Erfahrungsbericht: Fernstudium „MSc Astrophysics“ an der Liverpool University

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Stefan81

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Ich möchte für Interessierte einen Erfahrungsbericht von meinem Fernstudium an der Liverpool John Moore University zur Verfügung stellen. Gestartet habe ich in 09/2018 und habe gerade das zweite Semester abgeschlossen. Insgesamt hat mir das Studium bisher recht gut gefallen, so dass ich das Programm auch einem breiteren Kries bekannt machen möchte.

Links:
https://www.ljmu.ac.uk/study/courses/postgraduates/astrophysics-msc
https://astronomy.ac.uk/msc

Kosten:
  • 180 credits (pro Modul 30 credits (4x) und 60 credits für Abschlussarbeit)
  • 43,35 GBP/credit in 2019 (35GBP in 2017, 37GBP in 2018) for EU citizen

Inhalte:
Ablauf der Module im Part-Time Studiengang:
  • WS (09-12): Astrophysical Concepts (Pflicht)
  • FS (01-04): Wahlfach 1
  • SS (06-08): Masterarbeit Teil 1
  • WS (09-12): Astronomical Techniques (Pflicht)
  • FS (01-04): Wahlfach 2
  • SS (06-08): Masterarbeit Teil 2

Wahlfächer: Cosmology, Time Domain Astrophysics, Numerical methods

Aufnahmekriterien:
  • Bachelor-degree in science, technology, engineering, mathematics
  • good physics knowledge, competence in maths
  • Reference from employer
  • English proficiency
  • Application letter

Bewerbungsdeadline:
Jeweils Ende Juli.

Schwierigkeitsgrad:
Die Kurse sind allgemein verständlich und mit gewissen astronomischen Vorkenntnissen hat man einen kleinen Vorsprung und vieles kommt einem bekannt vor. Mathematisch ist das Programm jedoch deutlich anspruchsvoller als die übliche Literatur für Amateure. Glücklicherweise liegt der Fokus jedoch nicht komplett auf Mathematik, sondern sie nimmt nur einen gewissen Teil ein. Die Tutorien-Aufgaben sind teilweise happig und nur schwer lösbar – die Klausuren waren aber wieder etwas einfacher, wenn man sich vorbereitet hat. Man sollte sich mathematisch auf jeden Fall in folgendem wohlfühlen: Ableiten, Integrieren, normale Herleitungen, selten Taylorreihen. Wer darauf gar keine Lust hat, sollte das Programm lieber meiden. Aber wie gesagt: es ist keine Herleitungsschlacht und für Bewerber mit „gesundem Matheverstand“ gut machbar.

Aufwand:
Die beiden bisher belegten Kurse sind vom Aufwand her neben meinem Berufsalltag schon nicht ganz einfach. Insgesamt ist schon viel Zeit notwendig, um sich die Thematik voll zu erarbeiten und die Prüfungen zu bestehen. Einfach „nebenher“ ist dies auf jeden Fall nicht möglich. Durch das Fernstudium kann man viele Aspekte aber gut „unterwegs“ lernen. Die Vorlesungen sehe ich beispielsweise mehrfach beim Bahnfahren an (aufgezeichnet). Man ist kaum an feste Termine gebunden.



Bisherige Vorlesungen:

Astrophysical concepts:

Inhalte:
Planets, Stars, Interstellar Matter, Galaxies, Cosmology (Introduction)

Beschreibung:
  • Planeten (Gravitation, Atmosphären, Erdähnliche Planeten, Gasriesen, Kleinkörper, Entstehung des Sonnensystems): Wenn man viele Vorkenntnisse hat, ist der Inhalt sehr einfach. Mathematisch gut machbar. Der Inhalt könnte gerne aktueller sein. Dieser Teil war mir persönlich zu einfach.
  • Stars (Zustandsgleichungen, Energie- & Strahlungs-Transport, Energiequelle, Sternmodelle wie Lane-Emden, Eddington-Models, Atmosphären, Entwicklung): Der Inhalt ist mathematisch recht anspruchsvoll. Geht auch inhaltlich viel tiefer als die übliche Literatur, die man als Amateur liest. War gerade in Hinblick auf Prüfung herausfordernd. Finde es im Nachhinein aber sehr gut, die Evolution der Sterne und das HRD richtig verstanden zu haben. Hat mir gut gefallen.
  • ISM (HII-Regionen, H2-Regionen, Dust, HI-Regionen, Sternentwicklung): Der Lehransatz ist etwas gewöhnungsbedürftig, da self-guided studies. Sehr viel zum Erarbeiten, wenn man alles voll verstehen möchte. Inhaltlich auch viele neue Aspekte, die mir nicht so bekannt waren und daher interessant. In Summe hat sich das Thema aber nicht als mein Steckenpferd erwiesen.
  • Galaxies (Typen, Strukturen, Bestandteile, Stellar Populations, Dynamics, Dark matter, Central Black hole): Weiter führend als Standardliteratur. Mathematisch mittelschwer. Kurs hat mir aufgrund vieler neuer Aspekte sehr gut gefallen.
  • Comology (cosmological principle, Dynamik, Expansion, Struktur, Dichte Parameter): Im Gegensatz zum Wahlpflicht-Kurs nur wenig mathematisch. Mit Vorkenntnissen kommt man sehr gut durch. War für mich eine gute Wiederholung und in Hinblick auf manche Aspekte auch neu bzw. für mich gut, mich auch in Details einlesen zu müssen.

Prüfung:

  • Vorklausur (30%): Auf Basis der Probeklausuren sehr fair und gut machbar (open book).
  • Hauptklausur (70%): Deutlich schwerer und nicht so dicht an Probeklausuren. Aber auch gut machbar, aber nicht alle Aufgaben lösbar – insbesondere durch Zeitbegrenzung (open book).


Time-domain astrophysics (etwa: das veränderliche Universum):
Inhalte:
History, Variable Sterne, Techniken, Radiative Transfer, Novae, Facilities, Supernovae, Gamma Ray Bursts

Beschreibung (nur manche Themen mit Prüfungsfokus):
  • History (kurze Einführung, was Time-Domain Astronomy eigentlich ist. Ursprünge und jüngste Entwicklungen): Leicht verdaulich.
  • Variable Sterne - Prüfungsschwerpunkt (Typen, Physikalische Modelle, Ein-Zonen-Modell und Erweiterungen, Periode-Leuchtkraft Beziehungen, Baade Wesselink): Gut verständlich aber auch mittel-mathematisch. In Hinblick auf Prüfung sehr herleitungs-lastig. Hat mir allgemein gut gefallen aber hätte mehr zu den verschiedenen Typen erklären können.
  • Techniken (wie beobachte ich, Unterschied zum statischen Universum, Strategien, Messmethoden): Auch leicht verdaulich. Ist die Vorbereitung für die Data Exercise.
  • Radiative Transfer - Prüfungsschwerpunkt (Equation of radiation transfer, Optically thin & thick case, spectra, stellar winds, P Cygni, mass loss, line formation, Sobolev): Der erste Teil gefiel mir didaktisch gut. Könnte etwas schwerer sein. Der zweite Teil war hingegen sehr formel-lastig und nicht so gut aus didaktischer Hinsicht.
  • Novae - Prüfungsschwerpunkt (Verlauf, MMRD, Binaries, Roche-lobe, Accretion, Nomoto, eruption processes, spectra, dust, recurrence, Quiescence, Populations, SN Ia): Mein Liebslingskurs. Inbesondere eine Forschungsvorlesung war echt super. Didaktisch exzellent aufbereitet. Hätte mathematisch etwas schwerer sein können.
  • Facilities (Übersicht über alle aktuellen und zukünftigen Observatorien, Liverpool Telescope und Nachfolger): Guter Überblick als Hintergrund. Sehr gut verdaulich. Leider war der Kurs nicht auf aktuellem Stand.
  • Supernovae – Prüfungsschwerpunkt (History, Energy generation, Classification, Explosion, Neutrinos, Mass dependence, SD vs DD, Light curve and Spectra of all types, Applications, Phillips, GRB): Sehr mathematisch. Didaktisch nicht so gut. Das Thema fand ich super und ich habe viel gelernt, aber der Aufbau müsste irgendwie studienfreundlicher sein. Hauptthema der Prüfung.
  • GRB (History, mechanism, explanations, models): An sich sehr interessantes Thema. Der erste Teil war noch gut verdaulich, aber der zweite Teil war dann sehr abstrakt und durch einen Theoretiker nicht so gut didaktisch aufbereitet.


Prüfung:
  • Literaturthema (25%): Auswahl aus ca. 15 Themen, die nicht im Kurs behandelt wurden. Ich hatte beispielsweise „Luminous Red Novae“ gewählt. Recht aufwendig durch die viele zu lesende Literatur, da dazu nichts in Büchern, sondern nur Papern steht.
  • Data Exercise (25%): Man musste die Daten des Liverpool Telescopes zu einer Supernova auswerten (Lichtkurve und Spektra). Anspruchsvoll, aber sehr interessant.
  • Final exam (50%): Mit Lernen gut machbar. Manche Aufgaben konnte ich aber nicht lösen. Zeitbegrenzung schränkte erneut ein (open books).

Masterarbeit
Ich konnte mich auf etwa 30 Themen bewerben. Habe meine Zweit-Wahl erhalten und werde nun die Distanz zu einer nah gelegenen Galaxie mittels IR-Daten von Cepheiden bestimmen und damit zur Erhöhung der Genauigkeit der kosmischen Entfernungsleiter beitragen. Ziel: Hubble-Parameter genauer eingrenzen. Ich bin gespannt…


Fazit:
Insgesamt gefällt mir das Programm sehr gut. Klar, manches könnte verbessert werden, wie der Austausch zwischen den Studenten (aber da könnte ich auch selbst mehr machen…), die Aktualität ist nicht in allen Kursen gegeben (war aber in meinem Chemie-Studium auch nicht anders) und das empfohlene Hauptbuch (Carroll & Ostlie: An Introduction to Modern Astrophysics) ist trotz neuer Auflage (2017) ziemlich veraltet.
Allerdings ist dieser Kurs einer der wenigen Möglichkeiten „nebenbei“ einen deutlich tieferen Einblick in Astronomie/Astrophysik zu erhalten. Das ganze mündet auch in einem echten Abschluss was eines der Kriterien für mich war – so motiviert man sich irgendwie leichter. Ich zwinge mich so leichter immer wieder dran zu bleiben und nach Abschluss der jeweiligen Module war ich rückblickend bisher immer glücklich. Außerdem nutze ich gerade sehr stark den freien Zugriff auf zahllose Journals und Bücher. Ich freue mich auf die kommenden Semester.



Alternative Programme: Während meiner Recherche hatte ich noch weitere Online-Kurse identifiziert (gibt aber bestimmt noch mehr):

MSc Astrophysics (University of Southern Queensland)
https://www.usq.edu.au/study/degrees/master-of-science/astrophysics

Master Astronomía y Astrofísica (Universidad International de Valencia)
https://www.universidadviu.es/master-astronomia-astrofisica/

BSc Astronomy (University of Central Lancashire)
https://www.studyastronomy.com/

BSc Natural Sciences (Astronomy & Planetary Sciences) (Open University)
http://www.openuniversity.edu/courses/qualifications/q64-ast
 
Hallo Stefan,

ich habe auch bereits ein Master-Fernstudium aus Großbrittanien hinter mir. Ich konnte dabei alle Prüfungen einfach an einem beliebigen Cambridge-Institute, die es in vielen deutschen Städten gibt, abhalten. Das war extrem flexibel. Lesungen und Tutorials konnte man online verfolgen und selbst auch fragen stellen.

Kannst Du vielleicht erläutern, wo und wie die Prüfungen abgehalten werden? Hat man (Pflicht-)Präsenzveranstaltungen?
 
Hallo Stefan,

man zahlt also ca. 9000 Euro Studiengebühren für ein zweijähriges Fernstudium?

Viele Grüße
Johannes
 
Hi Eichi,
das Studium läuft komplett ohne Präsenzveranstaltungen ab. Das Studium ist dadurch natürlich super flexibel und man bindet sich nicht sehr stark. Der Nachteil ist natürlich ein geringerer fachlicher Austausch mit anderen Studenten.
Austausch: In jedem Semester/Modul gibt es eine Chatgruppe, in der Themen besprochen werden können. Diese ist natürlich immer nur so gut, wie die Studenten auch interagieren. Im ersten Kurs war mehr los. Im letzten war es leider eher mau - ich hab mich dann verstärkt eingebracht.
Klausuren: Es gibt in jedem Kurs Prüfungen. Im ersten gab es zwei Klausuren. Diese wurden komplett online absolviert. Das heißt, die Klausuren konnten am Prüfungstag runtergeladen werden und man hatte dann die vorgegebene Bearbeitungszeit plus Zeit für Einscannen/Hochladen. Außerdem gab es in dem Kurs ein "Viva": Man macht einen Skype call mit einem Professor und erläutert ein paar Details der Klausur, um sicherzustellen, dass man das ganze selber geschrieben hat.
Hausarbeiten: Im zweiten Modul gab es eine Abschlussklausur (50%, s.o.), eine Literaturhausarbeit (25%) und eine Datenaufgabe. Die beiden letzteren Themen wurden gleich zu Beginn bekannt gegeben und man hatte ~2 Monate zur Bearbeitung. Es war aber ganz gut, im Kurs einen gewissen Fortschritt zu haben, bevor man sie startete.

Gruß
Stefan
 
Hi Johannes,

das kommt in etwa hin. Die Kosten decken sich in etwa mit anderen Fernstudiengängen (habe beruflich nen MBA in UK/Bradford gemacht). Wenn man das ganze beruflich braucht, kann man es bei der Steuer angeben und ~40% zurückkriegen. Ansonsten ist es selbst zu bezahlen.

Ist nicht wenig Geld. Aber ich dachte mir, dass es besser zu mir passt, als mein Geld in andere astronomische Projekte zu investieren (größeres Teleskop etc.). Ich wohne in einer Großstadt (Hamburg) und habe wenig Zeit, nachts ins Umland zu fahren und selbst zu beaobachten. Mit dem Studium bin ich meinem Hobby/interessensgebiet nah, lerne was, trage am Ende sogar zum Kenntnisstand bei. Daher war das mit dem Geld ok für mich. :-)

Gruß
Stefan
 
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