Drei Nächte hintereinander mit dem Dino (22" Dobson): Nacht 2 (12./13.8.2026)

Lucifugus

Aktives Mitglied
Servus beinand. Jetzt kommt der zweite Bericht von drei Beobachtungsnächten hintereinander.

Zusammen mit meiner Frau beobachtete ich auf einem Aussichtshügel zwischen Dettenschwang und Dettenhofen die Sonnenfinsternis. Es war gefühlt die halbe Dorfbevölkerung dort. Das alles führte aber natürlich dazu, dass ich erst nach Sonnenuntergang meinen Dino ins Auto packen konnte. Als ich dann zu meinem Beobachtungshügel fuhr, kam das, was man sich niemals wünscht: ein Traktor mit Flutlichtbeleuchtung arbeitete auf der Wiese nebenan. Hm, die Wiese ist sehr groß, er fährt Runde um Runde. Daneben wäre noch eine Wiese, ob der die auch noch bearbeitet? Die Entscheidung nach einer gewissen Beobachtungszeit: die Flucht!

Ich kenne einen anderen Hügel, der rundherum völlig von Allem abgeschirmt ist und zu dem man nur über einen (zum Glück nicht gesperrten) Feldweg kommt, der dann zu einer Wegspur über eine Wiese wird. Dort ist der höchste Punkt. Nachteil: eben Wiese, kein Asphalt. Mein Dino ist ja verwöhnt, was die Aufstellorte betrifft. Der Boden ist aber hart (Dürre, Hitze), die Wiese gemäht (aber nicht komplett kurz, die Mahd liegt etwas zurück). Aber was soll man machen?

Es zeigte sich, dass der Aufbau auf in sich leicht unebenem Grund suboptimal ist. Die Wiese selbst ist etwas abschüssig, was den Einblick ins Okular in Richtung Süden und Südosten erschwerte, mein kleiner Tritt steht zudem auch mal höher, mal niedriger. Das Bewegen des Dinos ist auch etwas sperriger, da die Wiese dann doch Reibung erzeugt. Aber was soll man machen? Nochmal abbauen und umziehen? Nein, da muss man jetzt durch.

Die Nacht stand ja ohnehin im Zeichen der Perseiden. Es war sowas von schön, eine (sehr) helle Sternschnuppe nach der anderen zu sehen, inklusive nachleuchtenden Spuren, manchmal auch zerbrechenden Meteoren und Explosionen, die teils farbig waren. Deshalb habe ich relativ wenig im Dino beobachtet. Ein Bisserl was kam aber doch dabei rum.

Los ging‘s mit Mesarthim, auch als gamma Arietis bekannt. Ein sehr einfacher Doppelstern mit 7,34“ Abstand, beide Komponenten sind ungefähr gleich hell, sehr hübsch! Ein weiterer Stern mit 8m6 ist in einem Abstand von 215“ zu sehen, gehört physisch aber nicht dazu. Das System ist 204 Lichtjahre von uns entfernt, man schaut also ein Bisserl in die Vergangenheit. Im Jahr 1812 gingen die Photonen auf ihre Reise, die ich nun mit meiner Netzhaut eingefangen habe.

Das eigentliche erste Ziel ist das Galaxienpärchen NGC 770/772. Auf dem Weg dorthin kommt man an einem weiteren Doppelstern vorbei, der auf die Bezeichnung STF 189 hört. Hier sind die beiden Komponenten etwas weiter auseinander, nämlich 8,995“, also 9“ gerundet. Mit 9m9 und 11m0 sind die Komponenten nicht sehr hell, aber im 22-Zöller eben doch auffällig. Spannend finde ich, dass dieses Pärchen viel weiter von uns entfernt ist als Mesarthim, nämlich knapp über 2500 Lichtjahre. Als dieses Licht auf die Reise ging, wurde Xanthippos durch ein Scherbengericht aus der Stadt Athen verbannt. Das bedeutet zudem, dass die beiden Komponenten real viel weiter voneinander entfernt sind als bei Mesarthim. So bekommen Lichtpunkte plötzlich Bedeutung.

Bevor ich beim Sternhoppeln endlich bei NGC 770/772 ankomme, lag noch ein anderer Wattebausch auf der Strecke: UGC 1445. Im Übersichtsokular springt diese Galaxie nicht ins Auge, aber bei 224× (10 mm Ethos) ist eine schwache Aufhellung erkennbar. Das 4,7mm-Ethos brachte da keinen Erkenntnisgewinn. Der Himmel war o.k., aber etwas weniger transparent als in der Nacht davor. Erstaunlicherweise bildete sich sogar Tau auf dem Gras. Es kühlte im Lauf der Nacht auf 11° ab (was für eine Wohltat das war), aber dem war auch in der Nacht davor so und da blieb alles komplett trocken. Mit 15m1 (B-Band) ist die Galaxie kein Scheinwerfer, ich hätte sie aber deutlicher erwartet. Bei einem Abstand von 224 Millionen Lichtjahren könnte sie ohnehin heller sein. Aber jede Galaxie ist anders, die einen sind groß und hell, die anderen eben weniger sich in den Vordergrund rückend (oder sie werden durch Staub abgedunkelt, das ist ja auch möglich).

Jetzt aber endlich zu NGC 770/772. NGC 772 ist sehr hell, 10m3, ein richtiger Scheinwerfer, nicht zu übersehen, wenn man das Teleskop in die passende Region stubbst. Bei 108× sehr hell, auffällig, diffus, etwas unruhig wirkend, insbesondere bei 224× asymmetrisch wirkend, auf einer Seite etwas verlängert (der im Norden nach Westen abgehende, helle Spiralarm, aber nicht klar als solcher festzumachen, die Asymmetrie fällt aber auf). In einer besseren Nacht lässt sich da wohl mehr rausholen.

NGC 770 ist deutlich lichtschwächer, 13m0. Die beiden sind mit 114 Millionen Lichtjahren aber gleich weit entfernt und interagieren. Deshalb ist NGC 772 so asymmetrisch. Die beiden laufen auch als Arp 78. Ich habe mir in der Nacht notiert: Im Vergleich zu NGC 772 viel lichtschwächer und kleiner, bei 108× leicht zu übersehen, da der Blick automatisch zu NGC 772 geht, die im gleichen Gesichtsfeld steht, aber dennoch gut wahrnehmbar; bei 224× sehr gut als kleines, diffuses Oval erkennbar.

NGC 794 liegt ein Stückerl weiter ostsüdöstlich und wenn man eh schon in die Richtung sternhoppelt, dann kann man die ja auch noch mitnehmen. Sie ist sehr klein, bei 108× gerade erkennbar, nicht sehr auffällig, bei 224× dann deutlich als ovales Wattebäuschchen erkennbar, gut zu sehen (12m8). Mit 371 Millionen Lichtjahren ist sie weiter entfernt als NGC 770/772, aber auch weiter als UGC 1445.

Nach einer ausführlichen Perseidenpause ging es nochmal kurz in den Widder. Direkt bei Sheratan, beta Arietis, kann man eine kleine, schwache Galaxie finden, die auf den Namen NGC 722 hört. Da Katalognummern keine „echten“ Namen sind, nenne ich sie einfach Sheratans Geist. Das ist für mich sehr passend, da sie als kleiner, grauer Flauschegeist im Glanz des 2m6 hellen Sterns ist. Und genau das ist das Problem. Sheratan ist schon extrem hell im Vergleich zu der mit 13m6 dezent hellen Galaxie. Heinrich Louis D’Arrest entdeckte sie im Jahr 1861 mit einem Refraktor mit 37,5 cm Öffnung. Und er wusste vorher ja nicht, dass da was ist. Mit 22 Zoll und einer Sternkarte sollte es folglich ein Klacks sein. Natürlich hat es geklappt. Aber ganz so einfach war es gar nicht, was die Leistung von d’Arrest umso mehr unterstreicht. Im 10 mm Ethos bei 224× ist es kein Problem, die schwache Galaxie als klar länglichen Wattebausch zu erkennen, aber ich weiß ja auch, wo ich hinsehen muss. Am besten geht das, wenn Sheratan nicht im Gesichtsfeld ist, was NGC 722 dann aber auch mit an den Gesichtsfeldrand rückt. Zum Glück bildet das Okular zusammen mit dem Paracorr sehr gut ab, sodass das kein Problem ist. Der Helligkeitskontrast ist faszinierend. NGC 722 ist übrigens 223 Millionen Lichtjahre von uns entfernt. Strukturen innerhalb des Wattebauschs konnte ich keine erkennen. Trotzdem ein sehr schönes Ziel.

NGC_722_Sheratans_Geist.jpg


Nochmal Perseidenpause, dann als Abschluss ab ins Dreieck.

Startpunkt ist Apdu, gamma Trianguli, das Ziel ist NGC 925 und auf dem Weg dorthin wollte ich zwei weitere Galaxien mitnehmen, sprich aufsuchen. Von Apdu geht es erst nach Norden zu delta Trianguli und dann etwas nach Nordosten und man kommt zu dem netten Doppelstern STF 246. Ein schöner Doppelstern mit deutlich unterschiedlich hellen Komponenten (7m2 und 9m3 mit 9,8“ Abstand). Bei 108× klar doppelt, bei 224× richtig nett, zeigt zudem direkt auf IC 1792 und ist somit eine Aufsuchhilfe. Denn IC 1792 war das erste Ziel des Wegs von Stern zu Stern. Hierbei handelt es sich um eine Galaxie in 474 Millionen Lichtjahren Entfernung, die 13m9 hell ist. Sie fällt schon im Übersichtsokular auf und ist bei 224× eine kleine, diffuse, breitelliptische, also nur minimal elongierte Fläche ohne hellen Kern:

IC_1792_STF_246.jpg


Von dort geht es direkt weiter zu NGC 890. 181Millionen Lichtjahre entfernt, also fast in der Nachbarschaft und daher auch 11m3 hell. Ein einfaches, helles Ziel für Zwischendurch. Die Galaxie erscheint ellipsoid, in sich strukturlos diffus, ein leicht zu findenden Wattebäuschchen. Beobachtet bei 108× und 224×.

Jetzt ist NGC 925 nicht mehr weit. Mit 9m9 sollte sie ja mehr als deutlich auffallen. Ich habe daher erstmal recht grob „herumgerührt“, um sie einzustellen, aber ganz so einfach ging es dann doch nicht. Man muss schon genauer hinsehen. Es ist erstaunlich, eine Galaxie mit 9m9 sollte im 22-Zöller doch direkt ins Auge springen. NGC 890 war im Vergleich, obwohl deutlich lichtschwächer, sofort im Übersichtsokular zu sehen, springt bei 108× ins Auge, während NGC 925 da zwar natürlich auch erkennbar ist, aber nicht so auffallend, wie erwartet. Die Galaxie ist sehr groß, aber nur der zentrale Balken ist das, was ich von ihr zuerst wahrnehme. Bei 224× wird klar, dass die Galaxie bzw. ihre Fläche wirklich groß ist und man vorher eben fast nur den hellsten Zentralbereich wahrnimmt. Jetzt liegt der Balken vor einem elliptischen, unruhigen Nebelhintergrund, die beiden Spiralarme sorgen für eine ungleichmäßige Helligkeit, haben aber eine sehr geringe Flächenhelligkeit. Die Galaxie lohnt einen Wiederbesuch bei optimalem Himmel, um mehr herauszukitzeln. Beobachtet bei 108× und 224×.

Auf dem Weg zu NGC 925 bin ich auf einen weiteren Doppelstern gestoßen: STF 258. Auch der ist sehr einfach, sonst würde er ja nicht beim Sternehoppeln auffallen. Die Komponenten sind 10m2 und 10m6 hell und haben einen Abstand von 6,4“, also auch schon bei 108× gut zu trennen. Beide Komponenten erschienen weiß. Direkt daneben befindet sich mit HD 14800 ein 7m9 heller Stern, sodass das Ganze wie ein Dreifachsternsystem wirkt. Dieser helle Stern liegt aber nur in der Blickrichtung, gehört physisch nicht dazu.

Die Nacht war nicht optimal, es war etwas luftfeuchter, die Transparenz nicht berauschend. Bei 476× wirkten die Sterne etwas aufgebläht, weshalb ich bei 224× geblieben bin. Die Nacht davor war besser (bei genug Abstand vom Horizont) und die darauffolgende Nacht bot ebenfalls einen besseren Himmel. Die visuelle Grenzgröße dürfte bei ca. 6m2 gelegen haben. Meine Vergleichssterne mit 6m4 konnte ich nicht ausmachen. Die Milchstraße war strukturreich, aber könnte einen Tick besser sein. Im Nachhinein fällt mir auf, dass ich gar keinen Sternhaufen besucht habe. Das lag aber auch daran, dass ich da lieber hoch vergrößere, was in der Nacht nicht optimal war. Galaxien machen aber auch Spaß. Am coolsten fand ich Sheratans Geist, wenn ich alles rekapituliere. Dass ich diesmal kaum gezeichnet habe, lag auch an den Perseiden. Das Schauspiel war zu toll, als dass ich zu lange am Dobson stehen wollte. Das habe ich in der Folgenacht dann nachgeholt.

Liebe Grüße,
Christoph
 
Zurück
Oben