Hallo Patrick,
Du hast einen großen Kombi, Platz zum Transportieren ist also kein echtes Problem und Du hast ein passables Budget, auch da ist also Spielraum. Du wirst Dich ein bisschen eingelesen haben und willst Dich nun hier umhören. Was also möchtest Du gerne hören? Ein Dobson bietet die größte Öffnung fürs Geld und ist an viele Einsatzzwecke anzupassen und wird deswegen hier gerne als Universalsempfehlung propagiert, mit der man nichts falsch machen könne. Im übrigen müsse man halt lernen mit den Nachteilen umzugehen und seine Bedürfnisse an diese Teleskopwahl anzupassen, das gelänge anderen schließlich auch. Das ist nicht grundverkehrt - aber wer sagt, dass das auch für Dich die beste Lösung sein muß? Wer sagt, dass Du nicht auch den Spiess umdrehen und versuchen kannst, umgekehrt die Teleskopwahl an Deine Bedürfnisse anzupassen?
Ich z.B. würde mich nicht nur von theoretischen Erwägungen und der Maxime maximaler Lichtsammelfähigkeit leiten lassen. Und ich würde mich auch nicht nur fragen, WAS will ich sehen und was macht und empfiehlt mir dazu der Mainstream. Sondern ich würde mich an erster Stelle fragen, WIE, d.h. auf welche Art will ICH beobachten, wie finde ich das am besten heraus, und was geht mit bestimmten Geräten NICHT oder NICHT SO GUT. Mit einem großen Dobson gehen zum Beispiel keine weiten Felder für große Nebel oder Übersichtsbeobachtungen, und nicht gut geht z.B. ein schwerer Binoansatz, der viel Backfocus und zwei Okulare braucht, an einer noch dazu wechselnden Einblickposition. Und mit "WIE" ist z.B. gemeint: wie gut und wie erreichbar sind meine Beobachtungsorte, wie liegt mir das Handling eines Geräts, gucke ich vorn oder hinten rein, im Sitzen, im Stehen, wieviel Aufwand mag ich treiben, (Optimieren, evt. sogar Umbauen, Auskühlen, Justage, Aufbau, Objekte finden), wieviel Gewicht und Zubehör herumschleppen, bis das Beobachten losgehen kann, und wie komfortabel soll es beim Beobachten selber zugehen. Will ich lieber schnell, oder spontan und auch mal zwischendurch ohne großen Aufwand gucken können, oder liegt mir eher der geplante Beobachtungsabend mit systematisch ausgewählten Zielen, oder wechselt das zwischen beidem. Werde ich eher breite oder eher spezielle Beobachtungsinteressen entwickeln, oder ist das nur phasenweise so? Will ich monokular oder binokular gucken, mit oder ohne Brille, motorisch oder händisch nachgeführt, azimutal, parallaktisch, mit Goto oder ohne. Wie sehr oder wenig stört mich ein Farbfehler, wie wichtig ist mir bei welchen Vergrößerungen ein weites Sehfeld oder hohe Randschärfe, bin ich detailversessen und liebe das Hochvergößern mit maximaler Öffnung an der Leistungsgrenze, auch wenn das Bild seeingbedingt zwischendrin mal wabert, oder genieße ich lieber den niedriger vergrößerten scharfen, brillianten und ruhigen Überblick einer umso hochwertigeren, aber dafür lichtärmeren weil kleineren Optik.
Weil man das alles unmöglich nur rein theoretisch abschätzen kann, sondern es für sich selbst im Vergleich gesehen und erprobt haben muß, würde ich vor einer Anschaffung immer unbedingt empfehlen: geh zu einem Teleskoptreffen, einem astronomischen Verein, einer ortsansässigen Sternwarte, oder finde private Sterngucker in Deiner Nähe u.s.w., hör Dich vor Ort um und lass Dir bei Nacht zeigen, was wie womit geht. Lern einzuschätzen welcher Aufwand für Dich vertretbar ist, welche Art Bildqualität Dir gefällt, was für ein Beobachtertyp Du bist, indem Du irgendwo mitbeobachtest oder leih Dir mal ein paar verschiedene Geräte aus. Justier und schubs einen Dobson, norde eine parallaktische Monti ein, probier den Unterschied zwischen parallaktischem und azimutalen Navigieren am Himmel, vergleiche das Aufsuchen mit einem Goto, teste, wie gut das Fokussieren klappt. Lerne zu erkennen, was eine gute Optik ist und überleg Dir, welche Eigenschaften Dir wieviel Geld wert sind und wo Du das Schwergewicht Deiner Investition platzierst: Montierung, Okulare, Teleskop. Manche sagen: ohne einen stabilen Unterbau ist alles nichts, eine Monti braucht ordentlich Stabilitätsreserve. Andere sind da toleranter, legen Wert auf geringeres Gewicht und kommen visuell auch mit längeren Ausschwingzeiten klar. Puristen ist das Suchen und Finden der Objektie eine besondere Herausforderung und Freude, andere haben weniger Zeit, begeistern sich für Goto und wollen danach nie mehr was anderes. Viele stören sich am Farbfehler eines Achromaten, einigen meinen, dass der im Grund nur an Mond und Jupiter relevant ist, und manche stören sich nicht einmal dort groß daran, weil ihnen die Vorzüge Preis, Gewicht, Auskühlverhalten und die sonstige Bildqualität attraktiv erscheinen, oder eine zeitlang tolerabel, bis was besseres herkommt. Nicht wenige wiederum sagen: Teleskope kommen und gehen, Okulare bleiben. Usw, usw.
Überleg Dir, ob auch Gebrauchtkaufen in Frage kommt. Statt nach der eierlegenden Wollmilchsau zu suchen überleg Dir, wo Deine Prioritäten liegen und wo Du Kompromisse machen kannst und wo nicht. Frag Dich, ob Du das mit ein oder besser zwei oder mehreren Geräten erreichen kannst und ob es von Anfang an eher der dickstmögliche Trümmer sein muß, oder auch ein Beginn mit klein, aber fein und evt. späterem Ausbau im Frage kommt. Ein mittlerer d.h. 6" Newton plus ein kleinerer leichter Halbapo für Schnellspechteln und Reise, mit dem man Planeten- oder Übersichtsbeobachtungen machen kann, während der Spiegel noch aukühlt, wären in Kombination und als GoTo m.E. einem 8" Dobson in punkto Anwendungsvielfalt klar überlegen. Und für die ganz große und schnelle Übersicht noch ein Fernglas dazu. Das alles sind aber Dinge, die nur Du selber klären kannst, und im Vorfeld einer konkreten Kaufentscheidung auch klären musst - niemand hier im Forum kann schließlich wissen, was Dir im Einzelnen mehr oder weniger zusagt, auch wenn sich manche Posts so lesen, als gäbe es im Grunde da gar nicht viel zu überlegen, und die einzig vernünftige Lösung läge auf der Hand und wäre sonnenklar ein Dobson. Die Wahrheit ist: viele Wege führen nach Rom, und Du mußt Deinen selber finden. Sobald Du etwas klarer siehst, welcher Gerätetyp oder welche Typen in Frage kommen, können Dir dann hier im Forum erfahrene User auch konkrete Tips bei der Auswahl geben und sagen, worauf man achten sollte und wo die unvermeidlichen Nachteile liegen, über die oft weniger gern geredet wird.. Und erst dann solltest Du entscheiden, wie Du Dein Geld auf welche Ausrüstungsteile verteilst.
Allerdings wird nicht jeder so bedächtig und effizient vorgehen wollen, es gibt auch ganz andere Strategien. Manche lieben den Aufwand, das große Tamtam (und brüsten sich damit gern vor anderen) manche ziehen eine kleine aufs unbedingt Nötigste reduzierte Ausrüstung vor (und genießen im Stillen). Manche sind einfach eher "Machertypen", die orientieren sich kurzerhand am Mainstream oder legen irgendwie los, und das möglichst bald. Auch mit so einer Hauruck-Strategie kann man weiter kommen und wird seine Erfahrungen machen. Nur kostet das nachträgliche Ändern und Herumprobieren vielleicht mehr Zeit und Lehrgeld, bis man am Ziel ist. Aber wer sich das leisten kann und will - warum nicht? Suum cuique.
Gruß,
Mathias