“Gelbstich ” Zeiss Jena/Docter, Auswirkungen

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binofan

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“Gelbstich” Docter 7x50 B/GA IF Nautik ; DF/EDF 7x40 B/GA
Hallo,
mit großem Interesse habe ich den Zeiss Jena Katalog mit den verschiedenen Links (Dank an Holger Merlitz!) gelesen. Die folgende Passage hat aber bei mir noch einige Fragen aufgeworfen:
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„Dieser Forderung kam die Glasauswahl entgegen, die den extremen Blauanteil des Lichtes partiell unterdrücken und den schädlichen UV-Anteil gänzlich absorbiert. Das führt auch zu einer merklichen Verlagerung der Farbanteile im Bild, die an einer Betonung des komplementären Farbbereiches zu erkennen ist, was leider oft abwertend als Gelbstich bezeichnet wird.
Diese Erfahrungen wurden nicht nur in diesem (anm. DF/EDF 7x40 B/GA) Gerät umgesetzt, sondern kommen auch in dem von DOCTER für die Nutzung im maritimen Bereich entwickelten NAUTIK-Fernglas, eine spezielle Ausführungsform des NOBILEM DF 7x50, zur Anwendung. Hier wird dieser Effekt nicht nur wegen seiner Kontraststeigerung bei Nebel angewandt sondern wegen dem immer wichtigeren Argumentes des Schutzes vor schädlicher UV-Strahlung in Folge diffuser Reflexionen auf der Wasseroberfläche.
Der erreichte Transmissionswert für Tageslicht wird dadurch kaum beeinflusst, da die Transmissionswerte im blauen Bereich nur gering gewichtet werden und die Transmission beim Übergang zum grünen Spektralbereich schnell ansteigt.“
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Wie kann eine solche „gelbe“ Vergütung den UV Anteil des Lichts besser blocken, wenn doch immer wieder zu lesen ist, dass dieser UV Anteil durch die in Ferngläsern vorhandenen Linsen und Prismen sowieso voll geblockt wird? Würde dies auf „gelbe“ Vergütungen tatsächlich zutreffen, wären dann nicht die auf Dämmerungssehen optimierten „blauen“ Vergütungen (die mehr auf den blauen Spektralbereich abgestimmt sind) von Zeiss im Hinblick auf UV Strahlung bei Beobachtungen auf See oder im Gebirge für UV durchlässiger und auch „schädlicher“?
Tatsächlich kann ich aus meiner Erfahrung bestätigen, dass mit solchen „gelben“ Gläsern das Beobachten bei extrem hellen Lichtverhältnissen viel angenehmer erscheint, als mit solchen die den blauen Spektralbereich mehr hervorheben. Auch bei Mondbeobachtungen sind mir hier schon deutliche Unterschiede aufgefallen.
Auch ist mir unklar warum „gelbe“ Gläser kontrastreicher sind. Die Hersteller wechseln diese Betonungen auch immer wieder im Laufe ihrer Modellpflege.

Wer weis Rat??

Grüße binofan




 
Hallo Binofan,

der UV Anteil wird durch die Linsen und Prismen zwar verringert, aber nicht komplett abgeschirmt. Das ist ähnlich wie mit Foto-Objektiven, die man im Gebirge ja auch mit einem UV Filter ausstattet. Bei längeren Beobachtungen auf See oder im Gebirge empfehlen einige Hersteller die Verwendung der Filter, die UV und kurzwelliges Licht herausfiltern und daher eine gelbliche Farbe haben.

Wenn Zeiss von 'blauen Vergütungen' spricht, dann ist damit vielleicht die Farbe der Vergütung gemeint. Wenn die blau erscheint, heisst das ja, dass blaues Licht reflektiert wird, folglich weniger davon das Auge erreicht und das resultierende Bild wiederum etwas gelblich ist. Die Vergütung erreicht somit dasselbe wie der Filter, aber durch Reflexion, nicht durch Absorption. In der Dämmerung verschiebt sich das Spektrum des Lichts etwas zum Blauen, da die kurzwelligen Anteile des Sonnenlichts stärker an der Atmosphäre gestreut werden als die langwelligen Anteile, und nach Sonnenuntergang bekommt man daher bevorzugt Blau. Das Auge ist allerdings optimiert für die neutrale, weisse Mischung. Der Gelbstich verschiebt den Farbencocktail wieder etwas in Richtung lange Welle, was unter diesen Bedingungen dann offenbar ein Vorteil ist. Das Bild wirkt durch den Gelbstich heller, obwohl ja eigentlich etwas herausgefiltert wurde, und der Kontrast steigt auch, da das Auge vieler Beobachter scheinbar nicht so gut für den blauen Bereich korrigiert ist (chromatische Aberration im Auge).

Gruss,
Holger
 
Hallo binofan,

Massefilter (Prinzip der Absorption, farbloses und gefärbtes Glas) und Vergütungen (Reflexion, Interferenz, Auslöschung durch dünne Schichten auf der Glasoberfläche) sind zwei verschiedene Paar Schuhe.
Ein ideales UV-Filter müßte bei 400nm eine senkrechte Kante bilden, die das Spektrum "links" vollständig abschneidet (400nm und kleiner) und "rechts" (Wellenlängen größer als 400nm) vollständig passieren läßt. Mit Massefiltern ist solch eine senkrechte Kante nicht zu realisieren, vielmehr ist die Kante immer relativ stark geneigt. Das heißt, wenn die Dämpfung bei 400nm 10% erreicht, dann liegt die 90%-Dämpfung (=Absorption) sagen wir bei 350nm. Will man den Wert der 90%-Dämpfung auf 400nm legen, dann muß man die Absorptionskante um 50nm nach rechts verschieben (=Gelbfärbung des Glases). Man erhält dadurch aber bereits eine dämpfende Wirkung im sichtbaren, blauen Spektrum, in unserem Beispiel 10% bei 450nm. Hieraus folgt auch, dass farbloses Glas UV nicht vollständig dämpfen kann.
UV-Strahlung ist definitionsgemäß für unser Auge unsichtbar. Eine weitgehende UV-Filterung hat visuell daher keine sichtbaren Effekte. Fotografischer Film ist jedoch sehr stark UV-empfindlich. Eine Filterung verhindert hier sichtbare Unschärfen auf dem späteren Bild. Dies gilt jedoch nur für eine Umgebung mit sehr starker UV-Strahlung (See, Hochgebirge).

Zurück zu meinem Beispiel:
Hat man die Absorptionskurve um 50nm, durch die Verwendung leicht gelblichen Glases, nach "rechts" verlegt, gibt es einen deutlich sichtbaren (vor allem auch stark subjektiv wirkenden) Effekt. Der stark gestreute blaue Anteil des sichtbaren Spektrums (See, Hochgebirge, Nebel, Reflexionen des blauen Himmels, auch bedeckter Himmel) wird wirkungsvoll unterdrückt. Das Bild wird gelblich, "wärmer" und kontrastreicher, d.h., die Dominanz des blauen Anteils im Bild wird reduziert oder eliminiert. Die Farben werden jetzt natürlich nicht mehr neutral wiedergegeben, aber der Seheindruck ist für die meisten Menschen visuell wesentlich angenehmer. Auf Farbaufnahmen würde man jetzt einen deutlichen, auch unangenehmen Gelbstich erkennen, weil Film diesen Effekt objektiv und wesentlich deutlicher sieht.

Die Vergütung auf Glasoberflächen soll dafür sorgen, dass die Transmission im sichtbaren Spektrum maximiert wird.
Die gleiche Technologie ermöglicht es, schmalbandige Kantenfilter mit fast senkrechten Kanten herzustellen. Diese Interferenzfilter sind in dieser Hinsicht wesentlich wirkungsvoller als Massefilter. Sie sind schwierig herzustellen und teuer.

Zusammenfassung: der visuelle Effekt gelblicher Gläser beruht auf der Dämpfung des sichtbaren, blauen Anteils des Spektrums, der je nach Umgebung stark dominiert. Die praktisch vollständige Blockierung des UV-Anteils ist ein willkommener Nebeneffekt, der für sich aber nicht sichtbar ist.

Gruß
Walter
 
Gelbstich, UV-Sperre, Vergütung usw.

Hallo binofan,

meine Arbeit erlaubt gerade eine Zäsur, und so mache ich Mittagspause und will Dir dabei ein paar weitere Informationen ergänzend zu den Ausführungen von Holger schreiben.*)

Ich setze bei Dir als bekannt voraus, daß wir Licht als verschiedene Farben sehen, die wir (in der Reihenfolge zunehmender Wellenlänge von ca. 380 nm bis ca. 750 nm) als „Spektralfarben” von Violettblau über Blau, Blaugrün, Grün, Gelb, Orange, Rot und Lilarot wahrnehmen bzw. empfinden (Farben sind eine Vorstellung des Gehirns, Wellenlängen sind die meßbaren physikalischen Parameter).

Das menschliche Auge – die Augen verschiedener Tiere können sich da zum Teil ganz anders verhalten – hat zwei Arten von Rezeptoren (Sensoren) zur Wahrnehmung von Licht. Die sog. Stäbchen, die es in drei Versionen (R, G, B für rot-, blau- und grünempfindlich) gibt, sind bei großer Helligkeit („Tagessehen”) aktiv und liefern dem Gehirn komplexe Farbinformationen, die sich aber von RGB-Signalen des Computers oder Fernsehers erheblich unterscheiden (aber das würde hier zu weit führen). Die Zapfen dagegen liegen nur in einer Form mit Empfindlichkeitsmaximum bei etwa 510 nm (Grün) vor, sind wesentlich lichtempfindlicher und werden bei geringer Helligkeit („Dämmerungs-/Nachtsehen”) aktiv. Bei Tage sehen wir also mit den Stäbchen und können dank der drei RGB-Informationen alle Farben im sichtbaren Spektrum gut unterscheiden. Das Empfindlichkeitsmaximum der drei Stäbchen (also aller drei Versionen gemeinsam) liegt bei etwa 560 nm (grünliches Gelb).

Um die durch ein Fernglas beobachteten Gegenstände „farbneutral” wahrzunehmen, müßte die Transmission (Strahlungsdurchlässigkeit, hier speziell die Lichtdurchlässigkeit) über das gesamte Spektrum hinweg konstant sein, also z.B. einheitlich 91% betragen, was für ein Fernglas schon ein sehr hoher Wert ist. Denn bei konstanter Transmission übers volle Spektrum hinweg werden zwar alle Intensitäten geschwächt, aber eben gleichmäßig, so daß die „Ausgewogenheit” erhalten bleibt - das Bild wird zwar (kaum merklich) dunkler als fürs bloße Auge, aber alle Farben wirken unverändert. Sofern die Augenpupille diesen Lichtverlust durch größere Öffnung ausgleichen kann, merken die Stäbchen von diesem Lichtverlust nicht einmal was. Physikalisch ausgedrückt heißt das, daß die Lichtleistung über alle Wellenlängen hinweg um denselben prozentualen Teil reduziert wird (Transmissionsverluste durch Reflexion an den Glas-Luft-Flächen von Linsen und Prismen und durch Absorption innerhalb der Gläser), so daß die Stäbchen zwar etwas kleinere RGB-Signale ans Gehirn liefern, aber deren Verhältnis zueinander (also R:G, R:B und G:B) unverändert bleibt. Das Gehirn rekonstruiert aus den gleich gebliebenen Mischungsverhältnissen also genau dieselben Farben wie ohne Fernglas.

Nun wird aber diese konstante Transmission durch die erwähnte Reflexion und Absorption leider gestört. Es gibt Glassorten, die nicht völlig farblos aussehen, sondern z.B. leicht gelblich wirken, weil sie Blau oder Violett ein bißchen stärker absorbieren als andere Farben. Dennoch muß man manchmal auch auf solche Glassorten zugreifen, wenn man bestimmte Brechungsindizes und Dispersionen zur optimalen Fehlerkorrektion eines optischen Systems benötigt, für die es keine absolut farblosen Gläser gibt oder die man aus anderen Gründen nicht verwenden kann (z.B. wegen stark abweichender Wärmeausdehnungskoeffizienten bei verkitteten Linsengruppen). Bei Verwendung solchen Glases kann also schon mal das Bild im Fernglas leicht eingefärbt werden.

[Apropos „einfärben”: Man darf sich das nicht vorstellen wie z.B. einen Auftrag von gelber Farbe. Vielmehr genügt es, wenn im Spektrum die sehr kurzen Wellenlängen für Violett oder Blau ein wenig unterrepräsentiert sind, z.B. wegen erhöhter Absorption. Wir empfinden dann das Fehlen oder die Schwächung von Violett oder Blau als einen dazu komplementären, also gelben Farbstich, weil der „Schwerpunkt” (Weißpunkt im Farbendiagramm) etwas mehr in Richtung längerer Wellenlänge verschoben wird. Ein anderes Beispiel, das nichts mit Transmissionverlusten zu tun hat, wäre die Farbe von Glühlampenlicht: Unser Auge hat sich in Millionen von Jahren der Evolution auf die spektrale Intensitätsverteilung des Sonnenlichts eingestellt und dieses zu seiner „Weiß-Referenz” gemacht. Weil der erhitzte Wolframdraht einer Glühlampe aber mit < 2500 °C oder ca. 2750 K nur eine viel niedrigere Oberflächentemperatur als die Sonne mit durchschnittlich ca. 5500 K erreicht, strahlt die Glühlampe zwar schon viel langwelliges = gelbes und rotes Licht ab, aber noch wenig kurzwelliges = blaues Licht, so daß hier der „Schwerpunkt” stark nach Gelborange verschoben ist. Wir haben im Regelkreis von Auge und Hirn zwar einen phantastisch funktionierenden Weißabgleich und stellen uns deshalb schon innerhalb weniger Minuten auf die andere Farbbalance ein, aber eine Fotokamera mit Tageslichtfilm, die das nicht kann, beweist uns leicht, daß Glühlampenlicht deutlich orangegelb aussieht.]

Zurück zum Fernglas. Wir haben da noch die Reflexion an den sehr vielen, mindestens 6, aber oft je nach optischem Aufbau von Objektiv, Okular und Prismensystem (verkittet oder mit Luftspalt) bis zu 10 oder gar 12 Glas-Luft-Grenzflächen. Unvergütete Glasoberflächen reflektieren je nach ihrem Brechungsindex ungefähr 5,5%, so daß pro Grenzfläche nur etwa 94,5% (= 0,945) durchgelassen wird. Wenn wir nur 6 Grenzflächen hätten, je zwei fürs Objektiv, das Prismensystem und das Okular, ginge allein aufgrund dieser Reflexionsverluste nur 0,945ˆ6 = 0,712 = 71,2% hindurch. Die zuvor genannte Absorption im Glas schluckt davon auch noch etwas, so daß weniger als 70% übrig bleibt. Deshalb werden die an Luft grenzenden Glasoberflächen vergütet. Einfache (= aus einer einzigen Schicht bestehende) Vergütung reduziert den Reflexionsverlust von ca. 5,5% je nach Güte im Mittel über das gesamte Spektrum auf weniger als ca. 1% für eine Transmission von über 99%. Bei den genannten nur 6 Glas-Luft-Grenzflächen ergäbe das die Gesamttransmission 0,99ˆ6 = 0,941 = 94,1%, was erheblich besser ist als beim unvergüteten Fernglas. Durch Mehrschichtvergütung läßt sich die Reflexion noch weiter vermindern und die Transmission folglich weiter erhöhen. Da aber hochwertige Ferngläser viel mehr Linsen und somit auch mehr Glas-Luft-Flächen haben, sind trotz Mehrschichtvergütung Transmissionswerte über 90% schon außergewöhnlich gut.

Nun reduziert eine Vergütung die Reflexion leider nicht für alle Farben bzw. Wellenlängen gleichmäßig, sondern bei einfacher Vergütung zwar hervorragend in einem engen Wellenlängenbereich, jedoch beiderseits davon immer schlechter. Mehrschichtvergütung steigert zwar das Optimum nicht oder nur wenig, wirkt aber breitbandiger, wenn auch immer noch nicht völlig gleichmäßig über alle Farben hinweg. Die Transmissionkurve stellt dann keine gerade horizontale Linie knapp unter 100% dar, sondern verläuft z.B. bei einer Mehrschichtverütung leicht wellig zwischen vielleicht 95% und 99,9%, um aber meistens im Randbereich unterhalb etwa 390 nm und oberhalb etwa 720 nm schlechter zu werden. Die Welligkeit und der Randabfall können leichte Farbtönungen in der Durchsicht bewirken. Man kann z.B. durch unterschiedliche Vergütungen auf den verschiedenen Linsen und Prismen eines Fernglases versuchen, die individuellen Tönungen der einzelnen Vergütungen gegeneinander auszugleichen. Aber manchmal kann es durchaus sinnvoll sein, ein Transmissionmaximum in einem bestimmten Farb- bzw. Wellenlängenbereich anzustreben, was dann eine verstärkte Tönung zur Folge hat.

Dieser Fall liegt etwa bei Ferngläsern vor, die speziell für die Jagd konzipiert sind. Denn diese werden vor allem in der Dämmerung genutzt bzw. dort hinsichtlich ihrer Transparanz am stärksten gefordert. In der Dämmerung aber sieht das Auge schon zum Teil oder vorrangig mit den Zapfen mit ihrem Empfindlichkeitsmaximum bei etwa 510 nm. Will man dieses Maximum für beste Detailerkennbarkeit nutzen, so ist es sinnvoll, die Vergütung auf ein Reflexionsminimum in diesem Bereich abzustimmen. Das macht z.B. Zeiss mit den überwiegend an Jäger verkauften lichtstarken Victory-Ferngläsern. Der für den „normalen” Anwender als möglicherweise störend und nachteilig empfundene zarte Gelb- oder Grüngelbstich ist also für die Zielgruppe der Jäger ein wichtiger Vorteil.

An dieser Stelle möchte ich einen Link angeben, der recht informative Diagramme zur spektralen Empfindlichkeit des Auges bei Tag und bei Nacht sowie auch (in diesem Zusammenhang aber nicht mehr so wichtige) Verteilungskurven für verschiedenes Tageslicht usw. enthält und hier gut hinein paßt:

http://www.tageslicht.de/wissenschaft.html

Kommen wir nun zum Thema UV-Absorption. Glas ist generell für UV weniger durchlässig als für Licht (mit Licht meine ich immer nur den sichtbaren Teil des Spektrums elektromagnetischer Strahlung). Das „harte” UV geht bei den meisten Ferngläsern kaum mehr durch, aber das „nahe” UV zum Teil noch in so hoher Intensität, daß es unter bestimmten Voraussetzungen (im Gebirge, an der See, bei zusätzlicher UV-Reflexion an bestimmten Oberflächen) fürs Auge schädlich sein kann. Deshalb werden z.B. Marineferngläser oft mit Vergütungen versehen, die zwar im visuellen Bereich hohe Transmission gewährleisten, aber etwa unterhalb 400 nm stark abfallen. Da die Flanke der Transmissionskurve aber nie einen Knick bildet und senkrecht abfällt, sondern immer erst leicht und dann allmählich steiler abfällt, kann eine gewisse Schwächung schon unterhalb 450 nm zu einem (wegen des verminderten Blauanteils) erkennbaren Gelbstich führen. Alternativ zu solchen Vergütungen könnte ein zusätzlich eingebautes UV-Sperrfilter verwendet oder eine bestimmte Glasoberfläche mit einer speziellen UV-Sperrschicht versehenen werden.

Die Blockade von UV erhöht jedoch nicht die Dämmerungstauglichkeit. Sie ist eine eigenständige Sache. Um ein verbessertes Sehen bei Dämmerung zu ermöglichen, kommt es einzig und allein darauf an, ein hohes Transmissionmaximum in einem nicht zu schmalbandigen Wellenlängenbereich um 510 nm zu erzielen. Daß ein solchen Fernglas dann als eigentlich unerwünschte, aber meist unvermeidbare Begleiterscheinung einen leichten Gelbstich zeigt, muß man hinnehmen.

Umgekehrt bedeutet aber ein leichter oder auch stärkerer Gelbstich noch lange nicht, daß dieses Fernglas besonders dämmerungstauglich wäre. Denn ein Gelbstich läge ja z.B. auch dann vor, wenn das Fernglas eine magere Transmission von nur 80% im Bereich um 510 nm sowie weniger als miserable 70% beiderseits davon hätte. Das ist wie mit einem Heckspoiler beim Auto: Ein Rennwagen kann damit noch eine Spur schneller werden. Aber eine lahme Ente (womit ich nicht speziell Citroen meine) mit aufmontiertem Heckspoiler bleibt dennoch jedem durchschittlichen Auto ohne Spoiler unterlegen. So könnte man also die reißerisch und irreführen als „nachtaktiv” bei eBay angebotenen Billiggläser mit bunt schimmernden Vergütungen als „lahme Enten mit verkehrt herum montiertem Spoiler” betrachten.

Die Kontraststeigerung fehlt uns jetzt noch. Nicht immer sind die Beobachtungsverhältnisse optimal. Der Astrofreund wird zwar in der Regel nur bei klarem Himmel sein Fernglas zur Hand nehmen, aber der Jäger oder Ornithologe, der Wachmann oder der Leuchttumwärter muß oft auch bei Regen, Schnee oder Nebel schauen. Und da kann auch wieder ein auf hohe Transmission im gelben bis orangeroten Farbbereich optimiertes und hier sogar (im Gegensatz zur sonst angestrebten hohen Gesamttransmission) eine im Blaubereich bewußt reduzierte Transmission hilfreich sein. Denn vom Morgen- und Abendrot der Sonne sowie von den gelben Nebelscheinwerfern weiß wohl jeder, daß langwelliges Licht in einer Atmosphäre mit Nebeltröpfchen, Regentropfen oder Schneekristallen weniger stark gestreut wird als kurzwelliges. Deshalb wäre ein „gelber Farbauszug” des Bildes im Fernglas kontrast- und detailreicher als ein „blauer Farbauszug”. Letzterer überlagert aber bei einem farbneutralen, alle Wellenlängen gleich gut durchlassenden Fernglas mit gewisser Unschärfe das viel schärfe Bild des „gelben Farbauszugs”. Ein entsprechend auf hohe Transmission für Gelb und Farben längerer Brennweite optimiertes und für Blau in der Transmission reduzieres Fernglas bringt also unter solchen Umständen ein kontrastreicheres, wenn auch nicht mehr ganz so helles Bild zustande.

Bitte beachte im obigen letzen Satz die Einschränkung „unter solchen Umständen”. Denn wenn die Sichtverältnisse gut sind (gute Helligkeit, neutralweißes Sonnenlicht, klare Luft), wird von den meisten Beobachtern ein farbneutrales Fernglas gleicher optischer Qualität als kontrastreicher empfunden, und viele empfinden sogar einen leicht kühlen (bläulichen) Ton nochmals kontraststeigernd.

Wie man sieht, gibt es also hinsichtlich der hier erörterten Parameter nicht „das optimale Fernglas”, sondern man muß in jedem Einzelfall aufgrund der Beobachtungsbedingungen (Tag/Dämmerung/Nacht, Lichtfarbe, klare Luft/Nebel/Regen/Schnee, Reflexe, hoher UV-Anteil) das hierfür geeignetste Glas etwas mühevoll herausfinden. Es wäre schön, wenn meine für diesen Beitrag geopferte und dabei etwas überdehnte Mittagspause Dir dabei behilflich sein könnte.

MfG Walter E. Schön


Nachtrag:

*) Weil ich wegen der parallel zum Schreiben gehaltenen Mittagspause und wegen des langen Textes recht lang brauchte, ist mir mein Namensvetter Walter Wehr (sieht aus, als wäre er zudem auch Fachkollege?) mit seinem Beitrag, den ich erst jetzt nach dem Einstellen meines Beitrags sehe, zuvorgekommen. Es finden sich daher einige inhaltliche Überschneidungen, die aber sicher nicht schaden; schlimmer wär's, wenn es Widersprüche gewesen wären. Das ist auch der Grund, weshalb ich eingangs nur „ergänzend zu den Ausführungen von Holger” schrieb und Walter Wehr unerwähnt ließ.
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
Re: Gelbstich, UV-Sperre, Vergütung usw.

Hallo Walter,

vielen Dank für die wie immer kompetente und ausführliche Antwort. Ich sehe jetzt hier klarer.

Gruß

Robert


 
Re: Gelbstich, UV-Sperre, Vergütung usw.

Hallo Walter,

Dein Beitrag ist wirklich ein hochinteressanter Fachaufsatz! Bei den Sehzellen gibt es aber ein kleines Versehen. Die Zapfen sind für das Farbsehen zuständig, die Stäbchen für das Schwarz-Weiß-Sehen bzw. das Sehen bei geringer Helligkeit.

Nun zu meiner Frage. Was bedeuten Deine Ausführungen über die unterschiedliche Auslegung von Ferngläsern - Optimierung für den Gebrauch bei Dämmerung versus Optimierung für den Gebrauch bei schwierigen Sichtbedingungen am Tage wie z.B. Nebel - grundsätzlich für die astronomische Beobachtung mit Ferngläsern bei guten Standardsichtbedingungungen (sagen wir einmal kein Dunst, ca. 5.5 mag-Himmel)? Anders gefragt: welches Glas ist bei der astronomischen Beobachtung leistungsfähiger? Kommt es vielleicht darauf an, welche Art von Objekt betrachtet wird oder gar, welche Spektralzusammensetzung das von einem bestimmten Objekt ausgesendete Licht aufweist? Bei lichtschwachen flächigen (Deep-Sky)Objekten wie Nebeln sollte, wenn ich Dich richtig verstanden habe, die Optik vorteilhaft sein, die das Erkennen von Hell-Dunkel- Unterschieden erleichtert, also das Dämmerungsglas. Ist das korrekt?

Gruß

Steve
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
Zapfen sehen farbig. Stäbchen monochrom

Hallo Steve,

gut aufgepaßt, danke für die Fehlerkorrektur. Leider ist die Editierzeit schon abgelaufen, so daß ich’s nicht mehr berichtigen kann. Also: Die etwa 6 Mio. weniger lichtempfindlichen Zapfen gibt es beim menschlichen Auge in drei für unterschiedliche Farbbereiche zuständigen Versionen, und sie sind vor allem im mittleren Bereich der Netzhaut konzentriert, also dort, wo das Bild eines Gegenstandes liegt, den wir „anpeilen”, z.B. das Bild der Buchstaben eines Wortes, auf das wir uns beim Lesen eines längeren Textes gerade konzentrieren. Die mit über 100 Mio. wesentlich zahlreicheren und viel lichtempfindlicheren Stäbchen, die vor allem den Außenbereich dicht „bevölkern”, sind die vorzugsweise nachtaktiven und fürs Sehen bei schwachem Licht zuständig. Davon gibt es nur eine Sorte mit der genannten Empfindlichkeitsspitze im Bereich um 510 nm.

Zu Deiner Frage. Da der (Hobby-)Astronom sein Fernglas wohl nur bei klarer Sicht zum Himmel richtet, ist die Unterdrückung von an Nebeltröpfchen usw. gestreutem Licht durch Reduzierung des kurzwelligen Anteils irrelevant. Nennenswerte UV-Strahlung, die das Auge gefährden könnte, gibt es ebenfalls nicht zu beseitigen. Dagegen ist „Lichtsammelvermögen” ein vorrangiges Kriterium. Also halte ich unter dieser Prämisse ein Fernglas mit breitbandig optimierter Transmission für das beste.

Ferner ist für die Erkennbarkeit schwächster Sterne und anderer lichtschwacher Objekte ein möglichst hoher Kontrast wichtig. Also fordere ich für ein Astrofernglas auch aus diesem Grund maximale Transmission, denn die ist immer auch mit minimaler Reflexion an den Glas-Luft-Flächen verbunden. Daß darüber hinaus auch die Linsenfassungen, die Innenseiten der Rohre und andere irgendwie von Licht aus dem Objektiv getroffenen Teilen (z.B. Gestänge, Zahnräder, Führungsschienen usw. einer Innenfokussierung) möglichst wenig reflektieren sollten, ist selbstverständlich, wird aber dennoch von vielen Fernglasherstellern nicht im erforderlichen Maße berücksichtigt (da dürfen sich auch unsere bekannten Nobelhersteller an die Nase fassen).

Bei Himmelsobjekten, deren Erkennbarkeit durch „Ausblenden” bestimmter Spektralbereiche verbessert werden kann (z.B. Unterdrückung von intensiven Spektrallinien im diffusen Hintergrund, die von Speziallampen der Straßenbeleuchtung herrühren, oder Unterdrückung allgemeinen Streulichts in Wellenlängenbereichen, die im Licht des Beobachtungsobjektes, etwa eines Wasserstoffnebels, nicht enthalten sind), sehe ich es nicht als die Aufgabe des Fernglases an, dies zu leisten. Man würde ja sonst je nach Himmelsobjekt und Sichtbedingungen eine Vielzahl unterschiedlicher Ferngläser brauchen. Vielmehr sollte das wie beim Teleskop auch mit vorgesetzten Filtern bewerkstelligt werden. Allerdings ergibt sich hieraus eine Forderung an die Ferngalshersteller, dafür die benötigten Filtergewinde vorzusehen (Canon z.B. machte es bei einigen Ferngläsern; ansonsten ist das eher die Ausnahme).

Was nun noch speziell das sogenannte Dämmerungsglas betrifft, so muß man als Preis für deren extremes Lichtsammelvermögen leider einige Zugeständnisse in anderer Hinsicht machen: Es ist bei einem hochgeöffneten Objektiv immer sehr viel schwieriger, einen großen Bildwinkel und eine gute Randschärfe zu erzielen. Die größtmögliche Austrittspupille ist also nicht so recht mit großem Sehwinkel und mit hoher Randschärfe zu kombinieren. Wenn man sich so die verschiedenen Modellreihen der Tophersteller ansieht, findet man in der Regel bei den Ferngläsern mit Objektivöffnungen von etwa 30 bis 35 mm die größten Sehwinkel (immer bezogen auf gleiche Vergrößerung) und auch die beste Randschärfe. Man bekommt eben nicht alles gleichzeitig - hohe Lichtstärke, weites Sehfeld und hohe Schärfe bis zum Rand.

MfG Walter E. Schön
 
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