Wie mir mitgeteilt wurde, gab es dann lange Gesichter heftige Diskussionen im Vorstand
da kann man ja von Glueck sprechen, dass Zeiss seinen Laden nicht gleich dicht gemacht hat, nachdem sie einen Blick durch das Hartmann werfen konnten
Vermutlich konnte der Vorstand gerade noch vom kollektiven Selbstmord abgehalten werden. Bei Firmen wie Zeiss zwingt man solche Leute lieber mit Geld dazu, in Rente zu gehen: das ist dann entgegen landläufiger Meinung keine Abfindung, sondern Schweigegeld. Aber Ernst beiseite:
Da es in der Optik keine Zauberei gibt, muss es einen Grund dafuer geben, dass die alten Hartmanns so gut waren
In den 50iger und 60iger Jahren gab es in der Gegend Wetzlar/Gießen bis rauf nach Kassel eine Menge kleiner Firmen, denen es gelang, Ferngläser "aus einem Guss" zu entwickeln und herzustellen, deren hervorragende Qualität (für damalige Verhältnisse) auf breiter Front vergleichbar war. Das waren Hertel&Reuss, Beck, Leitz, Schütz, Hartmann und andere. Zeiss (West) hatte damals nur als nationales Prestige-Objekt, aber keineswegs optisch eine Sonderstellung. Leider haben diese Firmen es vorgezogen lieber einzeln Pleite zu gehen, als rechtzeitig zu kooperieren und sich zusammen zu schließen. Leitz/Leica ist immer noch im permanenten Prozeß des "Pleite-gehens".
Ferngläser "aus einem Guss", optisch, mechanisch, haptisch - das ist die "Zauberei", der z.B. Zeiss, seit den Zeiten der Dialyts (West) und Nobilems (Ost) mit einigem Abstand hinterher läuft (vielleicht garnicht mal mehr ernsthaft).
Einige Modelle aus der Leica Trinovid Serie würde ich noch so nennen ("aus einem Guß" - möglicherweise ein Grund dafür, dass es noch Leica Ferngläser gibt).
Schade, dass es das Potential und das Know How, das in den kleinen Firmen steckte nicht mehr gibt. Der politische Wille und die entsprechenden Maßnahmen, mit Zeiss West unter allen Umständen ein Gegengewicht zu Zeiss Jena entstehen zu lassen, hat sicherlich auch, wenn nicht sogar entscheidend, dazu beigetragen.
Dass wir hier manchmal über eine singuläre Eigenschaft eines Fernglases diskutieren ist eine Sache, die aber nicht entscheidend ist. Hält man das Produkt in Händen und schaut durch dann entscheidet meist das Gefühl, ob es ein rundum durchdachtes und durchkonstruiertes Fernglas ist.
Bei den modernsten Gläsern hat man immer weniger dieses gute Gefühl - das liegt aber nicht nur an den Herstellern, sondern auch an den wachsenden Ansprüchen des Käufers. In den 50igern und 60igern war ein Spitzenfernglas so etwas Besonderes, Seltenes und Teures, dass die Kundschaft durchaus bereit war, sich ohne Murren dem Produkt anzupassen. Z.B. die Aussage "das ist aber schwer" war damals Anerkennung und nicht Kritik.
Man sollte aber die Kirche im Dorf lassen und neben aller nostalgischen Bewunderung (und Sammlerwut) eingestehen, dass diese alten Ferngläser natürlich den modernen Ansprüchen an Optik und Mechanik nicht mehr gerecht werden können und den heutigen Gebrauchsgepflogenheiten auch nicht lange widerstehen, wenn man sie denn entsprechend benutzt. Schließlich gab es damals zu jedem dieser Gläser einen mit Samt ausgeschlagenen Schönwetter-Köcher.
Walter Wehr