2. Formfaktor/Konstruktion
Öffnung
Je Größer die Öffnung, desto mehr Licht fällt in das Fernglas und desto größer und schwerer wird es. Zusammen mit der Vergrößerung bestimmt die Öffnung die Austrittspupille (s. o.)
Bauweise (Porro-/Dachkantprismen)
Porro: Benannt nach Ignazio Porro, dem Erfinder des Systems. Von außen erkennbar am „geknickten“ Strahlengang. Vorteile sind geringere Herstellkosten, einfacheres Prinzip, tendenziell weiteres Sehfeld und höhere Transmission.
Dachkant: Benannt nach dem Dachfirst-fömigen Strahlengang im Prisma. Eine zusätzliche Reflektionsfläche, dadurch mehr Verluste. Die Präzision muss für Dachkantprismen im Vergleich zu Porroprismen extrem hoch sein, sonst gibt es Qualitätsverluste. Vorteile: deutlich leichter und kompakter, nähere Nahgrenze
Ich habe gemerkt, dass in den Geschäften, in denen ich war, locker 80% Dachkantgläser in den Regalen standen. Die Kompaktheit dieser Gläser scheint die Porroprismen ins Abseits zu stellen. Ich habe die Vermutung, dass die These mit der einfacheren Herstellung und der damit verbundenen besseren Qualität von Porro-Gläsern gleicher Preisklasse in der Vergangenheit zutraf und heute (mit fortgeschrittenen Produktionsverfahren) nicht mehr so zutrifft, wie noch vor 10 Jahren. Es mag sein, dass die besten Porros optisch besser sind als die besten Dachkants, aber der Trend geht zum Dachkant. Auch für mich ist die Kompaktheit (inzwischen) ein stechendes Argument geworden, das leider mit dem großen Sehfeld konkurriert. In der Disziplin scheinen die Porros die Nase vorn zu haben. Ich habe mich trotzdem dazu entschieden, ein Dachkantglas, eben mit größtmöglichem Sehfeld, zu bevorzugen.
Vergütung (Mehrfach, Voll-Mehrfach)
Bis das Licht aus dem Okular austritt und dem Auge zur Verfügung gestellt wird, passiert es eine Anzahl Linsen und die Prismen. An jedem Übergang zwischen Luft und Glas wird ein Teil des Lichtes reflektiert, der am Ende dem Bild fehlt. Je geringer diese Verluste sind, desto heller wird das Bild erscheinen. Um diese Reflexionen zu minimieren werden die Linsenoberflächen vergütet, d.h. es wird eine (oder viele) Schichten aufgetragen, die nicht nur die Reflexe vermindern, sondern auch Farbfehlern entgegen wirken sollen. Stand der Technik ist wohl die sogenannte „Mehrschichtvergütung“ („Multi-Coating“), bei der mehr als eine Schicht auf die Linsen aufgetragen wird. Ein Glas, das diesen Zusatz trägt, hat mindestens eine dergestalt vergütete Luft-Glas-Übergangsfläche. Sind alle Übergangsflächen vergütet, spricht man von einer „Vollvergütung“. Das non-plus-ultra sind also „volle Mehrschichtvergütungen“. Leider sagen diese Werbeschlagworte nichts weiter über die Qualität bzw. die Effizienz der Vergütung aus.
Beim Blick in das Objektiv schimmern die verbleibenden Reflexe aufgrund der Vergütung der Linsen oft grünlich, violett oder rötlich. Wenn hauptsächlich eine Farbe bei den Reflexen aller Linsen vorherrscht, bedeutet das, dass diese Farbe am meisten von den Linsen zurückgeworfen wird. Dies resultiert in einem Farbstich in die entgegengesetzte Richtung (Blaue Vergütungen #61664; orange/gelbstichiges Bild) ideal wäre sozusagen, wenn die Linsen Reflexe in verschiedenen Farben aufweisen, somit ist das Resultat weitgehend frei von Farbverschiebungen.
Darüber hinaus scheinen die Hersteller teilweise richtig tief in die Trickkiste zu greifen. Über Minox habe ich gelesen , dass das Spektrum scheinbar künstlich ausgedünnt wird, weil die einzelnen Farben dann vom Auge intensiver, mit erhöhtem Kontrast wahrgenommen werden. (
http://opticsthoughts.com/index.php...ws/16-meopta-meostar-7x42-vs-minox-bd-7x42-br)
Stand der Technik ist eine volle Mehrfachvergütung des Fernglases. Dies ist allerdings nicht allein ausschlaggebend für eine gute Bildqualität. Ähnlich wie die Megapixel im Digicambereich ist die Aussage zu einer Marktetingaussage geworden, so dass viele Hersteller einfach eine Hand voll Schichten auf jede Linse aufdampfen, um ihr Glas „voll mehrfachvergütet“ nennen zu können. Über die Qualität der Vergütung sagt dies noch nichts aus. Es heißt also: selber durchgucken und ausprobieren.
Austrittspupillenabstand
Je nach Konstruktion des Fernglases ergibt sich ein optimaler Abstand zwischen Auge und Okular, der Austrittspupillenabstand, oder auch Pupillenschnittweite. Dieser sollte für Brillenträger nicht zu klein sein, denn die Brille benötigt schon etwa 15 bis 20mm Raum vor dem Auge. Für die Nutzung mit Brille lassen sich die Augenmuscheln häufig einfahren oder umfalten, damit das Okular näher zur Brille rücken kann. Sollte der Dioptrinausgleich für eine Nutzung ohne Brille nicht ausreichen, z.B. weil die Differenz der Augen zu groß ist, oder eine Winkelfehlsichtigkeit vorliegt, muss der Austrittspupillenabstand groß genug sein, um mit Brille einen guten Einblick zu haben. Ich habe gelesen, ein Abstand von über 17-20mm sei für Brillenträger geeignet.
Ich bin zwar Brillenträger, aber ich schaue am liebsten ohne Brille durch ein Fernglas. Ich mag die bessere Abschattung der Okulare durch die ausgefahrenen Augenmuscheln, und das Gefühl, das Fernglas gegen meine Augenhöhle lehnen zu können. Ich habe auch das Glück, dass sich meine Augen in ihrer Fehlsichtigkeit kaum unterscheiden, so dass ich den Dioptrinausgleich beinahe bei Null stehen lassen kann.
Materialien
Man sagt BaK-4-Prismen bessere Eigenschaften nach als BK-7-Prismen, auch wenn dies nicht allein zu einem besseren Bild führt. Die Reflexionseigenschaften der BaK-4 Prismen am Rand des Sehfeldes sollen besser sein, was sich bei optischen Geräten mit einem Brennweiten-Öffnungs-Verhältnis von kleiner f5 bemerkbar macht (also insbesondere bei Ferngläsern). Man sieht dies an einer rautenförmigen Abschattung der Austrittspupillen. (BaK Barium-Kronglas, BK = Bor-Kronglas)
Genauso gibt es für die Linsen die hochdichten Gläser für niedrige Dispersion (Bezeichnungen "HD", "ED", etc.)
Ich denke, man muss sich wegen solcher Eigenschaften nicht unbedingt große Gedanken machen, solange man sich ein Glas aussucht, indem man selbst hindurchsieht. Die Bildqualität hängt an vielen weiteren Faktoren, diese Spezialitäten sind nur ein Teil davon. Allerdings muss ich zugeben, es scheint, dass sich die Fachwelt weitgehend einig ist über die Vorteile von BaK-4-Glas und ED-Linsen, so dass es mich wahrscheinlich schon stören könnte, wenn mein Glas das nicht hätte. Das ist völlig irrational, aber bei manchen Dingen kann ich mich gegen soetwas nicht wehren. Ich werde dennoch versuchen, mich nicht von den Werbeversprechen beeinflussen zu lassen, solange der restliche Eindruck stimmt. ;-)
Größe/Gewicht
Das Gewicht eines Fernglases wirkt sich bei verschiedenen Aspekten aus. Offensichtlich dürfte sein, dass die Transportabilität unter einem hohen Gewicht leidet. Wer trägt schon gern unnötigen Ballast mit sich herum? Auch wenn viele Hersteller inzwischen angenehm breite Neoprengurte mitliefern, macht sich ein hohes Gewicht im Nacken bestimmt bald negativ bemerkbar. Aber auch einer langen Beobachtungsnacht im Liegestuhl steht das Gewicht gegenüber. Man muss das Fernglas die ganze Zeit festhalten, was auf die Dauer ermüdet. Ein anderer Gedanke ist allerdings, dass ein höheres Gewicht auch das Verwackeln dämpft und somit stabilisierend wirkt.
Für die Größe gilt analog das gleiche wie beim Gewicht. Ein großes Fernglas kann man weniger gut transportieren, dafür ist evtl. das Handling besser, weil die Hände es bequemer greifen können. Dies ist sehr subjektiv und muss individuell festgestellt werden. Porro-Gläser sind aufgrund ihrer Bauform generell größer als Dachkantgläser, jedoch deswegen nicht unbedingt unhandlicher. Man liest häufig den Hinweis, dass das beste Fernglas dasjenige ist, das man am häufigsten nutzt. Ein kleines Glas hat man auch gern mal nur für den Fall der Fälle dabei.
Gewicht und Größe ergeben sich natürlich aus den gegebenen Eigenschaften des Fernglases, ein 10x50 wird größer und schwerer sein, als ein 8x30. Das Gewicht und die Größe sollten also auch in Erwägung gezogen werden bei der Entscheidung über Vergrößerung und Öffnung.
In meinen Augen überwiegen die Nachteile eines hohen Gewichts deutlich! Je leichter desto besser, solange nicht die Qualität der Optik und des Gehäuses darunter leidet. (Ich habe ein Nikon Kit-Objektiv mit Kunststofflinsen, das ist wunderbar leicht, bildet aber furchtbar ab...) Bei der Größe ist meine Tendenz nicht so drastisch, aber insgesamt ist mir ein eher mittleres bis (nicht zu) kleines Format deutlich lieber. Ich lege inzwischen mehr Wert auf Transportkomfort als auf ideale Handlichkeit, solange das Glas ausreichend gut in meinen Hände passt.
"Handling"
Im direkten Bezug zu Größe und Gewicht steht das Handling des Fernglases, das extrem subjektiv, von jedem anders wahrgenommen wird. Dem einen liegen die größeren Porro-Gläser besser, weil sie mehr Platz für die Finger bieten, der andere mag Dachkantgläser, weil sie so gut von den Händen umschlossen werden können. Es ist also eine Frage der Handgröße und persönlicher Vorlieben. Dennoch sollte jeder für sich entscheiden, ob der Fokus gut erreichbar ist, der Dioptinausgleich ausreichend schwergängig und doch gut verstellbar ist, das Glas sich angenehm auch für längere Zeit halten lässt, die Oberfläche angenehm griffig ist etc.
mechanische Qualität, "Robustheit"
Ein Fernglas ist ein optisches Instrument und sollte entsprechend pfleglich behandelt werden. Allerdings ist ein Fernglas auch ein Gerät, das man häufig mitnimmt und „mal eben“ zur Hand nimmt, so dass es durchaus zu Stößen und Stürzen kommen kann. Dabei kann ein Fernglas Schaden nehmen, nämlich dass es durch diese Stöße dejustiert wird. Die Ausrichtung der optischen Achsen beider Tuben könnte z.B. abweichen.
Eine robuste Konstruktion ist hilfreich solche Schäden zu vermeiden. Leider kann man diese Robustheit dem Glas von außen nicht oder nur schwer abschätzen. Hier ist man auf Langzeiterfahrungen von Nutzern angewiesen oder auf die Expertise erfahrener Fernglaskenner.
Neben der inneren, schwierig zu bewertenden Qualität spielt auch die Schnittstelle Mensch-Gerät eine Rolle. Der Fokus arbeitet leichtgängig und spielfrei, die Knickbrücke lässt sich nicht zu leicht, dennoch sanft und gleichmäßig verstellen, nichts knarzt oder bewegt sich durch festeres Zupacken. Dies sollte sich auch nach jahrelangem Gebrauch nicht ändern.
Mir geht es bei solchen Gerätschaften immer so, dass mich eine gewisse Freude und Zufriedenheit beschleicht, wenn ich solch solide gefertigten Geräte (nicht nur Ferngläser) in die Hand nehme. Spiel im Fokus bemerkt man bei jeder Einstellung negativ.
Diese Dinge lassen sich schnell feststellen, wenn man das Fernglas in die Hand nimmt. Weil aber die inneren Werte schwer abzuschätzen sind, lege ich Wert darauf, auf bekannte Hersteller mit gutem Ruf zu setzen. So kann es zwar sein, dass mir das eine oder andere unbekannte Schnäppchen durch die Lappen geht, aber ich kann mein Fernglas mit einem guten Gefühl in den Rucksack packen. Meistens geben die Hersteller, denen ihr guter Ruf auch am Herzen liegt, auch eine erweiterte Garantie über die gesetzliche Gewährleistung hinaus. Es fühlt sich schonmal gut an, wenn der Hersteller den Eindruck erweckt, Vertrauen ins eigene Produkt zu haben. Hier werde ich doch ein wenig zum „Markenschwein“.
Dichtigkeit
Vor allem Dachkantgläser wegen ihres meist innenliegenden Fokussystems, aber auch immer mehr Porro-Gläser sind wasserdicht und mit Stickstoff gefüllt, was sich bei diesen leider häufig in einem schwergängigen Fokussystem niederschlägt. Die Füllung mit trockenem Stickstoff soll ein Beschlagen der Linsen von innen vorbeugen, wenn das Fernglas stärkeren Temperaturschwankungen ausgesetzt ist. Eine Wasserdichtigkeit bedeutet auch, dass Staub und Schmutz nicht ins Innere des Fernglases kommen kann.
Wasserdichtigkeit wird bei rein astronomischer Nutzung nicht im Vordergrund stehen, denn bei Regenwolken sieht man nicht mehr viel vom Himmel. Weil ich das Glas aber auch auf Wanderungen mitnehmen möchte, brauche ich mir bei einem wasserdichten Glas keine Sorgen um das teure Gerät machen, und eine Reinigung bei Verschmutzung stellt sich auch leichter dar. Es ist also für mich kein K.O.-Kriterium, aber Vorteile sehe ich schon.