Ursus corpulentus
Aktives Mitglied
Die magischen zehn Buchstaben.
First Light.
Der erste Blick in den Nachthimmel mit einem neuen Instrument (oder einem alten Instrument und einem neuen Bediener).
Eine Initiation.
Eine Defloration.
Eine Schiffstaufe ... eine Geburt!
Der allererste, praktisch jungfräuliche Blick auf ein ganz besonderes Objekt, einen spektakulären Nebel, einen oktogonalen Krater auf dem Mond, die Wäscheleinen auf Io.
Das erste Mal das Licht der Welt erblickt haben fast alle* meine Instrumente mit einem Blick auf - eine schnöde Funkantenne im Elsass.
Sender Nordheim, 30 Kilometer entfernt, 280 Meter hoch. (- das hätte man in diesem erlauchten Kreise sicher berechnen können, ich hab's im Wiki nachgeschlagen, weil ich nicht rechnen kann; garnicht).
Und nachts beleuchtet. Je zwei hellblinkende weiße, und zwei permanent rote Leuchten. Am Horizont drüber ist es etwas heller als unterseits die Vegetation.
Alles nicht sehr romantisch, aber ziemlich effektiv, um ein Rohr auszuprobieren, wenn der Himmel dicht ist.
Und das habe ich eben mit meinen beiden neuen Schätzchen, dem Schulfernrohr von Sartorius und dem TAL-1M (eher ein ausgewachsener Schatz) gemacht. Eine Stunde lang an einer dunklen Funkantenne die blitzt und rot leuchtet zwei Dutzend Okulare ausprobiert.
Und das war wieder mal ziemlich interessant.
Zunächst das TAl-1M:
Okulardurchmesser - Trommelwirbel! - 32 Millimeter; surpise.
Durchmesser, nicht Brennweite. Völliger Mist. Zu groß oder zu klein für alles.
Und die beiden Originalokulare (25 und 15 mm) haben in den Gewinden Rost (!) angesetzt. Aber - wir hotten ja nischt. Also rein damit und siehe da: die funktionieren wirklich gut, alle beide! Kommoder Augenabstand, das 25er ist mit seiner Linse in der Größe eines Ein-Euro-Stücks auf jeden Fall brillenträgertauglich. Ein paar mehr aus dieser Serie wären schön und vielleicht auch welche ohne Rost. Denn sie sind wirklich gut.
Das Teleskop selbst stammt aus einer Baureihe überschwerer Infanterie-Mörser russischer Herstellung (Novosibirsk). Der Chef des Kombinats war ein begeisterter Amateurastronom, der einen Teil der Rohre im Kaliber 110 mm für die Produktion der bekannten TAL Reflektoren - mit den bekannten Vorteilen: erdbebensicher, zeitlos elegant und praktisch unzerstörbar - abzweigte und so eine Legende schuf. Er wurde leider zu 360 Jahren Straflager verurteilt, als er damit aufflog.
Was tut man nicht alles für die Astronomie? Per aspera ad astra.
(- wer das jetzt glaubt hat, ist selbst schuld! Aber das Teleskop macht Spaß in Tüten! Echt!!).
Schulfernrohr von Sartorius, 54/650 mm (Baujahr irgendwann in den 1930er-Jahren):
Ehrwürdigkeit strahlt es aus, ein genuines Stückchen Wissenschaft - das war mein erster Eindruck. Sehr solide, viele kleine Teile aus Messing, sicherlich handgefertigt, viele davon feinst gerändelt. So eine Arbeit wäre heute unbezahlbar.
Und schwer wie Hulle. Ein Sockel aus Gußeisen, an dem man problemlos einen handelsüblichen Mafioso in eine See versenken könnte. Gelenke, Schrauben, alles sehr solide.
Beim Teleskop dabei waren zwei Okularaufnahmen mit verschieden großen Durchmessern. Bei der kleinen blick' ich überhaupt nicht durch, was das für ein Durchmesser ist (was absolut NICHTS zu bedeuten hat), die große ist für Mikrokop-Okulare passend. Das ist toll, denn ich habe mittlerweile ein paar halbwegs brauchbare davon am Start. Und die waren erstaunlich gut, aber das hatte ich eigentlich erwartet.
Was ich nicht erwartet hatte, war, dass die fast 100 Jahre alten Originalokus ganz hervorragend funktionieren. Zumindest in meiner Welt, in der einzöllige Okulare als letzte Stufe vor "Hubble" rangieren. Ich war wirklich begeistert. Alles hell und klar und scharf, schöne Farben (zumindest rot), gut, zum Teil Mäusekino ... aber das bin ich ja gewohnt.
Aber am Ende des Tages sieht man auch nur. So gut, wie man halt sieht, mit diesem einen Auge durch dieses eine Instrument/Okular.
Ich hatte es schon einmal erwähnt, aber der Gedanke ist so wichtig, dass ich ihn nochmal aufschreibe: bei mir gibt es mittlerweile fast einen Reflex, jedes Mal sofort nach einem Upgrade an Okularen zu suchen, sobald ich wieder ein altes Instrument habe. Aber das ist eigentlich Quatsch - es sein denn, man arbeitet wirklich wissenschaftlich. Aber dann steht man auch hinter/neben einem anderen Rohr.
Oftmals sind die alten Original-Okulare gar nicht schlecht.
Und sollten sie manchmal doch etwas (!) zu wünschen übrig lassen, kann man sich den Rest ja auch "dazuträumen".
Ist auch nett; probieren sie es mal aus.
Tally ho!
Urs
* Einzig mit dem Tasco Reflektor habe ich als erstes einem Turmfalken auf einem 350 Meter entfernten Strommasten zugesehen, wie er sich an den Flügeln gekratzt hat; ich bin nicht sicher, welche Destination für ein First Light angemessener ist ...
First Light.
Der erste Blick in den Nachthimmel mit einem neuen Instrument (oder einem alten Instrument und einem neuen Bediener).
Eine Initiation.
Eine Defloration.
Eine Schiffstaufe ... eine Geburt!
Der allererste, praktisch jungfräuliche Blick auf ein ganz besonderes Objekt, einen spektakulären Nebel, einen oktogonalen Krater auf dem Mond, die Wäscheleinen auf Io.
Das erste Mal das Licht der Welt erblickt haben fast alle* meine Instrumente mit einem Blick auf - eine schnöde Funkantenne im Elsass.
Sender Nordheim, 30 Kilometer entfernt, 280 Meter hoch. (- das hätte man in diesem erlauchten Kreise sicher berechnen können, ich hab's im Wiki nachgeschlagen, weil ich nicht rechnen kann; garnicht).
Und nachts beleuchtet. Je zwei hellblinkende weiße, und zwei permanent rote Leuchten. Am Horizont drüber ist es etwas heller als unterseits die Vegetation.
Alles nicht sehr romantisch, aber ziemlich effektiv, um ein Rohr auszuprobieren, wenn der Himmel dicht ist.
Und das habe ich eben mit meinen beiden neuen Schätzchen, dem Schulfernrohr von Sartorius und dem TAL-1M (eher ein ausgewachsener Schatz) gemacht. Eine Stunde lang an einer dunklen Funkantenne die blitzt und rot leuchtet zwei Dutzend Okulare ausprobiert.
Und das war wieder mal ziemlich interessant.
Zunächst das TAl-1M:
Okulardurchmesser - Trommelwirbel! - 32 Millimeter; surpise.
Durchmesser, nicht Brennweite. Völliger Mist. Zu groß oder zu klein für alles.
Und die beiden Originalokulare (25 und 15 mm) haben in den Gewinden Rost (!) angesetzt. Aber - wir hotten ja nischt. Also rein damit und siehe da: die funktionieren wirklich gut, alle beide! Kommoder Augenabstand, das 25er ist mit seiner Linse in der Größe eines Ein-Euro-Stücks auf jeden Fall brillenträgertauglich. Ein paar mehr aus dieser Serie wären schön und vielleicht auch welche ohne Rost. Denn sie sind wirklich gut.
Das Teleskop selbst stammt aus einer Baureihe überschwerer Infanterie-Mörser russischer Herstellung (Novosibirsk). Der Chef des Kombinats war ein begeisterter Amateurastronom, der einen Teil der Rohre im Kaliber 110 mm für die Produktion der bekannten TAL Reflektoren - mit den bekannten Vorteilen: erdbebensicher, zeitlos elegant und praktisch unzerstörbar - abzweigte und so eine Legende schuf. Er wurde leider zu 360 Jahren Straflager verurteilt, als er damit aufflog.
Was tut man nicht alles für die Astronomie? Per aspera ad astra.
(- wer das jetzt glaubt hat, ist selbst schuld! Aber das Teleskop macht Spaß in Tüten! Echt!!).
Schulfernrohr von Sartorius, 54/650 mm (Baujahr irgendwann in den 1930er-Jahren):
Ehrwürdigkeit strahlt es aus, ein genuines Stückchen Wissenschaft - das war mein erster Eindruck. Sehr solide, viele kleine Teile aus Messing, sicherlich handgefertigt, viele davon feinst gerändelt. So eine Arbeit wäre heute unbezahlbar.
Und schwer wie Hulle. Ein Sockel aus Gußeisen, an dem man problemlos einen handelsüblichen Mafioso in eine See versenken könnte. Gelenke, Schrauben, alles sehr solide.
Beim Teleskop dabei waren zwei Okularaufnahmen mit verschieden großen Durchmessern. Bei der kleinen blick' ich überhaupt nicht durch, was das für ein Durchmesser ist (was absolut NICHTS zu bedeuten hat), die große ist für Mikrokop-Okulare passend. Das ist toll, denn ich habe mittlerweile ein paar halbwegs brauchbare davon am Start. Und die waren erstaunlich gut, aber das hatte ich eigentlich erwartet.
Was ich nicht erwartet hatte, war, dass die fast 100 Jahre alten Originalokus ganz hervorragend funktionieren. Zumindest in meiner Welt, in der einzöllige Okulare als letzte Stufe vor "Hubble" rangieren. Ich war wirklich begeistert. Alles hell und klar und scharf, schöne Farben (zumindest rot), gut, zum Teil Mäusekino ... aber das bin ich ja gewohnt.
Aber am Ende des Tages sieht man auch nur. So gut, wie man halt sieht, mit diesem einen Auge durch dieses eine Instrument/Okular.
Ich hatte es schon einmal erwähnt, aber der Gedanke ist so wichtig, dass ich ihn nochmal aufschreibe: bei mir gibt es mittlerweile fast einen Reflex, jedes Mal sofort nach einem Upgrade an Okularen zu suchen, sobald ich wieder ein altes Instrument habe. Aber das ist eigentlich Quatsch - es sein denn, man arbeitet wirklich wissenschaftlich. Aber dann steht man auch hinter/neben einem anderen Rohr.
Oftmals sind die alten Original-Okulare gar nicht schlecht.
Und sollten sie manchmal doch etwas (!) zu wünschen übrig lassen, kann man sich den Rest ja auch "dazuträumen".
Ist auch nett; probieren sie es mal aus.
Tally ho!
Urs
* Einzig mit dem Tasco Reflektor habe ich als erstes einem Turmfalken auf einem 350 Meter entfernten Strommasten zugesehen, wie er sich an den Flügeln gekratzt hat; ich bin nicht sicher, welche Destination für ein First Light angemessener ist ...