H-alpha - aber Nebel, nicht Sonne

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Schiefspiegler

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Letzte Nacht nutzte ich die relativ gute Transparenz nach einem heissen, trockenen Tag Ende Juni um eine Skizze der H-alpha Nebel über 14° hinweg von Sh 54 in Serpens bis zum Lagunennebel in Sagittarius anzufertigen. 25. Juni auf 50° Nord ist nicht die dunkelste Jahrezeit, und das Rheintal zwischen Darmstadt und Heidlberg kaum der bester Standort. So betrug der FST-Wert im Zielgebiet gerade mal 3m9 (Mü Sgr gerade so mit bloßem Auge gesehen). Aber: ich nutzte ein Nachtsichtgerät. Es ist immer wieder erstaunlich, was so ein Gerät auch unter schlechtem Himmel zeigt.

Mit Papier und Kuli haute ich diese Skizze raus:
ScuSerSgr-Sh54toLagoon-WithArcAtGammaScu.jpg

Mist, ich wollte sprachungebunden sein, habe aber reflexhaft die Eigennamen auf Englisch reingepinselt. Entschuldigt. Eagle = Adler, Swan = Schwan, Lagoon = Lagune.

Die Daten: Handgehaltenes Nachtsichtgerät der Generation 2+ (20 Jahre alt, auch damit geht was, es braucht nicht den Mil-Spec-Krempel der Amis). Wichtig ist der Filter. Hier kam ein 3,5nm H-alpha Filter von Baader zum Einsatz. Vergrößerung 3x, Feld 14°. Seeheim/Deutschland, 50° Nord, Skizze erstellt 24.Juni 2023 zwischen 1 und 2 Uhr morgens. Wegen MESZ war echte Mitternacht um 1 Uhr. Meridiandurchgang um 2.

Das ganze Panorame passte ins Gesichtsfeld von 14°. Ich muss mich dafür entschuldigen, dass ich einen Kugelschreiber verwendete und nicht eine andere, kunstvollere Zeichentechnik. Aber ich bin ein Kugelschreibertyp. Und ich will das Zeichnen einfach halten. Wenn ich die Zeichnung - besser gesagt Skizze - modifizieren und verfeinern könnte, würde sich Pandora's Büchse knarrend öffnen. Lieber nicht.

Fast alles hier ist auf Sternkarten zu finden, aber nicht alles. Eine schöne Überraschung war ein zwei Grad langer Nebelbogen der sich von der Sterngruppe um Gamma Scu Richtung Sh 54 krümmt. Ich finde diesen Bogen nicht auf meinen Karten. Stefan Ziegenbalg zeigt Fotos davon hier, benennt den Nebel jedoch nicht. Weiss jemand, wie dieser Bogen heisst? Er ist oben-links am Rand der Skizze zu sehen, von der Sterngruppe um Gamma Scu nach oben weggehend.

Christopher
 
Ein Nutzer hier (danke, Thomas!) hat mich darauf hingewiesen, dass der Kontrast auf seinen Endgeräten flau ist und gleich die Lösung mitgeschickt: eine invertierte Darstellung, die ich hier gerne zeige:
ScuSerSgr-Sh54toLagoon-WithArcAtGammaScu-Inverted.jpg

Dies zeigt gut die relativen Helligkeiten der Nebel, so wie ich sie sah. Nur die nordwestliche Spitze des Gammi Scu Bogens ist ein wenig zu prominent geraten. Ich nenne ihn vorläufig "Gammi Scu Bogen" bis ich herausbekommen habe, um was es sich eigentlich handelt.

Gruss, Christopher
 
Ich habe meine Skizze auch bei Cloudy Nights gepostet. Dort entstand eine lebhafte Debatte. Mann kam schliesslich überein, dass der von mir gezeichneter Nebelbogen bei Delta Scuti wohl der Nordostrand einer grossen Struktur sein muss, die Callaway et al. 2000 als "Scutum Supershell" bezeichnen. Diese Superhülle oder Superblase befindet sich in ca. 10.700 Lichtjahre Entfernung von uns. Das ist einige Tausend Lichtjahre im Hintergrund von Schwanennebel und Adlernebel.

Im Cloudy Nights Thread war Mike McCarthy so gut, einen Auszug aus dem Finkbeiner H-Alpha Map einzustellen und darin ein Oval einzuzeichnen welches sein Verständnis der Lage und Form der Scutum Superblase zeigt. Ich bin nun so frei, diesen Auszug auch hier zu zeigen:

Finkbeiner-ScutumSupershell-MarkedInOvalByMarkMccarthy.png


Die hellen Brummer welche Süd-Nord durch die Mitte des Ovals laufen sind, von unten nach oben, der Schwanennebel (von Sh 2-44 südwestlich begleitet), der Adlernebel in der Mitte des Ovals, sowie Sh 2-54 nördlich. Die scheinbare Position des Adlernebels in der Mitte der Superblase hat mich zunächst zur irrigen Annahme verleitet, dass jenes Sternentstehungsgebiet die Quelle der Sternwinde und Strahlung sein könnte, welche die Scutum Superblase zum Expandieren und Leuchten bringen - bis mir klar wurde, dass der Adler ja nur ein Vordergrundobjekt ist.

Der in meiner Skizze gezeigter, unbenannter Bogen liegt innerhalb des nordöstlichen Rands des von Mike McCarthy eingezeichneten Ovals. Nach einer kleinen Lücke scheint der Bogen sich nach Südwesten von Gamma Scu weg Richtung Schwanennebel fortzusetzen (kurzzeitig direkt südlich von Gamma Scu vom Dunkelnebel Barnard 312 unterbrochen, ein weiteres Vordergrundobjekt). Dies ist vermutlich der Südostrand der Scutum Superblase. Vielleicht ist auch diese Struktur beobachtbar - ein Projekt für eine klare Nacht mit guter Sicht nach Süden.

Der ganzer Ostrand der Scutum Supershell erinnert mich sehr an Barnard's Loop. Die Scutum Supershell müsste auch von ähnlicher realer Größe wie Barnard's Loop sein, da sie 10.700 Lichtjahre von uns entfernt ist, Barnard's Loop nur 1400 Lichtjahre und daher ausgedehnter im Winkelmaß an unserem Himmel.

Gruß, Christopher
 
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Lieber Christopher,
du alter Türeneinreißer, das ist jetzt wohl ein Scheunentor, würde ich sagen ;).
Das ist fantastisch, was du uns hier präsentierst. Wenn ich bedenke, wie schwer H-alpha für das menschliche Auge zu erfassen ist und mit konventionellen optischen Mitteln so gut wie unsichtbar bleibt, dann macht die Nutzung eines Nachtsichtgerätes zu halbwegs erschwinglichen Preisen in der Tat Sinn. Ich freue mich auf unsere kommenden Gelegenheiten, wo du mir dein NSG präsentieren kannst.

Beste Grüße

Rene
 
Vor zwei Wochen hatte ich die Gelegenheit, diese Himmelsregion nochmals unter viel besserem Himmel zu betrachten, nämlich in der Rhön (Hohe Geba). Während zuhause der FST-Wert (schwächster mit freiem Auge sichtbarer Stern) in der Zielregion 3m9 betrug, war er nun 5m5. Ein weiterer Unterschied bestand darin, dass ich nun eine Vergrößerung von 5x verwendete anstatt 3x. Die Himmelsqualität war jedoch der entscheidender Unterschied. Schaut selbst:

ScuSerSgr-Halpha-HoheGeba-13Aug2023-Deutsch.png


Besonders begeistert hat mich die klare Sichtung der gesamten Ostflanke der Scutum Superblase (Scutum Supershell), sowie des südöstlichen Ausbruchs (Blowout) aus jener Superblase. Dieser Blowout ist Sh 2-51. Siehe hierzu Post #4 oben.

Christopher
 
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