Delyon
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Guten Morgen!
Nachdem ich ja schon in der vorangegangenen Nacht positiv von den Deep Sky-Qualitäten des Zwergmaksutovs überrascht war, beschloss ich angesichts des anhaltend guten Wetters, heute einmal zu sehen, was der Mak unter wirklich exzellenten Bedingungen kann und fuhr ihn samt Fernglas mit dem Zug nach Zellerndorf im Weinviertel heraus: Schon 70 Kilometer von Wien und seiner Lichtglocke entfernt mitten im Nichts, auf 20 Kilometer keine Siedlung mit über 10 000 Einwohnern, auf der Lichtverschmutzungskarte im Übergangsbereich zwischen grün und blau (Ich war zwar schonmal dort, aber ohne Teleskop).
Nach etwas über einer Stunde Zugfahrt Ankunft in Zellerndorf, wo ich nach ein paar Minuten Fußweg das 2000-Einwohnerdorf verlasse und etwa einen Kilometer weit in die Felder hinausgehe, ehe auch die paar Straßenlampen des Dorfes nicht mehr stören. Nach dem Aufbau sehe ich während der Auskühlzeit des Teleskops zu, wie es langsam dunkler wird und traue kaum meinen Augen: So einen Himmel habe ich noch in meinem Leben gesehen! Die Milchstraße ist kein schwach schimmerndes Band, das sich auf den Schwan und den oberen Teil des Adlers beschränkt wie an guten Tagen im Wienerwald, sondern ein kräftig leuchtendes Gebilde, das sich von einem Ende des Himmels zum anderen zieht, gesprenkelt von einer überwältigenden Masse an Sternen. Ja, die Milchstraße leuchtet sogar hell genug, um Schatten zu werfen - da Neumond ist und es keine Kunstlichtquelle weit und breit gibt, kommt keine andere Erklärung in Frage. Es ist das erste mal, dass ich dieses Phänomen selbst sehe, ungläubig muss ich meine Hand wieder und wieder über den hellen Untergrund der Picknickdecke bewegen, auf der ich mich niedergelassen habe. Ein Hauch Namibia-Feeling in Niederösterreich kommt auf - eine Supernacht, in der der Mak zeigen kann, was unter optimalen Bedingungen in ihm steckt!
Zuerst werden einige Objekte anvisiert, die ich gestern schon beobachtet habe, um zu vergleichen, welchen Unterschied die atemberaubende Dunkelheit des Himmels gegenüber den recht guten, aber mit dem hier absolut nicht zu vergleichenden Sichtbedingungen der letzten Nacht bringt. Und dieser Unterschied hat sich gewaschen! Der Hantelnebel M27 ist im 10x50 Fernglas (!!!) andeutungsweise in seiner Form zu sehen, im Teleskop bei 50x tritt sie ganz klar zutage, momentweise sogar bei direktem Sehen. Der Ringnebel M57 zeigt bei indirektem Sehen die Kringelform schon bei 39x statt erst bei 50x wie gestern. Am Ärgsten ist der Unterschied aber bei M13: Die vom hellen Zentrum ausgehenden "Fangarme", die mir gestern aufgefallen sind, sind heller und viel "ausgefranster", und bei 50x - Sterne! Aufgelöste Randsterne! Nur ein paar und nur ganz schwach, aber trotzdem - heute ist die Natur von M13 schon erahnbar.
Da ereignet sich ein ärgerliches Unglück: Das Gummiband, mit dem ich meine Moosgummi-Tauschutzkappe befestigt habe, springt durch eine unachtsame Berührung ins Gras und ist nicht mehr auffindbar. Das setzt mich gehörig unter Zeitdruck: In etwa einer Stunde wird der Mak zutauen, ich muss mich also beeilen, wenn ich ihm einmal Galaxien vorsetzen will wie geplant.
Ich beginne mit dem Galaxienpaar M81/82, die ich mit dem Fernglas schon oft aufgesucht, aber noch nie im Teleskop gesehen habe. Nachdem ich zweimal den falschen Orientierungsstern angepeilt habe, sehe ich schließlich etwas Nebliges im Okular - der länglichen Form nach muss es M82 sein. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass mir einen Moment der Atem stockte bei diesem Anblick - das, was ich bisher nur als formlosen kleinen Lichtklecks aus dem Fernglas kannte nun als flächiges Nebelobjekt mit einwandfrei erkennbarer Längsform zu sehen und sich zu sagen, dass ich hier gerade das Licht einer 13 Millionen Lichtjahre entfernten Galaxie auf der Netzhaut habe ist einfach großartig! Die Staubstrukturen von M82 sind mit 90mm Öffnung natürlich auch unter so herausragenden Bedingungen wie heute nicht drin, aber die Galaxie wirkt überhaupt nicht verwaschen, sondern hebt sich als recht scharf umrissenes Objekt ganz klar vom Himmelshintergrund ab. Das beeindruckendste Deep Sky-Objekt, das ich bisher überhaupt gesehen habe. Ein kleiner Schubser, und ich bin bei M81 (Das kleine Bildfeld des Mak lässt es leider kaum zu, M81/82 gemeinsam zu betrachten) - viel heller als M82, aber weniger faszinierend anzusehen. Immerhin sind der helle Galaxiekern und der recht ausgedehnte Halo problemlos sicht- und unterscheidbar, sieht aus wie eine viel kleinere Andromedagalaxie.
Von M81/82 ins Galaxienfieber versetzt, will ich noch einige der relativ hellen Messier-Galaxien rund um den Großen Wagen knacken und mache mich zunächst an M101, die ich aber auch im Fernglas nicht finde. Wahrscheinlich ein Suchfehler meinerseits angesichts dieses Wahnsinnshimmels, aber ich beschließe, nicht lange zu suchen, um die bis zum Zutauen verbleibende Zeit für einfachere Objekte zu nutzen. Also runter in die Jagdhunde zu M94, das ich mittels Karkoschka rasch finde und schön im Teleskop sehe: Nur ein rundes Nebelchen mit ausgefranstem Rand (Für eine deutliche Sichtung des Halo reicht es nicht), aber immerhin schon die dritte Galaxie dieser Nacht! Weiter zur nächsten Galaxie M63. Bei früheren Versuchen, M63 mit dem Fernglas zu finden war ich immer gescheitert, heute dagegen klappt es auf Anhieb - einmal wegen des viel, viel dunkleren Himmels, zum anderen, weil bei dieser Dunkelheit das markante Sterndreieck, neben dem sich M63 befindet, problemlos mit bloßem Auge sichtbar ist und ich es mit dem Leuchtpunktsucher des Teleskops direkt anvisieren kann. M63 zeigt sich mit klar unterscheidbarem Galaxiekern in schwächerem Halo, ähnelt M81, nur dunkler - Galaxie Nummer 4! M51 finde ich leider nicht auf Anhieb und brauche nicht allzuviel meiner verbleibenden Zeit mit Suchen, sondern schwenke das Teleskop in Richtung Kassiopeia, wo die Andromedagalaxie inzwischen einigermaßen über das Horizontgewaber hinausgekommen und sehr deutlich mit bloßem Auge sichtbar ist - Galaxie Nummer 5. Im Teleskop bei 39x natürlich nicht ansatzweise vollständig ins Gesichtsfeld des Mak zu bekommen, aber der Halo macht sich als leicht milchige Trübung des Himmelshintergrundes rund um den Galaxienkern bemerkbar. Dazu erwische ich die Begleitgalaxie M32 als unscharfen, nebligen Kreis - Galaxie Nummer 6.
Für den Mak ist die Nacht hier leider vorbei, der unvermeidliche Tau setzt sich auf der Korrektorplatte ab und macht weiteres Beobachten für heute unmöglich. Aber zum Glück nehme ich immer das 10x50 Fernglas mit, sodass ich auch ohne Teleskop noch etwas diesen grandiosen Himmel ausnutzen kann. Zunächst noch einmal die Andromedagalaxie, diesmal mit Fernglas - wow! Der Galaxiekern liegt eingebettet in einen enorm großen, schimmernden Halo, flankiert von den beiden Begleitgalaxien M32 und M110 (Mit M110, die ich im Teleskop übersehen hatte, bin ich dann bei Galaxie Nummer 7). Mann, ist das Ding groß, wenn man bei dunklem Himmel mal einen Eindruck davon bekommt, WIE weit der Halo sich ausdehnt! Im Fernglas eine Galaxiengruppe strukturiert und riesengroß zu sehen ist schon sehr beeindruckend, auf den Anblick im ED-Richfielder freue ich mich jetzt schon.
Auch das Sternbild Dreieck steht mittlerweile brauchbar hoch am Himmel, eigentlich könnte man also mal mit dem Fernglas nach M33 suchen, an dessen Sichtung ich bisher bei stadtnahen Bedingungen nicht einmal denken konnte. Und siehe da - an der im Karkoschka verzeichneten Stelle ist im Fernglas doch tatsächlich ein nebliges Objekt auszumachen! Irrtum ausgeschlossen: Position stimmt, die beachtliche Größe stimmt und die geringe Flächenhelligkeit stimmt - ich habe tatsächlich M33 gefunden. Galaxie Nummer 8. Mehr als ein großes, schwaches Nebeloval gibt M33 aber nicht her, für die Erkennbarkeit der Spiralarme bräuchte es wohl schon ein Richfield-Teleskop.
Damit genug Galaxien für heute nacht, gibt ja noch andere Objekte. Der Perseus steht zwar noch relativ niedrig am Horizont, aber der Doppelsternhaufen h und Chi leuchtet bereits als kräftiges Wölkchen am Himmel, das im Fernglas teilweise in Einzelsterne aufgelöst wird, die aus dem Nebel herausblinken - herrlich. Das Spazierensehen durch die Milchstraße ist mit den schon recht brauchbaren Bedingungen im Wienerwald nicht vergleichbar - während ich vom Wienerwald aus nur sehr viele, von Nebelschleiern umgebene Sterne sehe, scheint es hier in den dichtesten Bereichen, als ob der ganze Himmelshintergrund nur aus Sternen bestünde, die sich aneinanderdrängen wie Sandkörner am Strand. Ich will diesen überwältigenden Anblick eigentlich nur genießen, ohne etwas Bestimmtes zu suchen oder zu identifizieren, aber als ich die Milchstraße nach Süden hin abfahre, stoße ich doch in einer kleinen Milchstraßenwolke tief im Süden auf etwas, das meine Neugier erregt: Ein helles Nebelobjekt, das wie ein etwas größerer und hellerer M13 aussieht - aber ein auffallender Kugelsternhaufen in der Gegend wäre mir nicht bekannt. Mit Karkoschka identifiziere ich das Objekt schließlich als den offenen Sternhaufen M11 - wäre aufgelöst im Teleskop sicher toll gewesen, wenn der Mak mich nicht im Stich gelassen hätte. Noch ein Blick auf die mit zunehmender Höhe immer heller und prächtiger werdende Andromedagalaxie, dann macht der Tau auch dem Fernglas arg zu schaffen.
Also lege ich alle optischen Hilfsmittel beiseite, mache es mir auf der Decke bequem und bestaune diesen unglaublichen Nachthimmel mit bloßem Auge, zwei Stunden lang mit vor Erregung beschleunigtem Puls - das ist wirklich mit nichts vergleichbar, was ich jemals gesehen habe. Die Milchstraße ist nicht nur hell und groß, sondern auch so detailliert und strukturreich sichtbar, wie ich es nur von Fotos aus abgelegenen Gegenden kenne, aber noch nie mit eigenen Augen gesehen habe. Es ist so dunkel, dass ich im Herkules mit indirektem Sehen M13 mit bloßem Auge ausmache. So ein annähernd natürlicher dunkler Sternenhimmel ist nicht einfach nur "schön", sondern ein dramatischer, atembeklemmender Anblick, bei dem der Eindruck der Größe, Weite und Majestät des Universums auf einen mit einer Wucht einstürmt, dass man nicht anders kann als ein Gefühl der Ehrfurcht und Freude gleichzeitig zu spüren - ich weiß nicht, ob ich irgendetwas Gewaltigeres kenne als einen "richtigen" Sternenhimmel. Traurig, dass dieses eigentlich jedem Menschen immer verfügbare allnächtliche Schauspiel heute den meisten nur noch vom Hörensagen bekannt ist und nur noch sichtbar, wenn man mindestens einen Tagesausflug in die letzten dunklen Winkel Mitteleuropas unternimmt, die gnadenlos einer nach dem anderen ausgemerzt werden. Hoffentlich bleiben wenigstens ein paar solcher Oasen nächtlicher Dunkelheit noch eine Weile erhalten, bevor es endgültig soweit ist, dass Europäer einen wirklichen Sternenhimmel nur noch sehen können, wenn sie dafür nach Chile oder Namibia fliegen.
Fazit dieser grandiosen Beobachtungsnacht: Dunkelheit ist nur durch noch mehr Dunkelheit zu ersetzen.
CS,
Fabian
Nachdem ich ja schon in der vorangegangenen Nacht positiv von den Deep Sky-Qualitäten des Zwergmaksutovs überrascht war, beschloss ich angesichts des anhaltend guten Wetters, heute einmal zu sehen, was der Mak unter wirklich exzellenten Bedingungen kann und fuhr ihn samt Fernglas mit dem Zug nach Zellerndorf im Weinviertel heraus: Schon 70 Kilometer von Wien und seiner Lichtglocke entfernt mitten im Nichts, auf 20 Kilometer keine Siedlung mit über 10 000 Einwohnern, auf der Lichtverschmutzungskarte im Übergangsbereich zwischen grün und blau (Ich war zwar schonmal dort, aber ohne Teleskop).
Nach etwas über einer Stunde Zugfahrt Ankunft in Zellerndorf, wo ich nach ein paar Minuten Fußweg das 2000-Einwohnerdorf verlasse und etwa einen Kilometer weit in die Felder hinausgehe, ehe auch die paar Straßenlampen des Dorfes nicht mehr stören. Nach dem Aufbau sehe ich während der Auskühlzeit des Teleskops zu, wie es langsam dunkler wird und traue kaum meinen Augen: So einen Himmel habe ich noch in meinem Leben gesehen! Die Milchstraße ist kein schwach schimmerndes Band, das sich auf den Schwan und den oberen Teil des Adlers beschränkt wie an guten Tagen im Wienerwald, sondern ein kräftig leuchtendes Gebilde, das sich von einem Ende des Himmels zum anderen zieht, gesprenkelt von einer überwältigenden Masse an Sternen. Ja, die Milchstraße leuchtet sogar hell genug, um Schatten zu werfen - da Neumond ist und es keine Kunstlichtquelle weit und breit gibt, kommt keine andere Erklärung in Frage. Es ist das erste mal, dass ich dieses Phänomen selbst sehe, ungläubig muss ich meine Hand wieder und wieder über den hellen Untergrund der Picknickdecke bewegen, auf der ich mich niedergelassen habe. Ein Hauch Namibia-Feeling in Niederösterreich kommt auf - eine Supernacht, in der der Mak zeigen kann, was unter optimalen Bedingungen in ihm steckt!
Zuerst werden einige Objekte anvisiert, die ich gestern schon beobachtet habe, um zu vergleichen, welchen Unterschied die atemberaubende Dunkelheit des Himmels gegenüber den recht guten, aber mit dem hier absolut nicht zu vergleichenden Sichtbedingungen der letzten Nacht bringt. Und dieser Unterschied hat sich gewaschen! Der Hantelnebel M27 ist im 10x50 Fernglas (!!!) andeutungsweise in seiner Form zu sehen, im Teleskop bei 50x tritt sie ganz klar zutage, momentweise sogar bei direktem Sehen. Der Ringnebel M57 zeigt bei indirektem Sehen die Kringelform schon bei 39x statt erst bei 50x wie gestern. Am Ärgsten ist der Unterschied aber bei M13: Die vom hellen Zentrum ausgehenden "Fangarme", die mir gestern aufgefallen sind, sind heller und viel "ausgefranster", und bei 50x - Sterne! Aufgelöste Randsterne! Nur ein paar und nur ganz schwach, aber trotzdem - heute ist die Natur von M13 schon erahnbar.
Da ereignet sich ein ärgerliches Unglück: Das Gummiband, mit dem ich meine Moosgummi-Tauschutzkappe befestigt habe, springt durch eine unachtsame Berührung ins Gras und ist nicht mehr auffindbar. Das setzt mich gehörig unter Zeitdruck: In etwa einer Stunde wird der Mak zutauen, ich muss mich also beeilen, wenn ich ihm einmal Galaxien vorsetzen will wie geplant.
Ich beginne mit dem Galaxienpaar M81/82, die ich mit dem Fernglas schon oft aufgesucht, aber noch nie im Teleskop gesehen habe. Nachdem ich zweimal den falschen Orientierungsstern angepeilt habe, sehe ich schließlich etwas Nebliges im Okular - der länglichen Form nach muss es M82 sein. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass mir einen Moment der Atem stockte bei diesem Anblick - das, was ich bisher nur als formlosen kleinen Lichtklecks aus dem Fernglas kannte nun als flächiges Nebelobjekt mit einwandfrei erkennbarer Längsform zu sehen und sich zu sagen, dass ich hier gerade das Licht einer 13 Millionen Lichtjahre entfernten Galaxie auf der Netzhaut habe ist einfach großartig! Die Staubstrukturen von M82 sind mit 90mm Öffnung natürlich auch unter so herausragenden Bedingungen wie heute nicht drin, aber die Galaxie wirkt überhaupt nicht verwaschen, sondern hebt sich als recht scharf umrissenes Objekt ganz klar vom Himmelshintergrund ab. Das beeindruckendste Deep Sky-Objekt, das ich bisher überhaupt gesehen habe. Ein kleiner Schubser, und ich bin bei M81 (Das kleine Bildfeld des Mak lässt es leider kaum zu, M81/82 gemeinsam zu betrachten) - viel heller als M82, aber weniger faszinierend anzusehen. Immerhin sind der helle Galaxiekern und der recht ausgedehnte Halo problemlos sicht- und unterscheidbar, sieht aus wie eine viel kleinere Andromedagalaxie.
Von M81/82 ins Galaxienfieber versetzt, will ich noch einige der relativ hellen Messier-Galaxien rund um den Großen Wagen knacken und mache mich zunächst an M101, die ich aber auch im Fernglas nicht finde. Wahrscheinlich ein Suchfehler meinerseits angesichts dieses Wahnsinnshimmels, aber ich beschließe, nicht lange zu suchen, um die bis zum Zutauen verbleibende Zeit für einfachere Objekte zu nutzen. Also runter in die Jagdhunde zu M94, das ich mittels Karkoschka rasch finde und schön im Teleskop sehe: Nur ein rundes Nebelchen mit ausgefranstem Rand (Für eine deutliche Sichtung des Halo reicht es nicht), aber immerhin schon die dritte Galaxie dieser Nacht! Weiter zur nächsten Galaxie M63. Bei früheren Versuchen, M63 mit dem Fernglas zu finden war ich immer gescheitert, heute dagegen klappt es auf Anhieb - einmal wegen des viel, viel dunkleren Himmels, zum anderen, weil bei dieser Dunkelheit das markante Sterndreieck, neben dem sich M63 befindet, problemlos mit bloßem Auge sichtbar ist und ich es mit dem Leuchtpunktsucher des Teleskops direkt anvisieren kann. M63 zeigt sich mit klar unterscheidbarem Galaxiekern in schwächerem Halo, ähnelt M81, nur dunkler - Galaxie Nummer 4! M51 finde ich leider nicht auf Anhieb und brauche nicht allzuviel meiner verbleibenden Zeit mit Suchen, sondern schwenke das Teleskop in Richtung Kassiopeia, wo die Andromedagalaxie inzwischen einigermaßen über das Horizontgewaber hinausgekommen und sehr deutlich mit bloßem Auge sichtbar ist - Galaxie Nummer 5. Im Teleskop bei 39x natürlich nicht ansatzweise vollständig ins Gesichtsfeld des Mak zu bekommen, aber der Halo macht sich als leicht milchige Trübung des Himmelshintergrundes rund um den Galaxienkern bemerkbar. Dazu erwische ich die Begleitgalaxie M32 als unscharfen, nebligen Kreis - Galaxie Nummer 6.
Für den Mak ist die Nacht hier leider vorbei, der unvermeidliche Tau setzt sich auf der Korrektorplatte ab und macht weiteres Beobachten für heute unmöglich. Aber zum Glück nehme ich immer das 10x50 Fernglas mit, sodass ich auch ohne Teleskop noch etwas diesen grandiosen Himmel ausnutzen kann. Zunächst noch einmal die Andromedagalaxie, diesmal mit Fernglas - wow! Der Galaxiekern liegt eingebettet in einen enorm großen, schimmernden Halo, flankiert von den beiden Begleitgalaxien M32 und M110 (Mit M110, die ich im Teleskop übersehen hatte, bin ich dann bei Galaxie Nummer 7). Mann, ist das Ding groß, wenn man bei dunklem Himmel mal einen Eindruck davon bekommt, WIE weit der Halo sich ausdehnt! Im Fernglas eine Galaxiengruppe strukturiert und riesengroß zu sehen ist schon sehr beeindruckend, auf den Anblick im ED-Richfielder freue ich mich jetzt schon.
Auch das Sternbild Dreieck steht mittlerweile brauchbar hoch am Himmel, eigentlich könnte man also mal mit dem Fernglas nach M33 suchen, an dessen Sichtung ich bisher bei stadtnahen Bedingungen nicht einmal denken konnte. Und siehe da - an der im Karkoschka verzeichneten Stelle ist im Fernglas doch tatsächlich ein nebliges Objekt auszumachen! Irrtum ausgeschlossen: Position stimmt, die beachtliche Größe stimmt und die geringe Flächenhelligkeit stimmt - ich habe tatsächlich M33 gefunden. Galaxie Nummer 8. Mehr als ein großes, schwaches Nebeloval gibt M33 aber nicht her, für die Erkennbarkeit der Spiralarme bräuchte es wohl schon ein Richfield-Teleskop.
Damit genug Galaxien für heute nacht, gibt ja noch andere Objekte. Der Perseus steht zwar noch relativ niedrig am Horizont, aber der Doppelsternhaufen h und Chi leuchtet bereits als kräftiges Wölkchen am Himmel, das im Fernglas teilweise in Einzelsterne aufgelöst wird, die aus dem Nebel herausblinken - herrlich. Das Spazierensehen durch die Milchstraße ist mit den schon recht brauchbaren Bedingungen im Wienerwald nicht vergleichbar - während ich vom Wienerwald aus nur sehr viele, von Nebelschleiern umgebene Sterne sehe, scheint es hier in den dichtesten Bereichen, als ob der ganze Himmelshintergrund nur aus Sternen bestünde, die sich aneinanderdrängen wie Sandkörner am Strand. Ich will diesen überwältigenden Anblick eigentlich nur genießen, ohne etwas Bestimmtes zu suchen oder zu identifizieren, aber als ich die Milchstraße nach Süden hin abfahre, stoße ich doch in einer kleinen Milchstraßenwolke tief im Süden auf etwas, das meine Neugier erregt: Ein helles Nebelobjekt, das wie ein etwas größerer und hellerer M13 aussieht - aber ein auffallender Kugelsternhaufen in der Gegend wäre mir nicht bekannt. Mit Karkoschka identifiziere ich das Objekt schließlich als den offenen Sternhaufen M11 - wäre aufgelöst im Teleskop sicher toll gewesen, wenn der Mak mich nicht im Stich gelassen hätte. Noch ein Blick auf die mit zunehmender Höhe immer heller und prächtiger werdende Andromedagalaxie, dann macht der Tau auch dem Fernglas arg zu schaffen.
Also lege ich alle optischen Hilfsmittel beiseite, mache es mir auf der Decke bequem und bestaune diesen unglaublichen Nachthimmel mit bloßem Auge, zwei Stunden lang mit vor Erregung beschleunigtem Puls - das ist wirklich mit nichts vergleichbar, was ich jemals gesehen habe. Die Milchstraße ist nicht nur hell und groß, sondern auch so detailliert und strukturreich sichtbar, wie ich es nur von Fotos aus abgelegenen Gegenden kenne, aber noch nie mit eigenen Augen gesehen habe. Es ist so dunkel, dass ich im Herkules mit indirektem Sehen M13 mit bloßem Auge ausmache. So ein annähernd natürlicher dunkler Sternenhimmel ist nicht einfach nur "schön", sondern ein dramatischer, atembeklemmender Anblick, bei dem der Eindruck der Größe, Weite und Majestät des Universums auf einen mit einer Wucht einstürmt, dass man nicht anders kann als ein Gefühl der Ehrfurcht und Freude gleichzeitig zu spüren - ich weiß nicht, ob ich irgendetwas Gewaltigeres kenne als einen "richtigen" Sternenhimmel. Traurig, dass dieses eigentlich jedem Menschen immer verfügbare allnächtliche Schauspiel heute den meisten nur noch vom Hörensagen bekannt ist und nur noch sichtbar, wenn man mindestens einen Tagesausflug in die letzten dunklen Winkel Mitteleuropas unternimmt, die gnadenlos einer nach dem anderen ausgemerzt werden. Hoffentlich bleiben wenigstens ein paar solcher Oasen nächtlicher Dunkelheit noch eine Weile erhalten, bevor es endgültig soweit ist, dass Europäer einen wirklichen Sternenhimmel nur noch sehen können, wenn sie dafür nach Chile oder Namibia fliegen.
Fazit dieser grandiosen Beobachtungsnacht: Dunkelheit ist nur durch noch mehr Dunkelheit zu ersetzen.
CS,
Fabian