Auflösungsvermögen bei Ferngläsern, Formelversuch

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Re: Sternendichte und Stereofotos der Sonne

Hallo Stephan,

bezüglich meiner Aussage über die Sternendichte, der Du widersprichst, liegt wohl ein Mißverständnis vor. Sicher besteht auch nachts die Vorstellung einer abgeflachten Halbkugel, aber die Abflachung wird weit weniger stark als bei Tag empfunden, weil die vor Dir und mir genannten Gründe für diesen Eindruck nachts teils nicht nicht vorliegen und teils weniger stark ausgeprägt sind. Was der Vorstellung von der Abflachung nachts entgegenwirkt und sie deshalb reduziert, ist aber durchaus die Sternendichte. Ich meine damit nicht, daß bestimmte Sternkonstellationen wie der vor Dir genannte Schwan im Zenit scheinbar näher zusammenrücken, also z.B. der Schwan im Zenit kleiner zu sein scheint (die Ursache dafür ist die gleiche wie beim Mond), sondern folgendes:

Der naive Betrachter geht sicher (und nicht so falsch) davon aus, daß die Sterne am Himmel irgendwie statistisch gleichmäßig verteilt sind, natürlich nicht in einem regelmäßigen Raster, sondern nur im Durchschnitt. Wäre das Himmelsgewölbe nun die flache Schale, die sie tagsüber (speziell bei Wolken am Himmel) zu sein scheint, so müßte der Winkelabstand zwischen benachbarten Sternen zum Horizont hin immer enger werden und die Sterndichte am Horizont schließlich maximal werden. Dieser Eindruck würde natürlich wieder dadurch abgeschwächt, daß die Lufttrübung in Verbindung mit dem zum Horizont hin immer längeren Weg durch die Atmosphäre die Helligkeit der Sterne dort immer stärker reduziert und deswegen die weniger hellen nicht mehr sichtbar sind. Dennoch müßte bei dieser naiven Vorstellung von einer flach gewölbten Himmelsschale der Abstand von Stern zu Stern zum Horizont hin kleiner und zum Zenit hin größer werden. Weil der Beobachter diesen Effekt aber nicht sieht, muß ihm der Himmel nachts weniger stark abgeflacht erscheinen als tagsüber.

Und nun noch ein Anmerkung zu Stereofotos der Sonne oder des Mondes. Die Stereokamera erliegt nicht der Täuschung über den Abstand zum Mond oder zur Sonne aufgrund der beschriebenen Phänomene und Effekte, denn sie bildet ja keine „Vorstellung“ von einem Himmelsgewölbe und projiziert das auf Film oder CCD gebannte Bild nicht mit Hilfe eines Hirns zurück in die vermutete Wirklichkeit. Die Kamera bildet lediglich nach den geometrischen Gesetzen der Zentralperspektive aus verschiedenen Richtungen ins Objektiv einfallendes Licht in verschiedenen Punkten einer ebenen Fläche ab. Insofern kann die Mondtäuschung auf keinerlei Weise in einem Foto dokumentiert werden, und zwar gleichgültig, ob es ein normales Foto oder ein Stereofotopaar ist und egal, wie groß die Stereobasis wäre.

Wollte man Sonne oder Mond stereoskopisch so fotografieren, daß Sonne bzw. Mond nicht nur irgendwo „ganz weit hinten“, sondern als Kugel frei im Raum schwebend dargestellt wird, wäre eine riesige Parallaxe nötig. 3m bis 6 m sind absolut nichts gegenüber der Mondentfernung von ca. 385000 km oder gar der Sonnenentfernung von 1,5 Mio. km. Wenn man weiß, daß die Raumwirkung aufgrund der Parallaxe beim Augenabstand des Menschen bei 50 m bis 100 m endet (der Übergang ist fließend, die Angabe einer festen Grenze daher kaum möglich), kann man sich nach dem Dreisatz leicht ausrechnen, wie groß die Stereobasis für eine räumliche Mondaufnahme sein müßte. Wenn ich eine Kugel in 50 m Entfernung betrachte, kann ich sie wohl in ihrer Entfernung gegen Vorder- und vielleicht auch Hintergrund noch anhand der Parallaxe einordnen, aber sicher nicht mehr ihre Kugelgestalt erkennen und von einer flachen Scheibe unterscheiden. Bei einem Ball, der kein die Kugelform verratendes Gitternetz wie ein Fußball hat (das hat der Mond ja auch nicht!), geht das je nach Größe vielleicht noch bis zu 8 m (ich meine, daß man es wirklich sieht, nicht nur aufgrund des Wissens um die Form des Balls zu sehen meint). Dann ist der Augenabstand von z.B. 65 mm gerundet etwa 1/120 der Entfernung. Um den Mond als Kugel räumlich darzustellen, müßte die Sterobasis also 1/120 der Mondentfernung oder ca. 3200 km groß sein. Um einen deutlich räumlichen Effekt zu erzielen, müßte sie sogar mindestens doppelt so groß, also deutlich über 6000 km sein. Es existieren im Internet stereoskopische Mondaufnahmen mit dem rund nochmals doppelt so großen Erddurchmesser als Stereobasis, und auf diesen Fotos sieht man den Mond wunderschön als räumliche Kugel – natürlich mit dem Liliputismus-Effekt, also so, als wäre es ein Mondmodell und nicht der echte riesige Mond.

Da die Sonne fast 400mal so weit wie der Mond von uns entfernt ist, wäre bei ihr eine um diesen Faktor größere Stereobasis nötig (ca. 1,2 Mio. km). Allerdings gibt es bei der Sonne die Möglichkeit, durch zeitversetzte Fotos vom gleichen Standort Erde aus eine so große Stereobasis zu simulieren, weil wir die Sonne rotieren sehen!

Du hast also nichts durch Liliputismus kaputt gemacht, denn bei 3 m bis 6 m Stereobasis konnte noch nichts abgebildet werden, was kaputt zu machen gewesen wäre.

MfG Walter E. Schön


Ein Nachtrag, nachdem ich diesen Beitrag ins Forum gestellt habe: Soeben habe ich mir erst die in Deinem letzten Link angegebene Seite angesehen und festgestellt, daß Du in der Tat den Evolutionsaspekt unter Deinem Punkt 6 erwähnt hattest. Ich hätte das aber etwas anders formuliert. Ich bin überzeugt davon, daß die Evolution uns nicht unmittelbar so geprägt hat, daß wir Dinge oben am Himmel kleiner sehen als in Horizontnähe, sondern aufgrund der nun ausführlich genug dargestellten Umstände so, daß wir zunächst Entfernungen mehr oder weniger senkrecht nach oben für kürzer halten. Die daraus resultierende kleinere Wahrnehmung ist also erst eine mittelbare Folge.

Auch zum Deinem Punkt 7 hätte ich noch einen Korrekturvorschlag. Du schreibst dort:

„Es ist bekannt, daß schon Ptolemäus (ca. 150 n.Chr.) von der Mondtäuschung berichtet hat, aber es wäre völlig neu, daß auch die Ur-Germanen der Bronzezeit bereits dieser psychologischen Täuschung in der Größenwahrnehmung unterlegen sind.“

Es würde mich sehr wundern, wenn nicht Menschen sogar schon sehr lange vor der Bronzezeit den Eindruck gehabt hätten, der Mond sei im Horizontnähe größer als weiter oben am Himmel. Die Frage ist nur, wann sie diese Wahrnehmung erstmals reflektiert und dokumentiert haben. Was also mit diesem Fund aus der Bronzezeit sicher neu ist, ist die Dokumentation dieser Wahrnehmung. Daraus kann man aber keinesfalls den Schluß ziehen, daß damit auch erstmals diese Wahrnehmung stattgefunden hätte. Ich würde deshalb eher schreiben:

„Es ist bekannt, daß schon Ptolemäus (ca. 150 n.Chr.) von der Mondtäuschung berichtet hat, aber es wäre völlig neu, daß bereits die Ur-Germanen der Bronzezeit diese auf psychologischer Täuschung beruhender Größenwahrnehmung so bewußt erlebt haben, daß sie sie dokumentierten.“

Was Ptolomäus angeht, so kenne ich seine diesbezügliche Aussage nicht. Ich vermute aber, daß er nicht von der Mondtäuschung, sondern davon berichtet hat, daß er den Mond in Horizontnähe größer als weiter oben sieht. Oder hat er tatsächlich über eine „Täuschung“ geschrieben, was hieße, daß ihm klar gewesen wäre, daß der Mond am Horizont und weiter oben zwar gleich groß ist, aber so wirkt, als wäre er verschieden groß?
 
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Re: Nochmal Kulisseneffekt (nach Zeiss)

Hallo Frank,

ich habe gerade drei Zeiss Binoctem 7 x 50 im Vergleich.
Eins von etwa 1948, eins von etwa 1965 und eins von etwa 1976.

Die Vergütungen haben ´ne andere Farbe.
Im alten Zeiss meine ich, mehr Kontrast wahrzunehmen.
Das Bild scheint auch eine Winzigkeit heller zu sein.
Rein subjektiv. Jeder wird feine und kleine Unterschiede
feststellen (möchten ;-)

Normalerweise würde ich sagen, die Ferngläser sind gleich.

Mein Lieblingsglas ist jedoch das Alte.
(Alle Gläser sind absolut sauber und perfekt justiert)

Weil ich daran Spaß habe <img src="/phpapps/ubbthreads/images/icons/laugh.gif" alt="" />

Worüber ich nachdenke ist, aus einem Deltrintem die Okulare
auszubauen und sie einem Binoctem zu verpassen <img src="/phpapps/ubbthreads/images/icons/wink.gif" alt="" />.

Denn im Deltrintem sind die gleichen Okulare wie im Dekarem !!!

Die Idee kam mir beim Schreiben, deshalb kann ich noch nicht
mit Berechnungen und Erfahrungen dienen.

Das wird aber an anderer Stelle nachgeliefert.
(Wenn´s funktioniert)

Beste Grüße

Dirk
mohlitz@t-online.de
 
Re: Sternendichte und Stereofotos der Sonne

Lieber Walter,

wird ja eine spannende Diskussion, wunderbar, ein paar Anmerkungen wieder.

betr. Sternendichte am Horizont, war ein Mißverständnis, ich hab jetzt verstanden was Du damit meinst, wie der "naive Betrachter" den Sternenhimmel zu sehen glaubt. Ich stimme Dir zu, daß der Effekt des abgeflachten Firmaments bei Sternenhimmel weniger ausgeprägt ist, aber eben schon noch so deutlich, daß Sternbilder in Zenithnähe kleiner zu sein scheinen, als in Horizontnähe, da sind wir uns ja einig.

Stereofoto: neu ist für mich die Einsicht, daß ein Stereofoto die Mondtäuschung nicht darstellen kann, weil es dabei nicht auf die "überschätzte Entfernung" (im Vergleich zur scheinbaren Entfernung des Zenitmondes) ankommt, sondern auf den gesamten Eindruck des abgeflachten Firmamentes, der sich fotografisch nicht darstellen lässt.

die Stereofotos vom Mond mit dem Erddurchmesser als Basis kenne ich.

wg Ptolemäus muß ich erst noch mal nachschauen, werde ich später berichten, ob er sich auch Gedanken über eine "Täuschung" gemacht habe, ich glaube aber mich zu erinnern, daß "ja"

Deinen Vorschlag zur besseren Formulierung bei der Nebra-Himmelschiebe ("Dokumentation") übernehme ich gerne, werde ich ändern auf meiner Seite. Dazu die Frage auch: darf ich auch Deine Formulierung zur Evolution von Deinem Posting heute morgen mit übernehmen (mit Verwies: Zitat nach Walter Schön auf astronomie.de usw.) ? Gefällt mir sehr gut, würde ich gerne in meine Seite miteinbauen.

Schöne Grüße




 
Re: Ptolemäus und Mondtäuschung

Lieber Walter,

ich hab auf die schnelle meine Unterlagen zu Ptolemäus nicht gefunden, ich glaub, ich hab sie in der Praxis, nicht hier zu Hause, wo ich gerade bin. Aber ich habe folgende Seite gefunden, demnach hat Ptolemäus sich sehr wohl schon Gedanken über die "Täuschung" gemacht, siehe:

http://www.sonneonline.org/deu/sonne102/so102-09.html

Schöne Grüße
 
Re: Ptolemäus und Mondtäuschung

Lieber Stephan,

Du darfst gern aus meinen Ausführungen zitieren. Danke für den Hinweis auf die Ptolomäischen Vermutungen; der Kerl war doch (was natürlich schon vorher klar war und nicht noch dieses Beweises bedurft hätte) ein schlaues Köpfchen.

Gute Nacht,

Walter E. Schön
 
Vergleich alt - neu

> ich habe gerade drei Zeiss Binoctem 7 x 50 im Vergleich.
Eins von etwa 1948, eins von etwa 1965 und eins von etwa 1976.

Hallo Dirk,

ich dachte dabei mehr an ein Deltrintem oder evtl. auch Dekarem von deutlich vor und nach 1945. Die neuen Okulare mit kissenförmiger Verzeichnung wurden laut Prospekt erst nach 1945 bei Zeiss in Jena verwendet. Die Gläser vor 1945 müssten das gleiche Sehfeld aber eine andere Okularkonstruktion haben.

Also falls Du in Deiner umfangreichen Sammlung was zum vergleichen findest, laß es uns doch wissen.

> Mein Lieblingsglas ist jedoch das Alte.

Geht mir fast genauso. Mein Lieblingsglas ist ein 6x24 Telexem von 1912. Nach Reinigung und Justierung ist es beinahe wie neu und damit zu Beobachten macht einfach Spaß <img src="/phpapps/ubbthreads/images/icons/laugh.gif" alt="" /> ...

Frank.
 
Re: Stereofotos vom Mond

Hallo Stephan,

wo hast du die "Stereofotos vom Mond mit dem Erddurchmesser als Basis" gesehen? Die grundsätzliche Idee, den Mond stereoskopisch abzubilden, ist ja ziemlich alt, siehe hier , aber halt schwer zu verwirklichen (geht aber doch auch mit Libration).

Sehr schön fand ich The Moon in 3D , leider nur anaglyph. Klasse auch im Detail Moon Anomalies from Clementine .
Selbst Jupiter gibts in Stereo, wenn auch "nur" gerendert - und eine Menge mehr Astronomisches in 3D gerendert, u.a. Mars:

Link zur Grafik: http://www.the-planet-mars.com/stereo-3d/gallery/mars-245-3d.jpgLink zur Grafik: http://www.the-planet-mars.com/stereo-3d/gallery/mars-247-3d.jpg

Frage: Gibt es irgendwo schon eine gute Linksammlung zu stereoskopischen Astronomiefotos?

Gruß,
Dietmar

P.S.: Klar hat mein Beitrag hier mit Ferngläsern nicht mehr viel zu tun, sollen wir nicht mal einen neuen Thread zu Stereoskopie in der Astronomie aufmachen?
 
Re: Stereofotos vom Mond

Hallo Dietmar,

hier 2 Links zum 3-D-Mond, Aufnahmen mit Erddrehung als Basis, die Fotos vom ersten Link stammen von unserem auch-albireotischen Forenmitglieder SaBine, darum wird sie auch oft "Samondbiene" genannt oder auch "Saichhassedenmondbiene" - (siehe dort auch die weiteren Bilder: Nr. 13 bis 17):

http://www.beta-cygni.org/galerie/hbv/Stereo.php?Paar=13&Zoom=50&Methode=Parallel

http://uploader.wuerzburg.de/gym-fkg/schule/fachber/physik/facharb/zieglchr/stereo.html

Linksammlung dazu kenne ich sonst keine

Schöne Grüße
 
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Re: Englische Site zur Mondtäuschung

Lieber Stephan,

auf der Suche nach den Stereo-Mondfoto mit ca. 13000 km Stereobasis bin ich aufgrund meiner Stichwörtereingabe bei Google zufällig auf eine englische Site zur Mondtäuschung gelangt, die Dich interessieren könnte. Ich habe sie der Länge wegen und weil ich momentan etwas unter Zeitknappheit leide, nicht gelesen, sondern nur kurz die Zwischentitel und Ollustrationen überflogen. Vieles scheint ähnlich wie auf Deiner umfangreichen Erklärung, und ganz unten sind noch einige Links zum Thema, die ich aber nicht weiterverfolgt habe. Falls es Dich interessiert:

http://www.lhup.edu/~dsimanek/3d/moonillu.htm

MfG Walter E. Schön
 
Re: Englische Site zur Mondtäuschung

Hallo Walter,

die Seite kannte ich schon, hatte auch schon einen Link zu ihr auf meiner Seite 2 eingebaut, das ist ist der, mit dem ich den Email-Briefwechsel wegen der grafischen Darstellung vom abgeflachten Firmament hatte,

trotzdem Danke für den Hinweis
 
Re: Stereofotos vom Mond

Hallo Dietmar,

erst mal danke für die interessanten Links, die ich erst heute anzuklicken Zeit fand. Mit zwei Links will ich mich revanchieren.

Die bisher beste Stereo-Mondaufnahme mit einer Stereobasis von ca. 13000 km, die ich erst vor relativ kurzer Zeit im Internet sah (es ist nicht die auf dem Link von Stephan zur Facharbeit des Schülers Ziegler, sieht aber recht ähnlich, jedoch detaillierter und im Kontrast richtiger, nicht so stark aufgesteilt aus), finde ich trotz aller Suche mit Google und Metaspinner leider nicht mehr. Aber die beiden folgenden Links könnten Dich interessieren.

Der erste zeigte eine recht gute Aufnahme, die nach der Schielmethode anzusehen ist. Diese Methode hat leider nach Nachteil, daß man das räumliche Bild (wegen der starken Kreuzung der Augenachsen) recht nah, etwa im halben Abstand zum Bildschirm sieht und der Mond deshalb noch kleiner wirkt, als ihn der Liliputismuserfekt gemacht hat:

http://www.wundersamessammelsurium.de/Optisches/3dStereoskop2/index.html

Der zweite Link führt zu einer Seite auf Martin Elsässers sehr gutem und informativem „Mondatlas“ innerhalb der Website der Volkssternwarte München. Hier sind vor allem die Anaglyphenbilder von Monddetails interessant, die Wolfgang Planding auf eine dort gut beschriebene Art ganz ohne Stereobasis anhand unterschiedlicher Reflexionsgrade mit räumlich gestaffelten Histogrammen künstlich aus echten Aufnahmen erzeugt hat:

http://www.mondatlas.de/stereoskopie/stereoskopie.html

Wenn man die bei diesen aufgrund der Wandlung einer reinen Draufsicht in ein scheinbar schräg betrachtetes Relief entstandene perspektivische Verzerrung (kreisförmige Krater sind stark elliptisch deformiert) noch reziprok entzerrt hätte, würden die Bilder noch natürlicher wirken. Ihr wesentlicher Nachteil ist, daß das so gezeigte 3D-Bild nur dann mit der Wirklichkeit übereinstimmt, wenn das Reflexionsvermögen aller im Bild sichtbaren Oberflächen identisch ist. Dunkleres Gestein wird hier automatisch (fälschlich) als tiefer gelegen, helleres als höher gelegen interpretiert und dargestellt. Aber nichtsdestoweniger ist die Methode sehr interessant und eindrucksvoll – und ganz ohne Stereobasis bei der Aufnahme der Fotos entstanden!

MfG Walter E. Schön
 
Re: Info zum Thema Stereoskopie

Hallo Walter,

ich melde mich - urlaubsbedingt mit einer Verspätung zu diesem interessanten Thema. Ich entnehme Deinen Texten sehr gute Detailkenntnisse, deshalb einige Nachfragen:

Du beschreibst das Größenverhältnis beim Blick durch ein z.B. 10fachen Feldstecher als verfälscht. Tatsächlich ist ja das Verhältnis der Größen untereinander weitestgehend unverändert gegenüber dem unbewaffneten Auge. Ich vermute mal, dass Du es so meintest, wie ich es verstanden habe:

Es gibt keinen reellen Ort, von dem aus mit bloßem Auge betrachtet der Anblick so aussieht wie beim Blick durch ein Fernrohr. Dies kann deswegen nicht sein, weil vom Fernrohr alle sichtbaren Objekte gleichermaßen vergrößert werden, während z.B. ein Mensch in 50m, dem ich mich um 45m nähere, mir mit bloßem Auge aus 5m Entfernung wohl 10fach vergrößert erscheint, natürlich aber nicht gleichzeitig die entfernten Berge, die ich nun statt aus 10km aus 9,955km betrachte... Im Grunde das, was Du in Deinem Zahlenbeispiel auch anführtest.

Bedenken möchte ich allerdings anmelden bei Deiner folgenden Bemerkung:

Eine andere Konsequenz ist, daß die falschen Größenverhältnisse zwischen Vordergrund, Hauptobjekt und Hintergrund genau den bekannten Kulisseneffekt fördern, der auch schon aufgrund der zu geringen Parallaxe (wegen der nicht mit der Vergrößerung wachsenden Stereobasis) entstanden ist.

Ich sehe den Sachverhalt so:

Bei einer 10fachen Vergößerung der Objekte wäre das mit bloßem Auge gewohnte Verhältnis von Objekt und Entfernung erst dann gegeben, wenn auch die Entfernungen und ihre Unterschiede zueinander 10fach vergrößert und für die Augen erkennbar/meßbar wären. Tatsächlich erzeugt eine 10fache Vergrößerung sehr wohl auch eine Vergrößerung der Parallaxe, nicht nur wegen der dem Augenabstand gegenüber vergrößerten Basis! Dennoch hat dies nicht die Meßbarkeit einer entsprechend größeren Entfernung zur Folge aus einem banalen Grund: unsere Augen ermitteln absolute Meßwerte von Entfernungen durch Auswertung der Augachsenvergenz des fixierten Objektes. Ferner kann man ohne Diplopie den Bereich von 200-400m bis in etwa 10m Nähe überblicken. Dieser Bereich, auf den unsere Augen "geeicht" sind, wird nun aber beim Blick durch den Feldstecher nicht größer - und auch nicht die von unseren Augen gemessenen Entfernungen, denn der kleinste, gerade noch auswertbare Vergenzwinkel erscheint ihnen als 200-400m, unabhängig davon, welcher Objektweite er real entspricht. Deshalb ist eine größere Raumtiefe als die gewohnte nicht möglich.

Vielmehr kommt es bei einer Vergrößerung der Basis:

a)zu einer Erhöhung der sog. Tiefensehschärfe, der Auflösung von Entfernungsdifferenzen, die mit bloßem Auge nicht mehr erkannt würden

b)und so notwendigerweise auch zu einer (fälschlich zu kleinen!) Entfernungsmessung unserer Augen von Objekten, die objektiv weiter entfernt sind, und
c)deshalb zu einer Verkleinerung der nahen Objekte, Du nanntest den Effekt Liliputismus, ich Mikropsie - ich denke, es ist das Gleiche.

Aus diesen Gründen, denke ich, würde eine Vergrößerung der Basis nicht zu einem natürlicheren Eindruck führen sondern im Gegenteil zu einer Verstärkung der Mikropsie, also zu einer zusätzlichen Verkleinerung näher gelegener Objekte.

Auch schreibst Du:

Da ich im Fernglas den Gegenstand C nur um 33,3% und nicht um 83,3% kleiner als den Hauptgegenstand B sehe, schlußfolgert mein Hirn (und jedes andere klar denkende natürlich auch), daß C gar nicht so weit hinter B liegen kann (sonst müßte ich C ja kleiner sehen!), und - schwupps - rutscht der Hintergrund C von 50 m hinter B als „flache Kulisse“ scheinbar auf nur 5 m Abstand hinter B heran

Ich denke, Du sprichst hier auch von einer uns unbewußten Leistung des Hirns? Mit dieser Schilderung einer Entfernungsermittlung aus Bildgrößen habe ich Schwierigkeiten. Ich sehe da nämlich Widersprüche zu allen mir bekannten Größentäuschungen:

Diese Täuschungen entstehen aus Entfernungsirrtümern und betreffen die Größen der wahrgenommenen Objekte unabhängig von ihrem Bekanntheitsgrad.

Verursacht werden die Täuschungen durch die auf dem Emmertschen Gesetz begründete Arbeitsweise unserer visuellen Wahrnehmung. Sie beruht auf der Ermittlung der Entfernungen und der Netzhautbildgrößen und leitet aus beiden Werten ... die wahrgenommene Größe ab; ihr verdanken wir die Wahrnehmung der Größenkonstanz genauso wie von Größentäuschungen, denen wegen der zuverlässigen Methode der Netzhautbildgrößenermittlung fast immer Entfernungstäuschungen zu Grunde liegen.

Kann es sein, dass parallel zu dieser Methodik eine andere existiert, die aus einer warum auch immer falsch empfundenen Größe eine neue Entfernung konstruiert - und damit einer eigenen Messung widerspricht? Und wenn dies möglich wäre - wann wäre Schluß mit der "Nachbearbeitung" des Wahrgenommenen und welches wäre die entscheidende Instanz?

Verstehe bitte diese Fragen nicht als Kritik sondern als Fragen eines Neugierigen!

Beste Grüße Herbert
 
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Re: Effekte der Stereoskopie

Hallo Herbert,

Du hast meine Ausagen so interpretiert, wie ich sie gemeint hatte. Da der „Standort“ (damit meine ich in diesem Zusammenhang immer das Auge, nicht die Füße!) des Betrachters als das Perspektivezentrum der Projektion auf die Bildfläche durch Verwendung eines Fernglases nicht näher ans beobachtete Objekt heranrückt, entspricht das durchs Fernglas Gesehene nicht dem, was der Betrachter aus einem reziprok zur Vergrößerung nähergelegenen Standort sähe.

Allerdings: Es gibt durchaus einen „reellen Ort von dem aus mit bloßem Auge betrachtet der Anblick so aussieht wie beim Blick durch ein Fernrohr“, aber dieser Ort ist nicht der auf den Bruchteil des Vergrößerungsfaktors ans Objekt herangerückte (bei 10facher Vergrößerung also in 1/10 des Betrachterabstandes), sondern es ist genau der Ort, von dem aus mit dem Fernglas betrachtet wird. Denn wenn wir mal von Verzeichnung absehen, zeigt der Blick durchs Fernglas genau dasselbe wie der Blick vom selben Standort ohne Fernglas, nur eben rechtwinklig zur optischen Achse vergrößert (nicht jedoch in der Tiefendimension längs der optischen Achse).

Die 10fache (oder jede andere) Vergrößerung zeigt keine Vergrößerung der Parallaxe; eine solche wäre nur durch Achsenversatz im Fernglas (wie beim Porrofernglas oder extrem beim Scherenfernrohr) möglich. Unter der Parallaxe versteht man das Vorliegen eines von Null verschiedenen Konvergenzwinkels, also des Winkels, unter dem sich die auf das Objekt gerichteten Sehachsen des Beobachters schneiden und aus dem sich die Verschiedenheit der beiden Teile eines Stereobildpaares ergibt. Dieser Winkel ist für unendlich ferne Objekte 0° (man spricht dann auch von „keiner Parallaxe“). Wenn wir mal die Basisverbreiterung durch Prismen- oder Spiegelsysteme im Fernglas außer acht lassen, ist der Konvergenzwinkel mit und ohne Fernglas für die „Sehstrahlen“ vom jeweiligen Objektiv zum Objekt derselbe, und das bedeutet, daß sich die perspektivische Ansicht eines räumlichen Gegenstandes für beide Augen in keiner Weise ändert! Daß sich für die Augen (speziell bei relativ kurzen Objektentfernungen und je nach Fokussierung, vor allem aber bei nicht korrekt justiertem Fernglas) eventuell davon abweichende Konvergenzwinkel einstellen können, ist hinsichtlich der Unterschiedlichkeit der beiden Einzelbilder des Stereobildpaares ohne Belang.

Mit den „falschen Größenverhältnissen“ meine ich, daß beim Blick durchs Fernglas die Größerverhältnisse (Vorder- zu Mittel- zu Hintergrund) nicht denen entsprechen, die sich aus einem der reziproken Vergrößerung entsprechenden Annäherung an den Gegenstand ergeben müßten, sondern immer noch dieselben geblieben sind wie bei Betrachtung ohne Fernglas aus der großen Entfernung. Mein Zahlenbeispiel hast Du ja richtig interpretiert und anhand eines neuen Beispiels mit Bergen im Hintergrund korrekt umgesetzt.

In Deinem Text verwendest Du den Begriff „Mikropsie“ und vermutest, daß ich mit „Liliputismus“ dasselbe meine. Diese beiden Begriffe bezeichnen jedoch nicht dasselbe, obwohl sie zum gleichen Effekt führen. Unter Mikropsie versteht man einen Effekt des „Kleiner-Sehens“ aufgrund anatomischer, meist krankhafter Anomalien, unter Liliputismus dagegen den gleichen Effekt aufgrund einer gegenüber dem normalen Augenabstand vergrößerten Stereobasis. Eine analoge Unterscheidung ist zwischen Makropsie und Gigantismus zu treffen.

Deine Vermutung, daß eine Vergrößerung der Stereobasis nicht zu einem natürlicheren Eindruck führt, ist korrekt. Denn die Vergrößerung der Basis vergrößert zwar die Parallaxe, was ja auch bei einem nähergelegenen Standort (den der Betrachter aufgrund der Vergrößerung durch das Fernglas scheinbar einnimmt) der Fall wäre. Aber je größer die Stereobasis, desto deutlicher würde die Wahrnehmung einer Tiefenstaffelung, während andererseits die Größenverhältnisse (Vorder- zu Mittel- zu Hintergrund) genau das Gegenteil bewirken. Es kommt dann im Hirn zu einem noch schlimmeren Konflikt also ohnehin schon!

Die von Dir angegebene Reihenfolge „Entfernungsirrtum -> Größentäuschung“ ist in der Praxis die Regel, wenn über die wahre Größe keine sichere Erfahrung vorliegt, und sie ist ja auch im weiter oben diskutierten Phänomen der Mondtäuschung der entscheidende Ansatz zur Lösung. Aber diese Reihenfolge ist nicht zwingend. Denn wenn ich durchs Fernglas schaue, führt (zumindest bei weit entfernten Objekten) die viel zu kleine Parallaxe zu keiner brauchbaren Information, aus der sich die Entfernungen bzw. Entfernungsunterschiede (Vorder-, Mittel-, Hintergrund) ableiten ließen. Die einzigen deutlich unterscheidbaren Kriterien als Hinweis auf unterschiedliche Entfernungen sind die Größen der Objekte im Bild auf der Netzhaut. Und damit kehrt sich hier die Reihenfolge um: „Größenvermutung -> Entfernungstäuschung“. Beide Paramater - Größe und Entferung - sind im Hirn korreliert, und das ermöglicht eine Schlußfolgerung in beiden Richtungen. Wenn das Hirn einerseits so gut wie keinen Unterschied in der Parallaxe zwischen Objekt und Vorder- oder Hintergrund feststellt, andererseits aber sehr wohl (anhand der bekannten wahren Größen von Menschen, Tieren, Bäumen, Häusern usw.) feststellt, daß der Hintergrund relativ zum Objekt nur etwa 10% kleiner ist, dann schließt es messerscharf, daß der Hintergrund recht nah am Objekt liegen muß (das Objekt also 10% näher als der Hintergrund oder der Hintergrund 11,1° weiter als das Objekt entfernt ist). Würde die Stereobasis durch Prismen oder Spiegel vergrößert (Porrofernglas), verschlimmerte das den Konflikt, wie schon gesagt.

Ob das Hirn also aus der bekannten oder (falsch oder richtig) vermuteten Entfernung auf die Größe schließt oder umgekehrt, hängt einfach davon ab, welcher der beiden Parameter bekannt und welcher unbekannt ist. Das Hirn kann quasi die Gleichung f(x) = y auch nach x auflösen, als x = g(y) ermitteln.

Dieses wegen der großen Beteiligung offensichtlich recht interessante Thema hat längst eine Eigendynamik weitab vom ursprünglichen Thema „Auflösung von Ferngläsern“ entwickelt. Ich will diese jetzt nicht mit einem weiteren Aspekt forcieren, aber er sollte in diesem Zusammenhang nicht fehlen, wenn wir uns nun endlich einer halbwegs vollständigen Klärung nähern: Wenn das Fernglas nicht starr auf einem Stativ steht, sondern freihändig gehalten wird, kommt noch ein weiterer Konflikt für unser Hirm hinzu, nämlich die (Nicht-)Änderung der Perspektive bei Änderung des Perspektivezentrums, d.h. bei Bewegung des Betrachters. Wenn ich im Fernglas die kulissenhafte Tiefenstaffelung des stark vergrößerten Gegenstandes deutlich sehe, müßte sich eigentlich bei Bewegungen des Kopfes eine ebenso deutlich sichtbare relative Verschiebung zwischen Vorder- und Hintergrund ergeben! Das ist aber wegen der tatsächlich unverändert groß gebliebenen Entfernung des Perspektivezentrums vom Objekt nicht der Fall. Es gibt hier übrigens auch wieder eine interessante Analogie in der Akustik: Man kann mit Kunstkopfstereophonie und Kopfhörerwiedergabe eine sehr präzise räumliche Vorstellung von den Orten der Geräuschquellen erzielen, aber der Kopf des Hörers darf sich genau wie der Kopf des Fernglasguckers nicht bewegen. Wenn er sich bewegt, wandern nämlich die Schallquellen mit, was als sehr unnatürlich empfunden wird (am Institut für Rundfunktechnik wird an der Lösung dieses Problems durch Signalbearbeitung in Abhängigkeit von der durch Bewegungssensoren ermittelten Kopfbewegung gearbeitet; für Ferngläser könnte es eine vergleichbare Lösung nur durch Einspieglung virtueller Räume geben - aber dann kann man gleich fernsehen statt durch Fernglas zu schauen).

Als letzten Satz für heute möchte ich noch ein Wort des Trostes spenden: Wer sein Fernglas astronomisch einsetzt, also relativ zur Stereobasis (selbst von Porrogläsern) unendlich ferne Objekte damit betrachtet, braucht sich um die Kulissen- und Globuseffekte, um Liliputismus und Gigantismus und all die im Hirn entstehenden Konflikte zwischen Größen und Entfernungen keine Sorgen zu machen, denn diese Probleme gibt es nicht mehr, wenn die Entfernung gegen unendlich geht. Der Preis dafür ist allerdings der Verlust der Räumlichkeirt trotz beidäugigen Sehens. Schade, also doch kein richtiger Trost.

MfG Walter E. Schön
 
Re: Effekte der Stereoskopie

"Ob das Hirn also aus der bekannten oder (falsch oder richtig) vermuteten Entfernung auf die Größe schließt oder umgekehrt, hängt einfach davon ab, welcher der beiden Parameter bekannt und welcher unbekannt ist. Das Hirn kann quasi die Gleichung f(x) = y auch nach x auflösen, als x = g(y) ermitteln."
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Hallo Walter und Herbert,

nochmal: ich finde es ganz wunderbar hier von Euren Ausführungen über Stereoskopie zu lernen, etwas will ich auch noch dazu beitragen und zwar zum obigen Zitat:

mir fällt dazu das neue hervorragende Buch von "D. Hoffmann: Visuelle Intelligenz, Wie die Welt im Kopf entsteht" (siehe auch Punkt 12 hier: http://www.psy-mayer.de/links/Mond/Mond-2/mond-2.htm ein), Herbert kennt es auch. Demnach entscheidet sich das Gehirn offenbar nicht für eine der Möglichkeiten "die Gleichung aufzulösen" nach dem Kriterium "welcher der beiden Parameter bekannt und welcher unbekannt ist", sondern nach dem Kriterium, welche der Alternativen erscheint dem Gehirn unbewusst wahrscheinlicher zu sein, Beispiel: der Amessche Raum, hier erscheint es dem Gehirn wahrscheinlicher, daß es kleinere oder größere Menschen gibt, als daß es einen solch trapezförmigen Raum gibt.

Schöne Grüße



 
Re: Effekte der Stereoskopie

Hallo Stephan und Walter,

zu Walters Auffassung, das Hirn würde die Gleichung f(x)=y auch nach der anderen Größe auflösen, möchte ich bemerken:
rational mag es dazu in der Lage sein, aber nicht auf der Ebene der Erzeugung von visueller Wahrnehmung!

Trotz Erwartung heftigsten Widerspruchs ein Gleichnis:

Ein Kaugummiautomat ist eine Maschine, die gegen cents Kaugummi ausstößt. Eine Eingabe von Kaugummi zwecks Umtausch in eine andere Sorte oder in cents wäre eine völlig andere Maschine!

Die Wahrnehmung ist eine Funktion unseres Hirns, die aus gewissen Rohdaten eine "Abbildung" der Welt erzeugt.
Die Augen sammeln Daten und leiten sie zur Bearbeitung dem Gehirn zu. Die visuelle Wahrnehmung ist ein kausaler Prozeß mit vielen Regeln; es gibt ein input von Rohdaten, eine Verarbeitung dieser Daten und ein output in Form unserer bewußten Wahrnehmung. Unbestreitbar strebt die visuelle Wahrnehmung vor Allem nach Authentizität, also nach einer möglichst großen Übereinstimmung zwischen dem Wahrgenommenen und der physischen Realität, was sich sowohl an ihrer bei verschiedenen Menschen weitgehenden Übereinstimmung als auch an dem Erfolg des Menschen bei der Eroberung dieser Welt zeigt. Da liegt es nahe, zwischen der Welt und unserem Bild von ihr eine kausale Verknüpfung zu vermuten. Wir erkennen, dass die Ursachen jeder Wahrnehmung in den Eingangsdaten liegen!

Also: Entfernung und Winkelgröße ergeben die wahrgenommene Größe. Diese landet in unserem Bewustsein, nicht als unpassend empfundenes Konstrukt erneut in der Konstruktionsabteilung! Ich hatte schon in meinem ersten Posting drauf hingewiesen: Es werden bei Entfernungstäuschungen alle Objektgrößen verfälscht, nicht nur die unbekannten. Selbst irrwitzige Größenverhältnisse wie die 3 Menschen im Amesschen Raum werden von uns als "wahr" genommen. Diese Tatsache zeigt für mich zweierlei:

1) eine Plausibilitätsprüfung des Wahrgenommenen findet nicht statt. Wir mögen die Täuschung rational sogleich bemerken oder auch nicht - einen Einfluß haben wir darauf aber auch nicht.

2) Eine Entscheidung für das Wahrscheinlichere liegt hier nicht vor, weil es ohnehin keine Alternative gibt: die Entfernung im Amesraum wird durch indirekte(qualitative) Hinweise aus der Beschaffenheit des Raumes abgeleitet. Die aus ihrer Hinnahme sich ergebende "unmögliche" Größe ist kein Grund für unser Hirn, an der Entfernung zu zweifeln und eine andere - welche? - zu wählen. Selbst wenn alle drei Personen persönlich bekannt wären, gäbe es keine Korrektur des Wahrgenommenen.

Die Anwendung der Auswahl der wahrscheinlicheren Möglichkeit entfällt auch bei der Mondillusion, weil der Mond als unbekanntes Objekt (unbekannter Größe und Entfernung) bei Entfernungstäuschungen entgegen seiner sonstigen Größe dennoch als "größer" empfunden wird. Es ist aber nicht begründbar, warum dies das Wahrscheinlichere sein sollte...

Wenn uns also im Bereich der Fernrohrbeobachtung wie im Fall der Mondillusion unpassende Größen oder -verhältnisse auffallen, so nicht deswegen, weil unser Hirn auf der Suche nach einer wahrscheinlicheren Alternative oder weil ihm das Ergebnis seiner Konstruktion nicht zusagt eine andere Entfernung/Größe zusammenbastelt! Vielmehr liegen dem Wahrgenommenen reale Messungen - wenn auch falsche - zu Grunde.

Beste Grüße, Herbert

P.S: @Walter: Meine Wahl der Bezeichnung Makropsie/Mikropsie habe ich hier getroffen, wenngleich ich sonst eine gewisse Abneigung gegen die Vorherrschaft angelsächsischen Sprachgebrauchs habe, weil die Bezeichnung sich - wie ich finde wertfrei - selbst erklärt. In USA wird der Ausdruck micropsy auch im gleichen Sinn wie bei uns Liliputismus verwendet.
 
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Re: Effekte der Stereoskopie

Hallo Herbert,

ein bißchen Protest muß meinerseits kommen, wie von Dir erwartet. Ich habe ja nicht behauptet, das Hirn könne immer funktionale Zusammenhänge nach verschiedenen Seiten hin auflösen. Das trifft aber sicher in bestimmten Fällen und speziell für die wechselseitig voneinander abhängigen Parameter „Entfernung“ und „wahre Größe“ zu, wenn mal der eine und mal der andere Parameter bekannt oder als bekannt (gesichert) angenommen wird (selbst wenn darin eine Täuschung liegt).

Wenn ich in einer fremden Landschaft größere Entfernungen schätzen will, für die meine kleine Augen-Stereobasis keine zur Triangulation taugliche Parallaxe mehr liefert, hilft es mir, wenn ich Menschen, Häuser, Autos, Bäume oder andere Gegenstände sehe, deren wahre Größe mir bekannt ist. Ich schließe dann von der scheinbaren Größe und der mit bekannten wirklichen Größe auf die Entfernung. Ich weiß, daß es auch da zu Fehleinschätzungen kommt (Blick vom Turm), aber das Entscheidende ist, daß hier der Schluß von der Größe auf die Entfernung erfolgt ist.

Wenn ich an der gegenüberliegenden weißen (strukturlosen, also keinen Größenvergleich ermöglichenden) Zimmerwand in einer mir bekannten Entfernung, z.B. 5 m, ein mir völlig unbekanntes, nie zuvor gesehenes Insekt krabbeln sehe, dessen Größe ich folglich auch nicht beurteilen kann, dann werde ich aufgrund der scheinbaren Größe und der mit bekannten Entfernung dennoch eine Vorstellung von der wahren Größe des Tieres bekommen. In diesem Falle habe ich den umgekehrten Schluß von der Entfernung auf die Größe durchgeführt.

Das Beispiel vom Kaugummiautomaten taugt nicht als Gegenbeispiel, weil es bei mir um einen funktionalen Zusammenhang (Größe <-> Entfernung) ging, aber Geld und Kaugummi in keinem solchen funktionalen Zusammenhang stehen. Und selbst wenn ich in der Beziehung „1 Kaugummi kostet 5 Cent“ einen solchen Zusammenhang sähe, so wäre auf das Hirn bezogen die Auflösung „für 1 Cent gibt’s 1/5 Kaugummi“ möglich, was aber noch lange nicht heißt, daß man eine solche Fähigkeit auch von einer nicht für eine Umkehrung von Ursache (Geldeinwurf) und Wirkung (Ausgabe von kaugumm) gebauten Maschine erwarten dürfte! Mit solchen leicht durchschaubaren Tricks lasse ich mich nicht in die Falle locken.

Daß vom Hirn Wahrscheinlichkeiten für die Entscheidung zwischen mehreren Möglichkeiten eine wichtige Rolle spielen, ist klar. Daß keine Plausibilitätsprüfungen durchgeführt werden, würde ich zumindest nicht in solcher Allgemeinheit behaupten. Das Hirn wird immer Probleme haben, wenn die Eingabewerte zu Widersprüchen führen und das Hirn zwingen, über das eine oder andere Nicht-Plausible hinwegzusehen (weil sonst vielelicht an anderer Stelle ein vermeintlich noch größerer Widerspruch entstünde).

Um mal von unseren sehr weit in die Ferne geschweiften Erörterungen wieder zum Ausgangspunkt Fernglas zu kommen: Da ist der Widerspruch, daß der Vordergrund vor dem betrachteten Objekt im Fernglas für die aufgrund der Vergrößerung scheinbar verkürzte Entfernung zu klein und der Hintergrund zu groß erscheint. Es gäbe zwei Lösungen des Dilemmas. 1. der Vordergrund ist tatsächlich viel kleiner als vermutet und der Hintergrund viel größer. 2. Die angenommenen Größen stimmen, und Vorder- wie Hintergrund liegen deutlich näher am betrachten Objekt (Kulisseneffekt mit Stauchungd er Tiefendimension). Ich glaube, daß wir uns einig darüber sind, daß sich alle unsere Hirne für Alternative 2 entscheiden, wir also alle einen Kulisseneffekt wahrnehmen. Wenn dies so ist, ist auch hier der von mir genannte Fall eingetreten, daß wieder mal umgekehrt zum wahrscheinlich häufigeren Fall aus einer Größe auf eine Entfernung geschlossen wurde. Quod erat demonstrandum.

Übrigens empfinde ich Mikropsie und Makropsie nicht als Anglizismen (die auch mir in der aktuellen Häufung in den Medien und speziell in der sich der wichtigtuerischen pubertären Jugendsprache anbiedernden Werbung ein Graus ist). weil doch die Wortbestandteile aus dem Griechischen kommen.

MfG Walter E. Schön
 
Re: Entfernung und Größe im Kaugummiautomat

Hallo Walter,

das "Beispiel" mit dem Kaugummiautomaten erinnert mich daran, daß ich mal allerlei Zuschauer mit einem Dia getestet habe, das mir in einer leergepumpten Talsperre gelungen war: Eine Art Flußcanyon mit diffusen Strukturen am Rande, mit kleinteilig in Schollen getrocknetem Boden, jedenfalls ohne irgendeinen leicht erkennbaren Größenmaßstab ... Auf die Suggestivfrage "Seht Ihr die Arbeiter am Ufer?" wurde fast immer geschlußfolgert, es handele sich um einen veritablen Fluß (statt des tatsächlichen Bächleins), und folgerichtig nach (manchmal zögernder) Bejahung der Frage nachgefragt, in welcher Gegend der Welt das Foto entstanden sei, da es in der weiteren Umgebung kein vergleichbares Landschaftsbild gab. Just my two cents ...

Gruß+cs,
Dietmar

 
Re: Effekte der Stereoskopie

Hallo Walter,

Deinen beiden Beispielen kann ich voll zustimmen. Die Entfernungsschätzung in einer fremden Landschaft durch Vergleich von bekannter wahrer Größe mit scheinbarer Größe bei bekannten Objekten kann mit entsprechendem Training durchaus gut glücken. Aber hat sich dadurch die Wahrnehmung der Landschaft verändert? Ich denke nicht. Du weißt jetzt aber, wie weit etwa das besagte Objekt entfernt ist, auf Grund einer rationalen Analyse. Das hat aber mit unbewußter Wahrnehmung nichts zu tun. Dein Verfahren ist bei jeder bewußten Schätzung immer das Gleiche. Dass es möglich ist, auf diese Weise Entfernungsschätzungen vorzunehmen, beruht auf der bereits erbrachten Leistung der Wahrnehmung, Dir die Objekte so zu zeigen, wie Du sie siehst - und sehen mußt, damit Deine Schätzung realistisch wird!

Bei Deinem zweiten Beispiel mit der strukturlosen Wand ebenfalls vollste Zustimmung! Stephan müßten dabei eigentlich die Ohren klingeln... Nur ist auch dies keine Leistung Deiner Wahrnehmung; Du sagst ja selbst, dass Du wegen des Fehlens anderer bekannter Objekte keine richtige Größenwahrnehmung hast. Genau das ist alles, was Dir die Wahrnehmung bieten kann. Erst durch die rationale Betrachtung der Situation bei bekannter Entfernung und scheinbarer Größe kommst Du zu einer realistischen Größenschätzung! Wäre Dir die Entfernung nicht bekannt (ein Wissen, dass nicht aus der Wahrnehmung selbst stammt!), wäre auch die obige Schätzung nicht möglich.

Was den Kaugummiautomaten angeht, so habe ich den nun wirklich nicht ernst gemeint. Es war nicht mehr als ein sehr rustikaler Vergleich, der mir einfach zu schön erschien, um ihn wegzulassen, trotz der Gefahr, mir selbst(!) ein Bein zu stellen. Das allgemeine Hinken von Vergleichen ist ja bekannt! Ich hoffe, Du hast darüber gelacht! Was ich damit meinte, ist einfach, dass wir Regeln haben, auf welche Weise Entfernungen und Größen durch unsere Augen weitestgehend ohne unser bewußtes Dazutun ermittelt und verarbeitet werden. Und allein schon die Tatsache, dass selbst die verrücktesten Größentäuschungen entstehen und auch von uns wahrgenommen werden ist für mich mehr als ein Indiz, dass die Wahrnehmungsregeln selbst keinen Zweifel an den ermittelten Werten gestatten oder irgendwie vorsehen. Wohlgemerkt: unsere unbewußte Wahrnehmung! Rationale Analyse steht auf einem anderen Blatt.

Wenn Du allerdings meinen solltest, ich würde Dich mit einem Kaugummiautomaten in eine Falle locken wollen, so vergiß das Ganze - für mich hatte es vor Allem Unterhaltungswert! Fallen liegen mir fern, ich bin eher ein Überzeugungstäter!

Bei Deiner Interpretation des Kulisseneffektes kann ich Dir dagegen nicht einfach so zustimmen. Ich werde in einer Modelllandschaft die tatsächlichen Entfernungen durchrechnen und mal sehen, wovon wir eigentlich reden, was real da vorhanden ist und was unsere Wahrnehmung daraus macht. Ich werde mich wieder melden.

Beste Grüße, Herbert

P.S.: Mit den Anglizismen hast Du natürlich recht: ich sprach allerdings vom abweichenden Inhalt der Begriffe in USA.
 
Re: Entfernung und Größe im Kaugummiautomat

Hallo Dietmar,

ich denke, mein Kaugummiautomat hat tatsächlich zugeschlagen und Pfefferminze mit Erdbeer produziert <img src="/phpapps/ubbthreads/images/icons/wink.gif" alt="" /> Die Wahrnehmung war nur eben interpretierbar, also nicht eindeutig, bei keinem Deiner Zuschauer gleichermaßen... Ist aber gar nicht erstaunlich!!! Entfernungen waren nicht meßbar, das Sichtbare absolut fremd.

Bei der Abbildung von z.B. unbekannten technischen Details ist es ja allgemein üblich, ein bekanntes Objekt (Münze,Haar, Streichholz) daneben im Bild zu zeigen, um obige Irrtümer zu vermeiden. Fehlen diese, kann man alles mögliche daraus lesen. Aber, darum gings mir bei dem Beispiel, das ist keine Wahrnehmung sondern bewußte Interpretation! Da bestimmen wir selbst die Regeln - und können Fehler begehen!

Beste Grüße, Herbert


 
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