Fraenkie
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Nach wochenlangen “Diät-Manövern” und tagelangem “Trocken-Packen” schien endlich - wenige Stunden vor dem Countdown - “Land in Sicht”. Meine anfängliche Verzweiflung wich einer gelassenen Nonchallence.Die Logistik-Problematik konnte als gelöst betrachtet werden, wenngleich es galt auf einige “Lieblingsspielzeuge” zu verzichten. Aber die eisernen Regeln uneinsichtiger Luftfahrtunternehmen, vermochte auch ich nicht zu durchbrechen. 20 kg Freigepäck darf ruhig als nicht allzu üppig bezeichnet werden. Vor allem, wenn ein mobiles Observatorium mit auf große Reise soll. Die Kandidaten, die meine Spiel- bzw. Packregeln anstandslos passierten und die Diät-Endkontrolle erfolgreich gemeistert hatten, waren:
- Ein “Vixen Sf 80 ED”, gedacht als Sehhilfe, eingekleidet in einen selbstgezimmerten Schutzanzug aus einer ausrangierten Isomatte (verschwand bis zur Gepäckkontrolle im Handgepäck)
- Eine kleine Fototasche, die wiederum im Koffer untertauchte und folgende Reisebegleiter beherbergte:
- 32mm Skywatcher Superplössel zur Übersicht
- 21mm Hyperion, mein Lieblings-Monokel
- 18mm SWA von Meade mit Baader VIP-Barlow zum tieferen Reinschnorcheln
- Zenitprisma, Sucher, O-III-Filter, Kleinstwerkzeug gegen diverse Urlaubskrankheiten, Kompass gegen meine legendäre Orientierungslosigkeit.
Dies alles wurde von mir eigenhändig mit Socken und Unterwäsche (frisch gewaschen) ausgepolstert und schien somit sicher verpackt. Im Koffer fand sich ein freundliches Seitenfach ein, dass bereit war, eine drehbare Weltsternkarte, einige Kopien aus Sternatlanten und Wil Tirions “Grossen Himmelsführer” aufzunehmen. Das Alustativ gesellte sich in “Querlage” gerade mal so in den Koffer.Wie sich aber leider schon beim einchecken herauskristallisierte, verlangte es nach mehr Lebensraum. Still und heimlich hatte es bereits ein Bein durch die Stoffhülle gebohrt, welches sich nun frech in die Weite der Schalterhalle hinausreckte. Nur durch beherztes Eingreifen meiner Wenigkeit, konnte Schlimmeres verhindert werden.
Auf dem Rückmarsch wurden ihm von mir die Beine amputiert, um diese Blamage nicht noch einmal zu erleben. Strafe muß sein.Als letzter Reisebegleiter gesellte sich ein Alu-Foto-Koffer hinzu, der willig seiner Bestimmung folgte und Asyl für meine Vixen-GP samt Motoren, Steuergerät und Ausgleichsgewicht bot.
Fazit: 12kg Übergepäck! Damit war die Freigepäck-Schallmauer bei weitem durchbrochen. Nur der liebevollen Zuwendung meiner Liebsten war es zu verdanken, dass das Gepäck auf mehrere Schultern verteilt werden konnte, so dass alle habgierigen Zuschläge seitens der Fluggesellschaft umschifft werden konnten.
Die Gepäckkontrolle auf dem Hinflug verlief recht moderat. Der freundliche Herr am Scanner riß mir mit seinen Pranken nur meinen Rucksack aus den Händen, um sich das “seltsame Rohr” näher anzuschauen.
Ich riß den Rucksack zurück und entgegnete freundlich aber bestimmt: “Ich nehm’ das Ding selber raus, es ist etwas empfindlich, Sie verstehen...”.
Die Miene des Herrn Kontrolleurs verfinsterte sich noch etwas mehr gegen Unfreundlichkeit hin, er ließ aber mit sich geschehen und wies mich mit einer Kopfbewegung Richtung “Urlaub”.
Die Griechen ihrerseits veranstalteten auf der Rückreise ein etwas theatralischeres Spektakel. Diesmal war es nicht das Handgepäck, dies schien niemand zu interessieren, nein mein Koffer war spannender. Im Nu war ich umrundet von mehreren schwer bewaffneten Sicherheitsbeamten, die ungläubig auf ihren Scanner zeigten und mich auf griechisch aufforderten, eine Erklärung abzugeben.
Nun bin ich leider der griechischen Sprache nicht mächtig und so wurde das Fließband angehalten und ich mußte ausräumen. Hinter mir stauten sich hunderte genervter Urlauber, die anscheinend recht wenig Verständnis für mein Hobby aufbrachten. Nachdem ich zwischen dreckiger Wäsche meine Okulare herausgefischt hatte, die vermutlich die Ursache für den Unmut der Beamten waren, war der Fotokoffer dran. In der Hektik fand ich den Schlüssel nicht sofort, was mir wiederum den Unmut hunderter Urlauber und diverser grimmiger Zöllner einbrachte. Die Montierung fand besonderes Interesse bei den griechischen Kollegen. Alles, aber auch alles wurde strengstens begutachtet, befingert heraus und wieder hineingelegt, um dann nochmals herausgenommen zu werden. Meine Erklärungen in englischer Sprache, was man damit tut und vor allem nicht tun kann - zum Beispiel Flugzeuge in die Luft sprengen - verhallten ohne gehört zu werden.
Irgendwann aber war dann der internationalen Sicherheitspolitik genüge getan und ich durfte unter den strafenden Blicken der mürrisch wartenden Mitreisenden von dannen ziehen. Das Fließband nahm seinen Betrieb wieder auf...
Doch nun zurück zum Anfang. Das Fünf-Sterne-Menü konnte beginnen. Als Apéritif des griechischen Nachthimmels fiel meine Wahl auf Herrn Schütze, der sich mir vom Südbalkon unseres Appartements geradezu aufdrängte. Der Zusammenbau des Himmelsbeobachtungs-Systems ging unter moderatem Zeitaufwand munter von statten. Bis auf wenige Kollateralschäden, hatten alle Mitreisenden den Anflug und die Anfahrt über den gesamten Peloponnes in bestem Gesundheitszustand überdauert.
Kurzer Zeitsprung.
So richte ich jetzt meinen Fokus also auf den Schützen, einen der Hauptdarsteller am Sommer-Firmament, den vor mir schon die alten Griechen bewundert hatten.Ich stehe nun auf diesem historischen Boden - oder besser gesagt auf einem Balkon einige Meter darüber und recke mein reisemüdes Auge gen Südsee. Die Milchstraße kleckert über mich hinweg und so schwinge ich mich bei schlappen 28 °C beherzt auf mein Surfbrett, um meinen ersten Ritt in der griechischen Sommermilchstraße zu wagen.
Das Sternbild Sagittarius, wie der Schützenmann auf lateinisch gerufen wird, ist schnell entdeckt, wenngleich ich trotz Zuhilfenahme von zwei Gläsern landestypischen Weines, keinerlei Ähnlilchkeit mit einem Schützen feststellen kann. Egal, vielleicht muß man noch einiges mehr trinken, bis man einen Schützen erkennt. Die Montierung ausgekuppelt fahre ich zuerst unter vollen Segeln über Kaus Borealis hinweg, Richtung Osten. Ich strande am Lagunen-Nebel (M8/NGC 6523), an dem ich Anker werfe. Im Vixen ist er klar zu erkennen. Ruhig liegt diese weite Sternenbucht in ihrem Gaskleid vor mir, welches sich in den dunklen Gewässern der griechischen Nacht verliert. Ich kupple ein und überlasse die Navigation dem Autopiloten, um ungestört geniessen zu können. Im 32mm bei ca. 20-facher Vergrößerung eine Augenweide. Sanftes Schwelgen und Schweigen stellt sich ein. Ich korrigiere manuell und gleite mehrfach sanft über die Lagune hinweg. Ich segle über die Gasschleier, zwischen denen Sterne unterschiedlichster Provenienz plaudern.
5000 Lichtjahre trennen mich und diese Bucht. Als sie ihr Licht losschickte, waren die Pyramiden noch nicht mal in der Planungsphase...
Gleich nebenan lädt mich der Trifid-Nebel (M20/NGC 6514) zu einem Stelldichein. Die dunklen Staubbänder, die ihn zerteilen, sehe ich nach einiger Adaptionszeit. Eine zeitlang treibe ich hin und her zwischen Lagunen- und Trifid-Nebel, bis mich eine Brise mitnimmt und ich ziellos durch den Schützen mäandere.
Anständig, wie im Reiseführer beschrieben, pflastern zahllose Objekte meinen Weg. Offene Sternhaufen, Kugelsternhaufen und hübsche Leuchtfeuer ziehen unter mir durch die Nacht. Ich stolpere auf Schritt und Tritt über diese Kandidaten, die wie Seeigel im Meer liegen. Bei M22, einem der bedeutendsten Kugelhaufen trete ich auf die Bremse. Mit dem 21mm Hyperion, bei ca. 30-facher Vergrößerung gelingt es mir zumindest seine Vororte in Auflösung zu bringen.In dieser Gegend sind so viele Haufen und Flecken, dass ich bereits von latenter Orientierungslosigkeit geplagt werde. M28 als verwaschener Klecks, M21 und wie sie alle heißen mögen.
Ich gebe auf, kapituliere vor dieser Vielfalt und biete dem Schützen das “Du” an. Er wird mein Freund. Besonderen Spass bereitet mir die Strecke von M24 (NGC 6603) über M18 (NGC 6613) zu M17 (NGC 6618). Surfspass pur. M24, eine ausufernde Sternwolke mitten in den unendlichen Weiten der Milchstraße lädt zum sanften dahingleiten ein. Hunderte glitzernder, funkelnder Diamanten verschiedenster Farben schweben unter mir vorbei. Kurze Unterbrechung - Dunkel. Dann taucht der offene Sternhaufen M18 wie aus dem Nichts auf, eine kleine Lichtinsel in einem Meer aus Dunkelheit.
Den Abschluß bildet M17, der Omega-Nebel, dessen Bogenform ich mit etwas Phantasie erahnen kann. Bremse ziehen, das Ganze zurück und nochmal von Neuem.Diese Abfahrt kann ich stundenlang geniessen. Herrlich. Letztlich schlage ich noch eine Nebenroute zu M23 ein, einem lockeren Sternhaufen in 2200 Lichtjahren Entfernung, dessen Alter von respektablen 220 Millionen Jahren mich in andächtiges Schweigen versetzt. Besonders adrett sind seine Mitglieder der 9. Größenklasse in weiten Bögen ans Firmament genagelt.
Ich habe meinem Freund dem Schützen alleine drei Nächte gewidmet und habe wohl alles gesehen: M22 den dritthellsten Kugelhaufen, M8 den Lagunen- und M20 den Trifid-Nebel, die ihre filigranen Gasschleier in den Nachthimmel strecken, M17 den eher unscheinbaren Omega-Nebel, M28 als Nebelfetzen, die offenen Haufen M18, M21, M23 und M24, die Monsterwolke, die es mir besonders angetan hat.Es ist weit nach Mitternacht, als ich mich von meinem neuen Freund kameradschaftlich verabschiede und mit einem kurzen Schwenk auf die Plejaden, das Desèrt des griechischen Menüs einleite.
Mit müden Knochen und vor allem Augen packe ich mein Surfbrett unter den Arm, rolle das Segel ein, nicht ohne noch mitten in der Nacht die Montierung an die Wand zum Nachbarzimmer zu poltern. Ich haue mich in die Koje, unter dem Himmel, den schon Aristoteles und Platon mit ihren Brettern befuhren und falle in einen wohlverdienten Schlummer.
Schütze tritt ab.
Nach einigen erquicklichen Nächten des ausgiebigen “Balkon-Surfens”, steht nun eine kleine nächtliche Exkursion ins nahe gelegene Parnon-Gebirge an.Von unserem Hauptquartier sind dies schlappe 20 min Fahrt. Der Parnon-Gebirgszug reckt sich auf beachtliche 1200 müNN und erweist sich als eine karge, typisch griechische Hochfläche.Als ich den Wagen parke, eigentlich müßte ich sagen, ich halte einfach auf der Piste an, tappe ich mit einem Schlag in eine Welt aus Schwarz. So weit das Auge reicht keine Stadt, kein Dorf, kein Licht - nur Dunkel. Vor allem über mir. Der Himmel zwischen den Sternen ist so schwarz, dass es beinahe unheimlich wirkt und ich schlagartig von Gleichgewichtsstörungen getroffen werde, da ich den Boden unter meinen Füßen nicht erkennen kann. Meine Sternkarte weist Sterne bis ca. 5,5 mag aus - lachhaft bei dem was ich hier sehe. Irgendeiner hat hier die Beleuchtung gewechselt. Was da über mir posaunt, kann ich nur andeutungsweise schätzen. Ich tippe - ohne übertreiben zu wollen aus fst 7,5 mag.Berauschend. Die Milchstraße ist kein mickriges Nebensträßchen, nein, eine gigantische Autobahn dehnt sich über mir aus. Ich erkenne Dunkelwolken, die durch die Galaxis wabern. Alles wirkt extrem plastisch und dreidimensional - kein Vergleich mit allem bisher gesehenen, sei es La Palma, El Hierro oder diverse andere Inseln im Atlantik und im Mittelmeer.Ich habe extreme Mühe, in diesem Lichtermeer die Sternbilder zu finden. Sie gehen völlig unter in diesem opulenten Gefunkel. Am beeindruckensten ist aber die Plastizität des Leuchtfeuers über mir. Das Aufstellen meiner Sehhilfe gestaltet sich schwierig, da alles ultradunkel ist. Irgendwie geht’s immer. Nach einem Ritt durch meinen Schützen-Freund, geht’s Richtung Leier. M57, der Ring-Nebel im 32mm zu erkennen. Im 21mm direkt deutlich und im Wechsel zwischen direkter und indirekter Beobachtung als glasklarer, sich deutlich abzeichnender Rauchring mit Loch in der Mitte zu erkennen. Ich nehme noch M31 und M110 mit, als auch die beiden Perseus-Haufen und andere kleine Nettigkeiten wie M6 und M7. Absolut spektakulär.
Irgendwann ist aber auch diese Nacht zu Ende und irgendwann auch der Urlaub. Leider. Einen netten Abschluß bildet noch eine partielle Mondfinsternis, als wir am lauschigen Abendhimmel einen angeknabberten “Vollmond” bestaunen können.
Zum Schluß - zu Hause angekommen - live and unplugged Mr. John L. Dobson im “Fernrohrland” in Fellbach. Wirklich ein Astro-Unikat, das Stefan Seip in seiner liebevollen Laudatio, einen Tag vor dessen 91. Geburtstag präsentiert. Der Erfinder der Dobson-Montierung hat aber bei weitem mehr zu bieten, als die nach ihm benannten Schubs-Rohre: denn diese waren ja “nur” Mittel zum Zweck. John L. Dobson, der 23 Jahre als Mönch in einem Vedanta-Kloster verbrachte, versuchte auf preisgünstige Art ein Teleskop zu bauen und entwickelte so seinen “Dobson”. Dies ist soweit allseits bekannt. Sein Anliegen Menschen für Astronomie zu begeistern (daraus entstand die Sidewalk-Astronomer-Bewegung/http:www.sidewalkastronomers.com), brachte ihm die “Rote Karte” ein und den Rausschmiß aus dem Kloster.
Was mir aber interessanter als die reine Technik-Legende erscheint, ist seine Auseinandersetzung mit dem Thema Astronomie. John L. Dobson, studierter Chemiker, lehnt die Urknall-Theorie ab und versucht westliche Technik- und Wissenschaftshörigkeit und östliches Philosophiegedusel zu vereinen - höchst interessant und nachzulesen in seinem Werk “Advaita vedanta and modern science” - spannender und interessanter als der pure Dobson-Schubs, der hinlänglich bekannt ist - meine ich. Punkt.
Bis zum nächsten...
- Ein “Vixen Sf 80 ED”, gedacht als Sehhilfe, eingekleidet in einen selbstgezimmerten Schutzanzug aus einer ausrangierten Isomatte (verschwand bis zur Gepäckkontrolle im Handgepäck)
- Eine kleine Fototasche, die wiederum im Koffer untertauchte und folgende Reisebegleiter beherbergte:
- 32mm Skywatcher Superplössel zur Übersicht
- 21mm Hyperion, mein Lieblings-Monokel
- 18mm SWA von Meade mit Baader VIP-Barlow zum tieferen Reinschnorcheln
- Zenitprisma, Sucher, O-III-Filter, Kleinstwerkzeug gegen diverse Urlaubskrankheiten, Kompass gegen meine legendäre Orientierungslosigkeit.
Dies alles wurde von mir eigenhändig mit Socken und Unterwäsche (frisch gewaschen) ausgepolstert und schien somit sicher verpackt. Im Koffer fand sich ein freundliches Seitenfach ein, dass bereit war, eine drehbare Weltsternkarte, einige Kopien aus Sternatlanten und Wil Tirions “Grossen Himmelsführer” aufzunehmen. Das Alustativ gesellte sich in “Querlage” gerade mal so in den Koffer.Wie sich aber leider schon beim einchecken herauskristallisierte, verlangte es nach mehr Lebensraum. Still und heimlich hatte es bereits ein Bein durch die Stoffhülle gebohrt, welches sich nun frech in die Weite der Schalterhalle hinausreckte. Nur durch beherztes Eingreifen meiner Wenigkeit, konnte Schlimmeres verhindert werden.
Auf dem Rückmarsch wurden ihm von mir die Beine amputiert, um diese Blamage nicht noch einmal zu erleben. Strafe muß sein.Als letzter Reisebegleiter gesellte sich ein Alu-Foto-Koffer hinzu, der willig seiner Bestimmung folgte und Asyl für meine Vixen-GP samt Motoren, Steuergerät und Ausgleichsgewicht bot.
Fazit: 12kg Übergepäck! Damit war die Freigepäck-Schallmauer bei weitem durchbrochen. Nur der liebevollen Zuwendung meiner Liebsten war es zu verdanken, dass das Gepäck auf mehrere Schultern verteilt werden konnte, so dass alle habgierigen Zuschläge seitens der Fluggesellschaft umschifft werden konnten.
Die Gepäckkontrolle auf dem Hinflug verlief recht moderat. Der freundliche Herr am Scanner riß mir mit seinen Pranken nur meinen Rucksack aus den Händen, um sich das “seltsame Rohr” näher anzuschauen.
Ich riß den Rucksack zurück und entgegnete freundlich aber bestimmt: “Ich nehm’ das Ding selber raus, es ist etwas empfindlich, Sie verstehen...”.
Die Miene des Herrn Kontrolleurs verfinsterte sich noch etwas mehr gegen Unfreundlichkeit hin, er ließ aber mit sich geschehen und wies mich mit einer Kopfbewegung Richtung “Urlaub”.
Die Griechen ihrerseits veranstalteten auf der Rückreise ein etwas theatralischeres Spektakel. Diesmal war es nicht das Handgepäck, dies schien niemand zu interessieren, nein mein Koffer war spannender. Im Nu war ich umrundet von mehreren schwer bewaffneten Sicherheitsbeamten, die ungläubig auf ihren Scanner zeigten und mich auf griechisch aufforderten, eine Erklärung abzugeben.
Nun bin ich leider der griechischen Sprache nicht mächtig und so wurde das Fließband angehalten und ich mußte ausräumen. Hinter mir stauten sich hunderte genervter Urlauber, die anscheinend recht wenig Verständnis für mein Hobby aufbrachten. Nachdem ich zwischen dreckiger Wäsche meine Okulare herausgefischt hatte, die vermutlich die Ursache für den Unmut der Beamten waren, war der Fotokoffer dran. In der Hektik fand ich den Schlüssel nicht sofort, was mir wiederum den Unmut hunderter Urlauber und diverser grimmiger Zöllner einbrachte. Die Montierung fand besonderes Interesse bei den griechischen Kollegen. Alles, aber auch alles wurde strengstens begutachtet, befingert heraus und wieder hineingelegt, um dann nochmals herausgenommen zu werden. Meine Erklärungen in englischer Sprache, was man damit tut und vor allem nicht tun kann - zum Beispiel Flugzeuge in die Luft sprengen - verhallten ohne gehört zu werden.
Irgendwann aber war dann der internationalen Sicherheitspolitik genüge getan und ich durfte unter den strafenden Blicken der mürrisch wartenden Mitreisenden von dannen ziehen. Das Fließband nahm seinen Betrieb wieder auf...
Doch nun zurück zum Anfang. Das Fünf-Sterne-Menü konnte beginnen. Als Apéritif des griechischen Nachthimmels fiel meine Wahl auf Herrn Schütze, der sich mir vom Südbalkon unseres Appartements geradezu aufdrängte. Der Zusammenbau des Himmelsbeobachtungs-Systems ging unter moderatem Zeitaufwand munter von statten. Bis auf wenige Kollateralschäden, hatten alle Mitreisenden den Anflug und die Anfahrt über den gesamten Peloponnes in bestem Gesundheitszustand überdauert.
Kurzer Zeitsprung.
So richte ich jetzt meinen Fokus also auf den Schützen, einen der Hauptdarsteller am Sommer-Firmament, den vor mir schon die alten Griechen bewundert hatten.Ich stehe nun auf diesem historischen Boden - oder besser gesagt auf einem Balkon einige Meter darüber und recke mein reisemüdes Auge gen Südsee. Die Milchstraße kleckert über mich hinweg und so schwinge ich mich bei schlappen 28 °C beherzt auf mein Surfbrett, um meinen ersten Ritt in der griechischen Sommermilchstraße zu wagen.
Das Sternbild Sagittarius, wie der Schützenmann auf lateinisch gerufen wird, ist schnell entdeckt, wenngleich ich trotz Zuhilfenahme von zwei Gläsern landestypischen Weines, keinerlei Ähnlilchkeit mit einem Schützen feststellen kann. Egal, vielleicht muß man noch einiges mehr trinken, bis man einen Schützen erkennt. Die Montierung ausgekuppelt fahre ich zuerst unter vollen Segeln über Kaus Borealis hinweg, Richtung Osten. Ich strande am Lagunen-Nebel (M8/NGC 6523), an dem ich Anker werfe. Im Vixen ist er klar zu erkennen. Ruhig liegt diese weite Sternenbucht in ihrem Gaskleid vor mir, welches sich in den dunklen Gewässern der griechischen Nacht verliert. Ich kupple ein und überlasse die Navigation dem Autopiloten, um ungestört geniessen zu können. Im 32mm bei ca. 20-facher Vergrößerung eine Augenweide. Sanftes Schwelgen und Schweigen stellt sich ein. Ich korrigiere manuell und gleite mehrfach sanft über die Lagune hinweg. Ich segle über die Gasschleier, zwischen denen Sterne unterschiedlichster Provenienz plaudern.
5000 Lichtjahre trennen mich und diese Bucht. Als sie ihr Licht losschickte, waren die Pyramiden noch nicht mal in der Planungsphase...
Gleich nebenan lädt mich der Trifid-Nebel (M20/NGC 6514) zu einem Stelldichein. Die dunklen Staubbänder, die ihn zerteilen, sehe ich nach einiger Adaptionszeit. Eine zeitlang treibe ich hin und her zwischen Lagunen- und Trifid-Nebel, bis mich eine Brise mitnimmt und ich ziellos durch den Schützen mäandere.
Anständig, wie im Reiseführer beschrieben, pflastern zahllose Objekte meinen Weg. Offene Sternhaufen, Kugelsternhaufen und hübsche Leuchtfeuer ziehen unter mir durch die Nacht. Ich stolpere auf Schritt und Tritt über diese Kandidaten, die wie Seeigel im Meer liegen. Bei M22, einem der bedeutendsten Kugelhaufen trete ich auf die Bremse. Mit dem 21mm Hyperion, bei ca. 30-facher Vergrößerung gelingt es mir zumindest seine Vororte in Auflösung zu bringen.In dieser Gegend sind so viele Haufen und Flecken, dass ich bereits von latenter Orientierungslosigkeit geplagt werde. M28 als verwaschener Klecks, M21 und wie sie alle heißen mögen.
Ich gebe auf, kapituliere vor dieser Vielfalt und biete dem Schützen das “Du” an. Er wird mein Freund. Besonderen Spass bereitet mir die Strecke von M24 (NGC 6603) über M18 (NGC 6613) zu M17 (NGC 6618). Surfspass pur. M24, eine ausufernde Sternwolke mitten in den unendlichen Weiten der Milchstraße lädt zum sanften dahingleiten ein. Hunderte glitzernder, funkelnder Diamanten verschiedenster Farben schweben unter mir vorbei. Kurze Unterbrechung - Dunkel. Dann taucht der offene Sternhaufen M18 wie aus dem Nichts auf, eine kleine Lichtinsel in einem Meer aus Dunkelheit.
Den Abschluß bildet M17, der Omega-Nebel, dessen Bogenform ich mit etwas Phantasie erahnen kann. Bremse ziehen, das Ganze zurück und nochmal von Neuem.Diese Abfahrt kann ich stundenlang geniessen. Herrlich. Letztlich schlage ich noch eine Nebenroute zu M23 ein, einem lockeren Sternhaufen in 2200 Lichtjahren Entfernung, dessen Alter von respektablen 220 Millionen Jahren mich in andächtiges Schweigen versetzt. Besonders adrett sind seine Mitglieder der 9. Größenklasse in weiten Bögen ans Firmament genagelt.
Ich habe meinem Freund dem Schützen alleine drei Nächte gewidmet und habe wohl alles gesehen: M22 den dritthellsten Kugelhaufen, M8 den Lagunen- und M20 den Trifid-Nebel, die ihre filigranen Gasschleier in den Nachthimmel strecken, M17 den eher unscheinbaren Omega-Nebel, M28 als Nebelfetzen, die offenen Haufen M18, M21, M23 und M24, die Monsterwolke, die es mir besonders angetan hat.Es ist weit nach Mitternacht, als ich mich von meinem neuen Freund kameradschaftlich verabschiede und mit einem kurzen Schwenk auf die Plejaden, das Desèrt des griechischen Menüs einleite.
Mit müden Knochen und vor allem Augen packe ich mein Surfbrett unter den Arm, rolle das Segel ein, nicht ohne noch mitten in der Nacht die Montierung an die Wand zum Nachbarzimmer zu poltern. Ich haue mich in die Koje, unter dem Himmel, den schon Aristoteles und Platon mit ihren Brettern befuhren und falle in einen wohlverdienten Schlummer.
Schütze tritt ab.
Nach einigen erquicklichen Nächten des ausgiebigen “Balkon-Surfens”, steht nun eine kleine nächtliche Exkursion ins nahe gelegene Parnon-Gebirge an.Von unserem Hauptquartier sind dies schlappe 20 min Fahrt. Der Parnon-Gebirgszug reckt sich auf beachtliche 1200 müNN und erweist sich als eine karge, typisch griechische Hochfläche.Als ich den Wagen parke, eigentlich müßte ich sagen, ich halte einfach auf der Piste an, tappe ich mit einem Schlag in eine Welt aus Schwarz. So weit das Auge reicht keine Stadt, kein Dorf, kein Licht - nur Dunkel. Vor allem über mir. Der Himmel zwischen den Sternen ist so schwarz, dass es beinahe unheimlich wirkt und ich schlagartig von Gleichgewichtsstörungen getroffen werde, da ich den Boden unter meinen Füßen nicht erkennen kann. Meine Sternkarte weist Sterne bis ca. 5,5 mag aus - lachhaft bei dem was ich hier sehe. Irgendeiner hat hier die Beleuchtung gewechselt. Was da über mir posaunt, kann ich nur andeutungsweise schätzen. Ich tippe - ohne übertreiben zu wollen aus fst 7,5 mag.Berauschend. Die Milchstraße ist kein mickriges Nebensträßchen, nein, eine gigantische Autobahn dehnt sich über mir aus. Ich erkenne Dunkelwolken, die durch die Galaxis wabern. Alles wirkt extrem plastisch und dreidimensional - kein Vergleich mit allem bisher gesehenen, sei es La Palma, El Hierro oder diverse andere Inseln im Atlantik und im Mittelmeer.Ich habe extreme Mühe, in diesem Lichtermeer die Sternbilder zu finden. Sie gehen völlig unter in diesem opulenten Gefunkel. Am beeindruckensten ist aber die Plastizität des Leuchtfeuers über mir. Das Aufstellen meiner Sehhilfe gestaltet sich schwierig, da alles ultradunkel ist. Irgendwie geht’s immer. Nach einem Ritt durch meinen Schützen-Freund, geht’s Richtung Leier. M57, der Ring-Nebel im 32mm zu erkennen. Im 21mm direkt deutlich und im Wechsel zwischen direkter und indirekter Beobachtung als glasklarer, sich deutlich abzeichnender Rauchring mit Loch in der Mitte zu erkennen. Ich nehme noch M31 und M110 mit, als auch die beiden Perseus-Haufen und andere kleine Nettigkeiten wie M6 und M7. Absolut spektakulär.
Irgendwann ist aber auch diese Nacht zu Ende und irgendwann auch der Urlaub. Leider. Einen netten Abschluß bildet noch eine partielle Mondfinsternis, als wir am lauschigen Abendhimmel einen angeknabberten “Vollmond” bestaunen können.
Zum Schluß - zu Hause angekommen - live and unplugged Mr. John L. Dobson im “Fernrohrland” in Fellbach. Wirklich ein Astro-Unikat, das Stefan Seip in seiner liebevollen Laudatio, einen Tag vor dessen 91. Geburtstag präsentiert. Der Erfinder der Dobson-Montierung hat aber bei weitem mehr zu bieten, als die nach ihm benannten Schubs-Rohre: denn diese waren ja “nur” Mittel zum Zweck. John L. Dobson, der 23 Jahre als Mönch in einem Vedanta-Kloster verbrachte, versuchte auf preisgünstige Art ein Teleskop zu bauen und entwickelte so seinen “Dobson”. Dies ist soweit allseits bekannt. Sein Anliegen Menschen für Astronomie zu begeistern (daraus entstand die Sidewalk-Astronomer-Bewegung/http:www.sidewalkastronomers.com), brachte ihm die “Rote Karte” ein und den Rausschmiß aus dem Kloster.
Was mir aber interessanter als die reine Technik-Legende erscheint, ist seine Auseinandersetzung mit dem Thema Astronomie. John L. Dobson, studierter Chemiker, lehnt die Urknall-Theorie ab und versucht westliche Technik- und Wissenschaftshörigkeit und östliches Philosophiegedusel zu vereinen - höchst interessant und nachzulesen in seinem Werk “Advaita vedanta and modern science” - spannender und interessanter als der pure Dobson-Schubs, der hinlänglich bekannt ist - meine ich. Punkt.
Bis zum nächsten...