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Ich lehne mich von meinem Balkon nach Westen. Am Horizont verabschieden sich die letzten Strahlen der Frühlingssonne mit einem prächtigen Farbenspiel: Ein schmaler glutroter Streifen geht in einen orangegelben Dämmerungsbogen über. Der Himmel über mir ist samtblau. Ein Flugzeug fliegt hoch im Sonnenlicht und zieht einen kurzen weissen Streifen hinter sich her. Nicht das kleinste Wölkchen ist zu sehen, statt dessen leuchten schon Jupiter, Saturn und Sirius. "Diese Nacht wird gut." Ich verspüre den Jagdtrieb.
Schon lange habe ich nicht mehr ausgiebig beobachtet. Nur gelegentlich, mit dem 12er der Sternwarte, bei dem mehr als bemitleidenswerten Himmel über der Darmstädter Ludwigshöhe. Aber so wie früher, tief im Odenwald, bei Grenzgrösse sechs komma fünf und achtzehn Zoll... naja, wie auch. Der Dobson hatte fast zwei Jahre lang ohne Hauptspiegel eingemottet in der Garage gestanden. Denn der "worst case" war eingetreten. Glasbruch. Der Schrecken jedes Teleskopbesitzers.
Bis heute. Naja, nicht ohne Abstriche. Denn einen exakten Ersatz für den ursprünglichen "handgefertigten" 457/1850 mm-Spiegel von Aeppli konnte ich natürlich nicht finden. Also musste ein "Fliessbandspiegel" her, second-hand, und mit 456/2030 mm auch optisch vollkommen anders bemessen. Das gesamte Teleskop musste umgebaut werden, freilich auch mit neuem Fangspiegel. Nun ja, die längere Brennweite hat sicher auch Vorteile. Wenn ich bedenke, wie problematisch der alte f/4 in Sachen Kollimation und Koma stets war... Aber das Gerät ist nun gut 25 cm länger als früher, und dort, wo ich bei Zenitbeobachtungen auf dem Boden der Tatsachen bleiben konnte, muss ich jetzt auf eine Kiste steigen... Trotzdem wird es Zeit für ein "First-Light". Oder wie könnte man das nennen? "Revival"?
Ich öffne den Schrank im Arbeitszimmer. Mein Blick fällt auf die drei Uranometria-Bände, die dicke Mappe mit dem Zeichenmaterial und das Diktiergerät, welches schon so viele nächtliche Beobachtungen speicherte. Da ist auch mein altes Zeichenbrett, harte Unterlage für hunderte von Zeichnungen im Feld. Am oberen Rand ist ein Rotlicht mit Schwanenhals befestigt. Seitlich eine Schlaufe, in der Bleistift und Spitzer stecken. Der Stift ist mit einem dicken Nylonfaden am Brett befestigt. Wenn er mir aus den klammen Fingern rutschte, fiel er nicht gleich zu Boden. Ich wollte schon immer viel lieber Dinge am Himmel finden, als unten auf der Erde...
All das brauche ich heute nicht. Ich will nur spazieren sehen. Just for fun. Einfach um mal wieder "rein zu kommen" in die Praxis, nach so langer Abstinenz. Ich nehme nur die rote Taschenlampe und natürlich den Koffer mit den Okularen und Filtern mit. Ich schleppe schon mal alles zum Auto. "Irgend etwas fehlt noch..." Das Fernglas. Die Morgenstunden gehören doch traditionell dem Feldstecher.
Und jetzt rein in die Beobachtungsklamotten. Im Weltraum wird es kalt, auch im Frühling. Kein Wunder, da draussen auf fast 600 Meter. Ausserdem bin ich die Kälte vielleicht nicht mehr so gewöhnt wie früher. Also lieber zwei Paar Socken und die dicken Sorel-Stiefel. Dazu die lange Ski-Unterwäsche, das Wollhemd und der gute alte flauschige Astropulli. Während ich noch den daunengefütterten Anorak und die "Astro-Weste" aus dem Schrank nehme, kommen Erinnerungen an viele schöne Stunden im Feld. Meine Freundin, die plötzlich im Zimmer steht, holt mich ins hier und jetzt zurück. Sie hält mir die Thermosflasche hin. "Deine heisse Schokolade". Ah ja. Das Wundermittel. Falls es den Galaxien nicht gelingt, für genügend innere Wärme zu sorgen.
Allmächtiger. Der Wagen ist wieder mal zum Platzen voll. Die Rückbank ist umgeklappt, zwischen Rocker-Box und Spiegelkiste passt wieder kein einziges Haar. Dass ich das ganze Gestänge und den Klappstuhl trotzdem immer wieder hinten reinquetschen kann, erstaunt mich stets aufs Neue. Auf dem Beifahrersitz, sorgfältig verpackt und sogar angeschnallt: das Oberteil. Meine Okularkiste und der Rest stehen unten im Fussraum. Viele hundert mal bin ich schon so losgefahren. Bisher hat mich die Polizei noch nie angehalten...
Die Fahrt dauert jetzt nur noch einen Augenblick, so kommt es mir vor. Dabei bin ich mehr als 40 Kilometer von zuhause entfernt - hinter der Landesgrenze, schon im Fränkischen. Seit einigen Minuten fahre ich nur noch bergauf. Die Strasse zwischen der Höhe und dem Geierskopf wird jetzt schmal. Ich bin oben. Fast zwei Jahre war ich nicht mehr hier. Es hat sich nichts verändert. Das Wintersechseck strahlt mich durch die Windschutzscheibe an.
Ein tiefer Atemzug. Es ist nicht kalt. Die Luft duftet angenehm und schmeckt würzig. Dunkelheit, nur Sterne erhellen die Nacht. Freie Sicht zum Horizont. Nur der Gipfel des Geierskopfs im Südosten stört den Rundblick etwas. Im Westen, weit entfernt, der Schnappgalgen und der Kleine Meisenberg. Vom Melibokus und den Lichtern der Bergstrasse ist nichts zu sehen, sie liegen hinter der schwarzen Silhouette der hohen Tromm verborgen. Das einzige spärliche Kunstlicht dringt von Würzberg empor. Erfahrungsgermäss wird es in spätestens zwei Stunden erloschen sein.
Ich schaue nach oben. Ein vertrautes Bild. Mein Blick wird vom Jupiter angezogen, der hoch oben am Himmel thront, majestätisch und strahlend. Im Osten steht schon Arkturus. Dazwischen der Löwe, dahinter Jungfrau und Coma. Dorthin werde ich heute nacht reisen.
Es ist still, aber die Natur hat ihre eigenen Geräusche. Die Wildschweine, die hier oft spazieren gehen, werden wohl erst in den Morgenstunden vorbeischauen. Aber schon allein das Rauschen des kühlen Windzugs, der mich auf die Erde zurückholt. Aufbauen.
Das Standlicht beleuchtet die Szenerie: Ich öffne die Heckklappe und zerre die Rocker-Box heraus. Na das war auch die leichteste Übung, denn im Kofferaum grinst mich schon die Hauptspiegelkiste an... Wie immer, macht sich das Luder mal wieder unnötig schwer. Trotzdem schaffe ich es, die 30 Kilo trotz meines verkorkten Rückens aus dem Wagen zu hebeln. Danach die Stangen und das Oberteil. Nun schaue ich mal, was der Justier-Laser spricht und nach einer halben Umdrehung am Fangspiegel kann ich ihn schon wieder ausknipsen.
Es wird frisch. Noch schnell in den Anorak geschlüpft. Darüber meine "Astro-Weste": eine alte Steppweste mit aufgenähten Taschen, in denen ich meine Okulare und Filter verstaue. So kann ich alles am Körper tragen und muss nicht in der Dunkelheit nach irgend welchen Teilen kramen. Meine wichtigsten Okulare kommen in die grossen Taschen: 6,7er UWA und 12er Nagler links, 9er Nagler und das "Zweipfund-Glas" rechts. Jetzt sehe ich erst recht wie das Michelin-Männchen aus.
Licht aus. Ein Lieblingsspruch: "Wer die Sterne liebt, muss die Dunkelheit in Kauf nehmen". Für die nächste dreiviertel Stunde ist Adaption und Warmsehen angesagt. Bei schwacher Vergrösserung über die Galaxien der Leo-Gruppe sweepen. Die Anpassungszeit vergeht wie im Flug. Ein winziges Sternchen in der Polsequenz, das eine visuelle Helligkeit von 6,7 mag hat, ist schwach aber eindeutig sichtbar. Solche Nächte sind selten, selbst hier draussen.
Virgo und Coma Berenices stehen inzwischen hoch am Himmel. Es ist soweit: "Programm fahren". Star-Hopping mit dem 3"-Sucher, Amici-Prisma und ein Gesichtsfeld von 3°. Schon nach dem ersten Schwenk zeigt der Dob genau auf die Stelle, an der NGC 4565 steht, die wohl phantastischste Edge-On-Galaxie des Nordhimmels. Der Einblick ist gut. Ich bin angenehm überrascht, denn jedes meiner Okulare macht jetzt eine erheblich höhere Vergrösserung als früher. Mit dem alten Hauptspiegel hatte ich mit dem 12er nur 154fach, jetzt 169fach. Viele Sterne sind im Gesichtsfeld zu sehen. Sie flimmern nicht, einer ist hell. Das ist gut so. Nichts ist ärgerlicher, als keine Fokussierhilfe zu finden.
Da schimmert sie im Okular, unendlich lang und gespenstisch. Immer wieder ein Erlebnis, wie sich schon nach wenigen Sekunden der Beobachtung das Dunkelband, das sich von einem Ende zum andern erstreckt, abzeichnet. Minutenlang betrachte ich die Spindel, kann mich gar nicht losreissen von ihr. Mit dem 9er (jetzt 225.5x, früher 205x) steht sie frei schwebend im Raum vor mir. Oder bin ich es, der schwerelos vor der Galaxie schwebt? Verdammt, ich müsste das doch gewöhnt sein. Aber ich fühle mich wie damals, als ich zum ersten Mal durch die Tiefen des Universums reiste...
Ich weiss noch genau, wo sie alle stehen. Auch ohne Karte. Offenbar ist es wie Fahrradfahren. Man verlernt es nie. NGC 4725, die schöne Balkenspirale, und NGC 4559 sind als nächstes dran. Danach M 63 und M 64, die Black-Eye-Galaxie. Es ist jedes Mal wie ein Besuch bei guten Bekannten. Trotzdem ist es anders, eine neue Erfahrung. Man merkt deutlich den Unterschied zu früher, durch die neue Optik.
"Mensch, die Jagdhunde", schiesst es mir durch den Kopf. Also schwenke ich rüber, zuerst zum "Hering" NGC 4631/27 und der nahestehenden NGC 4656. Danach weiter zu der irregulären NGC 4449, die mit ihrer chaotischen Erscheinung immer wieder beeindruckend ist. Die herrliche, helle M 106 darf natürlich auch nicht fehlen.
Ich wollte doch eigentlich in die Virgo, und nun hänge ich in Ursa Maior fest. M 81 und M 82, M 101, M 108. Showpieces, Objekte, die jeder kennt und die auch ich ungezählte Male beobachtet habe. Aber heute will ich sie alle wiedersehen. Ich kann gar nicht genug bekommen. Das Jagdfieber steigt. Sogar der Eulennebel muss "dran glauben". Ihre dunklen Augen scheinen böse zu gucken: "Hey, ich bin aber keine Galaxie...!"
Die nächsten zweieinhalb Stunden bin ich damit beschäftigt, so viele Galaxien wie möglich zu besuchen, um ihnen einfach mal wieder "Hallo" zu sagen, nach so langer Zeit. Am Ost-Horizont kündigt der Schwan mit ausgebreiteten Schwingen den nahenden Sommer an. Gut drei Stunden bis Sonnenaufgang. Noch ein wenig in den Tiefen des Universums zwischen den Galaxien dahintreiben...
Mit einem Gefühl von Zufriedenheit läute ich die "dritte Nachthälfte" ein: Ich greife zum Feldstecher, setze mich in den Klappstuhl und beginne die Sommer-Milchstrasse abzufahren. Der Nordamerika-Nebel zeigt ohne Filter Struktur. Die Nebelkaskaden um Gamma Cygni - ein Genuss.
Die Milchstrasse ist dünn geworden. Nach und nach beginnt die Dämmerung die Konturen der Landschaft freizugeben, während von Osten her die Sterne langsam verblassen und ein heller Streifen den Horizont umgibt. Irgendwo singt ein Vogel. Es hat sich etwas Tau gebildet - wie immer, wenn die Natur erwacht. Ein angenehmer erdiger Geruch liegt in der Luft. Ich stehe nur da und lasse mich in den neuen Tag gleiten...
Schon lange habe ich nicht mehr ausgiebig beobachtet. Nur gelegentlich, mit dem 12er der Sternwarte, bei dem mehr als bemitleidenswerten Himmel über der Darmstädter Ludwigshöhe. Aber so wie früher, tief im Odenwald, bei Grenzgrösse sechs komma fünf und achtzehn Zoll... naja, wie auch. Der Dobson hatte fast zwei Jahre lang ohne Hauptspiegel eingemottet in der Garage gestanden. Denn der "worst case" war eingetreten. Glasbruch. Der Schrecken jedes Teleskopbesitzers.
Bis heute. Naja, nicht ohne Abstriche. Denn einen exakten Ersatz für den ursprünglichen "handgefertigten" 457/1850 mm-Spiegel von Aeppli konnte ich natürlich nicht finden. Also musste ein "Fliessbandspiegel" her, second-hand, und mit 456/2030 mm auch optisch vollkommen anders bemessen. Das gesamte Teleskop musste umgebaut werden, freilich auch mit neuem Fangspiegel. Nun ja, die längere Brennweite hat sicher auch Vorteile. Wenn ich bedenke, wie problematisch der alte f/4 in Sachen Kollimation und Koma stets war... Aber das Gerät ist nun gut 25 cm länger als früher, und dort, wo ich bei Zenitbeobachtungen auf dem Boden der Tatsachen bleiben konnte, muss ich jetzt auf eine Kiste steigen... Trotzdem wird es Zeit für ein "First-Light". Oder wie könnte man das nennen? "Revival"?
Ich öffne den Schrank im Arbeitszimmer. Mein Blick fällt auf die drei Uranometria-Bände, die dicke Mappe mit dem Zeichenmaterial und das Diktiergerät, welches schon so viele nächtliche Beobachtungen speicherte. Da ist auch mein altes Zeichenbrett, harte Unterlage für hunderte von Zeichnungen im Feld. Am oberen Rand ist ein Rotlicht mit Schwanenhals befestigt. Seitlich eine Schlaufe, in der Bleistift und Spitzer stecken. Der Stift ist mit einem dicken Nylonfaden am Brett befestigt. Wenn er mir aus den klammen Fingern rutschte, fiel er nicht gleich zu Boden. Ich wollte schon immer viel lieber Dinge am Himmel finden, als unten auf der Erde...
All das brauche ich heute nicht. Ich will nur spazieren sehen. Just for fun. Einfach um mal wieder "rein zu kommen" in die Praxis, nach so langer Abstinenz. Ich nehme nur die rote Taschenlampe und natürlich den Koffer mit den Okularen und Filtern mit. Ich schleppe schon mal alles zum Auto. "Irgend etwas fehlt noch..." Das Fernglas. Die Morgenstunden gehören doch traditionell dem Feldstecher.
Und jetzt rein in die Beobachtungsklamotten. Im Weltraum wird es kalt, auch im Frühling. Kein Wunder, da draussen auf fast 600 Meter. Ausserdem bin ich die Kälte vielleicht nicht mehr so gewöhnt wie früher. Also lieber zwei Paar Socken und die dicken Sorel-Stiefel. Dazu die lange Ski-Unterwäsche, das Wollhemd und der gute alte flauschige Astropulli. Während ich noch den daunengefütterten Anorak und die "Astro-Weste" aus dem Schrank nehme, kommen Erinnerungen an viele schöne Stunden im Feld. Meine Freundin, die plötzlich im Zimmer steht, holt mich ins hier und jetzt zurück. Sie hält mir die Thermosflasche hin. "Deine heisse Schokolade". Ah ja. Das Wundermittel. Falls es den Galaxien nicht gelingt, für genügend innere Wärme zu sorgen.
Allmächtiger. Der Wagen ist wieder mal zum Platzen voll. Die Rückbank ist umgeklappt, zwischen Rocker-Box und Spiegelkiste passt wieder kein einziges Haar. Dass ich das ganze Gestänge und den Klappstuhl trotzdem immer wieder hinten reinquetschen kann, erstaunt mich stets aufs Neue. Auf dem Beifahrersitz, sorgfältig verpackt und sogar angeschnallt: das Oberteil. Meine Okularkiste und der Rest stehen unten im Fussraum. Viele hundert mal bin ich schon so losgefahren. Bisher hat mich die Polizei noch nie angehalten...
Die Fahrt dauert jetzt nur noch einen Augenblick, so kommt es mir vor. Dabei bin ich mehr als 40 Kilometer von zuhause entfernt - hinter der Landesgrenze, schon im Fränkischen. Seit einigen Minuten fahre ich nur noch bergauf. Die Strasse zwischen der Höhe und dem Geierskopf wird jetzt schmal. Ich bin oben. Fast zwei Jahre war ich nicht mehr hier. Es hat sich nichts verändert. Das Wintersechseck strahlt mich durch die Windschutzscheibe an.
Ein tiefer Atemzug. Es ist nicht kalt. Die Luft duftet angenehm und schmeckt würzig. Dunkelheit, nur Sterne erhellen die Nacht. Freie Sicht zum Horizont. Nur der Gipfel des Geierskopfs im Südosten stört den Rundblick etwas. Im Westen, weit entfernt, der Schnappgalgen und der Kleine Meisenberg. Vom Melibokus und den Lichtern der Bergstrasse ist nichts zu sehen, sie liegen hinter der schwarzen Silhouette der hohen Tromm verborgen. Das einzige spärliche Kunstlicht dringt von Würzberg empor. Erfahrungsgermäss wird es in spätestens zwei Stunden erloschen sein.
Ich schaue nach oben. Ein vertrautes Bild. Mein Blick wird vom Jupiter angezogen, der hoch oben am Himmel thront, majestätisch und strahlend. Im Osten steht schon Arkturus. Dazwischen der Löwe, dahinter Jungfrau und Coma. Dorthin werde ich heute nacht reisen.
Es ist still, aber die Natur hat ihre eigenen Geräusche. Die Wildschweine, die hier oft spazieren gehen, werden wohl erst in den Morgenstunden vorbeischauen. Aber schon allein das Rauschen des kühlen Windzugs, der mich auf die Erde zurückholt. Aufbauen.
Das Standlicht beleuchtet die Szenerie: Ich öffne die Heckklappe und zerre die Rocker-Box heraus. Na das war auch die leichteste Übung, denn im Kofferaum grinst mich schon die Hauptspiegelkiste an... Wie immer, macht sich das Luder mal wieder unnötig schwer. Trotzdem schaffe ich es, die 30 Kilo trotz meines verkorkten Rückens aus dem Wagen zu hebeln. Danach die Stangen und das Oberteil. Nun schaue ich mal, was der Justier-Laser spricht und nach einer halben Umdrehung am Fangspiegel kann ich ihn schon wieder ausknipsen.
Es wird frisch. Noch schnell in den Anorak geschlüpft. Darüber meine "Astro-Weste": eine alte Steppweste mit aufgenähten Taschen, in denen ich meine Okulare und Filter verstaue. So kann ich alles am Körper tragen und muss nicht in der Dunkelheit nach irgend welchen Teilen kramen. Meine wichtigsten Okulare kommen in die grossen Taschen: 6,7er UWA und 12er Nagler links, 9er Nagler und das "Zweipfund-Glas" rechts. Jetzt sehe ich erst recht wie das Michelin-Männchen aus.
Licht aus. Ein Lieblingsspruch: "Wer die Sterne liebt, muss die Dunkelheit in Kauf nehmen". Für die nächste dreiviertel Stunde ist Adaption und Warmsehen angesagt. Bei schwacher Vergrösserung über die Galaxien der Leo-Gruppe sweepen. Die Anpassungszeit vergeht wie im Flug. Ein winziges Sternchen in der Polsequenz, das eine visuelle Helligkeit von 6,7 mag hat, ist schwach aber eindeutig sichtbar. Solche Nächte sind selten, selbst hier draussen.
Virgo und Coma Berenices stehen inzwischen hoch am Himmel. Es ist soweit: "Programm fahren". Star-Hopping mit dem 3"-Sucher, Amici-Prisma und ein Gesichtsfeld von 3°. Schon nach dem ersten Schwenk zeigt der Dob genau auf die Stelle, an der NGC 4565 steht, die wohl phantastischste Edge-On-Galaxie des Nordhimmels. Der Einblick ist gut. Ich bin angenehm überrascht, denn jedes meiner Okulare macht jetzt eine erheblich höhere Vergrösserung als früher. Mit dem alten Hauptspiegel hatte ich mit dem 12er nur 154fach, jetzt 169fach. Viele Sterne sind im Gesichtsfeld zu sehen. Sie flimmern nicht, einer ist hell. Das ist gut so. Nichts ist ärgerlicher, als keine Fokussierhilfe zu finden.
Da schimmert sie im Okular, unendlich lang und gespenstisch. Immer wieder ein Erlebnis, wie sich schon nach wenigen Sekunden der Beobachtung das Dunkelband, das sich von einem Ende zum andern erstreckt, abzeichnet. Minutenlang betrachte ich die Spindel, kann mich gar nicht losreissen von ihr. Mit dem 9er (jetzt 225.5x, früher 205x) steht sie frei schwebend im Raum vor mir. Oder bin ich es, der schwerelos vor der Galaxie schwebt? Verdammt, ich müsste das doch gewöhnt sein. Aber ich fühle mich wie damals, als ich zum ersten Mal durch die Tiefen des Universums reiste...
Ich weiss noch genau, wo sie alle stehen. Auch ohne Karte. Offenbar ist es wie Fahrradfahren. Man verlernt es nie. NGC 4725, die schöne Balkenspirale, und NGC 4559 sind als nächstes dran. Danach M 63 und M 64, die Black-Eye-Galaxie. Es ist jedes Mal wie ein Besuch bei guten Bekannten. Trotzdem ist es anders, eine neue Erfahrung. Man merkt deutlich den Unterschied zu früher, durch die neue Optik.
"Mensch, die Jagdhunde", schiesst es mir durch den Kopf. Also schwenke ich rüber, zuerst zum "Hering" NGC 4631/27 und der nahestehenden NGC 4656. Danach weiter zu der irregulären NGC 4449, die mit ihrer chaotischen Erscheinung immer wieder beeindruckend ist. Die herrliche, helle M 106 darf natürlich auch nicht fehlen.
Ich wollte doch eigentlich in die Virgo, und nun hänge ich in Ursa Maior fest. M 81 und M 82, M 101, M 108. Showpieces, Objekte, die jeder kennt und die auch ich ungezählte Male beobachtet habe. Aber heute will ich sie alle wiedersehen. Ich kann gar nicht genug bekommen. Das Jagdfieber steigt. Sogar der Eulennebel muss "dran glauben". Ihre dunklen Augen scheinen böse zu gucken: "Hey, ich bin aber keine Galaxie...!"
Die nächsten zweieinhalb Stunden bin ich damit beschäftigt, so viele Galaxien wie möglich zu besuchen, um ihnen einfach mal wieder "Hallo" zu sagen, nach so langer Zeit. Am Ost-Horizont kündigt der Schwan mit ausgebreiteten Schwingen den nahenden Sommer an. Gut drei Stunden bis Sonnenaufgang. Noch ein wenig in den Tiefen des Universums zwischen den Galaxien dahintreiben...
Mit einem Gefühl von Zufriedenheit läute ich die "dritte Nachthälfte" ein: Ich greife zum Feldstecher, setze mich in den Klappstuhl und beginne die Sommer-Milchstrasse abzufahren. Der Nordamerika-Nebel zeigt ohne Filter Struktur. Die Nebelkaskaden um Gamma Cygni - ein Genuss.
Die Milchstrasse ist dünn geworden. Nach und nach beginnt die Dämmerung die Konturen der Landschaft freizugeben, während von Osten her die Sterne langsam verblassen und ein heller Streifen den Horizont umgibt. Irgendwo singt ein Vogel. Es hat sich etwas Tau gebildet - wie immer, wenn die Natur erwacht. Ein angenehmer erdiger Geruch liegt in der Luft. Ich stehe nur da und lasse mich in den neuen Tag gleiten...
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