Die alte Frau und der Dobson ...

Anette_Aslan

Aktives Mitglied
Liebes Sterndelvolk,
eine Ewigkeit ist´s her, dass ich durchs Teleskop geschaut habe. Mit zunehmenden Alter und ohne feste Aufstellung fehlte mir doch immer wieder die Motivation, den ganzen Astrokrempel mit Hilfe eines alten ausgedienten Kinderwagens nach hinten in den Garten zu schieben und dort aufzubauen, das Stativ, die schwere Montierung, das ganze Kabelzeugs vernetzten, das Austarieren des Teleskopes, das Einnorden, das Sterneneichen - das bis zu drei Anläufe manchmal benötigt, bevor alles punktgenau eingeordnet ist.

Klar, wenn dann mal alles sitzt und funktioniert, freut man sich. Was bin ich doch vor 20 Jahren - egal bei welchem Wetter mit den Röhren raus, vor allem wenn´s ne neue war, deren Firstlight bevorstand, weil die Neugierde und die Faszination der unaufhaltsame Antrieb waren. Starhopping, Wolkenlückenjagden, bei minus 4 schier steifgefroren vorm Okular, alles kein Problem, nein helle Freude war das. Und nun jammert die alte Katz hinterm Ofen ... zu kalt, zu windig ... zu wolkig ... der Mond zu hell, lohnt sich nicht .... zu viele Mücken ... alles zu schwer ... zu mühsam .... und zu spät vor allem, wer um 6h aufsteht, kippt in meinem Alter gern um 21h ins Bett, welches einem nach einem langen Tag zum allerbesten Freund wird.... aber als Sterndelfreund ....
doch stets das Gewissen plagt, das Herz blutet, die Pferde im Stall versauern! Ich bereute es sehr, meinen Dobson verkauft zu haben. So einen Newton auf Montierung ist was für 2m große Avatare. Doch bei Schrumpfgermanen ist es egal, ob es ein 16ner Dobs mit Leiter ist oder nur ein 8Zöller mit kleiner Leiter, man kommt nicht an den OAZ! Dann muss der Tubus zurechtgedreht werden und das Alighnment ist wieder hin - diesen Frust wollte ich mir nicht mehr antun, doch warten auf was dann noch? Dass das alles mal wieder besser wird?

Also besorgte ich mir eine Rockerbox, passte die Rohrschellen des 8" Newton an und wumm springt der Gaul auf die Frühlingswiese in voller Freude. Kein Einpolen, kein Strom - nur die alte Faszination reicht völlig aus, um mit voller Kraft in den Himmel abzutauchen, ganz so, wie ich es vor Jahrzehnten auch tat.! Beim Dobson ist man selbst sein Herr, da führen einen die Instinkte und man ist der Elektronik nicht so ausgeliefert, nicht so verwöhnt hinterher - aber auch entmündigt.

Mit Telrad und entsprechender Sternkarte in der Hand, den Kopf frei von der Idee, irgendwelche Astroaufnahmen zu versuchen, konnte ich letzten Samstag mal wieder so richtig abtauchen und ohne Sattel und Zaumzeug quer durchs Universum gallopieren und die geliebten Sterne besuchen.
Sirius funkelt noch tief im Süden, den lies ich mir sofort durchs 27 Weitwinkel voll in die Synapsen strahlen, ein reloading quasi und mit voller Wucht in den Fuhrmann rauf, die Mondsichel war zwar schon 3 Tage alt (ein Hochgenuss, dieses Knusperhörnchen!), aber ich konnte noch die offenen Sternhaufen abgrasen und eine Sternendusche nehmen, die Plejaden waren schon hinter den Bäumen, Jupiter tief im Westen hinter Hausdächern und der Komet 12P leider viel zu tief in der nordwestlichen Horizontsuppe, schade! Galaxien gehn leider extrem schlecht bei einem 4mg Himmel, der Löwe hoch im Südosten wurde sichtbar, das Triplet ist nicht auszumachen, auch die Whirlpool hoch im grossen Wagen geht bei Strassenlaternen und zunehmenden Mond so gar nicht, aber fotografisch schon! Deshalb war ich ja immer geneigt, Aufnahmen zu machen, um auch mal Galaxien sehen zu können.

Bei quakenden Fröschen und lautlos über mir schwebenden Eulen und Fledermäusen genoss ich dann selig versunken diese heilsamen Kräfte des Himmels über mir, kein Gedanke an den Abbau verschwendet, der Kopf war frei, der Dobson auf einer Karre, die fuhr ich später dann einfach in den Schuppen zurück und Türe zu. Ganz sternenverzaubert und voller Power grüsst Anette
 
Ich gestehe, ich habe noch nie durch ein Dobson geschaut :cool:
Aber wenn ich entspannt neben meiner Montierung sitze während die arbeitet, die Objekte am Himmel anfährt, Filter wechselt und AF Routinen anwendet, geht es mir ähnlich.
 
Das hat schon eine gewisse Faszination, den Sternhimmel pur zu genießen, abseits vom Stress der mitunter überbordenden technischen Anforderungen der heutigen Astrofotografie. Man kann sich da auch so richtig der natürlichen (visuellen) Ästhetik des Sternhimmels hingeben. Ich kann Anette da nur zustimmen.
CS
Stefan
 
Schöner Bericht, Anette!
Das ist schon so eine Sache mit der Motivation.
Mir genügen meine zaghaften Versuche mit Handy am Okular und unserer neuen Meteorkamera (zum Glück mit eigener IT-Abteilung :) ) völlig, um weiterhin die Eleganz und Schönheit des puren visuellen Beobachtens zu schätzen zu wissen. Dinge, die mir daran gefallen, sind die wahrnehmbare Erddrehung beim Schubsen, das Zurechtfinden am Himmel durch das Starhopping, die echten Photonen im Auge, das Sitzen im Freien, die Dunkeladaption und so weiter.
Aber das weisst Du ja aus meinen Berichten.
Falls Dir das Teleskopieren zu umständlich ist, kann ich Dir nahelegen, doch mal ins Dunkle nur mit einem Fernglas zu fahren. Oft geniesse ich das mal so zwischendurch und da geht schon immer mehr, als man denkt.

CS,
Henning
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo Anette

Wenn man draußen in der Pampa oder Garten, hinterm Haus Beobachtet und der Himmel seine Pracht zeigte, nichts besseres in Ruhe und Freude am Teleskop die Okular wechselt um noch mehr am , oder bei den Objekte zu erkennen.

Aber das Wetter mies ist, oder der Himmel Wochenlang nur Wolken....das ist Psycho.

Wir werden älter, das merkt man, haben aber noch viel Energie für viel Zeit.

Manfred
 
Lieben Dank für Eure freundlichen Worte! Tut einfach mal wieder gut, dabei zu sein. Und rausfahren kann ich ja nicht, ohne Führerschein .... da hätte ich aber auch so meine Furcht ganz alleine, bei uns gibts schon Wildschweine und der ein oder andere Wolf soll schon gesichtet worden sein ... wobei die Zweibeinigen die schlimmeren sind, bin einmal beim Radeln doch einem ungesehenen Jäger vor die Flinte gefahren, als ein aufgescheuchter Rehbock in Haaresbreite vor meinem Rad den Weg in Windeseile und Panik kreuzte. Da hätte doch ein Warnhinweis auf Jagd stehen sollen, beim Eingang des Radelweges ... nirgends ein Hinweis, wie sollte man das wissen.... aber es wird einem schon komisch dabei ... wenn die Nachts dann auch auf der Pirsch sind .... nicht auszudenken.
LG von Anette
 
Kein Einpolen, kein Strom - nur die alte Faszination reicht völlig aus, um mit voller Kraft in den Himmel abzutauchen
:giggle: :giggle: :giggle: ...recht so. ich dachte schon, das wir visuellen Beobachter eine aussterbende Gattung sind, nachdem (gefühlt) alle Welt "am knipsen" ist. Mit den smart-Teleskopen ist ein Vielzahl von evscope, seestar.....-Bilder eingezogen.
Die unmittelbare Erfahrung beim Gucken und die challenge "find' ich's heute oder nicht" ist so schön low tech ! Ich habe mir aus der Astroliteratur die Ziele herausgesucht, die zu groß für die gängigen Teleskope sind. den Rosettennebel habe ich am besten im 70er Apo alt/az montiert gesehen.

Annette, Du sprichst mir aus der Seele.

Liebe Grüße
Uwe
 
Hallo Uwe

Alte Hasen gibt es noch.

Genau es ist ein Erlebnis am Dobson alles dabei, Okular Deepsky Atlas, Fernglasm Rotlicht, Hocker, etwas zum Schreibe.

Die dunkle Nacht viele, viele Sterne über uns, die Bewegung des Sternenhimmel wahrnehmen am Dobson Sitzen ausgewählte Nebel oder Galaxien oder was anderes Saturn durch's Okular betrachten, die Ruhe und Freude glück was zu sehen das schon sehr alt ist.

Da hat man die Aufgabe am Sucher der Telrad das Deepdky mit wissen und erkennen an zu fahren, durch Bewegung vom Teleskop rauf und runter etwas Links, Kontrolle da Okay Ringnebel.

Elekrtronik ist ja auch sehr gut aufbauen einstellen, das suchen mit Fernbedienung.

Manfred
 
Hallo Anette,

was für ein schöner und lebensnaher Bericht. Vielen Dank dafür!

Ich kann gut verstehen, dass Du gern ohne große Schlepperei und Technik einfach nur beobachten möchtest. Da geht es mir ähnlich. Und, dass gerade in den kalten Monaten die warme Stube oftmals größere Anziehungskraft hat als der Gedanke, draußen nach den Sternen zu schauen, o ja...

Schön, dass Du nun mal wieder so eine tolle Beobachtungsnacht genießen konntest. Ich wünsch Dir, dass Du die wiedergewonnene Power lange behältst und bald eine weitere Gelegenheit bekommst, ohne Sattel und Zaumzeug raus in eine sternenklare Nacht zu galoppieren.

Herzliche Grüße und klaren Himmel
Sabine
 
Hallo Anette,

ein wunderschöner Beitrag. Vielen Dank dafür. Zurück zu den Wurzeln… Klasse. Ich hab den ganzen Technikkram auch liegen und mit Freunden am anderen Ende der Welt stehen. Oft ertappe ich mich dabei, die vlt. zwei, drei Stunden Beobachtungszeit zu Hause nur am Okular verbracht zu haben. Ich hab vor 23 Jahren mit nem 8“ Meade-lightbridge (Papptubus) angefangen. Das war Beobachten und Naturerlebnis pur, genau das hole ich mir sehr gerne immer wieder.

Viele Grüße und klaren Himmel
Guido
 
Hallo

Ja Life am Okular ohne Kabelsalat, davon bin ich immer 80 Prozent, da ist Zeit keine Sache, nur bis zum Schluss wenn man zu Frieden ist gesehen haben was interessiert.

Ohne Tippen ohne Motor und Surren, nur mit Deppdky Atlas und Orientieren am Sternenhimmel.

Manfred
 
Hallo,
...und vom Bockenemer "ein wenig Senf dazu". Habe auch mich über die schönen Zeilen gefreut. Fahre z.B. bei den Inversionswetterlagen von hier in den Oberharz/Torfhaus, auf rund 820 m ü. N.N. Reichweitengewinn im 25x100 durchweg + 1mag ggü. Bockenem. Die Wintermilchstraße (Orion im Süden) lk. davon ist wie ein Traum, hier noch nichts davon zu sehen gewesen, "Normalhimmel" allenfalls 5.5mag fürs bloße Auge. Passiert alle Jubeljahre mal daß der Blick bis 7. Größe reicht (bloße Auge). Dann zeigte der 12.5" bei 304fach eindeutig 15.3mag, und das nicht nur blickweise.
Wünsche allen vis. Beobachtern weiterhin gutes Gelingen am Aufsuchen der Objekte (habe auch nichts mit GOTO am Hut....)

Gruß Günther
 
Anette, Du hast da die Astrostimmung bestens eingefangen, wunderbar!
Ich reiß ja fast tagtäglich meine Sonnenausrüstung auf und ab, um dann da ein paar Kalzium- oder Weißlichtpixel einzusammeln. Ja, klar, macht Spaß, macht süchtig, ist aber bei mir meist ein Mittagspausenquickie...

Gestern abend dann - Dobson ´raus, Karten ´raus, Okular- und Filterkoffer her - fertig!
Es hat zwar nur zu zwei Stunden Beobachtung gereicht, aber ich habe mir da eine entspannte Runde Genussgucken gegönnt: Nur vier Doppelsterne, M 51, M 3, M 13, M 57. Aber für alles habe ich mir Zeit gelassen und die Teile einfach durch´s Sehfeld driften lassen. Nach Mitternacht war es dann so klar, dass ich dann trotz Vorstadthimmel im 12-Zöller auch die Spiralarme von M 51 ahnen konnte - ich war zufrieden!

Als meine Frau dann gegen 1.00 Uhr von der Arbeit kam, meinte sie jedenfalls: Ich sähe viel entspannter aus als die Tage vorher...

CS,
Stefan
 
Hallo Stefan

Wenn das Abendliche Wetter stimmt, nicht zu nass nicht zu kalt ist, am besten nach einem Regenschauer, da ist die Luft wieder sauber.

So ist es das was wie abschalten vom Alltag ist, Ruhe am Teleskop, in Ruhe das beobachten was im Kopf ist spontan ohne Plan. oder machste immer einen Plan heute muss das beobachtet werden.

Manfred
 
Lieber Stefan, wenn man etwas mit Leidenschaft, Neugierde und genüsslicher Freude tut, ist das immer heilsam. Ich freue mich für Dich, Sternenpower getankt zu haben. Und wir Sterndelgucker gehen ja wirklich auf Abstand vom Alltag, in astromischen Ausmaßen, in Lichtjahren weit weg.... herrlich!
LG von Anette
 
Hallo Anette,
beim Lesen, besser genießen deiner Zeilen ist mir mein Lieblingsdichter Johann Wolfgang von Goethe eingefallen der diese Zeilen verfasste.

"Die Astronomie ist mir deswegen so wert, weil sie die einzige aller Wissenschaften ist, die auf allgemein anerkannten, unbestreitbaren Basen ruht, mithin mit voller Sicherheit immer weiter durch die Unendlichkeit fortschreitet. Getrennt durch Länder und Meere teilen die Astronomen, diese geselligsten aller Einsiedler, sich ihre Elemente mit und können darauf wie auf Felsen fortbauen. "

Gruß Wolle
 
Hallo Anette,
beim Lesen, besser genießen deiner Zeilen ist mir mein Lieblingsdichter Johann Wolfgang von Goethe eingefallen der diese Zeilen verfasste.

"Die Astronomie ist mir deswegen so wert, weil sie die einzige aller Wissenschaften ist, die auf allgemein anerkannten, unbestreitbaren Basen ruht, mithin mit voller Sicherheit immer weiter durch die Unendlichkeit fortschreitet. Getrennt durch Länder und Meere teilen die Astronomen, diese geselligsten aller Einsiedler, sich ihre Elemente mit und können darauf wie auf Felsen fortbauen. "

Gruß Wolle
Wolle zitiert Wolle (Goethe) - wunderbar! Hätte einen aber nicht erstaunen dürfen, denn die Biografie dieses Universalgenies hat einige astronomische Ecken...

CS,
Stefan
 
Zurück
Oben