Hallo Michi,
bevor man das genau sehen kann, muss man die Montierung erstmal als Serienmodell vor sich haben.
Soviel aber kann man schonmal festhalten: Es gibt im Billigbereich nur wenige Hersteller und es wäre geradezu verwunderlich, wenn es zu dieser Montierung nicht irgendwo eine Baugleiche unter einem anderen Label geben würde. Manchmal unterscheiden sich nur unwesentliche Details, Anbauteile die leicht an derselben Basis unterzubringen sind.
Was eine solche Montierung leistet, hängt aber weniger von den Spezifikationen auf dem Papier ab, sondern von deren Umsetzung in der Praxis.
Als Beispiel möchte ich mal die alte EQ-4/EQ-5 nennen. Ich bin mal einen Tag lang bei einem Sternfreund gewesen, der diese Montierung auseinandergenommen hat, um das zähe Fett herauszubekommen. Das Fett hat er herausbekommen, aber er hat auch noch einiges anderes herausbekommen. Nicht ohne weiteres herausbekommen hat er die abgeknickte Messingschraube für die Polhöhe. Genau - das ist die Schraube wo das ganze Gewicht von Achsenkreuz, Gegengewichten und Teleskop samt Hebelwirkung drauf drückt. Also die Schraube war aus Messing statt aus Stahl und da war wohl ein Materialfehler drin, so dass die Schraube wie Wachs weggeknickt ist. Das zerdrückte Gewinde ließ sich natürlich nicht mehr herausschrauben, also musste der Kopf abgesägt werden und ein neuer Schlitz für den Schraubendreher in den Stummel gesägt werden, damit die Schraube nach Innen durchgeschraubt werden konnte, wo sie dann aus dem offenen Gehäuse fiel. Ich Schweife ab...
Wesentlich war bei dieser Montierung die Erkenntnis, dass zwar die RA-Achse kugelgelagert war, aber mit einem Axial-Kugellager. Die Achse brauchte also noch eine weitere Führung, was am unteren Ende nahe der Polsucherskalen durch ein Gleitlager erfolgte. Ich hätte damals mal ein Foto machen sollen, um das mal ganz genau wiederzugeben.
Jedenfalls war das Problem, dass die Gleitlager zu weit ausgedreht waren. So konnte man die Montierung zwar leicht zusammenstecken (normalerweise bekommt man ja eine Achse nicht ganz so leicht in ein saugend passendes Gleitlager hinein), aber es gab natürlich Spiel. Ein Zehntel Millimeter, vielleicht auch etwas mehr, aber über den Hebel eines Refraktors mit 1000mm Brennweite ergab das unangenehm viel Spiel.
Interessant war nun das zutage Tretende Konzept gegen dieses Spiel: Das zähe Schmierfett dämpfte es ein wenig, aber in der Hauptsache wurde die RA-Achse durch einen Überwurf mit Gewalt in das Kugellager hineingepresst, so dass letztendlich das sauber laufende Kugellager so schwer gängig wie ein mit zähem Fett geschmiertes Gleitlager wurde. Das Spiel war dadurch natürlich nur kaschiert, bei kurzen und leichten Teleskopen bemerkte man es nicht. Aber die Hebelwirkung des Refraktors brachte das Kippeln der Montierung schon beim Fokussieren an den Tag.
Bei dieser Montierung kam es also darauf an, ein Exemplar zu erwischen, bei dem die Gleitlager eine bessere Führung gaben, also weniger weit ausgedreht worden waren. Dadurch kamen meiner Meinung nach auch die unterschiedlichen Berichte über diese Montierung zustande, wobei einige Schlaufüchse offenbar die Gelegenheit hatten, sich die beste aus z.B. 5 Montierungen auszusuchen. So eine Gelegenheit wird es wohl nur selten geben.
Wie dem auch sei, man bekommt maximal das, wofür man bezahlt, und manchmal bekommt man auch weniger. Das gilt besonders für Einsteiger-Teleskope und ihre Montierungen. Welches Label darauf klebt, ist dabei eigentlich egal. Welches Teleskop, das als Einsteiger-Teleskop verkauft wird, und auch wirklich der Preisklasse entstammt die man allgemein für Einsteiger annimmt, kommt denn heute noch wirklich "woanders her"?
Clear Skies
Sven