Eine missglückte (?) Astro-Exkursion

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Delyon

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Beobachtungsort: Annaberg bei Mariazell
Beobachtungszeitraum: 19./20. März 2015, ca. 19-5 Uhr
Verwendetes Teleskop: Skywatcher 80/600 ED auf AZ-4
Verwendete Okulare und Filter: 32mm Erfle, Explore Scientific 14mm/6,7mm/4,7mm, Astronomik UHC Filter 2"

Zur Hobby-Astronomie gehören nicht nur die rundum gelungenen Nächte, sondern auch die Fehlschläge und Komplikationen - darum hier mal ein Bericht über eine etwas missglückte Astro-Exkursion.

Nach langer Zeit passte diese Woche mal wieder alles für ein paar Astronächte an meinem Lieblingsstandort in den Alpen (Habe meinen Beobachtungsplatz mal hier mit rotem Kreuz markiert: http://www.bilder-upload.eu/show.php?file=2868f7-1426873738.jpg): Laut Wetterbericht drei bis vier völlig klare Nächte am Stück in Neumondphase, arbeiten muss ich die Woche nicht, und an der Uni habe ich nicht viel zu tun, sodass ich für ein paar Astroausflüge nur ein, zwei Vorlesungen sausen lassen muss, was ich dann schon auf mich nehme. Also machte ich mich am Mittwoch auf die zweieinhalbstünde Busfahrt nach Annaberg, wurde vor Ort aber gleich ernüchtert: Dunstige, feuchte Luft, jede Menge Schleierwolken und am Horizont aufziehende dickere Wolken, von denen der Wetterbericht nichts sagte und auf die es auch kurz vor der Abfahrt auf dem Satellitenbild keinen Hinweis gab. Ich baute zwar am Dorfrand mein Equipment auf, erkannte aber schnell, dass das keinen Zweck hat: So unruhige, miese Luft, dass die Sterne wie ein Kaleidoskop tanzen und der Blick ins Okular wie durch eine Milchglasscheibe aussieht, und die Zeichen deuteten auf weitere Verschlechterung. Das ist eben das Risiko der Astronomie mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Wenn man mit dem letzten Bus anreist und sich die Wetterbedingungen als schlechter als erwartet erweisen, kann man nicht einfach wieder umkehren, sondern muss geduldig bis zur nächsten Reisemöglichkeit am kommenden Morgen warten. Missmutig packte ich also meine Sachen wieder zusammen und ging in den Ort herunter, wo ich mir ein günstiges Zimmer im Gasthof nahm, um dann eben auszuschlafen und am nächsten Tag zu entscheiden, ob das Wetter vielversprechender aussah und ich die nächste Nacht abwarten oder den Ausflug ergebnislos abbrechen und nach Wien zurückfahren sollte.

Tatsächlich begrüßte mich am Donnerstag ein strahlend sonniger Morgen mit völlig klarer, reiner Luft und sehr guter Fernsicht über das Bergpanorama, das man von Annaberg genießt - Annaberg ist ja eine topographische Kuriosität: Ein Dörfchen auf ganz engem Raum auf den Gipfel eines etwa 1000m hohen Berges draufgepresst und mehrere hundert Meter höher als alle Nachbargemeinden, hat Annaberg den Charme wie den klaustrophobischen Charakter einer von ihrer Umwelt isolierten Bergfestung, von der man aus der Höhe weit ins Land umher schaut. Jedenfalls: Das Wetter sieht heute bestens aus und ich bin motiviert, noch einen Tag dazubleiben und die Nacht zu erwarten. Nun, da ich den ganzen Tag Zeit habe statt erst, wie üblich, um 18:30 im Ort anzukommen, kann ich ja eigentlich auch in Erwägung ziehen, mir noch etwas bessere Bedingungen zu erwandern. Der Dorfkern von Annaberg selbst liegt ja, wenn man dort aus dem Postbus steigt, schon auf fast 1000m Höhe, und wenn ich von dort einen Spaziergang zu meiner Stammwiese mache, komme ich auf etwa 1100m Höhe , wo man auch von den paar Lichtern des Dörfchens nichts mehr sieht, also eh schon sehr, sehr gute Bedingungen. Aber man kann die Beobachtungsbedingungen immer noch etwas verbessern, und so machte ich mich auf den Weg, zum knapp 1400m hohen Tirolerkogel zu wandern, noch ein Stück höher und wohl noch ein Hauch dunkler. Laut Wegtafeln eine leichte Wanderung von anderthalb Stunden - unter guten Wetterbedingungen versteht sich, und die Besonderheiten des Gebirges hatte ich etwas unterschätzt. Auf den Webcambildern des nahegelegenen Mariazell, die ich mir zur Ausflugsplanung angesehen hatte, sah man nur noch ein paar harmlos Schneereste, aber ich hatte nicht richtig bedacht, WAS für einen Unterschied in dieser Hinsicht die paar hundert Höhenmeter mehr ausmachen, die Annaberg höher liegt: Während im Ort selbst schon eine geschlossene Schneedecke von vielleicht noch 30-40cm Höhe lag, erreichten beim Aufstieg Richtung Tirolerkogel die am Wegrand aufgetürmten Schneemassen rund einen Meter Höhe, und die Gedenktafeln für Lawinenopfer, die man hier und da sieht, weckten in mir sowas ungewohnten Großstädte ein mulmiges Gefühl, wenn ich die dicke, antauende Schneedecke auf den steilen Hängen zu meiner Seite beäugte. Auf dem schmalen, oft ziemlich steilen Pfad selbst war der Schnee ganz glattgetreten, und in meinen flachen Halbschuhen mit dem schweren Astrogepäck war ich mehrmals kurz davor, abzugleiten wie auf Glatteis, während es neben mir immer mehr in die Tiefe ging. So entschloss ich ziemlich bald, wieder umzukehren: In einigen Wochen, wenn Schnee und Eis weg sind, mache ich sicher mal einen Astroausflug zum Tirolerkogel, aber unter den gegebenen Bedingungen ist mir das zu gefährlich, man muss das Schicksal ja auch nicht herausfordern.

Unramponiert in den Ort zurückgekehrt, stellte sich die Frage: Was nun? Bis 16:30 musste ich mich entschieden haben, dann fuhr der letzte Bus nach Wien. Ich versuchte, nach einer kleinen Besichtigung der schönen gotischen Dorfkirche, zuerst, zu meiner etwas abseits gelegenen Stamm-Beobachtungswiese zu gelangen, aber auch hier waren die Wege noch so dick zugeschneit, dass ich mit Halbschuhen und schwerem Gepäck nicht die kurze, normalerweise ganz harmlose Strecke schaffte, ohne einen Sturz zu riskieren, abgesehen davon, dass ich auch nicht wusste, wo ich denn eigentlich auf einer komplett mit einer dicken Schneedecke überzogenen Wiese das Teleskop aufbauen sollte. Blieb als Notlösung der Spielplatz gleich hinter dem Ort, die einzige größere Freifläche des sehr beengten Annaberg. Durch eine kleine Anhöhe ist man hier zwar vor dem direkten Licht der paar Straßenlaternen des Dörfchens geschützt, aber leider hat man den nachts beleuchteten Kirchturm im Blick, sodass keine ganz perfekte Dunkeladaption drin ist. Aber seis drum: Jetzt bin ich hier, über mir ein großartiger strahlend blauer Himmel, und nun werde ich die Nacht abwarten, wenn auch unter nicht ganz einwandfreien Bedingungen. Auch ein vom Schnee befreites Eck gibt es hier, das groß genug ist, sich dort mit Ausrüstung einzurichten.

So wartete ich stundenlang auf den Einbruch der Dunkelheit und begann mit einer Jupiterbeobachtung, die mich darin bestätigte, geblieben zu sein: Atemberaubend gutes Seeing, der Jupiter auch bei Maximalvergrößerung (In meinem Fall 128x) absolut ruhig und so gestochen scharf, wie ich ihn selten gesehen habe, nicht nur mit Ausfransungen an den beiden scharf konturierten Hauptwolkenbändern, sondern erstmals auch erahnbar, dass der Zwischenraum zwischen den Hauptwolkenbändern nicht einfach ganz weiß und homogen ist, sondern es da einige Unregelmäßigkeiten gibt. Über eine halbe Stunde folgte ich, ohne mich zu langweilen, nur diesem lehrbuchhaft schönen Jupiter. Einer dieser magischen Astromomente, die einen daran erinnern, warum man die ganzen Kosten und kleineren und größeren Strapazen dieses Hobbys auf sich nimmt.
Aber als es dunkler wurde und Deep Sky auf dem Programm stehen sollte, zeigte sich ein großes Problem: Der beleuchtete Kirchturm! Noch vor wenigen Monaten wurde die Kirche nur von zwei kleinen, recht schwachen Leuchtern angestrahlt, die den Himmel auch vom Spielplatz aus nicht sehr spürbar beeinträchtigten. Aber damit ist es vorbei - jetzt wird die Kirche von etwa einem Dutzend gleißend hellen Strahlern angeleuchtet, die sie die gesamte Nacht hindurch in blendend helles Licht tauchen und über der Kirche einen Lichtkegel erzeugen, der die Dunkeladaption unmöglich macht und den Himmel in dieser Richtung total versaut. Es könnte ja schließlich sein, dass sich jemand nachts um drei mitten in Schnee und Eis spontan entschließt, die steile Serpentinenstraße in den winzigen, nach Einbruch der Dunkelheit völlig menschenleeren Weiler zu erklimmen, um dort den Kirchturm zu bewundern und enttäuscht wäre, wenn er ihn nicht in strahlender Festbeleuchtung vorfindet...
Um es mal sinnbildlich auszudrücken: Wenn die zwei alten Strahler ein Revolver waren, dann ist die neue Strahlerbatterie eine Atombombe.

Es hilft alles nix, ich muss mir dieses Lichtinferno aus dem Blick schaffen, wenn ich mich auch nur dunkeladaptieren will. Aber wohin? Der Weg zu meiner Beobachtungswiese ist vom Schnee versperrt, und andere Freifläche mit halbwegs freier Sicht gibt es in Annaberg nicht. Mir kommt ein Ausweg in den Sinn: Zwischen zwei ungenutzten Hütten am Hang gibt es eine breitere Gasse, die durch eine der Hütten von der Kirche abgeschirmt wird. Dort hat man freie Sicht zwar nur nach Westen, Osten und in die Zenitregion, aber besser als nix, also räume ich meine Ausrüstung um, muss aber auch hier zu aktiven Mitteln gegen die Lichtpest greifen: Eine an der Außenseite einer der ungenutzten Hütten angebrachte grelle Lampe hat einen Bewegungsmelder und flutet mich mit Licht, sobald ich mich einen Schritt bewege. Kurz entschlossen ziehe ich den Stecker raus und schaffe mir Frieden (Keine Sorge - nicht ohne ihn beim Gehen am Morgen wieder reingesteckt zu haben). Jetzt kann die Dunkeladaption endlich losgehen, und bald zeigt sich abseits des Kirchturmlichtkegels wieder ein grandioser, sternenüberfüllter Himmel, der zeigt, was für ein phantastischer Beobachtungsplatz Annaberg ist, wenn man ihn nicht durch total sinnlose Lichtshow mutwillig verhunzt. Ein besonders anspruchsvolles Programm nahm ich mir in dieser Nacht nicht vor, nach dem ganzen Stress begnügte ich mich mit Genussspechteln leichter Standardobjekte des Frühlings- und, in der späteren Nacht, auch schon des Sommerhimmels. Da ich die meisten davon eh schon in anderen Berichten ausführlich beschrieben habe, seien nur ein paar Highlights herausgegriffen.

M13 war in dieser Nacht mit super Transparenz eine Offenbarung und zeigte sich bei 128x so tief in Einzelsterne aufgelöst wie ich ihn im 80er ED noch nie gesehen habe. Das ist wirklich kein Wattebausch mit griesligem Rand mehr, wie M13 mit kleiner Öffnung meist beschrieben wird, sondern ein ganz klar als solcher erkennbarer Kugelsternhaufen mit sehr vielen feinen Einzelsternen am Rand, und selbst das Zentrum erscheint nicht einfach homogen-neblig, sondern eher granulatförmig, man spürt förmlich die Einzelsterne, die nur nach ein paar Zoll mehr Öffnung rufen, um richtig herauszutreten. Auch M51/NGC5195 war großartig, wenn auch mit der kleinen Öffnung ohne Spiralen. Schließlich eine lange M81/82-Beobachtung, bei der ich die beiden Galaxien auch noch sehr hell und deutlich bei 89x im Detail betrachten konnte, was ja normalerweise mit 80mm Öffnung schon etwas zuviel des Guten für Galaxienbeobachtung ist. M92, die Galaxien in den Jagdhunden, der Ringnebel, der Hantelnebel, Albireo, eine Reihe offener Sternhaufen, ein wohl letzter Blick für die Saison auf den Orionnebel und dafür ein erster Blick auf die noch tiefstehende Andromedagalaxie waren ebenfalls schöne Programmpunkte der Nacht. Aber schließlich musste ich vor der Kälte kapitulieren: Trotz vier dicken Kleiderschichten war es irgendwann so kalt, dass ich es nicht mehr über mich brachte, zum Okularwechsel die Handschuhe auszuziehen und ich schließlich abbaute, um mich bis zur Ankunft des ersten Frühbusses nach Wien im einzigen beheizten frei zugänglichen Ort unterzustellen, einer besonders großen Telefonzelle mit Tischlein für Banküberweisungen am Gemeindeamt. Trotzdem scheine ich mir eine saftige Erkältung eingefangen zu haben...

Ein gemischtes Fazit also: Eine Astro-Exkursion mit einigen Fehlschlägen, aber auch einigen Pluspunkten - am Ende doch noch ein paar schöne Beobachtungsstunden unter Gebirgshimmel, eine Wanderung in den Bergen und ein wunderschöner Sonnenaufgang. Nun bleibt nur zu hoffen, dass die neue Kirchturmbeleuchtung von meiner sonst genutzten Beobachtungswiese unsichtbar bleibt und ich die nächste Annaberger Beobachtungsnacht wieder uneingeschränkt genießen kann.

CS,
Fabian
 
Hallo Fabian,

sehr schöner Bericht, ich mußte ein paar mal schmunzeln, wie Du mit den Widrigkeiten zu kämpfen hattest - kennt man. Aber die Astroleidenschaft ist stärker, und man muss flexibel sein und das nehmen, was man bekommt. Schöne Jupiter-Beobachtung, v.a. die neuen Details, habe z.Zt. auch einige tolle Einzelkeiten dort entdeckt, v.a. die unregelmäsdigen Ausfransungen der Bänder. Gute Besserung und CS,

Martin
 
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