Hallo Kai.
Um die ausgezeichnete Qualität des ach so bescheidenen Lick-
Achromaten nochmals außer Zweifel zu stellen, sei auf die ausgezeichnete Arbeit von Bernd Gährken verwiesen, der mit einem farbfehlerfreien, hoch leistungsfähigen 800mm Spiegelteleskop Amalthea von München aus ablichtete.
Gährken verwendete beim zweiten Versuch zudem noch ein Methanfilter, das den Helligkeitsunterschied zu Amalthea verringerte, und konnte auf präzise Ephemeriden und ausgefeilte Bildverarbeitung zurückgreifen.
Barnard hatte keinen solchen Filter, und wußte zudem nicht, wo und was er suchen sollte. Ein Objekt zu entdecken, ist wesentlich schwieriger, als es wieder aufzusuchen.
http://www.astrode.de/amalthea08.htm
Weiters wurde der sehr schwache Begleiter von Prokyon mit diesem Achromaten entdeckt.
Weiters entdeckte Barnard mit diesem Objektiv den extrem schwierigen, kleinen Merope - Nebel (IC 349).
Ich führe die Leistungen dieses Teleskops deshalb so penetrant auf, um klarzustellen, dass trotz dem sekundären Spektrum eine exquisite Bildqualität und insbesonders eine hervorragende Kontrastleistung erzielt wurde.
Und dies ohne Interferometer, und mit Glassorten und -qualitäten, die heutzutage wahrscheinlich ein Reklamationsfall wären.
Es war die penible Arbeit der ausführenden Optiker und Mechaniker, die solche Meisterwerke gelingen ließen.
Noch ein Beispiel für beugungsbegrenzte Primärspiegel bei einem rein passiven Großteleskop, diesmal für den 3,5m Spiegel am Calar Alto, hergestellt von Zeiss Oberkochen:
http://www.astro-foren.de/showthread.php?t=12674&page=15 (Thread "Ungleiche Zwillinge", S. 15 ganz unten, zweites Bild von links.)
RMS Wellenfront: 2x 13nm Oberfläche, das sind 26nm auf der Wellenfront!!
Noch ein Beispiel aus der etwas älteren Literatur:
Texereau, S. 313.
Er diskutiert das Aussehen eines Sternes im 193cm Spiegelteleskop bei ca 900x, und legt Wert darauf, dass die gemessene Wellenfrontqualität etwa 1/8 Wellenlänge beträgt.
Wieder stellt sich die Frage, warum mühevoll zwei Asphären mitsamt der notwendigen Mechanik zu diesem Grad an Perfektion gebracht wurden, wenn es bei fast gleicher effektiver Bildqualität auch einfacher gegangen wäre.
Ich habe jetzt reihenweise belegte Beispiele für beugungsbegrenzte große und größte Teleskope vorgelegt.
Diese Teleskope erreichten jeweils Rekordwerte für die Grenzgröße, und räumliches Auflösungsvermögen.
Teleskope mit schlechterer Optik wurden meist nachbearbeitet, bzw. wurden von vornherein mit niedrigeren Qualitätsanforderungen gebaut. Beides zusammen findet man im Hauptspiegel des Hale-Teleskops.
Ich bleibe somit aus gutem Grund beim Anspruch von etwa beugungsbegrenzter Optik auch bei großen und größten Teleskopen, egal ob mit oder ohne adaptive Optik.
Die Gründe dafür dürften im Fehlerbudget liegen. Näheres dazu in Reflective Telescope Optics von R. Wilson.
Ursprünglich bin ich von deinem Satz
"Bitte nicht falsch vertehen, ich rede nicht von Gurken! Solide, machbare und bezahlbare optische Qualität dem Einsatzzweck entsprechend, das ist es!"
ausgegangen, und dem stimme ich nach wie vor voll zu.
Mein eigener kleiner Schiefspiegler war mir hier eine große Lehre.
Hat (interferometrisch gemessen, ohne Abzüge) gerade 87% Strehl und wurde darob schon von manchen belächelt.
Aber wenn man durchsieht, bleibt nicht allzu viel zu wünschen übrig.
Dasselbe läßt sich wohl über Achromaten sagen, die, artgerecht eingesetzt, viel Freude bereiten können.
Man darf halt nicht das Unmögliche verlangen.
In diesem Thread ging es um Apo vs. Achro.
Es ist vielleicht nicht uninteressant, dass nach der großen Zeit der Achromaten in der Forschung keineswegs die große Zeit der Apochromaten anbrach.
Die Profis wechselten nahtlos auf Spiegelteleskope.
Vielleicht habe ich eine Wissenslücke, aber ich habe noch von keinem Apochromaten gehört, der nennenswerte Forschungsbeiträge geliefert hätte.
Vielleicht waren die technologischen Probleme bei Apochromaten > 25cm Öffnung auch so groß, daß sie deshalb fast nie gebaut wurden.
Viele Grüße,
Guntram