Im Sternbild Stier befindet sich die Dunkelwolke B 207 aus dem Dunkelwolkenkatalog von E.E. Barnard (1919), auch bekannt als Dunkelnebel LDN 1489 aus dem Katalog von Beverly T. Lynds (1962). Dieses Objekt liegt in einer Zone, die erfüllt ist von Dunkelwolken und Reflexionsnebeln. Die Reflexionsnebel sind teilweise recht lichtschwache Staubnebel, erleuchtet vom Bulge der gesamten Milchstraße, zum Teil liegt auch unregelmäßiger, filamentartiger galaktischer Zirrus vor. Rund 5° südwestlich von LDN 1489 sind die Plejaden zu finden, sie sind eingehüllt in die hellsten Reflexionsnebel dieses Himmelsabschnitts. Das Bildfeld misst 2,5° x 1,67° und Norden liegt auf 12:30 Uhr.
Bildautor ist Kai-Oliver Detken, Mitglied der beiden VdS-Fachgruppen Astrofotografie und Remote-Sternwarten. Aufgenommen wurde es in Namibia an der VdS-Remote-Sternwarte auf dem Gelände der Astrofarm Hakos. Als Teleskop wurde ein Takahashi Epsilon 160ED mit 160 mm Öffnung und 530 mm Brennweite verwendet, auf einer Montierung des Typs 10Micron GM3000.
Mit dem Reducer/Flattner (zweilinsiger Korrektor im Okularauszug) kommt das Teleskop auf ein Öffnungsverhältnis von 1:3,3. Die eingesetzte Kamera war eine Lacerta DeepSkyPro2600c mit den folgenden Filtern: Antlia Triband RGB Ultra 2" und Antlia ALP-T Dual Band 5 nm 2" für Hα- und [OIII]-Aufnahmen. Belichtet wurde insgesamt 11,5 Stunden im High-Gain-Modus (Gain 100), das waren 65 Einzelbelichtungen von je 5 min mit Filter 1 und 75 mit Filter 2. Für die Aufnahmeserien gab es drei Termine: 24. November und 6. Dezember 2024 sowie 26. Januar 2025. N.I.N.A. 2.3 wurde als Aufnahmesoftware verwendet, dann für die Bildbearbeitung Astro Pixel Processor 2.0.0, PixInsight 1.8.9, BlurXTerminator 2.0.0, Photoshop CS6 und NoiseXTerminator 1.2.0.
Gehen wir ins Bild. In der Mitte leuchtet uns B 207 entgegen - absolut keine echte Dunkelwolke, sondern ein heller Reflexionsnebel mit zwei eingebetteten Dunkelwolken im unteren Bereich. Barnard konnte 1919 noch nicht ahnen - auch Frau Lynds 1962 noch nicht, dass die Astrofotografen der Zukunft (also der heutigen Zeit) mit digitaler Fotografie und tiefen Belichtungen auch die Dunkelnebel als leuchtend wiedergeben können, wenn eben nur lange genug belichtet wird. Und das war damals absolutes Science Fiction. Das Zusatzbild zeigt den Himmelsausschnitt um LDN 1489 in zwei gleichgroßen Teilbildern aus Aladin. Links: Der rote Kreis umfängt eine dunkele Stelle am Himmel, eine Staubwolke, die an ihrem Mangel an Sternen erkennbar wird. Rechts: Helligkeit und Kontrast so angehoben, als hätte man länger belichtet. LDN 1489 ist jetzt ein Reflexionsnebel mit zwei dunklen Höhlen.
Reflexionsnebel sind immer eine Vermengung von Staub mit molekularen Bestandteilen. In der Hauptsache findet man Silikate als feste Staubanteile, dazu Kohlenmonoxid CO sowie Ammoniak NH3 als molekulare Bestandteile. Derartige Nebelschichten liegen insbesondere in geringer Höhe von 100 bis 400 Parsec (pc) über bzw. unter der galaktischen Ebene. Das ist im Stier genau der Fall.
Was wissen wir über B 207 bzw. LDN 1489? Die wichtigsten Erkenntnisse stammen aus der Radioastronomie. So haben P.J. Benson und P.C. Myers 1989 die folgende Veröffentlichung herausgebracht: "A Survey for Dense Cores in Dark Clouds" (ein Survey nach dichten Kernen in Dunkelwolken), Astrophys. J. Suppl. 71, p.89-108. Sie nutzten radioastronomisch die Frequenz von 23,7 GHz, um dem Ammoniak auf die Spur zu kommen. Mit Teleskopen von 37 und 45 Metern Öffnung konnten gute Signale dieser Molekülart eingefangen werden. Auf diese Weise gelang der Nachweis, dass der größte Teil an Dunkelwolken tatsächlich ein Kerngebiet (engl.: core) aufweist. Dort herrscht die größte Teilchendichte, wobei Ammoniak und Kohlenmonoxid aufgrund der Raumkälte mit den Silikatteilchen "verklebt" sind. Die Temperatur von 10 bis 15 Kelvin reicht aus, um Ammoniak zur Emission anzuregen - nicht Lichtemission, sondern Strahlung von 23,7 GHz. Die beiden Astronomen geben als Entfernung von LDN 1489 rund 140 pc an, das sind etwa 460 Lichtjahre. Außerdem konnten sie die Teilchendichte am Kernort messen.
Jetzt zur AdM-Überschrift. Es ist ja bekannt, dass Sternfreunde gern Eigennamen für beobachtbare bzw. fotografierbare Objekte wissen möchten. Dem ist nichts zu entgegnen, wenngleich ich selbst die wissenschaftlichen Katalognamen bevorzuge. Da gibt es einen "Angel Heart Nebula" oder ein "Running Chicken" ... einfach super. Abhängig von der Belichtungszeit kann sich so ein Tierchen natürlich wandeln. Nach 5-mal längerem Belichten wird aus dem running chicken vermutlich ein "Running Dinosaur". Kein Wunder, dass LDN 1489 auch einen netten Tiernamen bekommen hat: "Vulture Head Nebula", auf deutsch: Geierkopfnebel. Nun denn, jetzt schließe ich (P.R.) mich diesen sehr phantasiebegabten Leuten an. Ab jetzt heißt LDN 1489 für mich "Pignose Nebula", die eindeutige Schweinenase: länglich von oben rechts kommend, und dazu vorn die zwei schwarzen Nasenlöcher (grins ...).
Das aktuelle AdM ist wieder einmal besonders, denn die Szenerie weit außerhalb der galaktischen Ebene hat kaum blaue Sterne. Klarer Fall: Im Staub unterhalb der Milchstraßenebene herrschen gelbliche bis bräunliche Farbtöne vor, mit warmen Farben der Sterne. Das hat unser Bildautor gut eingefangen. Nun darf man aber fragen: Warum nur hat er dann mit einem Schmalband-Dualfilter gearbeitet, wo doch nix an bunten Nebeln zu erwarten war. Ja, diese Überlegung ist richtig. Aber Kai-Oliver nimmt an einem Projekt der Fachgruppe Astrofotografie teil, wo es um das Thema "Reflexionsnebel mit Hα aufgenommen" geht. Mehr dazu in einem kommenden VdS-Journal für Astronomie.
Vielen Dank, lieber Kai, für dieses informative AdM, und die Gratulation des gesamten AdM-Teams zum Astrofoto des Monats April 2026!!!
Peter Riepe
Bildautor: Kai-Oliver Detken
Koordinaten (J2000.0) von LDN 1489 bzw. B 207:
a) RA = 04 h 04 min 48 s, Dec = +26° 19' 42" ( für den Core-Bereich der "Nasenlöcher")
b) RA = 04 h 04 min 15 s, Dec = +26° 29' 50'' (für den hellen Gesamtnebel)
Vollbild unter: https://www.astronomie.de/aktuelles...-b-207-ldn-1489-die-schweinenase-im-universum
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