Herbstlicher Himmelsspaziergang mit dem 4,7-Zöller

Status
Es sind keine weiteren Antworten möglich.

JBeisser

Aktives Mitglied
Liebe Mitbeobachter,

die Nächte sind nun endlich wieder länger geworden, sodass man um 20 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit mit Deep-Sky-Beobachtungen beginnen kann. Das vorherige Aufbauen kann bequem noch im Hellen stattfinden, und die Abende sind von den Temperaturen her noch angenehm – alles in allem optimale Bedingungen.

Der 28. Oktober war hier im Nordwesten den ganzen Tag über sonnig, eine klare Nacht kündigte sich an. Was also tun – für die Astrofotografie aufbauen oder visuell beobachten? Da der Mond bereits um 23:15 aufgehen sollte, wären das gute 3 Stunden für die Fotografie geworden. Die Aussichten für die folgenden Tage sahen nicht gut aus, also hätte ich mit einer angefangenen , aber nicht abgeschlossenen Belichtungsserie Vorlieb nehmen müssen, etwas, das ich nicht sehr mag. Daher war der Entschluss schnell gefasst, mit dem 120 mm Triplett-APO zu beobachten. Verglichen mit meinem 203 mm ACF bin ich immer wieder erstaunt, wie hell und kontrastreich die Objekte doch in dem wesentlich kleineren Refraktor erscheinen.

Noch in der späten Dämmerung stellte ich zuerst Saturn und Jupiter ein. Saturn war auf Grund der geringen Höhe enttäuschend, Jupiter entschädigte mit einigen Bänderstrukturen. Das Seeing war mittelmäßig, daher konnte man nicht besonders viel erwarten. Dafür entschädigte die gute Transparenz. Mein Himmel ist im Bereich Bortle 4 anzusiedeln, aber in Abhängigkeit von den Himmelsrichtungen deutlich unterschiedlich aufgehellt.

Das rasch erstellte Beobachtungsprogramm umfasste sowohl Standardobjekte als auch einige weniger bekannte, zusätzlich dann einige Doppelsterne aus dem Buch von Sissy Haas im Sternbild Widder. Die verwendeten Okulare waren ein 14 mm Morpheus (64x), 10 mm Baader Classic Ortho (90x), 7 mm Nagler (128x) und ein 5 mm TS Planetary (180x).

NGC 7331: Die bekannte Galaxie im Pegasus ist immer einen Besuch wert. Hell genug für einen Zweizöller, enttäuscht sie auch mit 120 mm Öffnung nicht. Recht hell, deutlich länglich in Nord-Süd-Richtung.

M 76: Der planetarische Nebel, dessen Helligkeitsangaben in den Katalogen immer recht pessimistisch erscheinen. Auch der beliebte Deep-Sky Reiseführer macht da keine Ausnahme. M 76 als Miniaturausgabe von M 27 ist aber wirklich sehenswert, auch mit kleineren Geräten. Die Korkenform war insbesondere im 7 mm Okular gut zu erkennen, ebenso die Einschnürung in der Mitte. Ein richtig helles Objekt, selbst für Fernrohre ab 60 mm!

NGC 7789: Der bekannte offene Sternhaufen wird oft als unscheinbar bezeichnet. Das mag in Gebieten mit hoher Lichtverschmutzung zutreffen, da er im Unterschied zu manch anderem Sternhaufen keine hellen Sterne enthält. Dafür entschädigt in mäßig dunklen Gegenden wie meiner ein Gewimmel schwacher Sterne, die im 120 mm Refraktor in größerer Zahl mit dem 14 mm Okular direkt sichtbar sind. Bei indirektem Sehen bemerkt man, dass noch schwächere Sterne im Hintergrund vorhanden sind.

M 103: Ein weiteres Prachtexemplar in der Cassiopeia. Mehrere (ca. 10) Sterne, die im 14 mm Okular direkt sichtbar sind, beim indirekten Sehen kommen noch 5 bis 8 schwächere Sterne dazu. Als ich auf das 7 mm Okular wechselte, waren alle dieser Sterne direkt sichtbar.

NGC 457: Der bekannte Eulenhaufen oder auch E.T. Cluster ist immer wieder sehenswert. Der helle Stern Phi Cas steht in schönem Kontrast zu schwächeren Haufenmitgliedern. Die große Ausdehnung des Haufens hatte zur Folge, dass der Anblick im 14 mm Okular am schönsten war.

NGC 404: Mirachs Geist, die kleine elliptische Galaxie direkt bei Beta Andromedae, war in jedem der Okulare sehr gut und deutlich zu sehen. Mirach musste nicht, wie teilweise bei anderen Teleskopen, außerhalb des Gesichtsfelds gebracht werden, um sichtbar zu sein.

NGC 660: Die schöne Polarringgalaxie im Sternbild Widder ist sehr lichtschwach, daher war der Anblick enttäuschend. Das Objekt bewegte sich an der Wahrnehmungsgrenze und hob sich lediglich im 10 mm Okular geringfügig vom Himmelshintergrund ab.

NGC 772: Deutlich heller als NGC 660 erschien NGC 772, zwar ohne den hellen Spiralarm als solchen zu erkennen, die ovale Form der Galaxie war jedoch bereits im 14 mm Okular sehr schön zu sehen.

M 74: Meine Nemesis in leicht dunstigen Nächten, diesmal aber auf Anhieb sichtbar. Von der Flächenhelligkeit her vergleichbar mit der von NGC 772, aber rund und deutlich größer. Schön sowohl im 14 mm als auch im 10 mm Okular.

NGC 891: Wie hatte ich früher mit größeren Fernrohren oft gesucht und nichts gefunden. Im Refraktor nun kein Problem, aber die Flächenhelligkeit macht indirektes Sehen erforderlich. Dazu kommen die relativ große Ausdehnung, die Nord-Süd-Orientierung der Nadel und das reiche Sternfeld. Gerade bei diesem Objekt muss man wissen, wonach man sucht.

NGC 205 und M 32: Ein starkes Kontrastprogramm, die beiden elliptischen Hauptbegleiter von M 31, glänzten durch ihre fast brutale Helligkeit im Vergleich zu den zuvor beschriebenen Galaxien. Absolut sehenswert in diesem Gerät!

NGC 147: Ein weiterer Begleiter von M 31, aber ganz klar an der Wahrnehmungsgrenze bei der gegebenen Himmelsqualität. Erst der spätere Blick auf die Sternkarte bestätigte, dass ich am richtigen Ort etwas geahnt hatte.

NGC 185: ganz in der Nähe von NGC 147 befindet sich ein weiterer Begleiter der Andromedagalaxie, NGC 185. Diese elliptische Zwerggalaxie war allerdings deutlich zu erkennen, im Vergleich etwas lichtschwächer und kleiner als M 74, zudem ein wenig abgeflacht.

Nun zu den Doppel- und Mehrfachsternen im Widder:

1 Arietis: Ein sehr schöner Doppelstern mit sehenswertem Farbkontrast orange / blau und Helligkeitskontrast. Distanz 2,9“, leichtes Objekt.

STF 178: Schöner Doppelstern, aber schwach, Komponenten fast gleich hell, weiß. Die südliche Komponente erschien mir ganz wenig heller und rötlicher als die nördliche. Distanz 3,4“.

Gamma Arietis: Paradeobjekt; rein weiß, weit (7,4“), perfekt in Nord-Süd-Ausrichtung. Auch hier erschien die südliche Komponente geringfügig heller.

Lambda Arietis: Schönes, sehr weites (37,3“) Paar mit deutlichem Helligkeitsunterschied. Die A-Komponente erschien mir gelblichweiß, die B-Komponente etwas gelblicher.

STF 194: Enges Paar (1,3“), mit 1,8 mag Helligkeitsunterschied. Nur blickweise getrennt, wegen des schlechter gewordenen Seeings unsicher.

10 Arietis: Ähnliche Situation wie bei STF 194. Distanz 1,6“, aber 2,05 mag Helligkeitsunterschied, blickweise getrennt.

14 Arietis: Ein interessanter Fall. Die Literatur (Haas) und Datenbanken (Stelledoppie.it) weisen ein Dreifachsystem mit den Helligkeiten A:B:C von ca. 5,0 mag : 8,0 mag : 8,0 mag aus. Meine Beobachtung sowie auch die Fotos in Aladin zeigen einen deutlichen Helligkeitsunterschied zwischen der B- und der C-Komponente, nach meiner Einschätzung liegen mindestens 2 Größenklassen dazwischen. Kein sehr eindrucksvoller Dreifachstern wegen der großen Abstände (93“ und 106“).

Epsilon Arietis: Enges Paar (1,3“) mit relativ hellen Komponenten (5,2 mag und 5,6 mag). Nicht deutlich getrennt, sondern mehr eine Erdnuss unter den gegebenen Bedingungen.

Viele Grüße und Clear Skies

Jürgen
 
Hallo Jürgen,
danke dir für deinen wunderbaren Bericht. Da hast du wirklich eine schöne Liste von Objekten ausgewählt.... alles dabei was Spaß macht. Deine Objektbeschreibungen kann ich gut nachvollziehen, vieles ist im Laufe der Jahre auch von mir schon beobachtet worden. Aber deine Zusammenstellung ist schon klasse und ich werde das mal (hoffentlich) bald mit meinem 4,1“ APO nach beobachten.
Gruss Holger
 
Hallo Jürgen,
auch von mir vielen Dank für Deinen Bericht. :y: Einige Objekte hatte ich auch kürzlich erst beobachtet, andere kommen jetzt auf meine "ToDo"-Liste. Es ist immer wieder schön zu erleben, was mit vermeintlich kleinen Öffnungen (habe auch nur einen 5") bei gutem Seeing und mit guten Okularen alles rauszuholen ist. Immer wieder eine Freude.
Grüße, Andreas
 
Hallo Holger, hallo Andreas,

vielen Dank für Euer freundliches Feedback. Übrigens wollte ich in meiner Begrüßung natürlich auch die Mitbeobachterinnen nicht vergessen, sorry!

Viele Grüße
Jürgen
 
Da konnte ich einige spannende Infos fürs nächste Beobachten mitnehmen. Vielen Dank für den tollen Bericht.

Gruss Thomas
 
Vielen Dank, Thomas! Ich selbst habe wieder mehr Spaß am visuellen Beobachten bekommen, das ist oftmals entspannender als die Fotografie.

Viele Grüße
Jürgen
 
Status
Es sind keine weiteren Antworten möglich.
Zurück
Oben