JBeisser
Aktives Mitglied
Hallo zusammen,
das unbeständige Wetter der letzten Monate ermöglichte praktisch keine Astrofotografie, sofern man wie ich über keine fest installierte Sternwarte verfügt, in der die Geräte schnell einsatzbereit sind. Mit einem Fernglas kann man zwar auch gut die Wolkenlücken oder den klaren Himmel nach Abzug einer Regenfront ausnutzen, ist aber hinsichtlich der Maximalvergrößerung eingeschränkt. Daher kam in mir der Wunsch nach einem Schnellspechtelteleskop (SST) auf, welches ruckzuck aus dem Geräteschuppen geholt werden kann. Zwar habe ich bereits einen 12" Gitterrohrdobson, aber dieser will auch erst einmal zusammengeschraubt und justiert werden und muss sich, da er im Haus aufbewahrt wird, an die Außentemperatur anpassen. Vor rund anderthalb Wochen bin ich auf eine Internetauktion gestoßen, in der ein Vixen 80M Achromat (aus japanischer Fertigung) samt azimutaler Porta II Montierung, Stativ, Klappspiegel, Peilsucher und zwei Plössl-Okularen angeboten wurde. Den Zuschlag habe ich zu einem Preis erhalten, der deutlich unter dem eines guten Weitwinkelokulars liegt.
Gestern riss endlich einmal der Himmel auf und ermöglichte ein First Light. Zum Refraktor selbst, es handelt sich um einen 80/910 mm Fraunhofer, also f/11,4, muss sicherlich nicht viel gesagt werden. Man vermutet zunächst einmal eine recht gute Auflösung, aber auch einen erkennbaren Farbfehler bei höheren Vergrößerungen. Zunächst musste Capella herhalten, zwar nicht vom Spektraltyp O, B oder A, aber dafür sehr hell. Die beiden mitgelieferten Vixen NPL Okulare, klassische Plössls mit 20 und 6 mm Brennweite, lieferten eine 45- bzw. 150-fache Vergrößerung. In beiden Okularen waren fokal keine Farbsäume zu erkennen, wohl aber die Tatsache, dass auch ein kleiner Achromat einer Temperaturanpassung bedarf, wenn er aus der warmen Wohnung kommt. Nach ca. 30 Minuten wurden die Beugungsringe um das Airy-Scheibchen herum stabiler, und der erste Beugungsring war blickweise komplett geschlossen zu erkennen. Rigel (dazu noch weiter unten) zeigte sich auf Grund der atmosphärischen Dispersion noch recht verzerrt und ja, hier war aus demselben Grund auch Farbe zu erkennen. Als nächstes war der Mond im ersten Viertel an der Reihe. Bei 45-fach wirklich knackscharf und ohne Farbsäume. Jetzt wurde es Zeit für etwas Deep-Sky, trotz des Mondes, und für einige Doppelsterne. Zunächst der Polarstern, der mit einer azimutalen Montierung natürlich sehr gut zu erreichen ist. Der Begleiter zeigte sich relativ weit entfernt von Polaris, aber recht lichtschwach. Castor bei 150x hingegen bekanntermaßen mit gleich hellen Komponenten, aber trotz der engen Distanz mit sehr viel "Luft" dazwischen, gar kein Problem für den 80er. Dann ging es zu Epsilon Lyrae. Dieser Stand schon etwas tiefer und über dem Hausdach, war aber auch kein großes Problem. Zum Entspannen habe ich mich dann den offenen Sternhaufen im Fuhrmann und in den Zwillingen zugewandt. M 37 bei 45x nicht so eindrucksvoll wie im Achtzöller, aber dennoch eine stattliche Anzahl von Einzelsternen erkannt. M 38 und M 36 demgegenüber prachtvoll, genau wie M 35. M 15 habe ich nicht mehr gefunden, da er schon zu tief und in der Lichtglocke von Bremen stand. M 1 machte dann den Abschluss, zwar schwach und strukturlos, aber doch deutlich zu sehen. Weiter ging es wieder mit Doppelsternen. Rigel machte inzwischen vom Beugungsbild her eine bessere Figur als am Anfang, aber der Begleiter war dennoch nicht mit Sicherheit auszumachen. Manchmal schien ein schwaches Pünktchen neben ihm aufzublitzen, aber ich möchte nicht wirklich behaupten, ihn gesehen zu haben. Wenn der Orion höher steht, werde ich es sicherlich wieder versuchen, auch mit anderen Okularen bzw. einem richtigen Zenitspiegel anstatt des Klappspiegels. Ein weiterer Doppelstern, Eta Geminorum (Propus) stand auch auf meiner Liste, aber widersetzte sich allen Bemühungen, den schwachen Begleiter zu sehen. Hier wird es interessant sein, zu prüfen, wie er sich im Achzöller oder im Zwölfzöller zeigt. Bevor die Wolken wieder den Himmel zurückeroberten, habe ich noch einmal den Mond mit 150-facher Vergrößerung angeschaut. Er war wegen der kleinen Öffnung schon ungewohnt dunkel, verglichen mit einem größeren Teleskop. Kraterränder und Schlagschatten der Zentralberge und Mondgebirge erschienen immer noch recht scharf, wobei ich vermute, dass das Optimum der Erkennbarkeit von Details bei einer Vergrößerung zwischen 90- und 110-fach liegen dürfte. Farbe war niemals störend und zeigte sich lediglich am Mondrand in Abhängigkeit vom Einblickwinkel ins Okular. Somit dürfte es sich hier eher um eine Eigenschaft des Okulars und nicht des Objektivs gehandelt haben.
Insgesamt bin ich recht angetan von der Neuerwerbung, die aber trotz des guten Herstellernamens einige deutliche Schwachstellen aufweist:
1. Der Peilsucher ist konstruktiv misslungen, da er einem Wackeldackel ähnelt und der Leuchtpunkt viel zu hell ist. Ein vergleichbarer William oder Starlight Instruments Peilsucher (alle aus chinesischer Produktion) ist erheblich besser
2. Das Aluminiumstativ mit dem Rechteckprofil ist für höhere Vergrößerungen und bei Wind ziemlich ungeeignet. Schwingungen klingen erst nach mehreren Sekunden ab. Inzwischen wird die Porta II aber offenbar mit einem deutlich stabileren Stativ ausgeliefert
3. Die Wellen für die Feinbewegung der Montierung in Höhe und Azimut sind aus Kunststoff gefertigt. Es dürft eine Frage der Zeit sein, bis diese brechen und durch vernünftige Wellen ersetzt werden müssen.
Positiv ist zu vermerken, dass das Teleskop und auch die komplette Kombination im unteren Vergrößerungsbereich uneingeschränkt empfohlen werden können. Die Sterne zeigen sich nadelscharf und farbrein. Dank der Verfügbarkeit günstiger weitwinkliger Okulare kann auch ein 80/910 mm ein Richfielder sein. Am Tage habe ich die Kombination mit einem APM 2" Zenitprisma und 33 mm SWAN Okular (70°) getestet, diese funktioniert gut. Ein 23 mm Celestron (82°) funktionierte wegen starker Vignettierung allerdings nicht.
Als Fazit für den optischen Tubus allein ergibt sich für mich persönlich, dass sich der Mehrpreis eines Apochromaten in diesem Öffnungsbereich für die visuelle Beobachtung allein nicht lohnen würde. Wenn es um Astrofotografie oder den Transport als Handgepäck im Flugzeug geht, sieht die Sache natürlich schon wieder anders aus.
Viele Grüße und viele klare Nächte
Jürgen
das unbeständige Wetter der letzten Monate ermöglichte praktisch keine Astrofotografie, sofern man wie ich über keine fest installierte Sternwarte verfügt, in der die Geräte schnell einsatzbereit sind. Mit einem Fernglas kann man zwar auch gut die Wolkenlücken oder den klaren Himmel nach Abzug einer Regenfront ausnutzen, ist aber hinsichtlich der Maximalvergrößerung eingeschränkt. Daher kam in mir der Wunsch nach einem Schnellspechtelteleskop (SST) auf, welches ruckzuck aus dem Geräteschuppen geholt werden kann. Zwar habe ich bereits einen 12" Gitterrohrdobson, aber dieser will auch erst einmal zusammengeschraubt und justiert werden und muss sich, da er im Haus aufbewahrt wird, an die Außentemperatur anpassen. Vor rund anderthalb Wochen bin ich auf eine Internetauktion gestoßen, in der ein Vixen 80M Achromat (aus japanischer Fertigung) samt azimutaler Porta II Montierung, Stativ, Klappspiegel, Peilsucher und zwei Plössl-Okularen angeboten wurde. Den Zuschlag habe ich zu einem Preis erhalten, der deutlich unter dem eines guten Weitwinkelokulars liegt.
Gestern riss endlich einmal der Himmel auf und ermöglichte ein First Light. Zum Refraktor selbst, es handelt sich um einen 80/910 mm Fraunhofer, also f/11,4, muss sicherlich nicht viel gesagt werden. Man vermutet zunächst einmal eine recht gute Auflösung, aber auch einen erkennbaren Farbfehler bei höheren Vergrößerungen. Zunächst musste Capella herhalten, zwar nicht vom Spektraltyp O, B oder A, aber dafür sehr hell. Die beiden mitgelieferten Vixen NPL Okulare, klassische Plössls mit 20 und 6 mm Brennweite, lieferten eine 45- bzw. 150-fache Vergrößerung. In beiden Okularen waren fokal keine Farbsäume zu erkennen, wohl aber die Tatsache, dass auch ein kleiner Achromat einer Temperaturanpassung bedarf, wenn er aus der warmen Wohnung kommt. Nach ca. 30 Minuten wurden die Beugungsringe um das Airy-Scheibchen herum stabiler, und der erste Beugungsring war blickweise komplett geschlossen zu erkennen. Rigel (dazu noch weiter unten) zeigte sich auf Grund der atmosphärischen Dispersion noch recht verzerrt und ja, hier war aus demselben Grund auch Farbe zu erkennen. Als nächstes war der Mond im ersten Viertel an der Reihe. Bei 45-fach wirklich knackscharf und ohne Farbsäume. Jetzt wurde es Zeit für etwas Deep-Sky, trotz des Mondes, und für einige Doppelsterne. Zunächst der Polarstern, der mit einer azimutalen Montierung natürlich sehr gut zu erreichen ist. Der Begleiter zeigte sich relativ weit entfernt von Polaris, aber recht lichtschwach. Castor bei 150x hingegen bekanntermaßen mit gleich hellen Komponenten, aber trotz der engen Distanz mit sehr viel "Luft" dazwischen, gar kein Problem für den 80er. Dann ging es zu Epsilon Lyrae. Dieser Stand schon etwas tiefer und über dem Hausdach, war aber auch kein großes Problem. Zum Entspannen habe ich mich dann den offenen Sternhaufen im Fuhrmann und in den Zwillingen zugewandt. M 37 bei 45x nicht so eindrucksvoll wie im Achtzöller, aber dennoch eine stattliche Anzahl von Einzelsternen erkannt. M 38 und M 36 demgegenüber prachtvoll, genau wie M 35. M 15 habe ich nicht mehr gefunden, da er schon zu tief und in der Lichtglocke von Bremen stand. M 1 machte dann den Abschluss, zwar schwach und strukturlos, aber doch deutlich zu sehen. Weiter ging es wieder mit Doppelsternen. Rigel machte inzwischen vom Beugungsbild her eine bessere Figur als am Anfang, aber der Begleiter war dennoch nicht mit Sicherheit auszumachen. Manchmal schien ein schwaches Pünktchen neben ihm aufzublitzen, aber ich möchte nicht wirklich behaupten, ihn gesehen zu haben. Wenn der Orion höher steht, werde ich es sicherlich wieder versuchen, auch mit anderen Okularen bzw. einem richtigen Zenitspiegel anstatt des Klappspiegels. Ein weiterer Doppelstern, Eta Geminorum (Propus) stand auch auf meiner Liste, aber widersetzte sich allen Bemühungen, den schwachen Begleiter zu sehen. Hier wird es interessant sein, zu prüfen, wie er sich im Achzöller oder im Zwölfzöller zeigt. Bevor die Wolken wieder den Himmel zurückeroberten, habe ich noch einmal den Mond mit 150-facher Vergrößerung angeschaut. Er war wegen der kleinen Öffnung schon ungewohnt dunkel, verglichen mit einem größeren Teleskop. Kraterränder und Schlagschatten der Zentralberge und Mondgebirge erschienen immer noch recht scharf, wobei ich vermute, dass das Optimum der Erkennbarkeit von Details bei einer Vergrößerung zwischen 90- und 110-fach liegen dürfte. Farbe war niemals störend und zeigte sich lediglich am Mondrand in Abhängigkeit vom Einblickwinkel ins Okular. Somit dürfte es sich hier eher um eine Eigenschaft des Okulars und nicht des Objektivs gehandelt haben.
Insgesamt bin ich recht angetan von der Neuerwerbung, die aber trotz des guten Herstellernamens einige deutliche Schwachstellen aufweist:
1. Der Peilsucher ist konstruktiv misslungen, da er einem Wackeldackel ähnelt und der Leuchtpunkt viel zu hell ist. Ein vergleichbarer William oder Starlight Instruments Peilsucher (alle aus chinesischer Produktion) ist erheblich besser
2. Das Aluminiumstativ mit dem Rechteckprofil ist für höhere Vergrößerungen und bei Wind ziemlich ungeeignet. Schwingungen klingen erst nach mehreren Sekunden ab. Inzwischen wird die Porta II aber offenbar mit einem deutlich stabileren Stativ ausgeliefert
3. Die Wellen für die Feinbewegung der Montierung in Höhe und Azimut sind aus Kunststoff gefertigt. Es dürft eine Frage der Zeit sein, bis diese brechen und durch vernünftige Wellen ersetzt werden müssen.
Positiv ist zu vermerken, dass das Teleskop und auch die komplette Kombination im unteren Vergrößerungsbereich uneingeschränkt empfohlen werden können. Die Sterne zeigen sich nadelscharf und farbrein. Dank der Verfügbarkeit günstiger weitwinkliger Okulare kann auch ein 80/910 mm ein Richfielder sein. Am Tage habe ich die Kombination mit einem APM 2" Zenitprisma und 33 mm SWAN Okular (70°) getestet, diese funktioniert gut. Ein 23 mm Celestron (82°) funktionierte wegen starker Vignettierung allerdings nicht.
Als Fazit für den optischen Tubus allein ergibt sich für mich persönlich, dass sich der Mehrpreis eines Apochromaten in diesem Öffnungsbereich für die visuelle Beobachtung allein nicht lohnen würde. Wenn es um Astrofotografie oder den Transport als Handgepäck im Flugzeug geht, sieht die Sache natürlich schon wieder anders aus.
Viele Grüße und viele klare Nächte
Jürgen