holger_merlitz
Aktives Mitglied
Hallo Fernglasfreunde,
"Ein Fernglas, das keinerlei (kissenfoermige) Verzeichnung aufweist, erzeugt beim Schwenken den Eindruck, als wuerde das Bild auf einem Globus abrollen. Um diesen Effekt, auch Globuseffekt genannt, zu unterdruecken, fuehrt man eine leichte kissenfoermige Verzeichnung ein."
So steht es geschrieben und es wurde auch in diesem Forum bereits ein paar Mal darueber diskutiert. Mir war nie klar, wo dieser Effekt eigentlich herkommt. Eine Diskussion ueber Verzeichnung (in einem anderen Forum) und die informative Seite von Herrn Albrecht Koehler
http://www.akoehler.de/wissen/index.htm
ueber verschiedene Korrektionsstrategien hat mich veranlasst, darueber etwas genauer nachzudenken. Dies kam bisher heraus:
A. Koehler beschreibt, dass Fernglaeser anfangs nach der Tangensbedingung fuer die (vorgegebene) Vergroesserung g korrigiert wurden:
<pre><font class="small">code:</font><hr>
tan(t')
g = --------, t = absoluter Winkel,
tan(t) t' = scheinbarer Winkel
</pre><hr>
Diese Vorgabe stammte schon von Airy aus dem Jahre 1827 und fuehrte zu einem Bild, das frei von (rechtwinkliger) Verzeichnung war. Koehler schreibt auch, dass spaeter andere Relationen vorgeschlagen wurden, z.B. die Winkelbedingung (von Whitwell et al, 1915)
g = t'/t
die aber eine starke kissenfoermige Verzeichnung aufwies und von Zeiss damals abgelehnt wurde. Nach einem Vorschlag von Slevogt und Sonnefeld hat man dann Ende der 40er Jahre einen Kompromiss gesucht und die Kreisbedingung eingefuehrt:
<pre><font class="small">code:</font><hr>
tan(t'/2)
g = ---------
tan(t/2)
</pre><hr>
die immerhin eine leichte kissenfoermige Verzeichnung brachte (wenn auch weniger als bei der Winkelbedingung). Wieso gab man eine komplette Korrektur der Verzeichnung auf?
Die Antwort, die (wie ich meine) zum Globuseffekt fuehrt, erhaelt man, indem man die Bedingung nicht des statischen, sondern des bewegten Bildes untersucht. Ein ruhiges Schwenken ist nur dann moeglich, wenn das Objekt sich beim Schwenken mit einer gleichfoermigen Geschwindigkeit durch das Sehfeld bewegt. Die dazu gehoerige Variable ist also das Differential dt'/dt. Mit der Winkelbedingung erhaelt man sofort
<pre><font class="small">code:</font><hr>
dt'
--- = g = const
dt
</pre><hr>
Hier zieht das Bild wie auf einem Band am Auge vorbei. Bei der Tangensbedingung ist die Sache komplizierter:
<pre><font class="small">code:</font><hr>
dt' d 2g
--- = -- (arctan(g*tan(t))) = ----------------------
dt dt 1 + cos(2t) + sin(2t)
</pre><hr>
Fuer kleine Winkel (in der Bildfeldmitte) wird der cos() zu 1 und der sin() verschwindet, und wir erhalten wieder den Wert g. Fuer groessere Winkel wird das Objekt langsamer. Beispiel: Fernglas 8x, bei einem Winkel von 4 Grad haben wir dt'/dt = 7.51. Der Beobachter sieht das Objekt zum Rand hin langsamer werden. Gleichzeitig wird es auch in radialer Richtung gestaucht (die Abbildung ist zwar winkeltreu, nicht aber flaechentreu). Das Auge schliesst daraus, dass das Bild auf einer gekruemmten Flaeche abrollt.
Hiermit ist auch klar, dass dieser Effekt bei Teleskopen keine Rolle spielt: Die Winkel sind bei hoeheren Vergroesserungen so klein, dass wir den Grenzfall der Winkelbedingung erreichen. Auch ist der Globuseffekt im statischen Bild praktisch nicht zu sehen: Die leichte Verkleinerung der Objekte am Bildrand wird als entfernungsbedingt interpretiert. Man muss daher Kameraobjektive nicht auf den Globuseffekt korrigieren: Eine Verletzung der Winkeltreue waere hier stoerender als eine Verletzung der Flaechentreue.
Es ist auch klar, dass es dem optischen Designer moeglich ist, jede parametrische Interpolation der Art
<pre><font class="small">code:</font><hr>
tan(l*t')
g = --------- 0 < l < 1
tan(l*t)
</pre><hr>
auszuwaehlen, je nachdem, ob er lieber rechtwinklige Verzeichnungen korrigiert (l in der Naehe von 1) oder die Flaechentreue anstrebt (l nahe bei 0; bei l=0 folgt wieder die Winkelbeziehung) und damit den Globuseffekt eliminiert. Fuer die Kreisbedingung (l = 0.5) erhalten wir bei dem Fernglas (8x, bei t = 4 Grad) einen Wert von dt'/dt = 7.74, also schon recht nah am idealen Wert von 8.
Ob das alles so stimmt, weiss ich nicht, aber es scheint ganz gut zusammen zu passen.
Viele Gruesse,
Holger
"Ein Fernglas, das keinerlei (kissenfoermige) Verzeichnung aufweist, erzeugt beim Schwenken den Eindruck, als wuerde das Bild auf einem Globus abrollen. Um diesen Effekt, auch Globuseffekt genannt, zu unterdruecken, fuehrt man eine leichte kissenfoermige Verzeichnung ein."
So steht es geschrieben und es wurde auch in diesem Forum bereits ein paar Mal darueber diskutiert. Mir war nie klar, wo dieser Effekt eigentlich herkommt. Eine Diskussion ueber Verzeichnung (in einem anderen Forum) und die informative Seite von Herrn Albrecht Koehler
http://www.akoehler.de/wissen/index.htm
ueber verschiedene Korrektionsstrategien hat mich veranlasst, darueber etwas genauer nachzudenken. Dies kam bisher heraus:
A. Koehler beschreibt, dass Fernglaeser anfangs nach der Tangensbedingung fuer die (vorgegebene) Vergroesserung g korrigiert wurden:
<pre><font class="small">code:</font><hr>
tan(t')
g = --------, t = absoluter Winkel,
tan(t) t' = scheinbarer Winkel
</pre><hr>
Diese Vorgabe stammte schon von Airy aus dem Jahre 1827 und fuehrte zu einem Bild, das frei von (rechtwinkliger) Verzeichnung war. Koehler schreibt auch, dass spaeter andere Relationen vorgeschlagen wurden, z.B. die Winkelbedingung (von Whitwell et al, 1915)
g = t'/t
die aber eine starke kissenfoermige Verzeichnung aufwies und von Zeiss damals abgelehnt wurde. Nach einem Vorschlag von Slevogt und Sonnefeld hat man dann Ende der 40er Jahre einen Kompromiss gesucht und die Kreisbedingung eingefuehrt:
<pre><font class="small">code:</font><hr>
tan(t'/2)
g = ---------
tan(t/2)
</pre><hr>
die immerhin eine leichte kissenfoermige Verzeichnung brachte (wenn auch weniger als bei der Winkelbedingung). Wieso gab man eine komplette Korrektur der Verzeichnung auf?
Die Antwort, die (wie ich meine) zum Globuseffekt fuehrt, erhaelt man, indem man die Bedingung nicht des statischen, sondern des bewegten Bildes untersucht. Ein ruhiges Schwenken ist nur dann moeglich, wenn das Objekt sich beim Schwenken mit einer gleichfoermigen Geschwindigkeit durch das Sehfeld bewegt. Die dazu gehoerige Variable ist also das Differential dt'/dt. Mit der Winkelbedingung erhaelt man sofort
<pre><font class="small">code:</font><hr>
dt'
--- = g = const
dt
</pre><hr>
Hier zieht das Bild wie auf einem Band am Auge vorbei. Bei der Tangensbedingung ist die Sache komplizierter:
<pre><font class="small">code:</font><hr>
dt' d 2g
--- = -- (arctan(g*tan(t))) = ----------------------
dt dt 1 + cos(2t) + sin(2t)
</pre><hr>
Fuer kleine Winkel (in der Bildfeldmitte) wird der cos() zu 1 und der sin() verschwindet, und wir erhalten wieder den Wert g. Fuer groessere Winkel wird das Objekt langsamer. Beispiel: Fernglas 8x, bei einem Winkel von 4 Grad haben wir dt'/dt = 7.51. Der Beobachter sieht das Objekt zum Rand hin langsamer werden. Gleichzeitig wird es auch in radialer Richtung gestaucht (die Abbildung ist zwar winkeltreu, nicht aber flaechentreu). Das Auge schliesst daraus, dass das Bild auf einer gekruemmten Flaeche abrollt.
Hiermit ist auch klar, dass dieser Effekt bei Teleskopen keine Rolle spielt: Die Winkel sind bei hoeheren Vergroesserungen so klein, dass wir den Grenzfall der Winkelbedingung erreichen. Auch ist der Globuseffekt im statischen Bild praktisch nicht zu sehen: Die leichte Verkleinerung der Objekte am Bildrand wird als entfernungsbedingt interpretiert. Man muss daher Kameraobjektive nicht auf den Globuseffekt korrigieren: Eine Verletzung der Winkeltreue waere hier stoerender als eine Verletzung der Flaechentreue.
Es ist auch klar, dass es dem optischen Designer moeglich ist, jede parametrische Interpolation der Art
<pre><font class="small">code:</font><hr>
tan(l*t')
g = --------- 0 < l < 1
tan(l*t)
</pre><hr>
auszuwaehlen, je nachdem, ob er lieber rechtwinklige Verzeichnungen korrigiert (l in der Naehe von 1) oder die Flaechentreue anstrebt (l nahe bei 0; bei l=0 folgt wieder die Winkelbeziehung) und damit den Globuseffekt eliminiert. Fuer die Kreisbedingung (l = 0.5) erhalten wir bei dem Fernglas (8x, bei t = 4 Grad) einen Wert von dt'/dt = 7.74, also schon recht nah am idealen Wert von 8.
Ob das alles so stimmt, weiss ich nicht, aber es scheint ganz gut zusammen zu passen.
Viele Gruesse,
Holger