Ulrike
Mitglied
Anwesend:
Theo van Gogh, Refraktor Sky 90/500
Vincent van Gogh, Skywatcher Refraktor 102/500, bekanntester Maler des Nichtvereins Albireo
Beobachtungsdatum: 24. Juni
Beobachtungsort: Bechhofen in Mittelfranken
Beobachtungszeitraum: Ca. 23.30 bis 1.30 Uhr
Seit glaube ich über einem Jahr habe ich keinen Beobachtungsbericht mehr geschrieben und so gerne ich sie immer geschrieben habe, weil das nochmals wie ein wunderschönes Nachklingen der Beobachtungsnacht war, ich kam einfach nicht mehr dazu.
Auch sind meine Sternenausflüge seltener geworden, aber um so kostbarer ist da jede Minute, die ich mit dem Teleskop unter dem Himmel verbringen darf.
Nun möchte ich Euch einfach mal wieder teilnehmen lassen an einem meiner Himmelsausflüge, der auch etwas ganz besonderes war: das First Light meines neuen Refraktors Theo van Gogh.
Diesen BB widme ich von ganzem Herzen unserer Birgit, die heute nämlich Geburtstag hat! ;-).
Und nun geht's los:
Seit Wochen las ich BBs über BBs von den herrlichsten Himmelsausflügen und abgesehen von einer Knieoperation, die mir das Spechteln zeitweise unmöglich machte, war es der Himmel, der mir immer wieder eine Nase drehte, denn tagsüber zeigte er sich sonnig und unbewölkt , während abends, wenn es dann endlich mal dunkel werden sollte, er sich nahezu regelmäßig mit Wolken bezog.
Theo van Gogh, mein neuer kleiner Refraktor wurde schon ganz ungeduldig, hatte er doch bis auf einen kurzen Blick zwischen den Wolken auf Albireo und den Mond noch kein Sternenlicht tanken dürfen!!!
Letzte Woche war es dann endlich soweit. Der Himmel präsentierte sich im strahlendsten Blau, das bis in die Nacht anhielt ,natürlich hatte ich Dienst an diesem Tag, wie sollte es auch anders sein, aber ein Ausflug in den Garten musste einfach sein, vielleicht blieb es ja dienstmäßig ruhig (um es vorwegzunehmen: der Himmel meinte es gut mit uns, bis Spechtelende gab es kein Telefon und keine Türklingel!).
Theo war ganz aufgeregt. Vincent, mein kleiner Skywatcher Refraktor, klopfte ihm beruhigend auf den Tubus. Theo kletterte mit klopfendem Herzen auf sein Stativ, ruckelte ein bisschen hin und her und siehe da, der Videoneiger passte wie angegossen.Theo wartete mit glänzender Linse, dass ich mich auch positioniert hätte mit Stuhl, Okularkoffer und Stoyans Reiseführer – obwohl ich heute eigentlich nur die allseits bekannten Objekte aufsuchen wollte, aber man konnte ja nie wissen!! Vincent war natürlich mit dabei. Besorgt beobachtete ich Vincent, ob er vielleicht neidisch werden würde, denn es war ja klar, wo Theo jetzt da war, dass Vincent kaum noch Sternenausflüge unternehmen würde. Aber ich sah keine Spur Neid, im Gegenteil!! War doch Vincent so glücklich, dass endlich sein Bruder Theo hier war und nie mehr fortgehen würde (Aus der Kunstgeschichte weiß man ja, dass Theo und Vincent van Gogh Zeit ihres Lebens ein besonders inniges Verhältnis hatten
.
....
Wenn ich im Garten Sterne gucke, wo Straßenlampen, Bäume und Häuser die dunkle Weite des Nachthimmels stören, liebe ich es, mich zunächst mit oder ohne Fernglas auf den Boden zu legen und einfach die funkelnden Sterne, die durch die zunehmende Dunkeladaptation des Auges immer mehr und mehr werden, auf mich wirken zu lassen. Es ist, als ob sich eine Tür öffnete und ich dann immer tiefer in das Geheimnis des Sternenhimmels eintauchte. So auch dieses Mal: Sah ich anfangs nur wenig Geglitzer, erstrahlten Minute um Minute neue Sterne, und die „Nebel“schleier der Sommermilchstraße woben ihr zartes Band um den großen, majestätisch dahinschwebenden Schwan. Ich tauchte in meinem Innern ein in die mich immer wieder von Neuem so sehr faszinierende Seligkeit, den Sternen nahe zu sein....
Plötzlich spürte ich, wie mich etwa piekte. Es war Vincent, der mich mit einem schelmischen Grinsen seinen feinsten Pinsel zwischen die Rippen piekste. „Theo wartet auf dich!“ flüsterte er mir zu, „oder willst du bis zur Morgendämmerung hier liegen bleiben?“. Rasch sprang ich auf. „Entschuldige Theo, dass ich dich habe warten lassen! Jetzt geht's aber los!“ Theo warf einen unsicheren Blick auf seinen Bruder: „Glaubst du, ich schaffe es? Und werden die Sterne mich willkommen heißen?“ „Pah, kein Problem“, zwinkerte Vincent ihm verschwörerisch zu, „auch wenn du nicht so herrlich schillernde Farben hast wie ich, Du wirst sehen, sobald Du Sternenlicht tankst, wirst Du schweben!“ Aber Theo teilte die Zuversicht seines Bruders nicht, ängstlich schaute er mich an. Ich ich gab ihm einen aufmunternden Klaps auf seinen Tubus. „Na komm, das schaffst Du schon! Also, als erstes besuchen wir Lyra!“. „Aber wie soll ich die Leier finden?“ ängstigte Theo sich weiter. „Orpheus wird dir so schöne Musik auf seiner Leier vorspielen, dass du sie gleich erkennen wirst!“ beruhigte ich ihn und richtete seinen Tubus in Richtung Wega. Theo richtete hilfesuchend den Blick auf seinen Bruder Vincent, aber der tat so, als ob er gar nicht da wäre und schwang seine Pinsel, ganz vertieft in sein Gemälde vom fliegenden Schwan in der Milchstraße.
Ich blickte durch das Okular: nichts! Nochmals peilte ich die Wega an. Wieder alles dunkel im Okular. „Siehst du, ich sehe nichts und finde nichts!“ jammerte Theo mit bereits Panik in der Stimme. Ich schaute Theo besorgt an und fing dann plötzlich zu lachen an. „Theo, wenn du deine Abdeckkappe abnehmen würdest, dann würdest du vielleicht etwas sehen! Vom Augenverschließen lernt man nicht das Sehen.“ Theo blickte verschämt zu Boden und nahm rasch seine Kappe ab. „Ach Theo!“ Ich streichelte seinen Tubus. “Komm, jetzt wirst du dein wahres Himmelswunder erleben!!“ Wieder richtete ich Theo auf die Wega! Hell strahlend stand sie fein wie ein Nadelpünktchen im Okular. Theo strahlte. Und schwupps fand er ganz leicht den Weg zu Epsilon Lyra, die er bei 100 Vergrößerung in einen Vierfachstern trennte. Bei 125fach wurde dieses Quartett noch bezaubernder, vier nadelfeine Sterne mit ganz scharfem dunklen Samthimmel schwebten da vor uns! Theo war von dem Doppelpärchen hellauf entzückt und konnte sich von dem Anblick fast nicht lösen.... es war, als ob da diese beiden Sternenpärchen umeinander Reigen tanzen würden!!!
Als nächstes war natürlich der Ringnebel dran, und wie stark war mein Erstaunen, als ich bereits bei 50facher Vergrößerung ein perfekt scharf abgebildetes Rauchwölkchen sah!! Ich wechselte die Okulare, und Theo legte mir ein perfektes Bild nach dem anderen hin, die beste Vergrößerung ergab sich bei 125 fach. Gebannt schauten Theo und ich auf dieses Wunder des Sternenhimmels, an dem man sich, so oft man diesen Ringnebel auch gesehen hat, einfach nie satt sehen kann!
Plötzlich hörten wir feine glockenreine Töne, wie von einer Harfe. „Orpheus spielt dir sein Lied!“ flüsterte ich Theo zu, „pssst, hör genau zu!“ Ganz verzaubert lauschte Theo, und sein Tubus fing richtig das Leuchten an...Da spürte ich, wie mich jemand in die Seite stupste: es war Vincent, der mir glücklich zuflüsterte: „Siehst du, wie ich es Theo gesagt habe: Jetzt empfängt er die Botschaft des Himmels! Und nun taucht er ein in eine Liebesbeziehung mit den Sternen, die nie mehr enden wird und von Sternennacht zu Sternennacht immer weiter ins Unendliche steigen wird!!!“
Theo und ich schauten und schauten den Ringnebel und lauschten der Musik des Universums... langsam, langsam schien es, als ob Orpheus mit seiner Leier sich leise entfernte... und ließ uns beide ganz verzückt zurück.....
„Und wohin jetzt?“ flüsterte Theo! „Schauen wir uns M13 im Herkules an“ sagte ich zu ihm und schwupps schon war er im Okular. Ich erwartete bei 90 mm Öffnung einen netten Nebelfleck zu sehen, aber weit gefehlt! Auch hier entpuppte sich die 125 fache Vergrößerung als die Beste: Natürlich war M13 nicht aufgelöst, aber was war das für ein Glitzern und Funkeln! Wie Funken eines Feuerrades sprühten die tausend Sonnen vom Zentrum des wie sich ständig drehenden Kugelsternhaufens weg! „Theo“ rief ich ganz erstaunt aus, du kleiner Kerl, du bist ja ein Taussendsassa!! Vergnügt blitzte mich Theo selbstbewusst an. Verschwunden war all seine Unsicherheit und Panik, hinweggefegt von der Sternenmusik des Orpheus!!
Wohin nun? Lange schon hatte ich den Hantelnebel nicht mehr besucht, und nach den bisherigen Überraschungen, die mir Theo da geboten hatte, war ich doch nun sehr gespannt.
Und siehe da: Auch der Hantelnebel zeigte sich von seiner besten Seite und begrüßte Theo und mich aufs herzlichste. Elegant mit schlanker Taille und geheimnisvoll mit wie fließendem Übergang in die Himmelsnacht schwebte er da im Okular vor uns auf dunkelblauer Himmelsbühne! Natürlich schämte der Hantelnebel sich auch heute seiner abstehenden Ohren und hielt sie verborgen, aber das wäre doch zuviel verlangt gewesen!!
Vor zwei Jahren hatte ich den Hantelnebel mit meinem Galileo VMC 200L besucht und seitdem, ich weiß auch nicht warum, nie mehr aufgesucht. Ich muss sagen, dass ich mich nicht erinnern kann, dass mir der gute Galileo wesentlich mehr Details gezeigt hätte!
Ach und nun hörten wir lustige Tanzmusik! Der vornehme Hantelnebel verabschiedete uns mit einem kühlen Hauch seines Nebelschleiers und auf gings zu dem lustigen Treiben...aber wohin wurden wir jetzt entführt? Ich blickte hinauf zur Sommermilchstraße, die sich noch viel deutlicher abzeichnete und genoß einfach nur diesen überwältigenden Anblick... Ja, und nun war auch klar, wo die Reigenmusik herkam! M29, ein, so wird er beschrieben, unscheinbarer Sternenhaufen im Schwan winkte uns da so fröhlich zu! Wie ein Schmetterling flatterte er lustig um den Schwan herum, wie kleinste schärfste bezaubernde Kristalle blitzen und glänzten die Sternenmädchen, die da munter und ausgelassen am Sommerhimmel herumtanzten! Was hieß da unscheinbar! Gibt es irgendetwas am Sternenhimmel, das nicht bis ins Tiefste einen berührt!! Theo und ich schauten verzückt auf dieses herrliche Schauspiel, mal blitzte mehr das eine Sternenmädel, mal mehr das andere auf, und wir versanken wieder und wieder in den Anblick dieses unscheinbaren und doch so himmlisch schönen Wunders.
Ach, die Zeit war schon fortgeschritten und Gott sei Dank hatte noch kein Diensttelefon gestört....Ich warf noch einen sehnsüchtigen Blick zum Himmel, Theo war wie entrückt, er wollte und wollte sich nicht lösen, und so ließ ich ihn noch alleine weiter träumen und legte mich auf den warmen Grasboden um mit ganzen Sinnen nochmals den Anblick des Sommerhimmels auf mich wirken zu lassen... So oft habe ich es schon beschrieben, und immer und immer wieder muss ich es wiederholen: Die unbeschreibliche innere Freude und der Frieden, den mir die Sterne wieder geschenkt hatten, würde, das wusste ich, noch tagelang in mir nachklingen und so auch jetzt, wo ich das hier schreibe, spüre ich förmlich die Seligkeit des Himmels in mir...
Theo besuchte zum Abschied noch Albireo und beschenkte mich mit den durch seine Linse so unglaublich satten Farben des tief- eisblau und grell-orange leuchtenden Doppelsternes, dass ich Theo stürmisch umarmte und dann noch Vincent heranholte, den ich auch ganz arg drückte.... so verabschiedeten wir drei uns glücklich von diesem Sommernachtstraum ....
Ulrike mit Theo und Vincent
Theo van Gogh, Refraktor Sky 90/500
Vincent van Gogh, Skywatcher Refraktor 102/500, bekanntester Maler des Nichtvereins Albireo
Beobachtungsdatum: 24. Juni
Beobachtungsort: Bechhofen in Mittelfranken
Beobachtungszeitraum: Ca. 23.30 bis 1.30 Uhr
Seit glaube ich über einem Jahr habe ich keinen Beobachtungsbericht mehr geschrieben und so gerne ich sie immer geschrieben habe, weil das nochmals wie ein wunderschönes Nachklingen der Beobachtungsnacht war, ich kam einfach nicht mehr dazu.
Auch sind meine Sternenausflüge seltener geworden, aber um so kostbarer ist da jede Minute, die ich mit dem Teleskop unter dem Himmel verbringen darf.
Nun möchte ich Euch einfach mal wieder teilnehmen lassen an einem meiner Himmelsausflüge, der auch etwas ganz besonderes war: das First Light meines neuen Refraktors Theo van Gogh.
Diesen BB widme ich von ganzem Herzen unserer Birgit, die heute nämlich Geburtstag hat! ;-).
Und nun geht's los:
Seit Wochen las ich BBs über BBs von den herrlichsten Himmelsausflügen und abgesehen von einer Knieoperation, die mir das Spechteln zeitweise unmöglich machte, war es der Himmel, der mir immer wieder eine Nase drehte, denn tagsüber zeigte er sich sonnig und unbewölkt , während abends, wenn es dann endlich mal dunkel werden sollte, er sich nahezu regelmäßig mit Wolken bezog.
Theo van Gogh, mein neuer kleiner Refraktor wurde schon ganz ungeduldig, hatte er doch bis auf einen kurzen Blick zwischen den Wolken auf Albireo und den Mond noch kein Sternenlicht tanken dürfen!!!
Letzte Woche war es dann endlich soweit. Der Himmel präsentierte sich im strahlendsten Blau, das bis in die Nacht anhielt ,natürlich hatte ich Dienst an diesem Tag, wie sollte es auch anders sein, aber ein Ausflug in den Garten musste einfach sein, vielleicht blieb es ja dienstmäßig ruhig (um es vorwegzunehmen: der Himmel meinte es gut mit uns, bis Spechtelende gab es kein Telefon und keine Türklingel!).
Theo war ganz aufgeregt. Vincent, mein kleiner Skywatcher Refraktor, klopfte ihm beruhigend auf den Tubus. Theo kletterte mit klopfendem Herzen auf sein Stativ, ruckelte ein bisschen hin und her und siehe da, der Videoneiger passte wie angegossen.Theo wartete mit glänzender Linse, dass ich mich auch positioniert hätte mit Stuhl, Okularkoffer und Stoyans Reiseführer – obwohl ich heute eigentlich nur die allseits bekannten Objekte aufsuchen wollte, aber man konnte ja nie wissen!! Vincent war natürlich mit dabei. Besorgt beobachtete ich Vincent, ob er vielleicht neidisch werden würde, denn es war ja klar, wo Theo jetzt da war, dass Vincent kaum noch Sternenausflüge unternehmen würde. Aber ich sah keine Spur Neid, im Gegenteil!! War doch Vincent so glücklich, dass endlich sein Bruder Theo hier war und nie mehr fortgehen würde (Aus der Kunstgeschichte weiß man ja, dass Theo und Vincent van Gogh Zeit ihres Lebens ein besonders inniges Verhältnis hatten
....
Wenn ich im Garten Sterne gucke, wo Straßenlampen, Bäume und Häuser die dunkle Weite des Nachthimmels stören, liebe ich es, mich zunächst mit oder ohne Fernglas auf den Boden zu legen und einfach die funkelnden Sterne, die durch die zunehmende Dunkeladaptation des Auges immer mehr und mehr werden, auf mich wirken zu lassen. Es ist, als ob sich eine Tür öffnete und ich dann immer tiefer in das Geheimnis des Sternenhimmels eintauchte. So auch dieses Mal: Sah ich anfangs nur wenig Geglitzer, erstrahlten Minute um Minute neue Sterne, und die „Nebel“schleier der Sommermilchstraße woben ihr zartes Band um den großen, majestätisch dahinschwebenden Schwan. Ich tauchte in meinem Innern ein in die mich immer wieder von Neuem so sehr faszinierende Seligkeit, den Sternen nahe zu sein....
Plötzlich spürte ich, wie mich etwa piekte. Es war Vincent, der mich mit einem schelmischen Grinsen seinen feinsten Pinsel zwischen die Rippen piekste. „Theo wartet auf dich!“ flüsterte er mir zu, „oder willst du bis zur Morgendämmerung hier liegen bleiben?“. Rasch sprang ich auf. „Entschuldige Theo, dass ich dich habe warten lassen! Jetzt geht's aber los!“ Theo warf einen unsicheren Blick auf seinen Bruder: „Glaubst du, ich schaffe es? Und werden die Sterne mich willkommen heißen?“ „Pah, kein Problem“, zwinkerte Vincent ihm verschwörerisch zu, „auch wenn du nicht so herrlich schillernde Farben hast wie ich, Du wirst sehen, sobald Du Sternenlicht tankst, wirst Du schweben!“ Aber Theo teilte die Zuversicht seines Bruders nicht, ängstlich schaute er mich an. Ich ich gab ihm einen aufmunternden Klaps auf seinen Tubus. „Na komm, das schaffst Du schon! Also, als erstes besuchen wir Lyra!“. „Aber wie soll ich die Leier finden?“ ängstigte Theo sich weiter. „Orpheus wird dir so schöne Musik auf seiner Leier vorspielen, dass du sie gleich erkennen wirst!“ beruhigte ich ihn und richtete seinen Tubus in Richtung Wega. Theo richtete hilfesuchend den Blick auf seinen Bruder Vincent, aber der tat so, als ob er gar nicht da wäre und schwang seine Pinsel, ganz vertieft in sein Gemälde vom fliegenden Schwan in der Milchstraße.
Ich blickte durch das Okular: nichts! Nochmals peilte ich die Wega an. Wieder alles dunkel im Okular. „Siehst du, ich sehe nichts und finde nichts!“ jammerte Theo mit bereits Panik in der Stimme. Ich schaute Theo besorgt an und fing dann plötzlich zu lachen an. „Theo, wenn du deine Abdeckkappe abnehmen würdest, dann würdest du vielleicht etwas sehen! Vom Augenverschließen lernt man nicht das Sehen.“ Theo blickte verschämt zu Boden und nahm rasch seine Kappe ab. „Ach Theo!“ Ich streichelte seinen Tubus. “Komm, jetzt wirst du dein wahres Himmelswunder erleben!!“ Wieder richtete ich Theo auf die Wega! Hell strahlend stand sie fein wie ein Nadelpünktchen im Okular. Theo strahlte. Und schwupps fand er ganz leicht den Weg zu Epsilon Lyra, die er bei 100 Vergrößerung in einen Vierfachstern trennte. Bei 125fach wurde dieses Quartett noch bezaubernder, vier nadelfeine Sterne mit ganz scharfem dunklen Samthimmel schwebten da vor uns! Theo war von dem Doppelpärchen hellauf entzückt und konnte sich von dem Anblick fast nicht lösen.... es war, als ob da diese beiden Sternenpärchen umeinander Reigen tanzen würden!!!
Als nächstes war natürlich der Ringnebel dran, und wie stark war mein Erstaunen, als ich bereits bei 50facher Vergrößerung ein perfekt scharf abgebildetes Rauchwölkchen sah!! Ich wechselte die Okulare, und Theo legte mir ein perfektes Bild nach dem anderen hin, die beste Vergrößerung ergab sich bei 125 fach. Gebannt schauten Theo und ich auf dieses Wunder des Sternenhimmels, an dem man sich, so oft man diesen Ringnebel auch gesehen hat, einfach nie satt sehen kann!
Plötzlich hörten wir feine glockenreine Töne, wie von einer Harfe. „Orpheus spielt dir sein Lied!“ flüsterte ich Theo zu, „pssst, hör genau zu!“ Ganz verzaubert lauschte Theo, und sein Tubus fing richtig das Leuchten an...Da spürte ich, wie mich jemand in die Seite stupste: es war Vincent, der mir glücklich zuflüsterte: „Siehst du, wie ich es Theo gesagt habe: Jetzt empfängt er die Botschaft des Himmels! Und nun taucht er ein in eine Liebesbeziehung mit den Sternen, die nie mehr enden wird und von Sternennacht zu Sternennacht immer weiter ins Unendliche steigen wird!!!“
Theo und ich schauten und schauten den Ringnebel und lauschten der Musik des Universums... langsam, langsam schien es, als ob Orpheus mit seiner Leier sich leise entfernte... und ließ uns beide ganz verzückt zurück.....
„Und wohin jetzt?“ flüsterte Theo! „Schauen wir uns M13 im Herkules an“ sagte ich zu ihm und schwupps schon war er im Okular. Ich erwartete bei 90 mm Öffnung einen netten Nebelfleck zu sehen, aber weit gefehlt! Auch hier entpuppte sich die 125 fache Vergrößerung als die Beste: Natürlich war M13 nicht aufgelöst, aber was war das für ein Glitzern und Funkeln! Wie Funken eines Feuerrades sprühten die tausend Sonnen vom Zentrum des wie sich ständig drehenden Kugelsternhaufens weg! „Theo“ rief ich ganz erstaunt aus, du kleiner Kerl, du bist ja ein Taussendsassa!! Vergnügt blitzte mich Theo selbstbewusst an. Verschwunden war all seine Unsicherheit und Panik, hinweggefegt von der Sternenmusik des Orpheus!!
Wohin nun? Lange schon hatte ich den Hantelnebel nicht mehr besucht, und nach den bisherigen Überraschungen, die mir Theo da geboten hatte, war ich doch nun sehr gespannt.
Und siehe da: Auch der Hantelnebel zeigte sich von seiner besten Seite und begrüßte Theo und mich aufs herzlichste. Elegant mit schlanker Taille und geheimnisvoll mit wie fließendem Übergang in die Himmelsnacht schwebte er da im Okular vor uns auf dunkelblauer Himmelsbühne! Natürlich schämte der Hantelnebel sich auch heute seiner abstehenden Ohren und hielt sie verborgen, aber das wäre doch zuviel verlangt gewesen!!
Vor zwei Jahren hatte ich den Hantelnebel mit meinem Galileo VMC 200L besucht und seitdem, ich weiß auch nicht warum, nie mehr aufgesucht. Ich muss sagen, dass ich mich nicht erinnern kann, dass mir der gute Galileo wesentlich mehr Details gezeigt hätte!
Ach und nun hörten wir lustige Tanzmusik! Der vornehme Hantelnebel verabschiedete uns mit einem kühlen Hauch seines Nebelschleiers und auf gings zu dem lustigen Treiben...aber wohin wurden wir jetzt entführt? Ich blickte hinauf zur Sommermilchstraße, die sich noch viel deutlicher abzeichnete und genoß einfach nur diesen überwältigenden Anblick... Ja, und nun war auch klar, wo die Reigenmusik herkam! M29, ein, so wird er beschrieben, unscheinbarer Sternenhaufen im Schwan winkte uns da so fröhlich zu! Wie ein Schmetterling flatterte er lustig um den Schwan herum, wie kleinste schärfste bezaubernde Kristalle blitzen und glänzten die Sternenmädchen, die da munter und ausgelassen am Sommerhimmel herumtanzten! Was hieß da unscheinbar! Gibt es irgendetwas am Sternenhimmel, das nicht bis ins Tiefste einen berührt!! Theo und ich schauten verzückt auf dieses herrliche Schauspiel, mal blitzte mehr das eine Sternenmädel, mal mehr das andere auf, und wir versanken wieder und wieder in den Anblick dieses unscheinbaren und doch so himmlisch schönen Wunders.
Ach, die Zeit war schon fortgeschritten und Gott sei Dank hatte noch kein Diensttelefon gestört....Ich warf noch einen sehnsüchtigen Blick zum Himmel, Theo war wie entrückt, er wollte und wollte sich nicht lösen, und so ließ ich ihn noch alleine weiter träumen und legte mich auf den warmen Grasboden um mit ganzen Sinnen nochmals den Anblick des Sommerhimmels auf mich wirken zu lassen... So oft habe ich es schon beschrieben, und immer und immer wieder muss ich es wiederholen: Die unbeschreibliche innere Freude und der Frieden, den mir die Sterne wieder geschenkt hatten, würde, das wusste ich, noch tagelang in mir nachklingen und so auch jetzt, wo ich das hier schreibe, spüre ich förmlich die Seligkeit des Himmels in mir...
Theo besuchte zum Abschied noch Albireo und beschenkte mich mit den durch seine Linse so unglaublich satten Farben des tief- eisblau und grell-orange leuchtenden Doppelsternes, dass ich Theo stürmisch umarmte und dann noch Vincent heranholte, den ich auch ganz arg drückte.... so verabschiedeten wir drei uns glücklich von diesem Sommernachtstraum ....
Ulrike mit Theo und Vincent