Hallo Daniel,
so ähnlich wie bei Dir bin ich vor 5 Jahren in die Astrofotografie eingestiegen (DSLR, Kameraobjektive bis 200mm, Skywatcher StarAdventurer). Tatsächlich ist die Bildbearbeitung eine erhebliche Hürde. Aus meier Sicht ist das größe Problem dabei, dass es fast beliebig viele Methoden und Programme gibt, mit denen man das machen kann. Klar, es gibt sehr viele und meistens gute Tutorials. Aber womit fängt man an?
Mir haben damals ein paar Bücher geholfen, nicht den Überblick zu verlieren. Denn schnell habe ich gemerkt, dass man mit Try and Error ohne echtes Verständnis, was man da warum macht nicht voran kommt. Also habe ich beschlossen, mir die Basics anzueignen: was sieht man in einem Histogramm, wie macht man eine Kontrastbearbeitung (Strecken), wie bekommt man den Farbstich weg, wie einen Gradienten?
Biases, Dark, Flats: kannst Du nachlesen, wozu die gut sind. Gemacht sind sie einfach: Biases im Dunkeln mit der kürzesten Verschlusszeit bei gleicher ISO und gleicher Temperatur wie bei der Aufnahme. Darks mit derselben Belichtungszeit und ISO wie für das Objekt, aber im Dunkeln. Flats kann man sehr gut mit einem Tablet machen, wenn man keine Lightbox hat. Aber ich habe dann die Lightbox (hab eine von Lacerta) schätzen gelernt, weil man damit auch mit dem starken Weitwinkel die Flats machen kann, wo es besonders wichtig ist. WW hat ja die stärkste Vignette.
Stacken kann man heute mit vielen Programmen. Ich habe mit DSS angefangen, aber dabei manchmal das Problem, dass die Farben verloren gingen. Sehr cool, superschnell aber mit weniger Möglichkeiten stackt Sequator. Dieses Programm ist auch super, wenn man möglichst schnell erst mal ein Ergebnis sehen will. Inzwischen stacke ich mit Siril, für das u.a Frank Sackenheim prima Tutorials auf youtube bereitstellt.
Bei kürzeren Brennweiten (wozu man auch noch 85mm zählen könnte) sind oft Gradienten im Bild. Die ungleichmäßige Ausleuchtung des Sensors sollte ja durch die Flats korrigiert worden sein, auch Staubflecken werden damit kaschiert. Aber dann spielt noch die Himmelshelligkeit und Lichtverschmutzung rein, das können die Flats nicht richten. "Früher" habe ich mir da ziemlich einen abgebrochen, die Gradienten wenigstens zu reduzieren. Heute nehme ich die Software Graxpert, die es automatisch und nach meiner Erfahrung gut macht. Graxpert kann inzwischen auch entrauschen, was gut funktioniert.
Nächstes Problem sind Farbstiche. Klar, die BV-Programme haben da ihre Funktionen. Aber was Du eigentlich brauchst sind Augen ohne Farbschwäche (ich habe Rot/Grün-Schwäche, anfangs habe ich Bilder präsentiert, auf denen grüne Sterne waren. Die Kollegen haben mich schnell überzeugt, dass das nicht der Realität entspricht). Und dann am besten einen farbkalibrierten Monitor. Seit ich ein Spyder Kolorimeter und einen vernünftigen Monitor habe (Notebookdisplay besser nicht!), blamiere ich mich seltener
Siril hat eine Funktion "fotometrische Farbkalibrierung", die mir enorm hilft. Dabei ermittelt die Software, welche Sterne auf dem Bild sind ("Plate Solving") und ruft dazu Farbinformationen aus dem Netz ab. Daraus werden dann die Korrekturen ermittelt, damit der Farbstich weg geht. Bei langen Brennweiten funktioniert das meistens problemlos. Bei Weitwinkelfotos mit viel Milchstraßengewimmel kommt es aber oft vor, dass das Platesolving nicht funktioniert. Da hilft es aber oft, einen kleinen Ausschnitt mit weniger strukturiertem Hintergrund zu markieren und statt der Objektivbrennweite einen viel größeren Wert anzugeben. Wenn Du einen Ausschnitt von ca. 20% der Bildseiten gewählt hast, gibst Du 5 mal die Brennweite an - also so, als wäre der Ausschnitt das ganze Bild. Damit hat es dann oft funktioniert.
Wenn das passiert ist, hast Du ein kalibriertes, gradienten- und rauscharmes Bild mit korrekten Farben. Das ist dann der Ausgangspunkt weitere Bearbeitung. ier musst Du zunächst verstehen, was ein lineares Bild und was ein gestrecktes ist. Eigentlich ganz einfach: auf einem linearen Bild sieht man von den meisten Sternen und dem Objekt gar nichts. Der Großteil der Bildinformation steckt in den sehr dunklen Anteilen des Bildes, die alles dominieren. Strecken ist der Vorgang, diesen riesigen Kontrast zwischen dem "Sumpf" mit unserem wertvollen Bild und den hellsten Stellen soweit zu reduzieren, dass man was sieht.
Dabei gibt es eine Falle: viele Programme wie DSS oder Siril bieten eine "Screen Stretch" Funktion an, die automatisch eine (meistens aber nicht optimale) Streckung macht - einfach damit man mehr sieht als ein fast nur schwarzes Bild. Für das Strecken musst Du einen solchen Screen Stretch ausschalten, damit Du siehst, was deine Bearbeitung tatsächlich bewirkt. Wenn Du das Summenbild aus Siril/Graxpert als TIF exportierst und in Lightroom oder Photoshop lädst, gibt es keinen solchen automatischen Stretch. Den haben "nur" die Astro-Bildverarbeitungen. In der gängigen Foto-BV kannst Du dann mit Tonwertanpassung und/oder Gradationskurven arbeiten. Beim Strecken aufpassen, dass keine Stellen in die maximale Helligkeit laufen! Und im Histogramm dürfen keine kammartigen "Löcher" entstehen, sonst produzierst Du "Zwiebelschalen". Eine Anpassung reicht i.d.R. nicht, wenn ich statt in Siril in Affinity Photo strecke, dann oft mit 3 Gradationskurven oder sogar mehr.
Danach kommt "schon" der Feinschliff, Du könntest das Bild etwas schärfen (aufpassen, dass nicht zuviel Rauschen sichtbar wird!) und vielleicht die Farbsättigung erhöhen.
Das war jetzt ein Schnellüberflug und die Profis hier werden darüber lächeln, weil es in jeder Phase der Verarbeitung immer noch bessere und mächtigere Tools gibt. Da fragt sich dann, was man eigentlich will: das perfekte Foto (viel Spaß...) oder eine ansehnliche Erinnerung an eine schöne Zeit unter dem Himmel. Ich plädiere nicht für Dilettantismus, aber man muss aufpassen, dass man sich nicht in eine Art "Rüstungsspirale" reinziehen lässt. Wen Du erst mal Gefallen gefunden und schöne Bilder gemacht hast, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass Du mehr willst, also ein Teleskop und das auch fotografisch benutzen. Gute Sache, aber aus miener Sicht solltest Du immer erst mal mit dem jeweils Vorhandenen lernen und erfahren, was Du damit machen kannst und alles im Griff haben. Das ist dann eine gute Basis für den nächsten Schritt! Ich finde, das schlimmst was man machen kann ist zuviel auf einmal zu wollen. Wir hatten Einsteiger bei unserem Stammtisch, die gleich mit Refraktor plus "ZWO-Stack" anfingen und für die war das eine verdammt steile Lernkurve. Man darf bloß nicht glauben, dass die ganze schöne Technik einfach so läuft und einem die ganzen Probleme wie Ziel treffen, scharf stellen oder Guiding von Anfang an automatisch abnimmt. Irgendwann schon, aber nicht am Anfang...
Viel Erfolg und vor allem CS!