oder 4x5 inch aufnimmt (der formatfüllend aufgenommene Himmelsausschnitt entspricht dann etwa dem eines 180-mm-Objektivs im Kleinbildformat), erzielt man eine Bildschärfe, welche diejenige der Kleinbildaufnahme etwa um den Faktor 3 übertrifft. Beim Formal 13x18 cm / 5x7 inch oder gar 18x24 cm / 8x19 inch fällt die Überlegenheit noch deutlicher aus.
Nun noch eine Empfehlung zu Deiner Astrokamera: Die Apo-Ronare 9/600 mm und 9/800 mm wurden nicht für unendlich optimiert, da sie mit wenigen Ausnahmen nur für Reprozwecke eingesetzt wurden. Die Kameraverschlüsse Copal, Compur und Prontor Professional gab es auch nie in solchen Größen, die für ein Öffnungsverhältnis von 1:9 bei diesen Brennweiten ausgereicht hätten. Die längste mit solchen Verschlüssen ausgestattete Apo-Ronar-Brennweite war 480 mm; mit Copal 3 konnte da gerade noch 1:9 erreicht werden, mit Compur 3 und Prontor Prof. 3 nur 1:11. Dennoch gab es einige wenige Fotografen, die insbesondere die sechslinsigen Apo-Ronare 9/600 mm, 9/800 mm und 14/1200 mm in Verbindung mit Hinterlinsenverschlüssen, z.B. von Sinar, an speziell mit extrem langem Grundrohr ausgestatteten Großformatkameras benutzt hatten. Der wohl berühmteste Fotograf, der das machte, war der inzwischen verstorbene Reinhart Wolf (1982 Kulturpreis der DGPh), der diese Objektive für viele seiner weltberühmten Hamburger und New Yorker Architekturaufnahmen verwendet. Die sind nicht nur von höchster künstlerischer Qualität, sondern auch von solcher phantastischen Schärfe, daß man nicht vermuten würde, daß die Objektive eigentlich für 1:1 optimiert waren.
Sofern Du die Astrokamera für ein Planfilmformat baust und eine gute Montierung mit präziser Nachführung verwendest, wirst Du mit dem Apo-Ronar 9/600 mm oder 9/800 mm Aufnahmen großer Himmelsbereiche erzielen, um die Dich andere beneiden werden und die in solcher Schärfe zumindest bis heute kein Digitalsensor schafft (mal von den riesigen und superteuren Sensoren im Hubble-Weltraumteleskop oder ähnlich abgesehen, die Du Dir aber sicher nicht leisten kannst).
Viel Erfolg beim Bau der Astrokamera!
Gerade erst merke ich, daß Du auch an den Einsatz als Refraktorobjektiv denkst. Das ist aber nicht der ideale Einsatz, denn da kommt die Stärke des großen Bildkreises leider nicht heraus: Das Apo-Ronar 9/600 mm zeichnet beim Reproeinsatz und Maßstab 1:1 einen Bildkreis von 1 m Durchmesser (= 1000 mm) und bei Maßstab 1:unendlich (wie bei Astroaufnahmen) immerhin noch 50 cm (500 mm) Durchmesser mit guter und ca. 40 cm (400 mm) Durchmesser mit sehr guter Qualität aus. Hast Du ein Okular mit so großer Feldblende?) Ich habe die Millimeterwwerte nicht deshalb zusätzlich genannt, weil ich meine, daß Du sie Dir nicht selbst ausrechnen könntest, sondern um klarzumachen, daß es sich bei den riesigen genannten Werten nicht um Tippfehler handelt.
Du würdest also beim Einsatz als Refraktorobjektiv nur maximal etwa 1/10 des Bilddurchmessers bzw. 1/100 der Bildfläche nutzen (wenn Du ein 31-mm-Nagler nimmst). Dafür gibt es andere und sogar viel billigere Objektive, die bei Beschränkung auf einen um den Faktor 10 kleineren Bildwinkel dennoch Besseres leisten. Denn wenn man sich bei der Korrektion des Objektivs auf einen viel kleineren Winkel beschränken kann, läßt sich sogar mit weit geringerem Aufwand eine noch höhere Leistung herausholen, die erheblich stärkere Nachvergrößerung durch ein kurzbrennweitiges Okular und/oder mit zusätzlicher Barlow erlaubt. Für so starke Nachvergrößerung war das Apo-Ronar nicht konzipiert worden; seine Stärke liegt im großen Bildformat! Also: Es ist prima als Objektiv einer großformatigen Astrokamera, nur nur mäßig geeignet als Refraktorobjektiv und würde Dich dann bestimmt enttäuschen.
MfG Walter E. Schön