Die großen Ferngläser von Canon
Noch einmal ein paar Anmerkungen zu den großen Canons. Wesentliches dazu habe ich hier ja schon einmal vor längerem geschrieben und das hat auch heute noch Gültigkeit. Wie ich damals schon schrieb, erwog ich bereits seit längerem eine Anschaffung. Nachdem ich nun einige Monate im Besitz eines 15x50 IS bin, stellt sich - wie meistens - nach dem Langzeitgebrauch eine weiter differenzierte Beurteilung ein. Alle hier genannten Nachteile sind richtig und ich füge noch einige weitere hinzu.
Die Bedienung des Batteriefachdeckels mit einer Münze ist umständlich, wenn man mit dem Teil im Gelände unterwegs ist. Hier macht sich wohl die Herkunft Canons als Kamerahersteller bemerkbar. Der Klappmechanismus erweckt ebenso wie der der kleineren Canon Ferngläser nicht gerade mein Vertrauen in Sachen Robust- und Haltbarkeit. Die Lösung von Fujinon z.B. mit dem Drehhebel am 14x40 Technostabi erscheint da doch solider. Die Armierung ist - obgleich sehr griffig - doch auch vergleichsweise empfindlich. An den Stellen, wo Reibung oder Druck auftritt (z.B. Gurtbefestigungsösen, Mitteltiebsverkleidung auf der Oberseite) werden Abriebsmarken erkennbar. Besonders schwerwiegend aber - und es wundert mich, dass das noch nicht erwähnt wurde - ist das Verhalten bei Streulicht. Bei entsprechend tiefem Sonnenstand vermasseln deutliche Reflexe die Sicht doch bemerkbarer als bei den meisten anderen Qualitätsgläsern. Ich vermute, dass das Schutzglas, welches sich zur Abdichtung der Objektive und Erreichen der Wasserdichte vor denselbigen befindet, hierfür wie auch für einige weitere Nachteile (Farbtönung, Transmission) mit verantwortlich ist. Es zeigt jedenfalls sehr deutliche Farb- und Lichtreflexe - im Gegensatz zum neuen 10x42, welches an dieser Stelle wohl verbessert wurde.
Die freihändige Handhabung eines 15x oder gar 18x vergrößernden Glases ist darüber hinaus mit Nachteilen verbunden, die man von konventionellen Feldstechern mit 7 bis 10 facher Vergrößerung ganz einfach nicht gewohnt ist. Vielen, die eines der hoch vergrößernden Ferngläser von Canon zum ersten Mal ausprobieren, ist dies zunächst nicht bewusst. Die Schärfentiefe ist durch die hohe Vergrößerung spürbar geringer. Man muss also bei Fokussierung wie auch bei Benutzung des Dioptrieausgleichs erheblich präziser vorgehen als sonst. Durch die Freihandnutzung fällt dies auch meist stärker auf als z.B. bei einem auf Stativ befestigten Spektiv. Das Spektiv wird in der Regel auf ein Ziel fest ausgerichtet, welches man einstellt und dann im Detail betrachtet. Mit dem frei schwenkbaren Fernglas ist man bei Benutzung am Tage immer in Versuchung eben diese Eigenschaft auch auszunutzen. Beim Abstreichen ausgedehnterer Geländeabschnitte mit reicher Tiefenstrukturierung (Bäume, Gebüsch etc. in unterschiedlichen Entfernungen vorhanden) fällt dann zwangsläufig vorhandene Unschärfe stärker auf. Die relativ kleinen Austrittspupillen machen eine sehr exakte Einstellung des richtigen Augenabstandes notwendig, was durch den schwergängigen und ungewohnten Mechanismus zweier gegeneinander verschiebbaren und aneinander gekoppelten Okulare nicht gerade erleichtert wird. Es verlangt also ein wenig Übung, um die Stärken eines solchen Glases voll nutzen zu können. Für das 18x50 gilt all dies naturgemäß in besonderem Maße.
Es gibt durchaus zufriedene Nutzer des 18x50 IS, darunter z.B. der bekannte Autor Alan Adler. Ich kenne auch jemand, der für Expeditionen in der unwegsamen russischen Tundra, wo man keine Spektiv/Stativkombination herumschleppen kann, ein 15x50 IS benutzte und es nun gegen ein 18x50 eingetauschte. Er ist mit dem 18x50 zufrieden. Beide Gläser haben sich nach seiner Aussage auch unter harten Expeditionsbedingungen bewährt. Ich erkläre mir die unterschiedlichen Bewertungen folgendermaßen. Diese Gläser sind auf ihre Art extreme Konstruktionen, bei denen die Fertigungstoleranzen vermutlich äußerst eng eingehalten werden müssen. Daraus resultiert wahrscheinlich eine gewisse Qualitätsstreuung.
Zurück zum 15x50. Jetzt haben wir die Nachteile wohl einigermaßen zusammen, doch nun kommt das Aber, ein großes ABER:
Den Nachteilen stehen bemerkenswerte Vorteile gegenüber. Das Sehfeld ist für die Vergrößerung sehr groß (67°) und vor allem lässt die Schärfe über nahezu das gesamte Sehfeld nicht nach. Diese weit ausgedehnte Schärfe über das gesamte Sehfeld in Verbindung mit Randschärfe, weitgehend verzeichnisfreier Abbildung und Sehfeldgröße erreicht so schnell kein anderes Glas, jedenfalls nicht aus europäischer Produktion - das muss einmal so deutlich gesagt werden. Die Kontrast- (wichtig für Astronutzung) und Mittenschärfeleistung liegt nur ganz knapp hinter dem Niveau eines, sagen wir großen Leica Trinovids. Ein weiterer willkommener Pluspunkt ist der integrierte Stativanschluss sowie eine jedenfalls für meine Hände trotz aller scheinbaren Klobigkeit bemerkenswert ergonomischen Formgebung, die es mir ermöglicht, das große Glas selbst ohne Stabilisierung relativ gut wackelfrei halten zu können. Dazu eine Randbemerkung: Hier, bei 15x, liegt die Grenze, an der ich ein Glas noch in akzeptabler Weise ruhig halten kann. An dieser Grenze zeigt sich, dass es wie beim Sport so etwas wie Tagesform auch beim Halten von Ferngläsern gibt. Es gibt Tage, da liegt das Glas so ruhig in der Hand, dass ich versucht bin, nachzusehen (es gibt da eine gelbe Leuchtdiode), ob die Stabilierung aktiviert ist. Das ist dann aber regelmäßig nicht der Fall. An anderen Tagen geht ohne Stabilisierung gar nichts. Die im Gegensatz zu den 8x25, 10x30 und 12x36 IS auf Dauerbetrieb einstellbare Stabilisierung ist ein Pluspunkt in Sachen Komfort besonders während längerer Beobachtungsphasen.
Nun sind wir beim eigentlichen Clou oder neudeutsch der "Unique Selling Proposition" dieses Fernglastyps, der Stabilisierung. Sie funktioniert recht gut aber unter Zunahme von verschiedenen Abbildungsfehlern, die hier ja schon genannt wurden. Durch ruhiges Halten lassen sich die Fehler jedoch auf ein Minimum reduzieren mit dem Ergebnis, dass man dort, wo es kritisch wird, mehr Einzelheiten erkennen kann, als mit jedem anderen nicht stabilisierten Glas, egal welcher Preiskategorie. Konkret gesprochen: Ich habe z.B. beim Beobachten von Vögeln aus einer Beobachtungshütte mit dem 15x50 schon die unter Vogelbeobachtern am verbreitesten 10x42 von Zeiss, Leica und Swarovski locker versägt. Ich könnte Details erkennen und beschreiben, die mir keiner glauben wollte - bis zur Nachprüfung im Spektiv. Das 15x50 Canon IS ist jedenfalls in meinem Fall den genannten Gläsern in der Detailerkennbarkeit selbst dann überlegen, wenn diese auf Stativ befestigt sind - vorausgesetzt, das Problem mit den Reflexen bei tiefem Sonnenstand kommt nicht zum Tragen. Schon das 15x50 ist diesbezüglich bereits so gut, dass ich zunehmend dazu übergehe, auf ein Spektiv selbst für Einsätze zu verzichten, für die ich dies eigentlich früher gar nicht vorgesehen hatte. Dazu unten mehr. Es ist tatsächlich so, dass das binokuare Sehen bei 15x die höhere Vergrößerung eines Monokulars/Spektivs bei z.B. 20x zu einem gewissen Teil sozusagen wieder einholt. Beim Beobachten beweglicher Objekte (z.B. fliegende Vögel, Flugzeuge, Satelliten) ist das Canon unschlagbar gut (Ausnahme: Zeiss 20x60S. Das hat aber bei freilich besserer Transmission ein kleineres Gesichtsfeld, ist schwerer, größer und nicht so randscharf wie das Canon). Jedes Schwenken eines Fernglases führt aufgrund der damit verbundenen Bewegungen unweigerlich zu einer Zunahme der Verwackelung. Die Stabilisierung verhindert dies weitgehend, so dass das sich in größerer Entfernung bewegende Objekt förmlich in der Luft zu stehen scheint. Ich weiß, es fällt schwer das zu glauben, doch ich habe es getestet: selbst bei Gebrauch in der Dämmerung gilt: trotz geringerer Transmission schlägt in punkto Erkennbarkeit von Details Vergrößerung Transmission und Austrittspupillengröße jederzeit.
Manchmal scheint es mir, als verwöhne die Bildstabilisierung den Benutzer dergestalt, dass man empfindlicher wird für Verwackelung, wenn man dann wieder ein konventionelles Glas benutzt. Ich bin mir aber nicht sicher, ob infolge einer empfindlicher gewordenen Wahrnehmnung oder lediglich wegen eines verändertes Handlings aufgrund "mangelnder Übung".
Das bisher Gesagte gilt prinzipiell auch für den Gebrauch am Sternenhimmel. Beim Beobachten in der Dunkelheit tritt jedoch ein weiterer Aspekt hinzu. Ich gehe einmal davon aus, dass hier im Forum die Zusammenhänge zwischen Himmelshelligkeit und Größe der Austrittspupille im Hinblick auf die Wahrnehmbarkeit von Himmelsobjekten bekannt sind. Unter hellem Stadt- und Vorstadthimmel kann das Canon aufgrunddessen seine Stärken am besten ausspielen. Die tatsächlich gegenüber anderen Spitzengläsern verringerte Transmission wird dabei durch sehr guten Kontrast in Verbindung mit hoher Vergrößerung wiederum mehr als ausgeglichen. Je dunkler aber der Himmel wird, umso mehr verlangt das Auge des geübten Beobachters nach mehr Austrittspupille. Den eigentlich bedeutsamen Flaschenhals in der praktischen Nutzung für astronomische Zwecke bildet also nicht eine zu geringe Transmission, sondern eine zu kleine Austrittspupille, welche dem weit geöffneten Auge in bemerkbarer Weise einen Teil des Lichts vorenthält. Damit wird ein solches Glas natürlich auch unter dunklem Himmel nicht gleich nutzlos. Der Vorteil der freien Beweglichkeit bei gleichzeitiger relativer Bildruhe, welcher ein äußerst schnelles Auffinden von Objekten am Himmel ermöglicht, bleibt jederzeit bestehen. Die Messierobjekte lassen sich damit z.B. nur so vom Himmel pflücken, wenn man weiß, wo sie sich in etwa befinden.
Wie so häufig in der Optik stehen sich also auch bei dem hier behandelten Gerät verschiedene Vor- und Nachteile gegenüber und es muss individuell abgewogen werden, was überwiegt. Die Frage, ob sich eine Benutzung oder Anschaffung lohnt, hängt einfach davon ab, unter welchen Bedingungen und für welchen Einsatzzweck beobachtet werden soll. Wer z.B. am Tage häufiger längere Strecken in weitläufigem Gelände unterwegs ist, für den überwiegen klar die Vorteile. Das Gleiche gilt für den Hobbyastronomen mit wenig Zeit, der am Feierabend auf Balkon oder Terrasse noch schnell und unkompliziert ein paar interessante Objekte erwischen möchte. Der Preisverfall, dem die Canons zuletzt ausgesetzt waren, hat mir, weil beide genannten Voraussetzungen erfüllt sind, deshalb die Entscheidung leichter gemacht.
Ein letztes Wort an dieser Stelle an die europäischen Hersteller, falls dort jemand mitliest: Kümmert Euch um das Thema Bildstabilisierung und verpasst nicht den Anschluss, denn hier liegt der vielleicht bedeutendste Punkt zukünftiger Weiterentwicklung im Fernglasbau. Auch ich war hier früher eher skeptisch und konservativ eingestellt. Doch die Praxis im Umgang mit einem solchen Gerät hat mich trotz der unbestritten vorhandenen Nachteile ganz einfach überzeugt.
Steve