Ein ungewöhnlicher Fernglastest zwecks Anschaffung

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Ehemaliger Benutzer (6068)

Hallo Freunde der Ferngläser!

Nachdem Simone für mich ein altes Hartmann Fernglas hervorragend repariert hatte, sollte sie dem 7x50 Zeiss Jena meines Vaters mittels Justierung zu seiner vollen Leistungsfähigkeit verhelfen und bei der Gelegenheit ein gutes 10x50 Jenoptem zur Ansicht mitschicken.
Wachsendes Interesse in meinem Bekanntenkreis (Vogelschützer und Astros) führte schließlich zu zwei weiteren Testkandidaten und auch Simones Fernglasadapter-Eigenkonstruktion kam in das voluminöse Paket.
Die Kandidaten
7x50 Zeiss Jenopten, (gebraucht)
10x50 Zeiss Jenoptem (gebraucht)
10x40 Svarovski Habicht SL (gebraucht)
8,5x44 Swift Audubon ED (neu)
sind sicher eine ungewöhnliche Zusammenstellung, aber genau darin lag für mich die Möglichkeit MEIN Freihandglas für alle Fälle zu finden.

Äußerlich sind die Zeiss was sie sind. Opa weiß, das ist ein Fernglas und Junior weiß das auch. Hohe 5er und 6er Seriennummern, gute Vergütung, klare Optik.
Das gebrauchte Swarovski kommt moderner daher, ein Block mit Griffmulden und massiver Ummantelung, robust und in tadellosem Zustand.
Das Swift ist neu. Klassische Porro-Form, trotzdem modern, robust ummantelt und weckt schon beim Ansehen Vertrauen in optische wie mechanische Qualität. Die beigegebenen aufsteckbaren Gummiaugenmuscheln (Sonderzubehör) und verschließbaren Objektivkappen sind funktionell aber hässlich, im härteren Außeneinsatz dennoch sehr sinnvoll und bei Bedarf in Sekundenschnelle abgestreift.
Wie von allen Kandidaten zu erwarten, zeigen sie kreisrunde, zentrische Austrittspupillen und keine Beschneidung der Öffnung, wie von Simone zu erwarten, sind sie hervorragend justiert.

Alle Gläser kann ich gut auf meine Augenposition einstellen, als Beobachter ohne Brille habe ich keine Probleme mit dem Augenabstand, der allerdings durch die Bank recht gering ausfällt und beim Swarovski schon sehr knapp ist.

Die beiden Zeiss Gläser warten mit einem angenehm großen, leicht zu überblickenden und nahezu identischen Gesichtsfeld auf, das 7x50 bietet etwas mehr. Die vorhandenen Randunschärfen stören nicht, da man schon hinschielen muss, um was zum Meckern zu finden.
Das Swift bietet sichtbar mehr Feld und es ist schon schwierig, das Gesichtsfeld voll zu überblicken. Mit ausgefahrenen Drehaugenmuscheln oder aufgestülpten Gummimuscheln komme ich auf das Gesichtsfeld des 7x50 Zeiss und bin immer noch gut bedient. Die Randunschärfen liegen auf Zeiss Niveau.
Das Swarovski hat etwas weniger Feld zu bieten als die die Zeiss Gläser, ist aber für mich immer noch als angenehm großzügig zu bezeichnen. Alles gut im Blick und die geringsten Unschärfen am Rand.

Harte Kontrastlinien zeigen bei Zeiss und Swarovski einen lila Saum, je weiter am Gesichtsfeldrand stehend, umso ausgeprägter. Diese Säume fehlen beim Swift, so dass die Erwartungen in die ED-Sondergläser erfüllt sind.
Auch die Farbreinheit an sich hat beim Swift das neutralste Niveau. Ich finde da keine Einfärbung. Die beiden Zeiss Gläser haben einen winzigen Gelbstich, den das Swarovski noch etwas ausgeprägter zeigt.

Bei der Beobachtung der Vogelwelt in den umliegenden Wiesen und Gärten waren bald nur noch zwei Gläser im Rennen.
Das 7x50 fiel der mangelnden Vergrößerung zum Opfer, das 10x40 dem leichten Gelbstich und meiner unruhigen Hand, welche sich beim 10x50, vermutlich wegen der größeren AP (?) nicht so störend auswirkte.
10x50 gegen 8,5 x 44 ging beim „Birding“ aus wie das „Hornberger Schießen“. Glaubte ich auf weitere Entfernung das 10x50 klar im Vorteil, sah ich auf gleiche Entfernung gegen hellen Himmelshintergrund im 8,5x44 mehr Detail im Vogelgefieder. Wechsel von Licht und Schatten, Verfolgung im Astgewirr, leichtes (erfreulich geringes und treffsicheres) Nachfokussieren, all das ist mit beiden Gläsern kein Problem, sie liegen bei mir gleichauf und sei es nur, dass mein leichtes Handzittern den Vergrößerungsvorteil des 10x50 nicht zum Tragen kommen lässt.

In der Dämmerung hat nun das 7x50 seinen Glanzauftritt und das 10x40 steht naturgemäß außer Konkurrenz. Obwohl es sich sehr achtbar schlägt kann es nicht mit dem 10x50 mit, wohl aber das 8,5x44. Beide müssen sich in der hereinbrechenden Nacht erst kurz vor dem 7x50 aus den Disziplinen Farb- und Detailerkennung verabschieden. Ich bin erstaunt, dass 44 mm Objektivdurchmesser keinen Nachteil zu 50 mm zeigen wollen.

Nun kommen (mangels Mond) die schönen, rötlichen Natriumdampflampen der Straßenbeleuchtung ins Visier, also mit das gemeinste, was man einem Fernglas antun kann.
Die Probleme halten sich in Grenzen. Alle Gläser zeigen das Rautenmuster der Streuscheibe gestochen scharf, auch Schirm und Mast knackig, nur ein leichter Halo um die zentrale Lichtquelle. Das 10x40 zeigt ein mattes, diffuses, kleines Geisterbild direkt über der Leuchte.
Die 20 m entfernte Lampe knapp außerhalb des Gesichtsfeldes bringt bei allen Gläsern Reflexstrahlen zum Vorschein, die beim Umkreisen der Lichtquelle mal stärker, mal schwächer einfallen. Die Lampe in 50 m Entfernung wird erträglicher, die nächste macht keine Probleme mehr. Ich sehe das Swift leicht vorne und das Swarovski etwas deutlicher am Schluss des Feldes.
Dann doch noch Mond und Sternenhimmel.
Das 7x50 mit der größten AP und der geringsten Vergrößerung kann aus dem Dorf heraus nicht so recht überzeugen, zu geringe Vergrößerung, zu aufgehellter Himmel gegenüber der Konkurrenz, da fehlt Kontrast und Grenzgröße.
Das 10x40 präsentiert den Himmel schön samtschwarz, macht aber längere Beobachtung schwer. Zwar kommen die Sternhaufen im Fuhrmann schön raus, aber bei diesem Glas merke ich das Zittern meiner Hände am deutlichsten. Als Erklärung fällt mir wieder nur die gegenüber dem 10x50 kleinere AP ein.
Das 10x50 von Zeiss kann ich wesentlich ruhiger und länger ruhig halten. Die 5 mm AP bringen den richtigen Kontrast am Himmel, klar stehen die hellen Wölkchen der Sternhaufen vor dunklem Hintergrund. Das Gesichtsfeld ist groß genug, um nicht in Richtung Randunschärfen zu schielen, mich stört da nichts. Mond und Plejaden (am 1.4.) knapp in einem Feld, Krippe sehr schön im Bildfeld stehend, auch M 42 deutlich als Nebel auszumachen und eine schöne punktförmige Sternabbildung, soweit man nicht auf die hellsten Feuer hält. Der Mond bekommt nur an den Bildfeldrand gestellt einen Farbsaum und die hervorragende Schärfe des Glases macht viele Details sichtbar. Wandert der Mond aus dem Feld sind leichte Reflexe vorhanden, die aber lange nicht so stören wie bei der Straßenlaterne.
Das 8,5x44 ED von Swift überrascht schon wieder. Trotz des geringeren Objektivdurchmessers und der geringeren Vergrößerung zeigt es alles, was das 10x50 von Zeiss bringt. Der Kontrast Objekt zu Hintergrund ist hervorragend, die etwas kleineren Wölkchen der Sternhaufen heben sich hell vom schwarzen Himmel ab. Es fehlt kein Sternchen gegenüber dem Anblick im 10x50 und der Mond steht auch am Gesichtsfeldrand ohne Farbsaum. Leichte Reflexe bei Beobachtung in Mondnähe auf Zeiss Niveau.
Der, bereits bei der Naturbeobachtung bemerkte Gesichtsfeldvorteil des Glases wird am Sternenhimmel sehr offensichtlich. Mond und Plejaden….und noch schön was rundherum.

Das 8,5x44 gefällt mir am Sternenhimmel einen Tick besser als das 10x50. Das größere Feld und der nicht ausgenutzte, wohl wieder teilweise der Handunruhe zum Opfer gefallene, Öffnungs- und Vergrößerungsvorteil bescheren dem sehr guten 10x50 Zeiss Platz zwei.

Im Ergebnis bleibt das sehr gute 10x50 Zeiss Jenoptem bei mir und auf das für mich ideale 8,5x44 ED von Swift wird fleißig gespart. Es soll mein Universalfernglas werden.
Mein Vater ist mit dem 7x50 für die Naturbeobachtung gut bedient.
Von dem Swarovsky 10x40 bin ich gelinde enttäuscht, zumal ich ein noch älteres 10x40 Habicht (klassische Porro - Bauform beledert) gut kenne und es bisher als meine Referenz ansah. Diesen klobigen Deltaflügler aus der dritt- oder zweitneusten Generation sehe ich als Rückschritt an und kann nur hoffen, dass die aktuelle Habicht Serie angenehmer ist.
Ich habe die vier Ferngläser mehreren Vogelkundlern, Jägern und Hobbyastronomen vorstellen können, und stehe mit meiner Einschätzung nicht alleine da.
Das 8,5x44 ED von Swift ist ein außergewöhnlich gutes, alltagstaugliches und vielseitig einsetzbares Fernglas. Es kostet ca. 450 € und ist jeden Cent wert, kam aber für mich (finanziell) etwas zu früh.

CS
*entfernt*
 
Re: Ein ungewöhnlicher Fernglastest zwecks Anschaf

Hallo Guenther,

Danke fuer den Vergleich! Der Bericht umfasst viele Aspekte und ist daher sehr vollstaendig. Das Resultat ueberrascht mich nicht: Das 8.5x44 ist der beste 'Allrounder', und auch von der optischen Leistung her dem Zeiss Jena (das zuletzt vor 55 Jahren neu gerechnet worden war) ueberlegen. Das 10x50 Jenoptem ist trotzdem noch ein tolles Astroglas. Dass es ruhiger zu halten ist als das Swaro, kann auch daran liegen, dass es etwas schwerer ist und vielleicht eine bessere Balance hat. Die Massentraegheit eines schweren Fernglases reduziert das hochfrequente Zittern (sehr schlimm sind daher die kleinen kompakten 10x25, die kaum ruhig zu halten sind).

Viele Gruesse,
Holger
 
Hallo Günther,

hab vielen Dank für den außerordentlich interessanten und aufschlußreichen Bericht <img src="/phpapps/ubbthreads/images/graemlins/appl.gif" alt="" />

Eine Frage habe ich noch:

=> ". Hohe 5er und 6er Seriennummern, gute Vergütung"

Ich bin mit den Seriennummern bei Zeiss Jena nicht so firm wie Frank... Hattest Du die MC-Vergütung bei beiden Gläsern?

Zum Swift Audubon: kidney beaning war absolut kein Thema?

Danke schon mal!

carpe noctem
Matthias
 
Hallo Leute,

Holger > nun, es kann nicht am Gewicht allein liegen. Das Zeiss wiegt 1070 Grann und das Svaro
etwa 100 Gramm weniger. Das Swift bringt auch ~850 Gramm auf die Wage und ist also schwerer als
vom Hersteller angegeben (ED-Gläser?).
Das Swaro ist für mich unausgewogener als das Zeiss, trotz der Griffmulden nicht so gut zu halten
und ich muss die riesigen Okularmuscheln an meine Nasenwurzel klemmen. So richtig griffig
sind diese Erklärungen alle nicht, aber es ist wirklich das "unruhigste" Glas.

Matthias > Irgendwo ab Mitte der 5000000er Seriennummern ist bei Zeiss Jena die gute MC-Vergütung
sicher auf den Linsen. Frank Schäfer (?) hat da mal genaueres geschrieben.
Bei dem Swift ED muss man ein wenig probieren, wie der beste Augenabstand ist. Die Drehmuscheln
und auch die Gummischutzkappe lassen da Spielraum.
Ich selbst fand den perfekten Abstand für mich
mit eingefahrenen Drehmuscheln und
aufgesteckten Schutzkappen. Ebenfalls sehr wichtig ist ja der Abstand der Augen zueinander.
Bei richtiger Einstellung ist kein "kidney beaning" feststellbar, auch wenn man in Richtung
Gesichtsfeldrand schielt. Erst wenn man sich die Augen verbiegt, um den Rand wirklich auszuloten
kommt mal ein sichelförmiger Schatten.

Das Swift mit den von Simone beigegebenen Augenmuscheln hat für Astrozwecke noch einen großen Vorteil.
Meine flachbauenden 1 1/4 Zoll Astronomik Filter (UHC/OIII) lassen sich gefahr- und problemlos
unter der Gummimuschel und vor der Okularaugenlinse zentriert festklemmen.
Dann noch seitlich einfallendes Streulicht vermeiden und Rosettennebel (getestet), Nordamerika und Co.
bieten einen herrlichen Anblick. <img src="/phpapps/ubbthreads/images/graemlins/Spitze.gif" alt="" />

Gruß
*entfernt*
 
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