Gibt es einen "kalendarischen" Herbstanfang?

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Ehemaliges Mitglied 77903

jetzt ist es passiert: der kalendarische Herbstanfang ist da! Ich schrieb in den vergangenen Jahren mindestens drei Mails an die Redaktionen der von mir gehörten ÖR-Radiosender und erklärte, warum es keinen kalendarischen Herbstanfang gibt. Wenn der Radiosprecher verkündet, heute um XY Uhr amtlicher Zeit sei "kalendarischer Herbstanfang", dann meint er den ASTRONOMISCHEN Herbstanfang und sollte das auch so aussprechen.

Die christliche Kalenderrechnung rechnet seit der Antike nur mit natürlichen, d.h. ganzen positiven Zahlen. Sie will ein Datum, eine Tageszahl bestimmen - Tagesbruchteile und Uhrzeiten sind ihr wesensfremd. Deshalb können kalendarische Termine nur aus einem Datum OHNE UHRZEIT bestehen.

Zudem gibt es allenfalls einen kalendarischen Frühlingsanfang und das ist ohne Rücksicht auf astronomische Tatsachen immer der 21. MRZ. Dieses Datum ist eine Konvention, eine Art Stichtag. Der erste Frühlingsvollmond ist derjenige Vollmond, der nach kirchlicher Rechnung am 21. MRZ, am 18. APL oder an einem der dazwischen liegenden Tage eintritt. Am Sonntag nach diesem Termin (d.h. in dem Fall, dass er selbst ein Sonntag ist, 7 Tage später) ist Ostern. Die Kirche und mit ihr alle Bürosoftware unserer Zeit rechnet mit dem Epaktensystem, das nur ganze Tage anspricht, die Astronomie mit eigenen Theorien, deren kleinste sinnvolle Ausgabeeinheit von der Genauigkeit der Theorie abhängt.

In meiner Kindheit gab es Kalender, in denen Tage als Jahreszeitenanfänge markiert und mit einem astrologischen Sternzeichen-Symbol versehen waren. Wenn das keine echten astronomischen Termine waren, d.h. solche mit sekundengenau angebbarer Uhrzeit, dann waren es astrologische, horoskopdeuterische Termine. Dort verfährt man nach der in sich widersprüchlichen Regel, dass man vom echten, astronomischen Frühjahrsäquinoktium ausgeht und an dieses 12 Abschnitte jeweils genau 30° ekliptikaler Länge anhängt; der 4., 7., und 10. Abschnittsbeginn ist Jahreszeitenanfang. d.h. man ignoriert die ungleiche und epochal veränderliche Länge der Jahreszeiten. Zumindestens meistens - die Szene ist ja stark zersplittert und jeder macht was er will. In keinem Fall waren es aber "kalendarische" Termine, denn sie hatten mit Computistik, mit Kalender-RECHNUNG nichts zu tun.

Vieles, was in einem Kalender steht, ist nicht "kalendarisch", denn man trug es dort ein, als der Kalender schon längst berechnet und gedruckt war. Da fällt mir gerade ein: Morgen ist kalendarischer Restmülltermin und ich muss die Tonne rausstellen....
 
Die christliche Kalenderrechnung rechnet seit der Antike nur mit natürlichen, d.h. ganzen positiven Zahlen. Sie will ein Datum, eine Tageszahl bestimmen - Tagesbruchteile und Uhrzeiten sind ihr wesensfremd. Deshalb können kalendarische Termine nur aus einem Datum OHNE UHRZEIT bestehen.
Dir ist aber klar, dass derartige Kalender dann immer nur für eine fixierte Zeitzone gelten können: Tag- und Nachtgleiche am 22. Sep. 2021 um 19:21 UTC fällt in Mitteleuropa zwar auf den 22. September, in Japan (UTC+9) aber bereits auf den 23. September. Ähnliches gilt für die Kalendereinträge für Vollmond usw. Und solche kirchlichen Feste wie Ostern werden ohnehin jenseits von astronomischen Gegebenheiten nach ganz antiquierten Regeln festgelegt: Osterdatum

Also, warum soll man sich darüber aufregen?

Morgen ist kalendarischer Restmülltermin und ich muss die Tonne rausstellen ...
Ja eben, und in Japan ist das schon gewesen ...
 
Ich studierte den in der Antwort erwähnten Thread Ostertermin aus dem Jahr 2019. Viele web-sites erklären Begriffe und Regeln der traditionellen Kalenderrechnung, können aber trotzdem nicht verhindern, dass man sich im Gestrüpp mittelalterlicher Sprachregelungen verheddert, die von Ort zu Ort sich änderten und im Lauf der Jahrhunderte abgewandelt wurden.

Der im Thread erwähnte, von Jean Meeus zitierte Algorithmus zur Ostertermin-Bestimmung stammt angeblich aus dem 19. Jahrhundert und setzt die alten Rechentechniken mit Tabellen und Abzähllinealen und -rädern auf moderne mathematische Sprechweise um. Dabei gehen strukturelle Einsichten verloren: Begriffe wie Epakte, Concurrente oder Sonntagsbuchstabe werden überflüssig und nicht mehr verstanden, was man im Diskussionsteil des Threads gut verfolgen kann. Wer sich für Periodizitäten unseres Kalenders interessiert oder Fragen wie denen nachgehen will, wann ein Jahr 53 amtlich definierte Kalenderwochen an Stelle der üblichen 52 hat mit der Folge, dass am Jahreswechsel zwei ungerade Wochen aufeinanderfolgen, oder warum es zwischen 1900 und 2199 keinen Ostertermin MRZ22 gibt, wird mit dem Computeralgorithmus nicht glücklich. Solche Fragen sind ohne Epakte, Concurrente, Sonntagsbuchstabe usw. nicht zu beantworten.

Mit folgender Tabelle richtete ich für mich die alte Terminologie wieder her. Ausgehend von den Eingangswerten Goldene Zahl und Sonnenzyklus kann man mit ihnen jeden Ostertermin und die Wochenstruktur jedes Jahres bestimmen. Ich formuliere (89;28)MOD + 1 und meine damit: "Teile 89 durch 28 und nimm den Rest 5, addiere dazu 1". Damit lautet die Vorschrift: SoZ = (Jahreszahl + 4712; 28)MOD + 1 und NA = (w.o.; 19)MOD + 1 (NA = Numerus Aureus, Goldene Zahl). Das gilt für beide Kalender, also auch den julianischen! Die Differenzierung erfolgt beim Übergang NA-Epakte bzw. SoZ-Concurrente in den Tabellen. Zwei Beispiele: 2021>> SoZ 14 NA 8; 1301>> SoZ 22 NA 10.

Die Tabellen beantworten eine der o.e. Fragen: Es gibt gegenwärtig keinen Ostertermin MRZ22, weil es keine Epakte 23 und damit keinen OVM-Termin MRZ21 gibt. Das ändert sich erst wieder im Jahr 2200.
kalco_2021_forastro.jpg
 
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