Februar 2026 - Das Sternentstehungsgebiet Sh2-132

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Im folgenden AdM geht es um die HII-Region Sharpless 132. Sie befindet sich im Grenzgebiet der Sternbilder Cepheus und Lacerta, innerhalb der Sternassoziation Cepheus OB 1. Bildautor ist Wilfried Hartmann. Ihm gelang dieses farbige Motiv am 21.07.2025 in Wien. Das Teleskop dazu war ein Takahashi Epsilon 130D mit 130 mm Öffnung und 430 mm Brennweite. Dazu kam als Kamera eine ZWO ASI2600MM-Pro zum Einsatz. Beim gezeigten Bild handelt es sich um eine Darstellung als HOO-Filterung, astronomisch sauberer formuliert als Hα für den R-Kanal sowie [O III] jeweils für den Grün- und Blaukanal. Auf die Einbindung von RGB-Belichtungen wurde verzichtet, nachdem sich herausstellte, dass diese eher ungeeignet waren. Stattdessen wurden die Sterne mit Hilfe eines geeigneten PixInsight-Scripts aus den Schmalbanddaten herausgearbeitet und farbkalibriert. Dieser Prozess führte zu einem deutlich besseren Ergebnis hinsichtlich der Sterne. Bei den verwendeten Filtern handelt es sich um Optolong-Filter für Hα (zentrale Wellenlänge 656 nm, Halbwertbreite 7 nm) und [OIII] (ZWL 500 nm und HWB 6,5 nm). Belichtet wurde 21 x 600 s mit Hα-Filter und 26 x 600 s mit [O III]-Filter.

Zur Bildbearbeituzng jetzt Näheres:

1. Arbeiten in PixInsight (PI)
1.1 Erzeugung der Masterlights aus den Einzelframes sowie den Bias-, Darks- und Flats-Daten
1.2 Gradientenentfernung
1.3 Generierung eines HOO-Bildes aus den Schmalbanddaten
1.4 Separation der Sterne vom Nebelgebiet
1.5 Erzeugung der farbkalibrierten RGB-Sterne aus den Schmalbanddaten und Streckung
1.6 Streckung des Nebelgebietes
1.7 Zusammensetzung des gestreckten Stern- und Nebelbildes unter Verwendung eines geeigneten PI-Scripts
2. Arbeiten in Adobe Photoshop
2.1. Finale Arbeiten an Luminanz sowie Kontrast

Das neu eingesandte Bild ist eine speichermäßig stark heruntergerechnete Preview, gut passend zu der für Astronomie.de vorgegebenen Maximalgröße. Es zeigt Norden etwa oben, Osten links. Der an zwei Sternen gleicher Rektaszension in Deklination gemessene Bildmaßstab ergab 1,801"/px, woraus sich ein Bildfeld von 2° 49' x 1° 52' ergibt.

Wichtig sollte es dem Astrofotografen sein, nicht nur bis dahin zu gehen, ein ihm gefälliges Bild zu schaffen, welches man in Foren und Medien präsentieren kann. Jedes Astrofoto (ich betone: jedes!) birgt astronomische Details, die in der Bildbearbeitung eine Rolle spielen und von daher immer mit berücksichtigt werden sollten. Daher jetzt zur Bildanalyse.

Was sofort auffällt, ist die räumliche Trennung zweier verschiedenfarbiger Nebelbereiche. Der nördliche Teil von Sh2-132 leuchtet überwiegend rot in den Wcllenlängen von Hα (656,3 nm) und [N II] (654,8 nm und 658,4 nm). Der Südbereich ist deutlich blau. Woran liegt das? Ähnliches finden wir im Trifidnebel M 20, wo der südliche Bereich stark in rotem Hα plus [N II] leuchtet, der Nordteil hingegen recht blau erscheint. Dieser nördliche Trifid-Bereich ist ein Reflexionsnebel mit einem hellen Überriesen des Spektraltyps A7 als Zentralstern. Ein A7-Stern erzeugt nicht genügend UV-Energie, um auch Trifid-Nord zur Hα-Emission bringen zu können. Daher kann nur das blaue Sternlicht des Zentralstern im Nebel gestreut und nach außen reflektiert werden. Wasserstoff könnte auch ionisiert werden, er liegt auch im blauen Trifid-Nord in neutraler Form in genügender Menge vor, aber zur Ionisierung fehlt eben ein heißer Stern, der Hα-Licht durch seine Ionisierungsenergie anregt.

Aber warum gehe ich auf den Trifidnebel ein? Um den geht es in diesem AdM doch gar nicht - oder? Doch, denn der relativ strukturlose blaue Trifid-Nord mit einigen Dunklelsträhnen in der Sichtlinie ist ein Musterbeispiel für einen Reflexionsnebel und dient uns hier zum direkten Vergleich mit Sh2-132-Süd. Was ist also in Sh2-132-Süd anders? Das AdM zeigt in Sh2-132-Süd ganz eindeutige Bögen und Filamente. Solche Strukturen können nur von heißen, massereichen Sternen erzeugt werden. Deren Spektraltyp liegt stets im Bereich O bis B2. Gibt es in Sh2-132-Süd einen solchen Stern? Die Antwort: Ja, sogar mehrere. Aber die Frage ist noch weiter zu stellen: Welche Sterne sorgen in Sh2-132 insgesamt überhaupt für Ionisierung und damit Lichtemission?

Zunächst zum roten Nordbereich. Schauen wir ins Zusatzbild, eine 29%-ige Verkleinerung des AdMs. Hier ist BD+55°2722 markiert, ein 10,15 mag heller, heißer, junger Stern (zufällig auch vom Spektraltyp O7), der genügend UV-Energie für die Nebel-Ionisierung aufbringt. Und noch ein zweiter Stern kommt hinzu: HD 211853, ein 9,24 mag heller heißer Wolf-Rayet-Stern (WR) vom Typ WN6 (reich an Stickstoff). Er erzeugt einen starken Sternwind und kann so Nebelfilamente durch die Szenerie pusten. Ein solches breites Filament zieht sich etwa 10' südlich des WR-Sterns in leichtem Bogen von Ost nach West (gelb markiert).

Zum Sh2-132-Süd jetzt weiter im Zusatzbild bleiben. In der Datenbank Simbad bin ich auf drei Sterne gestoßen, die für eine Anregung und Ionisierung dieses Nebelbereichs sorgen können. Da ist zunächst HS 211564, ein WR-Stern von 11,61 mag mit dem Spektraltyp WN3 (reich an Stickstoff). Er sitzt als maßgeblich anregender und Wind verursachender Stern völlig richtig am Platz, nämlich in dem blauen, runden Filamentkreis, Genau in diesem Kreis sitzen noch zwei weitere Sterne mit hohem Energieausstoß: LS III +55°29 mit 10,59 mag. Als Stern des Spektraltyps B kommt auch er für die Ionisierung des Nebelgebiets in Frage. Und der Dritte in diesem Filamentkreis: BD+54°2726 mit 9,42 mag und Spektraltyp B1.5. Weitere Ionisationskandidaten habe ich nicht gefunden, aber die genannten reichen ja aus, so dass Sh2-132-Süd tatsächlich ein Emissionsnebel ist, natürlich mit Reflexionsanteilen in seinem Licht.

Nun könnte man entgegnen: Aber es wurde doch durch einen [O III]-Filter fotografiert, von daher muss es doch blaues [O III]-Licht sein. Falsch argumentiert! Ein [O III]-Filter lässt nicht nur reines [O III]-Licht durch sein Transmissionsfenster, sondern noch einen breiten Spektralanteil an kontinuierlichem Blaulicht. Deshalb lassen sich (blaue) Reflexionsnebel ja auch gut mit [O III]-Filtern dokumentieren - schon einmal versucht?

Wie weit ist Sh2-132 als H II-Region entfernt? Die genannten fünf anregenden Sterne stehen als Emissionsverursacher sicherlich im Nebel selbst: Ihre Entfernung ist demnach gleich der Nebelentfernung. Für sie habe ich die gemessenen Gaia-Parallaxen herausgesucht, werde sie aber jetzt nicht aufzählen. Der Mittelwert der Parallaxen beträgt 0,221 Millibogensekunden (mas), so dass sich eine Entfernung von 4525 pc = 14.760 Lj ergibt. Das ist deutlich weiter als üblicherweise mit rund 10.000 Lj angenommen. Aber ich denke, dass die Gaia-Parallaxen verlässslich sind.

Im Bildfeld finden sich noch andere interessante Objekte, so z.B. der helle Rote Überriese RW Cephei, ein Veränderlicher. Er steht im östlichen Teil von Sh2-132. Als solcher Exot leuchtet er tief orange. Direkt 1,5' südwestlich von RW Cephei (rechts unterhalb) entdeckt man den sternarmen, lockeren offenen Sternhaufen Berkeley 94. Wahrscheinlich sind in dem dichten Materal von Sh2-132 noch andere Sternhaufen entstanden, aber man "blickt da nicht durch". Auffällig ist auch der nach Westen zeigende Nebelsporn, oberhalb davon liegt die große runde Dunkelwolke LDN 1150.

Anmerkungen: Was mir an diesem AdM sehr gefällt, sind die Sternfarben. Wilfried Hartmann zeigt hier eine Aufnahme, welche die Sternfarben mindestens so differenziert und natürlich wiedergibt wie eine sauber kalibrierte RGB-Aufnahme. Das ist absolut nicht selbstverständlich, weil ja nur zwei schmale Bandbereiche für die Berechnung der Farbindizes zur Verfügung stehen. Da müsste man in den Quellco0de der entsprechenden App schauen können ... Aber das Ergebnis beweist, dass die Entwickler von PixInsight den richtigen Weg für eine Farbkalibrierung der Sterne gefunden haben - auch für Schmalbandfilter.

Als Objektkoordinaten gebe ich unten diejenigen an, die ich für den Nebelschwerpunkt aus diesem AdM in Aladin ablese. Dabei findet die größere Nebelausdehnung im Blaubereich bessere Berücksichtigung. Dieser Wert ist anders als der in Simbad angegebene Wert (22 h 19 min 09 s, +56° 04' 45"), der eindeutig zu weit im roten Nebelteil liegt. Diese Freiheit gönnen wir uns als Amateure ruhig einmal …

Ansonsten hat Wilfried Hartmann eine techniasch saubere Leistung hingelegt. Dafür einen ganz herzlichen Dank und die Gratulation des AdM-Teams zum Astrofoto des Monats Februar 2026!



Peter Riepe
Bildautor: Wilfried Hartmann



Koordinaten (J2000.0) von Sh2-132:
RA = 22 h 18 min 44 s, Dec = +55° 54' 21"



Vollbild unter: https://www.astronomie.de/aktuelles...te/februar-2026-erscheint-am-freitag-den-0602


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Hallo Peter,

eine wunderbare Aufnahme und ein wie immer sehr schöner Kommentar von Dir. Bezogen auf den Charakter des blauen Nebenanteils ist mir jedoch etwas aufgefallen. Du kennst vermutlich den fotografischen Atlas "An Emission Line Survey of the Milky Way", NASA-Publikation SP-434 aus dem Jahr 1979. Dort finden sich schmalbandige Aufnahmen entlang der Milchstraße in den Wellenlängen 6736, 6570, 5010, 4864 und 4225 Å. Letztere Wellenlänge erfasst nur Kontinuumstrahlung, die übrigen sind ja bekannt.

Auf Seite 10 sind Aufnahmen vom Trifid-Nebel abgebildet. Und ja, Du hast vollkommen recht, der blaue Anteil des Trifidnebels leuchtet im Kontinuum bei 422,5 nm und bei den [OIII]-Linien ungefähr gleich stark, vielleicht sogar im Kontinuum etwas heller.

Ganz ander jedoch bei Sharpless 132, der auf Seite 67 zu sehen ist. Der südwestliche, blaue Teil des Nebels leuchtet bei [OIII] intensiv, auch bei Hα, schwach bei Hß und [SII], aber überhaupt nicht im Kontinuum bei 422,5 nm. Wir haben es dann wohl doch ausschließlich mit Emssion zu tun.

Viele Grüße
Jürgen
 
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