Der Himmel meiner Kindheit

Cor_Francoli

Aktives Mitglied
Ich wohne nun schon Jahrzehnte unter einem lausigen Vorstadthimmel.

Vor ein paar Tagen besuchte mal wieder meine Eltern hunderte km entfernt in einem kleinen Dorf am Rande einer kleinen Gemeinde weit weg von jeder Stadt. Ich kann erst 23 Uhr an und einer spontanen Eingebung folgend fuhr ich am Haus vorbei, raus zwischen die Dörfer oben auf den Fußballplatz. Ich stieg aus. Die Scheinwerfer des Autos erloschen und BÄÄM!!! umhüllte mich tiefe Dunkelheit. Sterne bis zum Horizont, wo gerade der Orion unterging. Ehrfürchtig stand ich unter dem Sternenzelt und verschmolz mit dem Universum. Der Himmel meiner Kindheit. Kein Wunder, dass ich hier selbst zum Entdecker des Orionnebels wurde, ohne zu wissen, wie dieses Nebelchen heißt. Mein erstes Teleskop war das 8x50 Revue Fernglas meines Vaters, das ich noch heute nutze und in Ehren halte. Mein erstes Stativ war die Wäschestange im Garten. Wusstest ihr, dass ich auch die Andromeda-Galaxie entdeckt habe? Die Monde des Jupiters? Die Ringe des Saturns? Ich war's!

Noch sehr lange stand ich auf dem Fußballplatz und konnte doch nur für einen Augenblick die Sehnsucht nach dem Himmel meiner Kindheit stillen.

Frank
 
Hallo Frank,

ja, das können v.a. diejenigen nachvollziehen, welche in der Kindheit noch ohne Probleme die Milchstraße in fast jeder lauen und klaren Sommernacht sehen konnten. Das hat sich leider geändert und wird es vermutlich auf absehbare Zeit auch nicht mehr geben.

Jedoch bin ich dankbar wie vorgestern, wenn ich selbst vom lichtdurchfluteten, städtischen Garten aus einen wunderbaren Mars beobachten kann, der alles bietet, was überhaupt an einem ca. 9“ Scheibchen bei ca. 400x zu sehen ist, denn glücklicherweise schert sich das Seeing nicht um den Lichtsiff. ;)

Viele Grüße
Werner
 
Mein erstes Teleskop war das 8x50 Revue Fernglas meines Vaters, das ich noch heute nutze und in Ehren halte.


Genau so ist es bei mir :LOL:

Jedoch ist es das schöne Revue 7x42, aus dem Quelle Katalog natürlich.

Allerdings ist die Dunkelheit bzw. Helligkeit des Himmels in dem Dorf wo ich aufgewachsen bin leider weit davon entfernt wie es in meiner Kindheit war. Vor allem die letzten 5 Jahre hat sich die Lichtverschmutzung extrem verschlimmert, „dank“ der billigen LED Flutlichtstrahler aus China.

Ich bin ja nach wie vor dafür den Erfindern der blauen LED zumindest den Nobelpreis wieder abzuerkennen.

Gruß

Simon
 
Hallo Frank,

danke für's teilen deiner Erinnerungen. Bei mir war es ähnlich als ich Anfang der 80ziger Jahre mit einem Bob 50/600mm Refraktor M33 das erste Mal sah. Und auch etwas später dann mit dem Wachter 80/1000mm Refraktor Komet Harley um die Weihnachtszeit 1985 aufspürte.
Damals war selbst aus der Großstadt Darmstadt heraus im Sommer die Milchstraße leicht und kräftig zu sehen. Das geht heutzutage kaum noch.

cs
Lothar
 
Ja, richtig. Der Halleysche Komet. 85 sagst Du? Ich gebe zu, dass ich damals ein klein wenig enttäuscht war. Ich war noch gänzlich unbedarft und hatte wohl andere Erwartungen :oops:
 
So richtig neidisch werde ich dann, wenn meine Mutter erzählt, wie sie in den 60ern nach der Party im Nachbardorf mit ihrer Freundin wieder nach Hause finden musste. Der Dorfpolizist ging mit der Petroleumlampe durchs Dorf. Damals muss es erst recht stockfinster gewesen sein
 
N'abend,
Dabei dachte ich, dass ich das alles entdeckt hätte :ROFLMAO:.
damit befindest du dich in bester Gesellschaft, historisch gesehen. Bei allen wichtigen Entdeckungen gibts ja mehrere Personen und einen Streit, wer denn nun wirklich der erste war. Wichtig sind natürlich die ersten Paper und Veröffentlichungen. In euren Fall heisst das wohl: wer halt als erster seinen Eltern davon erzählt :ROFLMAO:

Damals war selbst aus der Großstadt Darmstadt heraus im Sommer die Milchstraße leicht und kräftig zu sehen.
Jau, Mitte der 80er habe ich selbige auch am Stadtrand von Frankfurt deutlich sehen können In guten Tagen geht das andeutungsweise auch heute noch.
Dabei ist das Stadt (und Industrie, Gewerbe etc..) Streulicht leider nur ein Teil der Veränderungen, bei bestimmten Wetterlagen z.B. sieht man vor lauter Kondensstreifen kaum noch blauen Himmel dazwischen.

VG -CptB
 
Hallo,
hier werden "Kindsheitsträume" wach: es war Mitte der 60iger Jahre, wohnte mit meinen Eltern in einem kleinen Ort, keine 200 EW. Es war im Juni, ohne Mondschein. Da konnte man praktisch die Sterne "aus dem Erdboden" hervorkommen sehen. Habe das in einem Heft "Astron. Jagdergebnisse" festgehalten. Datum weiß ich jetzt nicht genau, aber vergessen kann man so etwas nicht.
1997 auf La Palma/Las Trizias: mit einem einfachen 15x50 Bino auf Stativ. in einem Sternfeld bei T Her an Grenzgröße + 1,5mag mehr gesehen als hier am Wohnort, Stadtrand, ein echter Reichweitengewinn. (V. St. "Spezialgebiet").

Gruß Günther
 
Hallo Frank,

musste das jetzt sein? Wie konntest Du nur diese Erinnerungen zu Tage fördern? Meine Knie sind jetzt noch weich auf Grund deiner Schilderung. Nur zu gut kann ich diese Gefühle von damals nachempfinden.
Beim Lesen konnte ich mir das ein oder andere Tränchen nicht verkneifen. Wer kennt das nicht von früher, wenn man unter dem Sternenhimmel stand und vor Ehrfurcht immer kleiner wurde.
Wer das nicht empfindet muss aus Granit sein. Danke für diese emotionalen Worte.

Jürgen
 
Hallo,

Bin auch am Land aufgewachsen und Danke für die Schilderung.

Tja bei mir ist das eine Frage der Bequemlichkeit. Von meinem Balkon in der Stadt sehe ich keine Milchstraße und der Doppelsternhaufen im Perseus ist unsichtbar, dafür sehe ich ca. 10 Straßenlaternen auf ca. Balkonhöhe bzw. knapp darüber. Aber man kann am gepolsterten Sessel sitzen, es ist windstill und Planten und der Mond gehen super. Nachdem fast alles an die Fernwärme angeschlossen ist, ist das Seeing oft brauchbar.

Eine gute halbe Stunde Autofahrt und 1000 Höhenmeter mehr und der Himmel ist anders.
Das besteht dann das Problem, dass ich fast nix mehr finde, weil im Auge und Sucher so viele Sterne sind, dass es schwer ist sich zu orientieren. Dann einfach das Haar der Berenike als offenen Sternhaufen sehen mit freiem Auge, das Erlebnis ist echt ein anderes.

Aber wenn ich ehrlich bin kommen auf 20 Balkonbeobachtungen eine am Berg. Die Objekte sind andere, die Faszination aber die gleiche.

So wie jedes Teleskop seinen Himmel hat, hat es jeder Ort :)
LG Franz

Am_Trattberg.JPG


IMG_20250208_174341.jpg
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo,
während ich das hier lese, gehen die Gedanken auf 820 m Höhe (von Bockenem zum Torfhaus, Oberharz). Der Reichweitengewinn im Fernglas betrug vor vielen Jahren durchweg + 1 Größenklasse. Sogar die Wintermilchstraße, Orion stand im Süden, war sehr schön lk. davon sichtbar. Will diesen schönen Anblick (+ 1 mag mehr) irgend wann dieses Jahr wiederholten, Autofahrt rund 50 Min. von hier. Damals sah man nicht mehr die Hand vor Augen und wenn es dann mal knackte, durfte man keine Angst haben, bekomme eine Gänsehaut, wenn ich daran denke........ Der Platz liegt in einer zugänglichen Tannenschonung. Man siwht auch aktuell Reifenspuren, wahrscheinlich von Forstarbeitern Vor langer Zeit waren die heranwachsenen Bäumchen gut 1/2 Meter groß. Jetzt leider schon vieles abgestorben, ein trauriger Anblick !!!!!!!!!! Einsatzgerät wird wieder der 25x100 Bino / Stativ sein und einige V.St-Karten mitkommen.

Gruß Günther
 
Ich wohne nun schon Jahrzehnte unter einem lausigen Vorstadthimmel.

Vor ein paar Tagen besuchte mal wieder meine Eltern hunderte km entfernt in einem kleinen Dorf am Rande einer kleinen Gemeinde weit weg von jeder Stadt. Ich kann erst 23 Uhr an und einer spontanen Eingebung folgend fuhr ich am Haus vorbei, raus zwischen die Dörfer oben auf den Fußballplatz. Ich stieg aus. Die Scheinwerfer des Autos erloschen und BÄÄM!!! umhüllte mich tiefe Dunkelheit. Sterne bis zum Horizont, wo gerade der Orion unterging. Ehrfürchtig stand ich unter dem Sternenzelt und verschmolz mit dem Universum. Der Himmel meiner Kindheit. Kein Wunder, dass ich hier selbst zum Entdecker des Orionnebels wurde, ohne zu wissen, wie dieses Nebelchen heißt. Mein erstes Teleskop war das 8x50 Revue Fernglas meines Vaters, das ich noch heute nutze und in Ehren halte. Mein erstes Stativ war die Wäschestange im Garten. Wusstest ihr, dass ich auch die Andromeda-Galaxie entdeckt habe? Die Monde des Jupiters? Die Ringe des Saturns? Ich war's!

Noch sehr lange stand ich auf dem Fußballplatz und konnte doch nur für einen Augenblick die Sehnsucht nach dem Himmel meiner Kindheit stillen.

Frank
Vor einigen Jahren, ich sah so viel, in jetziger Zeit bei nahe alles überlichtet von unnötige lichtflut.

Manfred
 
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